Als Narrativ (Neutrum) wird seit den 1990er Jahren eine sinnstiftende Erzählung bezeichnet, die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturareal bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind.

Bekannte Beispiele sind der Mythos Vom Tellerwäscher zum Millionär Knut Hickethier: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Amerikanische Karrieren. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Heft 12: Amerika! Amerika? Bilder der neuen Welt. Bilder aus der neuen Welt (1992), S. 18–34 (online, Zugriff am 21. August 2021). und der Aufruf zum Wettlauf zum Mond, der in den USA starke Kräfte gebündelt und die Nation hinter einer Idee versammelt hat. Bestimmendes Element hinter einem Narrativ ist eher ein gemeinsam geteiltes Bild mit starker Strahlkraft als der Wahrheitsgehalt.

Weit verbreitet ist die Meinung, dass Narrative gefunden und nicht erfunden werden. Konsens ist, dass Narrative eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Orientierung geben und Zuversicht vermitteln können.

Mit dem verstärkten Interesse an den Neurowissenschaften und der Rolle von Emotionen und des Unterbewussten in Entscheidungsprozessen ist auch die Bedeutung von Narrativen in der öffentlichen Diskussion gewachsen.

Wortgeschichte Narrativ ist eine Lehnübersetzung des englischen Worts narrative (in der Bedeutung: „Erzählung oder Darstellung, die benutzt wird, um eine Gesellschaft oder historische Periode zu erklären oder zu rechtfertigen“). In seiner gegenwärtigen Bedeutung wurde das Wort zum ersten Mal an prominenter Stelle vom israelisch-deutschen Historiker Dan Diner gebraucht. In seinem Essayband Kreisläufe. Nationalsozialismus und Gedächtnis schrieb er 1995: „Die Massenvernichtung der europäischen Juden hat eine Statistik, kein Narrativ.“

Der englische Begriff narrative wurde im 1979 erschienenen Werk La condition postmoderne (‚Das postmoderne Wissen‘) des französischen postmodernen Philosophen Jean-François Lyotard (1924–1998) geprägt.Jean-François Lyotard: La condition postmoderne. Rapport sur le savoir. Les éditions de minuit, Paris 1979; deutsch unter dem Titel Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Impuls & Association, Bremen, 1982. Darin beschreibt Lyotard zwei Meistererzählungen (: méta récits), mit denen sich die Moderne bislang Legitimation verschafft habe, nämlich Immanuel Kants Erzählung von der zunehmenden Selbstbefreiung des Individuums durch Aufklärung und Georg Wilhelm Friedrich Hegels Erzählung vom allmählichen Zu-sich-selbst-kommen des Geistes als Ziel der Geschichte. In der englischen Übersetzung wurde „méta récits“ als „meta-narrative“ bzw. „grand narrative“ übersetzt. Durch Rezeption dieser Begriffe wurde das bislang nur adjektivisch verwendete narrativDuden. Die deutsche Rechtschreibung. 24. Aufl., Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006, S. 719. zu einem Substantiv mit der oben beschriebenen Bedeutung.Matthias Heine: Modewort: Hinz und Kunz schwafeln heutzutage vom „Narrativ“. In: Welt Online, 13. November 2016, Zugriff am 23. April 2017.

Erzähltheoretische Definitionsversuche Obwohl der Begriff des Narrativs nicht aus der Narratologie stammt, gibt es seit den 2000er Jahren auch erzähltheoretische Versuche, ihn zu definieren. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk grenzt ihn in seinem Buch Die Kultur und ihre Narrative (2002) von den verwandten Begriffen Erzählung und Narration ab. Unter Narrativ versteht er eine „theoretisch strenger gefaßte Kategorie, die auf das Muster abzielt“, unter Erzählung einen „vorläufigen Begriff in einem formal unproblematisierten Allerweltssinn“ und unter Narration einen „Terminus, der den Akt und das Prozessuale mit einschließt und exakter ist als jener der Erzählung, die im Deutschen sowohl die Narration wie das Narrativ“ einschließe.Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Springer 2007 (2. Aufl.), S. 15. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke benutzt den Begriff des Narrativs in seinem Buch Wahrheit und Erfindung: Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie (2012) systematisch. Koschorke spricht von einem Narrativ, wenn sich ein Handlungsschema als ein „Erzählformular“ etabliert hat, das von unterschiedlichen Erzählern sinnstiftend ausgefüllt werden kann. Der „informellen und in gewisser Weise einladenden Offenheit“ des Erzählens stehe die „Gravitationskraft kulturprägender Narrative entgegen“.Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012, S. 38.

