mini|Kara S. Hultgreen im Alter von 29 Jahren vor einer F-14A Kara Spears Hultgreen (* 5. Oktober 1965 in Greenwich, Connecticut; † 25. Oktober 1994 im Pazifischen Ozean, 50 Meilen vor der Küste von San Diego) war die erste Kampfpilotin der United States Navy im Cockpit einer F-14 Tomcat. Sie kam am 25. Oktober 1994 ums Leben, als ihr Jet beim Landeanflug auf die Abraham Lincoln nach einem durch harte Flugmanöver bedingten Triebwerksausfall außer Kontrolle geriet und ins Meer stürzte.
Kindheit und Jugend Kara Hultgreen war die jüngste Tochter des ehemaligen Eishockeyspielers Tor Hultgreen und dessen Frau Sally, einer studierten Juristin. Da ihr Vater, der als Makler für Holzprodukte tätig war, häufig versetzt wurde, wuchs Kara an wechselnden Orten auf. In ihrem Junior-Jahr auf der High School fasste Kara nach einem Referat über das Raumflugprogramm den Entschluss, Astronautin werden zu wollen. Sie schrieb sich für ein Studium der Luft- und Raumfahrtingenieurwissenschaften an der University of Texas ein und erwarb 1987 ihren Bachelor-Abschluss.
Offiziers- und Flugausbildung
Hultgreen trat der US Navy bei und wurde nach ausgiebigen physischen und psychischen Tests für die Aviation Officer Candidate School in Pensacola zugelassen. Ihre Leistungen lagen in den oberen 10 Prozent der letzten Ausbildungsklassen. Sie verließ die Schule nach 14 Wochen am 6. November 1987 im Dienstgrad eines Ensign.
Die grundlegende Flugausbildung fand in Corpus Christi auf Turboprop-Maschinen des Typs Beechcraft T-34C statt. Die hier erworbene Beurteilung entschied über die weitere fliegerische Verwendung in der Marine. Hultgreen setzte ihr Training ab August 1988 in Beeville bei der Ausbildungsstaffel VT-26 mit North American T-2C Buckeyes fort. Ein wichtiger Bestandteil der Jet-Ausbildung war das Üben von Trägerlandungen. Diese wurden zunächst an Land „auf dem Trockenen“ geprobt, bevor die Schüler ein Schiff, den Ausbildungs-Flugzeugträger Lexington, anfliegen durften. Am 26. Januar 1989 erwarb Hultgreen die Carrier Qualification für die T-2C Buckeye. Die weitere Ausbildung erfolgte in der Douglas TA-4J Skyhawk und schloss ebenfalls mit der Carrier Qualification ab. Im August 1989 erhielt Kara Hultgreen als 18. Frau in Beeville ihre Fliegernadel (die Wings).
Für Frauen waren die Möglichkeiten hinsichtlich der weiteren Verwendung begrenzt, da sie auf Grund bestehender Gesetze nicht in kämpfenden Staffeln eingesetzt werden durften. Hultgreen hatte gehofft, Ausbilderin auf der F/A-18 Hornet werden zu können, bis sich die Gesetzeslage änderte, allerdings waren die entsprechenden Plätze knapp und sämtlich belegt. Stattdessen wurde sie der Staffel für taktische Elektronische Kriegführung VAQ-33 „Firebirds“ in Key West zugeteilt, um dort die EA-6 Prowler zu fliegen.
Der zukünftige Einsatz in der EW-Staffel bedeutete zunächst eine umfassende Ausbildung in elektronischer Kriegführung, die wiederum in Pensacola stattfand. Daran schloss sich ein Überlebenstraining in den Wäldern von Maine an. Ab Februar 1990 wurde sie auf dem Marinefliegerstützpunkt NAS Oceana auf der A-6E ausgebildet. Da sie allerdings nicht in einer Kampfstaffel fliegen würde, waren Waffenausbildung, Luftkampfmanöver und Trägerlandungen aus ihrem Lehrplan gestrichen, und im Verhältnis zu anderen A-6-Piloten konnte sie nur wenig der wertvollen Flugerfahrung machen. Ende März 1990 wurde sie auf den Stützpunkt in Key West verlegt.
