Geschlossene Gesellschaft ist ein Gegenwartsfilm von Frank Beyer von 1978 über die Probleme einer Ehe. Er durfte nur einmal im DDR-Fernsehen gezeigt werden. Für den Regisseur, sowie für den Drehbuchautor Klaus Poche und die Hauptdarsteller Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl war es der letzte Film in der DDR, sie siedelten bald danach in die Bundesrepublik über. Ab 1989 konnte er wieder gezeigt werden.

Inhalt

Das Berliner Ehepaar Ellen und Robert – sie Jugendhelferin, er Ingenieur – verreist mit ihrem fünfjährigen Sohn Nicky außerhalb der Urlaubssaison in ein abgelegenes, frisch renoviertes Landhaus. Zwei befreundete Paare wollen sich hinzugesellen. Doch das eine sagt berufsbedingt per Telegramm ab, das andere landet nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus. Robert, besorgt um ihr Befinden, trifft dort auf seinen nur leicht verletzten Freund Alf, der ihm ungeniert gesteht, er bedaure, nun den Urlaub nicht nutzen zu können, um Ellen zu „vögeln“; schließlich werde sie im Ehebett nicht gerade „verwöhnt“. Überraschend zeigt sich Ellen von Alfs Vorsatz keineswegs peinlich berührt, was wiederum Robert scheinbar nicht weiter tragisch nimmt.

Der Schein trügt. Vom ersten Abend an tun sich Risse auf, die dadurch, dass das Paar unfreiwillig mit sich allein ist, umso mehr vertieft werden. Robert hatte bis dahin stets für Gesellschaft gesorgt – und Ellen eingeredet, sie verlange danach. Der rasch eskalierende Streit enthüllt jedoch, dass er damit von seinem Problem ablenken wollte: Er steckt in einer tiefen Krise, die er aus Scham verbirgt. Für einen Moment überwindet er sie und gesteht Ellen gleich zwei Lebenslügen: Seine noch jüngst behaupteten „gelungenen Experimente“ mit Einsparungspotenzial in Millionenhöhe gebe es schon längst nicht mehr, er sei beruflich ausgebrannt; und als Verunsicherung ob seiner „Männlichkeit“ hinzukam, sei er fremdgegangen.

Nun ist auch Ellens Unbeschwertheit dahin. Sie reagiert mit Spott, um ihm die Verletzung heimzuzahlen, forscht aber auch immer wieder nach Details seiner Liebschaften. Für sich selbst will sie einen Aspekt ihres unbefriedigten sexuellen Verlangens genauer erkunden: ihre Präferenzen. Das zeigt sich bei ihrem Seitensprung mit dem Bruder eines ihrer ehemaligen Schützlinge. In dem Moment, als sie vor deren gemeinsamer Wohnung eintrifft, kommt es gerade zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen den jungen Männern; in der davon noch aufgeladenen Atmosphäre entwickelt sich ein heftiger, vorzeitig abgebrochener Liebesakt, der offenbart, dass Ellen die ihr zugefügte Gewalt sowohl abwehrt als auch provoziert.

Das Urlaubsende steht im Zeichen vorsichtiger Wiederannäherung zwischen Ellen und Robert. Karl, Verwalter des Landhauses und ehemals Physiker, hat darauf nicht wenig Einfluss. Bedächtig, aufmerksam und gütig, wirkt er beruhigend auf ihre gereizten Gemüter. Zugleich lebt er ihnen vor, was über ihrer Selbstfindung stehen sollte: ihre Verantwortung als Eltern. Sein Eingehen auf die Wünsche des kleinen Nicky, die allen Glücksgewinn beschert, legt nahe, dass die mysteriöse Gehbehinderung, die der Fünfjährige gelegentlich vortäuscht, als Appell an die Erwachsenen zu verstehen ist. „Sind wir klüger geworden?“, fragt Robert schlussendlich, worauf Ellen erwidert: „Ich weiß nicht. Vielleicht anders.“

Entstehung Vorgeschichte Frank Beyer und Klaus Poche, hatten vorher Eingriffe durch die DDR-Zensur hinnehmen müssen. Im Fall Poches betraf es Die zweite Haut, eine Ehegeschichte, deren Produktion 1973 gestoppt wurde. Beyers Spur der Steine (1964), sein erster großer Gegenwartsfilm, der drei Tage nach der Premiere ein Aufführungsverbot erhielt. Beide gehörten 1976 zu den Unterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, wie auch die Schauspieler Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl. Das Versteck lag zwei Jahre auf Eis, bevor es im November 1978 in die DDR-Kinos kam, nur wenige Tage vor der TV-Premiere von Geschlossene Gesellschaft.

Genehmigung

Hans Bentzien, ab 1977 stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Fernsehen und Werner Lamberz, Sekretär des ZK der SED für Agitation und Propaganda, der als vergleichsweise liberal galt, boten Frank Beyer und Klaus Poche an, einen Film beim Fernsehen zu drehen, um sie in der DDR zu halten.DEFA-Chronik für das Jahr 1978 DEFA-Stiftung, zum 29. November 1978, mit einigen Hintergrundinformationen, nach den Erinnerungen von Frank Beyer und Hans Bentzien

Dafür hatten sie alle Freiheiten und wurden bei den Dreharbeiten nicht beeinträchtigt.