Kritische Einordnung als Modewort Seit den 2010er Jahren wird das Wort Narrativ in Feuilleton und Geisteswissenschaften als Modewort bezeichnet. Kritisiert wird, dass durch den allgegenwärtigen Gebrauch des Wortes jedes Phänomen als Narrativ bezeichnet werden könne und so die Trennschärfe verloren gehe. Tobias Kniebe argumentiert, wenn auch traditionell als „nicht-narrativ“ geltende Künste wie die Architektur Narrative hätten, sei die Bedeutung des Worts schwer zu bestimmen. Diese Kritik lässt sich unter dem Begriff des Pan-Narrativismus zusammenfassen.Matías Martínez (Hrsg.): Erzählen. Ein Interdisziplinäres Handbuch. Metzler, Stuttgart 2017, S. 88. Das Wort Narrativ werde ähnlich inflationär gebraucht wie seit den 1970er Jahren das Wort Diskurs. Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vergleicht den omnipräsenten Gebrauch des Wortes Narrativ mit dem früheren Gebrauch des Begriffs Dialektik. Wolfgang Müller-Funk verteidigte den Gebrauch des Wortes, um die Bedeutung des Erzählens in Kultur und Politik zur Geltung zu bringen.

Narrative in ökonomischen und soziologischen Theorien Durch die Transformationsforschung ist bekannt, dass sich neue Narrative eher in Krisen durchsetzen als in ruhigen Zeiten und dass es Pfadabhängigkeiten gibt, wonach ein eingeschlagener Weg nicht beliebig, sondern erst an der nächsten „Weggabelung“, also bei einer passenden Gelegenheit, verlassen werden kann.

Erwiesen ist, dass der Erfolg z. B. ökonomischer Theorien nicht primär von der wissenschaftlichen Stichhaltigkeit abhängt, sondern von der Vermittelbarkeit des zugrundeliegenden Narrativs.

Umgekehrt lassen sich bestehende Narrative durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse relativieren. So führt die Friedrich-Ebert-Stiftung Studien von OECD, IWF und World Economic Forum ins Feld, um nachzuweisen, dass ein nachhaltiges Wachstum vom gesellschaftlichen Zusammenhalt abhängig ist und deshalb Narrative, die soziale Ungleichheit propagieren, nicht im Sinne eines nachhaltigen Wachstums sein können.

Narrative in politischer Kommunikation und Wahlkampfforschung In der Wahlkampfforschung werden Narrative als Deutungsangebote und Analyseheuristik herangezogen. Narrative sind hier diskursive Muster, die Wählerinnen und Wählern Identifikationsangebote unterbreiten und ihnen Definitionen politischer Probleme anbieten. Dazu blickt die Forschung auf drei Kernelemente von Narrativen: Metaphern, Subjekte und die sprachliche Organisation von Zeit. Im Zusammenspiel dieser drei Elemente entstehen Narrative, die den Wahlkampfdiskurs prägen. Bekannte Beispiele für Wahlkampf-Narrative sind Barack Obamas Hope-Kampagne aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 und „Mutti Merkel“, die den Bundestagswahlkampf 2013 prägen konnte.