Key West VAQ-33 war eine von drei sogenannten „Aggressoreinheiten“, die zur Schulung von Flugzeugträgermannschaften in Elektronischer Kampfführung eingesetzt wurden. Hierzu wurde eine Vielzahl unterschiedlicher Flugzeugmuster geflogen, darunter Modelle wie die EA-6A, ES-3A Viking, EP-3 Orion und EA-7L Corsair II.David Donald, Jon Lake: US Navy & Marine Corps – Air Power Directory, Aerospace Publishing London, 1996, S. 183 Alle Flugzeuge waren für elektronische Kriegführung ausgerüstet worden. Die Tatsache, dass die Flugzeuge aus unterschiedlichen Quellen zur Staffel gelangt waren, teilweise modernisiert waren und teilweise nicht, führte dazu, dass kaum ein Flugzeug dem anderen in der Ausstattung glich. Ganz allgemein wurde die EA-6A bis zu ihrer Ausmusterung als „Heimat“ für sämtliche weiblichen Navy-Piloten angesehen, solange diese noch nicht Einsatzverbänden zugeteilt werden durften.Jon Lake: On the Prowl. In AIR International, September 1999, S. 157
Anders als ihre Kollegen bei der US-Luftwaffe haben Marineflieger auch einen „Boden-Job“. Kara Hultgreen hatte die Funktion eines Presseoffiziers. Die Arbeit unterschied sich nicht grundlegend von den typischen Aufgaben einer kombinierten Marketing/PR-Abteilung in einem Wirtschaftsunternehmen. Außer den Kontakt zur Presse zu pflegen, musste das Zwei-Frau-Pressebüro der VAQ-33 auch verschiedene Veranstaltungen des Staffel-Lebens organisieren.
Am 27. Januar 1991 übernahm Hultgreen zum ersten Mal die Führung einer Formation. Außer Hultgreens EA-6A gehörten eine ERA-3B „Whale“ und zwei Hornets dazu. Die Maschinen sollten mit der Trägergruppe der USS Forrestal trainieren. Das Unternehmen endete in einem Fiasko, als die Formation infolge eines defekten Funkgeräts auf der führenden EA-6A auseinanderbrach. Immerhin erhielt die Forrestal das wichtige EW-Training, bevor sie in den Persischen Golf aufbrach, und alle Flugzeuge kehrten sicher zur Basis zurück.
Weitere Missgeschicke festigten das Bild, das einige ihrer männlichen Staffelkollegen von Hultgreen hatten. Nachdem sie im Mai 1991 aus Whidbey Island vom „Prowler Symposium“ zurückgekehrt war, mussten die Flügel ihrer EA-6A getauscht werden, da aus vielen Haarrissen Treibstoff auslief. Dies war ein Symptom für eine Überlastung der Flügel durch zu harte Manöver. Hultgreen hatte die Risse nicht verursacht, konnte den Verdacht aber zunächst nicht ausräumen.
Im Juli 1991 wechselte Hultgreen vom Pressebüro in die Wartungsabteilung, fortan war sie für die Weiterbildung von etwa 70 Mechanikern verantwortlich.
1992 mini|Eine EA-6B Prowler über Marine Corps Air Station Cherry Point, North Carolina Anfang 1992 zerschlug sich die Aussicht, dass VAQ-33 auf F/A-18 Hornets umgestellt werden würde. Es stellte sich als schwierig bis unmöglich heraus, die vorhandenen Elektronikbehälter der Marine an der Hornet anzubringen. Stattdessen würde der EA-6A-Bestand der Staffel vergrößert werden und die alte A-3 außer Dienst gestellt. Ungefähr 1993 würde die Staffel dann aufgelöst werden und die Aufgaben der EW-Trainingsstaffeln sollten von der Marinereserve mit Grumman EA-6B Prowlern übernommen werden.
Bei der Landung am 10. Oktober 1992 in Pensacola ließ sich das rechte Hauptfahrwerk an Hultgreens Maschine nicht ausfahren. Als Folge hätte der rechte Flügel bei der Landung den Boden berühren und das Flugzeug sich anschließend überschlagen können. Während Hultgreen und ihr Navigator Ron Lotz über dem Stützpunkt kreisten, um möglichst viel Treibstoff zu verbrennen und das klemmende Fahrwerk durch Flugmanöver doch noch auszufahren, bereitete man am Boden die Notlandung vor. Diese sollte wie eine Flugzeugträgerlandung funktionieren, Hultgreen musste mit dem Fanghaken ein ausgelegtes Stahlseil treffen, das das Flugzeug möglichst schnell bremsen würde. Nach einem Testanflug gelang es ihr, das Flugzeug mit dem linken Rad aufzusetzen. Der Jet kippte auf das Vorderrad und fing das Seil. Der rechte Flügel blieb bis kurz vor dem endgültigen Stopp in der Luft und setzte dann mit der Spitze auf. Das Flugzeug vollführte noch eine halbe Drehung nach rechts und kam dann zum Stehen. Der Schaden am Flugzeug betrug lediglich 16 Dollar für eine neue Flügelspitze. Die Besatzung blieb unverletzt und der 4 Millionen Dollar teure Störsender unter dem rechten Flügel wurde nicht beschädigt. Hultgreen sollte für eine Air Medal vorgeschlagen werden, doch ihr kommandierender Offizier lehnte den Antrag ab.
Combat Exclusion Laws mini|hochkant|Ehemaliger US-Verteidigungsminister Les Aspin Am 17. April 1993 trat in Falls Church (Virginia) das Defense Advisory Committee on Women in the Services (DACOWITS) zusammen. Dieses Komitee hatte seit 1975 immer wieder empfohlen, die Combat Exclusion Laws aufzuheben. Seit zwei Monaten unterstützte nun auch die Navy ganz offiziell die Frauen in ihrem Anliegen. Nur noch ein Regierungsbeschluss war nötig. Hultgreen und weitere Pilotinnen nahmen die Gelegenheit wahr, direkt mit den Komiteemitgliedern sprechen zu können. In einer Podiumsdiskussion standen Hultgreen und eine weitere Pilotin auf und stellten dem Luftwaffengeneral McPeak eine Frage, auf die er kein Gegenargument wusste: Ob ihm von irgendeiner bestehenden gemischtgeschlechtlichen Staffel bekannt sei, dass dort Probleme bei der Zusammenarbeit von Männern und Frauen existierten. McPeak sagte schließlich, was er wirklich dachte: Dass es keine Gründe gab, warum Frauen nicht im Kampf fliegen sollten, und dass er lediglich Vorurteilen nachhing. Dieses Geständnis des Generals brachte den Verteidigungsminister Les Aspin dazu, am 28. April 1993 zu verkünden, dass Frauen fortan gleichberechtigt Kampfflugzeuge fliegen durften.
Miramar
Für Hultgreen entwickelten sich die Dinge anders als geplant. Sie wollte unbedingt an der Westküste dienen, aber dort konnte die Navy sie nicht auf der F/A-18 ausbilden. Stattdessen entschied sie sich für die aus dem Film Top Gun bekannte F-14 Tomcat und wurde zur Ausbildung an die Naval Air Station Miramar versetzt. Sie würde auf der alten F-14A mit ihren störanfälligen TF-30-Triebwerken trainieren, und nicht auf der moderneren F-14D „Super Tomcat“.
Neben Hultgreen wurden bei der Trainingsstaffel VF-124 „Gunfighters“ in Miramar zwei weitere Frauen als Pilotinnen ausgebildet. Zur selben Zeit wurde in San Diego der Flugzeugträger Abraham Lincoln so umgebaut, dass Frauen an Bord mitreisen konnten. Neben den Schlafräumen betraf dies vor allem die sanitären Einrichtungen. Im Frühjahr 1995 würde die Abraham Lincoln in den Persischen Golf auslaufen und Hultgreen und ihre Kolleginnen würden dabei sein. Der Zeitplan war nicht eng gesteckt. Während der Kennenlern-Tour durch die Büros der Vorgesetzten lernte Hultgreen auch Lt. Neil „Waylon“ Jennings kennen, mit dem sie später ihren tödlichen letzten Flug absolvieren würde.
Während der Ausbildung schnitt Hultgreen in den meisten Disziplinen als Kursbeste oder Zweitbeste ab. Lediglich die Qualifikation für Trägerlandungen schaffte sie erst im zweiten Anlauf und schloss leicht über dem Durchschnitt als dritte von sieben Piloten ab. Mit ihrer abschließenden Landung auf der Constellation am 24. Juli 1994 wurde Kara Hultgreen zur ersten voll qualifizierten F-14 Pilotin der Navy.
Hultgreen trat den VF-213 „Blacklions“ in Miramar bei, die der USS Abraham Lincoln zugeteilt waren. Bei ihrer Ankunft erhielt sie das Rufzeichen, unter dem sie nach ihrem Tod bekannt wurde. Da sie kurz vorher für das Fernsehen interviewt worden war, war sie noch entsprechend geschminkt. Ihre Staffelkollegen nannten sie fortan „Revlon“.
Im Oktober 1994 begann die Trägergruppe der Abraham Lincoln mit Vorbereitungen zum Einsatz im Persischen Golf. Der Air Wing der Abraham Lincoln übte Langstrecken-Angriffe in Fallon (Nevada). Die Tomcats flogen dabei hauptsächlich Jagdschutz für die bombenwerfenden Hornets und warfen auch selbst einige Bomben ab.
Unfalltod am 25. Oktober 1994 mini|Videoaufnahmen des Unfalls Am 25. Oktober sollten noch mehrere Tomcats von Miramar zur Abraham Lincoln überführt werden. Der Träger hatte San Diego am Tag zuvor verlassen. Mit Hultgreen im Flugzeug Lion 103 (eine F-14A, BuNo 160390) flog als Waffensystemoffizier (RIO) Lt. Matthew Klemish. Die Führung der Zweierformation hatte Lt. Neil „Waylon“ Jennings mit Lion 116, der von der „Aggressor“-Staffel in Miramar zur VF-213 versetzt worden war. Nach knapp einer Stunde Flug näherten sich die Flugzeuge gegen 15 Uhr Ortszeit der Abraham Lincoln. Um das vorgeschriebene Landehöchstgewicht einzuhalten, wurde Treibstoff abgelassen.