mini|Ulrich Kutschera, 2010 Ulrich Kutschera (* 2. Februar 1955 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Evolutionsbiologe und Physiologe, der vor allem im Bereich der Pflanzen und Anneliden geforscht hat. Er war bis 2021 Professor am Institut für Biologie der Universität Kassel und arbeitete seit 2007 zusätzlich als Visiting Scientist in Palo Alto, Kalifornien, USA.researchgate.net abgerufen am 16. Juli 2020“The Systems Biology Group is a Palo Alto based research institution…”
Ulrich Kutschera ist überzeugter AtheistEvolutionsbiologe argumentiert gegen „Ehe für alle“ in pro-medienmagazin.de und engagiert sich gegen den Einfluss des Kreationismus. Dies sowie insbesondere seine späteren abwertenden Äußerungen und Publikationen zu den Themen Gender Studies, Homosexualität und gleichgeschlechtliche Ehe sowie seine Position zur durch den Menschen verursachten globalen Erwärmung machten ihn auch außerhalb seiner akademischen Tätigkeit bekannt. 2018 wurde er Mitglied im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung, die er nach eigenen Angaben drei Jahre später wieder verließ.
Leben Ulrich Kutschera wurde als Sohn des Kunstmalers Alfred Kutschera und dessen Ehefrau Esther (geb. Geng) in Freiburg im Breisgau geboren. Er studierte von 1975 bis 1981 Biologie und Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Diplomarbeit sowie seine ersten PublikationenUlrich Kutschera: Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie. Band 16. (PDF; 1,9 MB) VWB, Berlin 2010, S. 257–263. auf dem Gebiet der Zoologie/Evolutionsforschung wurden von Günther Osche betreut. 1985 wurde er unter der Leitung von Peter Schopfer (Lehrstuhl Botanik, damaliger Inhaber Hans Mohr) mit einer pflanzenphysiologisch-biophysikalischen Dissertation zur Phytohormon-Wirkung promoviert (Gesamturteil: summa cum laude). Die erarbeiteten physiologischen Forschungsergebnisse wurden in fünf Fachartikeln im begutachteten Journal Planta veröffentlicht, sodass Kutschera 1986 mit dem Goedecke-Forschungspreis ausgezeichnet wurde.
Von 1985 bis 1988 war er zu einem Forschungsaufenthalt als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung in den USA, an der Stanford University in Kalifornien (Department of Biological Sciences; Carnegie Institution) und an der Michigan State University (MSU-DOE Plant Research Laboratory). Während der beiden ersten Jahre arbeitete er als US-Postdoctoral Fellow und danach als Research Associate (mit Lehrauftrag). Ab 1988 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Botanischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. 1990 erfolgte seine Habilitation.
Kutschera wurde 1992 auf die C4-Professur für Pflanzenphysiologie an die Universität Kassel berufen (mit Zusatzvereinbarung, die Themenbereiche Biologiegeschichte, Wissenschaftstheorie und Evolution für Studienanfänger zu lehren). 1997/98 war Kutschera Dekan im Fachbereich Biologie/Chemie. 2001 wurde ihm zusätzlich das Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen. Im Februar 2007 erfolgte nach Gastvorträgen in den USA (u. a. Invited Speaker, AAAS Annual Meeting in San Francisco) die Ernennung zum Visiting Professor bzw. Scientist (Carnegie Institution, Stanford, CA). Ende März 2021 trat er in den Ruhestand.Uni distanziert sich erneut von Kutscheras Thesen: Freispruch stößt auf Kritik, Beitrag vom 4. März 2021 auf hna.de.
Kutschera war von 2004 bis 2016 Mitglied im Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus und ist Autor zahlreicher Lehrbücher.
