Jesidenverfolgung bezeichnet Gewalttaten an Jesiden. Diese Verfolgungen erlebten mit dem Völkermord durch die dschihadistische Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ihren Höhepunkt. mini|Jesidische Flüchtlinge erhalten in einem Lager Unterstützung vom International Rescue Committee

Geschichte Beginn Laut dem Jesidenforscher Philip G. Kreyenbroek begannen die ersten Verfolgungen durch Muslime, als die Jesiden nicht mehr als eine muslimische Sondergemeinschaft wahrgenommen wurden. Damit standen sie außerhalb der Umma.Kreyenbroek: Yezidism: its background, observances and textual tradition. 1995, S. 34. Ein Bericht zu den frühesten Verfolgungen 1415 findet sich in al-Maqrīzīs Werk „Die Führung zum Wissen über die mamlukischen Länder“ (as-Sulūk li-Maʿrifat Duwal al-Mulūk), einer Chronik der Mamluken.al-Maqrīzī: as-Sulūk li-Maʿrifat Duwal al-Mulūk. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut, 1997. Bd. VI, S. 369–370. Digitalisat. Der Orientalist Rudolf Frank übersetzte den relevanten Teil 1911 ins Deutsche.Frank: Scheich ʿAdî, der grosse Heilige der Jezîdîs. 1911, S. 87–91. Digitalisat

Al-Maqrīzī schrieb, dass die Anhänger von ʿAdī ibn Musāfir dessen Grab zu ihrer Qibla erhoben und bald so weit gingen, zu sagen, dass alles, was sie besäßen, von ihm komme. Das Beten sei für Jesiden obsolet, da dies ʿAdī ibn Musāfir für sie bei Gott bereits erledige.Frank: Scheich ʿAdī, der grosse Heilige der Jezîdîs. 1911, S. 88f. Digitalisat Aufgrund solcher Berichte rief der schafiʿitische Gelehrte Dschalāl ad-Dīn Muhammad ibn ʿIzz ad-Dīn Yūsuf al-Hulwānī zu ihrer Verfolgung auf. Dem schenkten einige kurdische Stämme Gehör und griffen die „Anhänger des Scheich ʿAdī“ an. Dabei begingen sie ein Massaker an den Jesiden und verwüsteten ʿAdī ibn Musāfirs Grab. Indem sie seine Gebeine herausholten und verbrannten, verspotteten sie die Gläubigen. Viele Jesiden gingen in Gefangenschaft. Diejenigen, die bleiben konnten, verfolgten dem Bericht nach von nun an islamische Rechtsgelehrte (fāqih) und töteten diese.Frank: Scheich ʿAdī, der grosse Heilige der Jezîdîs. 1911, S. 90f. Digitalisat Der Kurdenforscher John S. Guest schreibt in seinem Buch zu den Jesiden hingegen, dass der Auslöser für diesen Feldzug die Macht war, welche sich in den Händen von Jesiden konzentriert habe.Guest: Survival Among the Kurds. 1995, S. 27.

Osmanisches Reich Im Osmanischen Reich waren es türkische und kurdische Muslime, die die Jesiden immer wieder verfolgten, massakrierten und teilweise zum Islam zwangen. Zu Beginn des Osmanischen Reiches waren die Jesiden noch mächtig. So wurde ein Jeside zum „Emir der Kurden“ ernannt. Der Einfluss nahm jedoch mit der Zeit ab, insbesondere durch die vielen Konversionen zum Islam. Dennoch war der jesidische Anteil in kurdischen Stämmen und Konföderationen noch immer beträchtlich. Oft waren nicht-jesidische kurdische Stämme das treibende Element bei den Verfolgungswellen.Allison, Christine: Yazidis i. General. In: Encyclopædia Iranica. Online aufrufbar. Bei den Jesiden wurde der Begriff Farmān für sämtliche Massaker ab dem Osmanischen Reich üblich. Im osmanischen Sprachgebrauch bezeichnete Ferman ein Dekret des Sultans.H. Busse, P. Hardy und U. Heyd: Farmān in Encyclopaedia of Islam II.