Mit dem plötzlichen Tod von Werner Lamberz im März 1978 „drehte sich der Wind“, sein Nachfolger wurde der Hardliner Joachim Herrmann. Die Dreharbeiten waren davon nicht mehr betroffen. Nach der Fertigstellung wurde dann aber Einfluss auf den Film genommen, er musste gekürzt und an einigen Stellen verändert werden. Die Ausstrahlung wurde über mehrere Monate hinausgezögert.

Ausstrahlung 1978

In den Fernsehprogrammen war für den 29. November 1978 der Film Geschlossene Gesellschaft für 21:30 Uhr angekündigt worden, allerdings ohne irgendwelche Erläuterungen, auch nicht in der Programmzeitschrift FF Dabei, die ansonsten die neuen Spielfilme vorher ausführlich ankündigte, es gab auch keine vorherige Pressevorführung.

Zum angekündigten Zeitpunkt überzog man zunächst die vorherige Unterhaltungssendung erheblich und zeigte im Anschluss unangekündigt aus „aktuellem Anlass“ eine niederländische Dokumentation über Nicaragua. Erst mit rund einer Stunde Verspätung lief dann der Film, zu einer Zeit, in der die meisten Werktätigen bereits schliefen, da sie um 6 Uhr früh zur Arbeit sein mussten. Details von Pitt Herrmann, nach den Erinnerungen von Frank Beyer

Am Tag vor der Ausstrahlung hatte man die Kreisleitungen der SED angewiesen, gegen den gesendeten Film schriftlichen Protest zu erheben. Zwar hielt dieser sich in Grenzen, aber er genügte, um das am 30. November erlassene Verbot des Films in offizieller Lesart zu begründen.

Nachwirkungen Für die an der Entstehung des Films maßgeblich Beteiligten hatte das Verbot weitreichende Konsequenzen. Am Vortag, den 28. November 1978, war bereits Hans Bentzien seines Postens als Kulturchef des DDR-Fernsehens enthoben worden, wegen „grober ideologischer Fehler“.

Klaus Poche war im Juni 1979 wegen eines Buches aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden und siedelte in die Bundesrepublik über. Nachdem er keine Rollen mehr angeboten bekommen hatte, verließ ein Jahr später auch Armin Mueller-Stahl die DDR. Weitere drei Jahre danach folgte ihnen Jutta Hoffmann.

Frank Beyer kämpfte am längsten. Zunächst einmal wandte er sich in einem von Hoffmann, Mueller-Stahl und Poche mitunterzeichneten Brief an den Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, worin er sich nicht nur gegen das Aufführungsverbot von Geschlossene Gesellschaft, sondern dezidiert auch gegen dessen Begründung wehrte, die in dem zynischen Schlusssatz gipfelte, man hoffe (!), „dass der Film durch Sendezeit und Platzierung von möglichst wenigen Zuschauern gesehen“ werde. Beyer erwirkte daraufhin ein Visum samt Erlaubnis, zeitweilig im Westen arbeiten zu dürfen. Bis zur Wende arbeitete er dann wechselnd in der DDR und der Bundesrepublik.

Neuaufführungen Am 3. Dezember 1989, als das Politbüro und das ZK der SED zurücktraten und Erich Honecker und weitere Führungspersönlichkeiten aus der Partei ausgeschlossen wurden, wurde am Abend erstmals wieder Geschlossene Gesellschaft im DDR-Fernsehen gezeigt, wahrscheinlich als kurzfristige Programmänderung.Geschlossene Gesellschaft Fernsehen der DDR (Memento), mit den drei Sendeterminen 1978 und 1990; an diesem Tag wurde das Fernsehprogramm wegen der Ereignisse erheblich verändert, (vgl. Programmzeitschriften für diesen Tag)

Am 30. April 1990 wurde er in der ARD gezeigt und in den folgenden Jahrzehnten mehrmals in verschiedenen Fernsehsendern wiederholt.Geschlossene Gesellschaft Fernsehserien, mit zehn Wiederholungen zwischen 1998 und 2026 2016 zeigte ihn das Filmmuseum Potsdam und 2023 das Zeughauskino in Berlin.Geschlossene Gesellschaft Deutsches Historisches Museum, zum 23. September 2023, mit einigen Hintergründen; Filmmuseum Potsdam am 19. April 2016 Er ist auf einer DVD und bei Streamingplattformen ansehbar.

Rezensionen Gut einen Monat nach seiner Ausstrahlung, am 25. Dezember 1978, nannte der Spiegel den Film Derselbe Artikel ordnet auch die Umstände seiner Ausstrahlung in die politischen Zusammenhänge seiner Zeit ein.

Der Filmdienst schreibt:

Zwei weitere Urteile:

Literatur Geschlossene Gesellschaft. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg.): Spur der Filme. Ch. Links, Berlin 2006, S. 327–329. ISBN 978-3-86153-401-3. Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme. Mein Leben. München 2001. S. 214–274, mit Erinnerungen Hans Bentzien: Meine Sekretäre und ich. Neues Leben, Berlin 1995. S. 7–42, 197ff., mit vielen Hintergrunddetails

Weblinks

Geschlossene Gesellschaft Fernsehen der DDR (Menento)

Geschlossene Gesellschaft

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1978 Kategorie:Fernsehfilm (DDR) Kategorie:Verbotener Film (DDR)