Seit 2002 ist Kutschera Vorsitzender des Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie. Dieser Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die an Universitäten die Phylogenese der Organismen erforschen oder biologiehistorisch-wissenschaftstheoretisch arbeiten, wurde im Oktober 2002 mit Unterstützung von Ernst Mayr auf dem Biologentag in Potsdam gegründet. Die Vereinigung wurde im alten Biologenverband (vdbiol) als AK etabliert, seit 2003 in AG Evolutionsbiologie umbenannt, und ab November 2009 im neugegründeten Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) unter dem alten Namen neu aufgestellt. Bis 2010 war der AK als „Arbeitsgremium“ gelistet; 2011 wurde die Vereinigung unter der Rubrik „Wissenschaft & Gesellschaft/Thema: Evolution im VBiO“ weitergeführt. Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e. V. – VBIO, abgerufen am 24. Juni 2015.Ulrich Kutschera, Uwe Hoßfeld: Rudolstädter naturhistorische Schriften 18 (Dezember 2012), S. 19–26. Nach Darstellung des VBIO hingegen gab es seit 2009 keine gemeinsamen Aktivitäten des VBIO mit der AK Evolutionsbiologie. 2017 wurde die Kooperation auch formal beendet.VBIO stellt Kooperation mit dem AK Evolutionsbiologie ein Mitteilung des VBIO, 17. Juli 2017; abgerufen am 9. August 2018 Seit April 2015 arbeitet der AK Evolutionsbiologie mit der Richard Dawkins Foundation for Reason & Science (RDF-Germany) zusammen. Dabei ist Kutschera als wissenschaftlicher Berater für die Richard Dawkins Foundation tätig.Richard Dawkins Foundation kooperiert mit dem AK Evolutionsbiologie. Website der Richard Dawkins Foundation, 3. Juni 2015, abgerufen am 19. Juli 2015. 2018 wurde Kutschera Mitglied im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung,Hannah Knuth: Rechter Apparat. Zeit online, 11. Juli 2018. welches er 2021 wieder verließ.
Wirken Die Physiologie und Evolution verschiedener Organismen, d. h. Ringelwürmer (Anneliden), Wirbeltiere (z. B. Schlammspringer), Pflanzen, Bakterien und Myxomyceten stehen im Zentrum seiner Interessen. Kutschera beschäftigt sich auf dem Gebiet der Symbioseforschung mit epiphytischen Bakterien als Phytosymbionten. Spezialthemen auf diesem Gebiet sind beispielsweise die Co-Evolution des Systems Bakterium-Pflanze oder die Wachstumsregulation über prokaryotische Epiphyten (Methylobakterien). Die Biophysik des pflanzlichen Zellwachstums und die Proteom-Analytik in Bezug zu verschiedenen Phytohormonen sowie die Funktion der Polymere bei der turgorgetriebenen Primärwand-Extension stellen einen weiteren Schwerpunkt dar, wobei neben der Entwicklungs- auch die Stoffwechselphysiologie (z. B. Photosynthese, Metabolic Scaling) bearbeitet wird (Kooperation U. K. mit Zhi-Yong Wang, Joseph A. Berry und Winslow. R. Briggs in Stanford, CA, USA, seit 2007).
mini|Freiburger Bächle-Egel (Trocheta intermedia , 2010) mit Kokons Kutschera forschte auf dem Gebiet der Phylogenese mehrzelliger Algen und Pflanzen sowie der Evolution, Systematik und Verhalten der Anneliden. Insbesondere bei der Klasse der Egel (Hirudinea) ist molekulare Phylogenetik und DNA-Barcoding eine wichtige Vertiefungsrichtung seiner Arbeit. Neben der phylogenetischen Analytik führte er in diesem Kontext auch zahlreiche ökologische Untersuchungen etwa zum Beuteverhalten der Egel durch und ist Entdecker und Erstbeschreiber mehrerer Arten, darunter des Europäischen Platt-Egels (Helobdella europaea),U. Kutschera: Beschreibung einer neuen Egelart, Helobdella striata nov. sp. (Hirudinea: Glossiphoniidae). In: Zoologische Jahrbücher / Abteilung für Systematik, Geographie und Biologie der Tiere, 112, 1985, S. 469–476 (Volltext; PDF; 331 kB). des Freiburger Bächle-Egels (Trocheta intermedia)U. Kutschera: A new leech species from Southern Germany, Trocheta intermedia nov. sp. (Hirudinea: Erpobdellidae). In: Lauterbornia, 70, 2010, S. 1–9 (Volltext; PDF; 331 kB).U. Kutschera: Der Freiburger Bächle-Egel und die Alpha-Taxonomie.] In: Biologie in unserer Zeit, 40 (6), 2010, S. 374–375, doi:10.1002/biuz.201090093 (Volltext; PDF; 150 kB). und des im Golden Gate Park in San Francisco von ihm entdeckten Egels Helobdella californica.U. Kutschera: A new leech species from North America, Helobdella californica nov. sp. (Hirudinea: Glossiphoniidae). Zoologischer Anzeiger 220, 1988, S. 173–178 (Volltext; PDF; 595 kB).U. Kutschera: The Golden Gate Leech Helobdella californica (Hirudinea: Glossiphoniidae): occurrence and DNA-based taxonomy of a species restricted to San Francisco. International Review of Hydrobiology 96 (3), 2011, S. 286–295 (Volltext; PDF; 237 kB).