Der Begriff Narrativ wird auch von der Operativen Kommunikation der Bundeswehr in den Streitkräften verwendet. Er bezeichnet nach militärischer Definition eine erzählerische Darstellung von Ereignissen, die im Sinne des Stakeholders (Erzählers) erklärt und in einen für ihn vorteilhaften Bedeutungszusammenhang gestellt werden. Im politischen Sprachgebrauch kann das Narrativ eine dem Propaganda-Begriff ähnliche Bedeutung erhalten. Ein verengter Begriff für Narrativ liegt dem Verständnis zugrunde: Was der Gegner verbreite, sei „nur“ ein Narrativ, es stimme also nicht wirklich. Die eigenen Aussagen erscheinen hingegen wie in Stein gemeißelt.Gregor v. Kursell: Großmacht mit Sendungsbewusstsein. Narrative der russischen Sicherheitspolitik. Infobox. In: (Hrsg.) Der Kommandeur des Zentrums für Innere Führung (ZInFü): if Zeitschrift für Innere Führung, Nr. 4, Koblenz 2020, S. 42–48.

Beispiele für Narrative

Mittelalter

Traditionelle Narrative in der westlichen Welt Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika haben in ihrer Geschichte viele Narrative entwickelt: No taxation without representation – in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) Liberté, Égalité, Fraternité – in der Französischen Revolution (1789) Proletarier aller Länder, vereinigt euch – im Völkerfrühling (1848) Soziale Marktwirtschaft und demokratischer Rechtsstaat – in der deutschen Nachkriegszeit (nach 1945) Die Domino-Theorie als Narrativ zur Rechtfertigung des Vietnamkrieges und der Nutzung von Kommunismus als Feindbild während der Zeit des Kalten Krieges.Hannh Arendt, Die Lüge in der Politik. Überlegungen zu den Pentagon-Papieren. in "Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München, Piper 1972, S. 18

Alte und neue Narrative zur Europäischen Union Die europäische Einigung ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus zwei Weltkriegen entstanden und sollte vor allem eine „dauerhafte Friedensordnung“ sichern.

Für viele Europäer leitet sich der Sinn der Europäischen Union daraus ab, dass nur ein vereintes Europa auf Augenhöhe mit den USA und vielen aufstrebenden Regionen agieren kann. Andere erwarten von Europa gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlstand.

Auf breiter Basis gibt es den Ruf nach einem neuen europäischen Narrativ. Im Jahr 2012 gab es den u. a. von Helmut Schmidt, Klaus Töpfer, Richard von Weizsäcker und Jürgen Habermas unterzeichneten Aufruf Wir sind Europa! Manifest zur Neugründung der EU von unten. Über diesen Aufruf sollten Themen wie Klimawandel, Umweltzerstörung, Fluchtmigration, Rassismus und Rechtsextremismus aktiv angegangen werden und dadurch ein neuer Geist entstehen.

Von Kreisen, die in Europa vornehmlich eine ökonomische Krise wahrnehmen, wird gefordert, dass das neue Narrativ darauf eine Antwort geben solle. Anders Frankreich, das hofft, mit Europa wieder zu alter Größe zurückfinden zu können, die mit der Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien verloren gegangen ist.

Geleitet vom Streben nach einer globalen Gerechtigkeit gibt es daneben die Überlegung, dass Europa als quantitativ weniger wachsender Erdteil sich durch eine intelligente Gestaltung seiner Zukunft auf neue Anforderungen vorbereiten könnte. Anstatt zu versuchen, an der Industrialisierung bisher armer Länder teilzuhaben, könnte sich Europa früher als andere verstärkt auf neue Herausforderungen konzentrieren. In internationalen Debatten würden zunehmend neue Narrative auftauchen, die den Respekt der planetaren Grenzen und ein faires Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell propagieren.

Der amerikanische und der europäische Traum An den amerikanischen Traum, wonach jeder Mensch durch harte Arbeit zu Reichtum kommen kann, glaubten im Jahr 2013 die Hälfte der US-Amerikaner.

Viele Europäer sind stolz darauf, dass Europa auch bei vielen Nichteuropäern als Ort gilt, wo ein hohes Maß an sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit erreicht wurde. Dieser europäische Traum ist damit nicht nur der Traum der Europäer.

Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin hält den amerikanischen Traum, der für individuelles Glück und uneingeschränktes Wachstum stünde, für unzeitgemäß und lobt den europäischen Traum, der auf eine nachhaltige Entwicklung und die Zusammenarbeit der Völker ausgerichtet sei.

Die Macht der Vereinten Nationen