mini|Die europäischen Staaten in der Zeit des Norddeutschen Bundes, 1867–1870, mit Quadraten gemäß den Einwohnerzahlen Die Außenpolitik des Norddeutschen Bundes wurde in erster Linie von Preußen bestimmt. Es war nicht nur der mit Abstand größte Gliedstaat im Norddeutschen Bund; im Frühjahr 1870 wurde das preußische Auswärtige Amt zum Außenamt des Gesamtstaates erhoben. Bedeutendster Politiker des Bundes war Bundeskanzler Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident und Außenminister.
In dieser Zeit, von der Gründung des Bundesstaates 1867 bis zur sogenannten Reichsgründung 1871, war vor allem das Verhältnis zu den süddeutschen Staaten und zu Frankreich bestimmend. Bismarck bemühte sich, Bayern, Württemberg, Baden und das Großherzogtum Hessen näher an den norddeutschen Bundesstaat zu binden. Er scheute sich aber, eine regelrechte Volksbewegung im Süden zu entfachen, auch, weil er dann eine Stärkung der liberalen Nationalbewegung befürchtete.
Frankreichs Kaiser Napoleon III. hatte bis 1866 der preußischen Sache noch wohlwollend gegenüber gestanden. Nach der Bundesgründung kam es allerdings schon rasch zu diplomatischen Krisen. Zwischen dem Norddeutschen bund und dem französischen Kaiserreich entstand eine Art Kalter Krieg. Im Juli 1870 führte eine der diplomatischen Krisen, die Spanische Thronfolgefrage, zum Deutsch-Französischen Krieg. Während des Krieges schlossen die Südstaaten sich dem Norden an, und Elsaß-Lothringen wurde annektiert. Mit der Verfassung des Deutschen Bundes vom 1. Januar 1871 endete die Phase des Norddeutschen Bundes, der sich in das Deutsche Reich umwandelte.
Auswärtiges Amt
mini|„Bewaffneter Friede“: Karikatur auf Bundeskanzler Otto von Bismarck, der den Norddeutschen Bund bewacht (Kladderadatsch).
Seit 1867 war Otto von Bismarck norddeutscher Bundeskanzler, ernannt von König Wilhelm, dem Inhaber des Bundespräsidiums. Zunächst richtete er ein Bundeskanzleramt ein. Die Liberalen im Reichstag forderten daneben weitere Bundesbehörden, während Bismarck regelrechte Ministerien oder gar eine Kollegialregierung verhindern wollte. Immerhin ging das preußische Außenministerium als Auswärtiges Amt am 1. Januar 1870 auf den Bund über.
Ähnlich wie 1848/49 entstand die Frage, ob nur der Norddeutsche Bund Gesandte ernennen und empfangen konnte. Es setzte sich die Meinung durch, dass die Einzelstaaten weiterhin auch ein eigenes Gesandtschaftsrecht behielten. Allein schon der Kosten wegen gab es mit der Zeit immer weniger solcher Gesandter. Das Gesandtschaftsrecht der Einzelstaaten blieb in der Praxis von geringer Bedeutung.
Lage nach der Bundesgründung Verhältnis zu den süddeutschen Staaten Der Prager Frieden vom 23. August 1866 beendete den Krieg zwischen Preußen und Österreich. Der Vertrag sah die Möglichkeit vor, dass Preußen und die übrigen Staaten nördlich des Mains sich vereinigen: Der Norddeutsche Bund wurde am 1. Juli 1867 als Bundesstaat gegründet; und dass die süddeutschen Staaten einen Staatenbund bilden, einen Süddeutschen Bund. Der norddeutsche Bundesstaat und der süddeutsche Staatenbund hätten in einem weiteren Bund zusammenarbeiten können. Dieser weitere Bund hätte dem militärischen Schutz der Südstaaten gedient, als Ersatz für den Deutschen Bund. Durch Uneinigkeit in und unter den süddeutschen Staaten kam es nicht zum Südbund. Stattdessen unterzeichnete Preußen einzelne Verträge mit den jeweiligen Südstaaten, die sogenannten Schutz- und Trutzbündnisse.
mini|In der Sicht des Karikaturisten war der besonnene Bismarck auf die Einhaltung der Verträge bedacht, wie den Prager Frieden, und die Nationalliberalen außenpolitisch wesentlich forscher. Bismarck überlegte, den Deutschen Zollverein zum Instrument der deutschen Einheit zu machen. Auf einer Sitzung 1867 wurde der Zollverein durch neue Institutionen verstärkt: einen Zollbundesrat und ein Zollparlament. Die Änderung galt ab 1. Januar 1868. In jenem Jahr wurden die süddeutschen Mitglieder des Zollparlaments gewählt, während die norddeutschen Mitglieder die Mitglieder des norddeutschen Reichstags waren. Der Zollverein vereinheitlichte die Handelspolitik in fast ganz Deutschland und bereitete auf diese Weise die deutsche Einheit vor. Enttäuscht war Bismarck jedoch vom Ausgang der süddeutschen Zollparlamentswahl 1868, da vor allem Gegner Preußens gewählt wurden.
Im Februar 1870 kam es im Reichstag zu einem denkwürdigen Vorfall: Mit der Interpellation Lasker hatten die Nationalliberalen dazu aufgerufen, das liberale und nationalbewusste Baden in den Bund aufzunehmen. Damit würde Druck auf die übrigen Südstaaten ausgeübt. Bundeskanzler Bismarck aber entgegnete scharf abweisend, dass dafür der Zeitpunkt nicht reif sei und er sich bzw. das Bundespräsidium sich nicht drängen lassen werde. Letztlich befürchtete Bismarck, dass ein solcher Beitritt die Liberalen gestärkt hätte und diese eine liberalere Verfassung gefordert hätten.
Österreich-Ungarn mini|Friedrich Ferdinand von Beust, der erst sächsische und jetzt österreichische Staatsmann, sah sich als besserer Bismarck, meint diese Karikatur.
Der Vielvölkerstaat Österreich war nach der Niederlage von 1866 nur bedingt handlungsfähig, der Ausgleich mit Ungarn von 1867 war noch keine zufriedenstellende Lösung: Die Verständigung der Deutschen und der Ungarn ging auf Kosten der Slawen; auch die Deutschen waren untereinander nicht einig, wie es nach der Niederlage weitergehen sollte.Heinrich Lutz: Außenpolitische Tendenzen der Habsburger Monarchie von 1866 bis 1870: „Wiedereintritt in Deutschland“ und Konsolidierung als europäische Macht im Bündnis mit Frankreich. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 1–16, hier S. 1, 4/5.
Kaiser Franz Joseph berief Friedrich Ferdinand von Beust zum Reichskanzler, den ehemaligen sächsischen Minister und Gegenspieler Bismarcks. Trotz der Auflösung des Deutschen Bundes strebte die österreichische Führung danach, wieder mehr Einfluss in Süddeutschland zu gewinnen. Außerdem sollte, mithilfe von Bündnissen, Österreichs Stellung in Mitteleuropa ausgebaut werden. Nachdem Preußen an einer Zusammenarbeit kein Interesse zeigte, wendete Österreich-Ungarn sich Frankreich zu. Dies stieß allerdings auf Widerwillen bei vielen Süddeutschen und Deutschösterreichern, nur die Tschechen hatten Sympathien für Frankreich. Einen „Wiedereintritt in Deutschland“ lehnten die Ungarn strikt ab.Heinrich Lutz: Außenpolitische Tendenzen der Habsburger Monarchie von 1866 bis 1870: „Wiedereintritt in Deutschland“ und Konsolidierung als europäische Macht im Bündnis mit Frankreich. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 1–16, hier S. 5.