Auf übergeordneter Ebene beschäftigt sich Kutschera mit Wissenschaftstheorie und Evolution, so etwa mit der Entwicklung der Theorie der biologischen Evolution zur Erweiterten Synthese und der Etablierung der Evolutionären Pflanzenphysiologie als Wissenschaftsdisziplin (Kooperation U. K. mit Karl J. Niklas, Cornell University, NY, USA, seit 2003). Weiterhin wurde von Kutschera die Evolutionsbiologie als Theoriensystem definiert und das Synade-Modell der Makroevolution formuliert – „Synade“ ist ein von Kutschera geprägtes Kunstwort für Symbiogenese, natürliche Selektion und dynamische Erde.U. Kutschera: Tatsache Evolution. dtv, 2009, S. 307; U. Kutschera: Symbiogenesis, natural selection, and the dynamic Earth. In: Theory Biosci. 128 (2009), S. 191–203. 2013 wurde Kutschera in Anerkennung seiner „outstanding contributions to plant science“ zum Corresponding Member der Botanical Society of America (BSA) ernannt. 2014 wurde er Fellow der Linnean Society of London (F.L.S.). Im selben Jahr war Kutschera als Lecturer/wissenschaftlicher Projektplaner an der Chinese Academy of Agricultural Science (IPP-CAAS), Peking, China. Seit 2009 arbeitet er außerdem regelmäßig als Visiting Scientist an der University of California, Berkeley (Labor D.A. Weisblat). Ab 2015 ist er zudem als Gastwissenschaftler an den Universitäten Freiburg (Institut für Biologie II) und Jena tätig (Biologisch-Pharmazeutische Fakultät, Arbeitsgruppe Biologiedidaktik).
Seit 2015 bzw. 2016 ist Kutschera ehrenamtlich als Scientific Advisor bei zwei US-Forschungsunternehmen, den Stanford-Ausgründungen I-Cultiver, Inc. (Agriculture, Food, Health) in Livermore und der Systems Biology Group in Palo Alto, CA (USA), tätig.
Engagement gegen Kreationismus Kutschera engagiert sich öffentlich gegen den Kreationismus, den er unter anderem bei den Aktivitäten der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen (Sg W+W) und den von ihnen unterstützten Bekenntnisschulen sieht und kritisiert. Er bemühte sich um eine Kampagne gegen deren staatliche Förderung.in einem Interview des Humanistischen Pressedienstes der Giordano-Bruno-Stiftung: Kreationistischer Hokuspokus. Für ihn sind die Naturwissenschaften „per Definition atheistisch“.C. Koch: . Stern, 2. April 2007.
Die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen schreibt in der FAZ, dass Kutscheras ständiger Kampf gegen die Kreationisten seinen Texten zwar einige Pointen verschaffe, jedoch einen „unangenehm aggressiven Unterton“ habe.
Positionen zum Klimawandel Kutschera bezeichnete die Proteste für Klimaschutz und die Schulstreiks für das Klima als „Klima-Hysterie“ und machte „Klima-Ideologen“ aus. Er akzeptiert, dass das Klima sich ändert und dass der Mensch durch Erhöhen des Kohlenstoffdioxid-Anteils und durch Abholzungen dazu beiträgt, und er befürwortet Aufforstungsprogramme und Solarenergie zur Lösung des Problems. Laut einer Recherche der HNA erweckte er aber durch seine „Spitzfindigkeiten“ den Eindruck, er zöge die Tatsache der Erderwärmung überhaupt in Zweifel und suggeriere entgegen dem Sachstand des Weltklimarats und fast aller Klimaforscher, es sei noch immer nicht geklärt, ob der Mensch zum Klimawandel beitrage.Katja Rudolph: Neue Thesen von Professor Kutschera – Umstrittener Kasseler Biologe wettert gegen „Klima-Hysterie“. Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 11. März 2019. Den Klimawandel behandelt Kutschera auch in seinen Büchern Physiologie der Pflanzen und Klimawandel im Notstandsland.
Kritik, Szientismus- und Biologismus-Vorwurf Real- und „Verbalwissenschaften“ Kutschera unterscheidet Realwissenschaften von „Verbalwissenschaften“ und beruft sich dabei auf das Vorbild der angelsächsischen Differenzierung zwischen Sciences und Humanities. 2008 brachte er das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Biologie im Laborjournal auf die Formel: