Das Konzept der Israeliten als das von Gott auserwählte Volk gründet im Bund Gottes mit Abraham und der Offenbarung der Tora am Berg Sinai. Die Auserwählung bezieht sich auf das Volk Israel als Kollektiv und nicht auf einzelne Individuen, die dem „wahren Glauben“ anhängen. Das moderne Judentum versteht die Auserwähltheit als ethische Verpflichtung, Vermittler für alle Menschen zwischen Gott und der Schöpfung zu sein.Jens Rosbach: Fluch oder Segen? Deutschlandfunk Kultur, 2. April 2010. Die These vom auserwählten Volk lässt manche Missdeutung zu. Sie ist primär theologisch zu verstehen und bedeutet für den Gläubigen keine Bevorzugung gegenüber anderen Menschen. Es ist vielmehr eine Verpflichtung zu strengem, gottgewolltem Handeln, eher eine Erschwernis denn ein Privileg im weltlichen Sinne.Die Juden – ein auserwähltes Volk? Judentum-Projekt. Abgerufen am 12. Oktober 2020.
Liturgie In der jüdischen Liturgie verwendete Gebetstexte enthalten die Wendung („Der uns erwählt hat“). Das Judentum ist der Ansicht, dass Gott einen Bund mit der gesamten Menschheit geschlossen hat und dass Juden und Nichtjuden gleichermaßen eine Beziehung zu Gott haben. Biblische Referenzen sowie die rabbinische Literatur stützen diese Ansicht: Moses bezieht sich auf den „Gott der Seelen allen Fleisches“ (), und der Tanach, die hebräische Bibel, kennt auch Propheten außerhalb der Gemeinschaft der Juden. In der Tosefta, einer wichtigen Ergänzung der Mischna, heißt es: „Gerechte Menschen aller Nationen haben einen Anteil an der kommenden Welt“ (Sanhedrin 105a).
Die Antwort auf die Frage, für welche Aufgaben es auserwählt wurde, findet man in dem Tora-Abschnitt , in dem Gott am Berg Sinai zu Moses spricht: . Der Bezug auf Priester bezieht sich nicht auf die Priester, die von Aaron, dem Hohepriester, abstammen, den Kohanim, sondern auf eine „priesterliche Funktion“ aller Juden. Diese Funktion bedeutet, Gott zu den Menschen zu bringen und die Menschen so zu erhöhen, dass sie Gott näherkommen. Diese „priesterliche Funktion“ wurde vom Propheten Jesaja als , als „Licht für die Welt“, bezeichnet. Diese „priesterliche Funktion“ ist jedoch nicht mit einem Missionarstum zu verwechseln, wie es das Christentum oder die Daʿwa im Islam kennt. Ganz gleich ob in Eretz Israel oder in der Diaspora lebend, soll sich jeder einzelne Jude der Bedeutung, Repräsentant des jüdischen Volkes zu sein, bewusst sein. „Bei uns Juden ist nur der Körper im Exil. Die jüdische Seele ist nie im Exil, sondern sie ist frei von äußerlichen Unterdrückungen.“
Rabbinische Sicht Viele jüdische Texte begründen die Auserwähltheit der Juden durch Gott damit, dass sie der Verkündung der Botschaft Gottes unter allen Nationen dienen sollen, wie zum Beispiel: „Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott, und der Herr hat dich erwählt, dass du sein Eigentum seist, aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ () Der Begriff des „auserwählten Volkes“ ist eine freie Übersetzung der biblischen Begriffe („geschätztes Volk“, „besonderes Volk“) und am nahalla („Volk des Erbes“).Chosen people. Encyclopedia Britannica. Abgerufen am 12. Oktober 2020. Es ist eine Besonderheit, dass Gott eine Nation dazu bestimmt hat, seine göttliche Lehre zu bewahren und zu verbreiten. Die „Segulah“-Natur des jüdischen Volkes bezeichnet allerdings keine Überlegenheitserklärung gegenüber den anderen Nationen der Welt. Stattdessen hat jede Nation ihre eigene immanente Bedeutung und ihren eigenen Wert.Am Segullah, Hebrew for Christians (englisch). Abgerufen am 12. Oktober 2020. Als solches müsse man ständig betonen und lehren, dass jeder Mensch nach Gottes Bild erschaffen wurde und daher alle Menschen für Gott wichtig seien.David Etengoff: True singularity: On being the ‘Am Segulah’. The Jewish Star, 3. September 2015. Abgerufen am 11. Oktober 2020.
Antisemitische Sicht Den Antisemiten geht es nicht um das Verwerfen der Auserwählung im Namen der Gleichheit aller Menschen, sondern um die Ungleichheit der Juden mit umgekehrtem Vorzeichen: An die Stelle der Auserwählung tritt aus antisemitischer Sicht Minderwertigkeit und negative Aussonderung.Judentum – auserwähltes Volk. GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2015. Abgerufen am 12. Oktober 2020. „Der bösartige Gebrauch des Ausdrucks ‚auserwählte Juden‘ spornte die Pogrome, die Vertreibung der spanischen Juden und den Antisemitismus Martin Luthers an. Der Gründer des Protestantismus argumentierte, die Juden seien nicht länger das auserwählte Volk, sondern das ‚Volk des Teufels‘“, analysiert Giulio Meotti und kritisiert, dass hohe christliche Würdenträger und Führer der orthodoxen Kirchen im Osten „von dieser theologischen Feindschaft durchdrungen seien“ und daraus das Existenzrecht Israels in Frage stellen.Giulio Meotti: Über Kreuz mit Israel. Jüdische Allgemeine, 3. April 2012. Abgerufen am 12. Oktober 2020. „Juden waren seit der Spätantike Objekte christlicher Mission. Wegen ihrer Verweigerung gegenüber der Heilslehre des ‚Neuen Testaments‘ wurden sie als Feinde wahrgenommen, deren Verstocktheit gebrochen werden sollte. Ihr Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, machte die Anhänger des ‚Alten Testaments‘ noch suspekter. Judenfeindliche Phantasien, nach denen sich die Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft über alle Grenzen hinweg zum Kampf gegen die Christen verschworen hätten und nach der Weltherrschaft strebten, gehen bis ins Mittelalter zurück“, schreibt Wolfgang Benz.Das «auserwählte Volk» und die Wurzeln der «jüdischen Weltverschwörung». In: Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. 3. Auflage. 2017, ISBN 978-3-406-70820-6, S. 19–30.
Als Substitutionstheologie (auch Enterbungs- oder Enteignungstheologie) bezeichnet man die christliche Lehre, nach der das einst von Gott auserwählte Volk Israel nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht sei und die dem Judentum einen geringen, vorläufigen oder nur auf die Kirche hin ausgerichteten Wert zuspricht. Gottes Verheißungen an Israel seien auf die christliche Kirche als neues Volk Gottes übergegangen.Bertold Klappert: Israel und die Kirche. Erwägungen zur Israellehre Karl Barths (mit einem ausführlichen historischen Teil zu den Modellen der Substitutionstheologie). Christian Kaiser, München 1986, ISBN 3-459-01274-9, S. 14–17.
Säkulare Sicht Beispielhaft für eine säkulare Sicht ist ein Brief Albert Einsteins an den Esoteriker Erich Gutkind aus dem Jahr 1954:Faksimile, Transkription und Übersetzung ins Englische
Einzelnachweise
Kategorie:Jüdische Theologie Kategorie:Christliche Theologie Kategorie:Antijudaismus