Mit Frankreich und Italien bemühte die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie 1868–1870 um ein Bündnis. Wegen unterschiedlicher Ziele kam es nicht zustande: Frankreich suchte in erster Linie Unterstützung gegen Preußen, Österreich-Ungarn jedoch gegen Russland.
Frankreich Die Außenpolitik des französischen Kaisers Napoleon III. war teilweise wechselhaft und wird heute unterschiedlich interpretiert. Innerhalb seiner napoleonischen Staatsräson, dem Streben nach Prestige, Macht und indirektem Einfluss, versuchte er das Nationalitätsprinzip zu aktivieren und damit die günstige Situation zu nutzen, in der Frankreich sich seit dem Krimkrieg befand. In seiner Propaganda stellte er dies als eine Politik dar, ein modernes, nationalstaatlich verfasstes Europa zu einigen. Napoleon dachte an die Befreiung der Völker auf dem Balkan von der osmanischen Fremdherrschaft, auf ein wiedererrichtetes Polen, an eine Neuordnung in Italien und Deutschland – solange dies den französischen Interessen diente. Kritiker in Frankreich selbst fürchteten die Eigendynamik entfesselter Nationalitäten.Wilfried Radewahn: Europäische Fragen und Konfliktzonen im Kalkül der französischen Außenpolitik vor dem Krieg von 1870. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 33–64, hier S. 35–37.
mini|Louis-Napoleon Bonaparte wurde 1848 französischer Staatspräsident und machte sich 1852 zum Kaiser. Er strebte danach, in die Fußstapfen seines berühmten Onkels zu treten, des ersten Kaiser Napoleon. Diese Karikatur aus dem Jahr 1864 spielt auf seine außenpolitischen Abenteuer und Initiativen an, von Polen über Schleswig-Holstein zu Mexiko und Italien.
Während des Krimkriegs wollte er ein dreigeteiltes Deutschland sehen, im Italienkrieg dachte er daran, Österreich aufzuteilen, mit dem er sich letztlich arrangierte. Napoleon lernte, dass Preußen und der Deutsche Bund ihm in dieser Zeit im Wege gestanden hatten. Um 1860 begann er mit Versuchen, sich Preußen politisch und wirtschaftlich anzunähern. Die französische Presse beschrieb Preußen als einen modernen liberal-konstitutionellen Staat. Gerichtet war dies gegen Österreich-Ungarn, das als Erzfeind mit hegemonialen Bestrebungen begriffen wurde.Wilfried Radewahn: Europäische Fragen und Konfliktzonen im Kalkül der französischen Außenpolitik vor dem Krieg von 1870. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 33–64, hier S. 37–39.
Den Deutschen Krieg 1866 begünstigte Napoleon, um den (gegen Frankreich gegründeten) Deutschen Bund und die beiden deutschen Großmächte zu schwächen. Ähnlich wie er es für Italien 1860 geplant hatte, dachte er an ein dreigeteiltes Deutschland: In einem Geheimvertrag mit Österreich hatte er bestimmt, dass Österreich-Ungarn eine Neuordnung nur mit französischem Einvernehmen durchsetzen durfte. Preußen sollte sich allenfalls in Norddeutschland ausbreiten. Nicht zuletzt setzte Napoleon auf die deutschen Mittelstaaten. Da er von einem österreichisch-mittelstaatlichen Sieg ausging, verzichtete er auf konkrete Absprachen mit Preußen. Nach Preußens Sieg musste der um seine Hoffnungen betrogene Napoleon die neue Situation hinnehmen, da französische Truppenteile noch in Mexiko und Algerien standen. Ein Eingreifen hätte auch dem propagierten Nationalitätsprinzip widersprochen.Wilfried Radewahn: Europäische Fragen und Konfliktzonen im Kalkül der französischen Außenpolitik vor dem Krieg von 1870. In: Eberhard Kolb (Hrsg.): Europa vor dem Krieg von 1870. Mächtekonstellation – Konfliktfelder – Kriegsausbruch. R. Oldenbourg, München 1987, S. 33–64, hier S. 40–43.