Obwohl muslimische Kurden bei den Gräueltaten an den Jesiden oft eine tragende Rolle spielten, gab es auch Zeiten, in welchen Kurden und Jesiden zusammenarbeiteten, um ein eigenes Emirat zu gründen. Die Folgen davon waren Strafexpeditionen der Osmanen, die oft in Massakern an Jesiden mündeten. Dies geschah zum ersten Mal unter Süleyman l im 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit bekämpften kurdische Stämme das Osmanische Reich. Unter dem kurdischen Stammesführer Hasan Beg ad-Dāsnī standen die Kurden im Krieg mit den Osmanen. Als diese ad-Dāsnīs habhaft wurden, richteten sie ihn hin. Die Jesiden antworteten mit Aufständen.ʿAdnān Zaiyān Farḥān: Tarīḫ al-imārāt al-kurdīya al-īzīdīya. In: bahzani.net, 27. März 2014, abgerufen am 15. August 2018. Manche Jesiden betrachten diese Fatwā als den Ausgangspunkt für die ersten sechs Farmān an den Jesiden.Autor unbekannt: al-Farmānāt (ḥamalāt al-ibāda al-ǧamāʿīya) al-latī waqaʿat ʿalā š-šaʿb al-īzādīya. In: ekurds.com, Datum unbekannt, abgerufen am 31. Mai 2018.Farmānāt (ḥamalāt al-ibāda al-ǧamāʿīya) al-latī waqaʿat ʿalā š-šaʿb al-aizīdī. In: sidosat.yoo7.com, 3. Januar 2012, abgerufen am 5. Februar 2018. Andere jesidische Websites zählen diese Fatwā allerdings erst an achter Stelle auf.Ḥamalāt al-ibāda al-ǧamāʿīya (al-farmānāt) al-latī taʿruḍ la-hā aš-šaʿb al-aizīdī. In: singalonline.wordpress.com, abgerufen am 5. Februar 2018.

1832 hatte ʿAlī Beg, der jesidische Mir in Schaichān aus dem Daseni-Stamm, schon länger in einer Fehde mit dem kurdisch-sunnitischen Anführer ʿAlī Aga, einem Verwandten des wichtigen kurdischen islamischen Geistlichen Mullah Yahya, gelegen. ʿAlī Beg lud ihn ein, um karif (ein jesidischer Brauch im Nordirak, bei welchem ein Sohn auf dem Schoss eines Muslims beschnitten wird und dadurch ein lebenslanges Band zwischen beiden entstehtGuest: Survival Among the Kurds. 1995, S. 37.) seines Sohnes zu werden. Von diesem Angebot tief geehrt machte sich ʿAlī Aga mit wenigen Beschützern auf den Weg. Bei ʿAlī Beg angekommen wurde er getötet. Mullah Yahya beschwerte sich deshalb beim osmanischen Konsul ʿAlī Rizā Pascha in Bagdad. Dieser beauftragte Kör Mohammed mit der Erledigung der Sache.Guest: Survival Among the Kurds. 1995, S. 68. Jener Kör Mohammed war Anführer der Soran-Kurden, die dem jesidischen Stamm der Daseni historisch feindlich gegenüberstanden. Kör Mohammed war darüber hinaus streng gläubiger sunnitischer Muslim.Guest: Survival Among the Kurds. 1995, S. 67.

Als der Jeside ʿAlī Beg davon Nachricht erhielt, ritt er ohne Eskorte zu Kör Mohammed. Den Vorschlag, zum Islam zu konvertieren, schlug ʿAlī Beg aus. Daraufhin enthauptete Kör Mohammed ʿAlī Beg und verfolgte die Jesiden. Teilweise fielen ihm auch Christen und Juden zum Opfer. Viele Jesiden versuchten deshalb von Schaichān nach Mossul zu fliehen. Da der Tigris jedoch Hochwasser hatte, gelang nur wenigen die Ankunft in der Stadt. Der große Rest wurde am Ufer von Kör Mohammeds Männern umgebracht. Diese Verfolgung ging als „Soran-Massaker“ in das kollektive Gedächtnis der Jesiden ein.Guest: Survival Among the Kurds. 1995, S. 68–69.Layard: Nineveh and its remains. S. 276f. Digitalisat.

Nachdem die Osmanen 1849 durch wiederholte Interventionen von Stratford Canning und Sir Austen Henry Layard den Jesiden einen gewissen rechtlichen Status verliehen hatten, sendeten sie 1890 oder 1892 ihren osmanischen General Omar Wahbi Pascha (später bekannt als „Ferîq Pascha“ im Gedächtnis der Jesiden) aus Mossul zu den Jesiden in Schaichān und setzten den Jesiden wieder ein Ultimatum, um zum Islam zu konvertieren. Als die Jesiden sich weigerten, wurden die Gebiete Sindschar und Schaichān besetzt und ein erneutes Massaker unter den Bewohnern begangen. Die osmanischen Herrscher mobilisierten kurdische Stämme und die später 1891 gegründete Hamidiye Kavallerie um gegen die Jesiden vorzugehen. Viele jesidische Dörfer wurden durch die überwiegend kurdisch-stämmige Hamidiye Kavallerie überfallen und die Bewohner getötet. Die jesidischen Dörfer Baschiqa und Bahzani wurden auch überfallen und viele jesidische Tempel wurden zerstört. Der jesidische Mir Ali Beg wurde gefangen genommen und in Kastamonu festgehalten. Das zentrale Heiligtum der Jesiden Lalisch wurde in eine Koranschule umfunktioniert. Zwölf Jahre lang hielt dieser Zustand an, bis die Jesiden dann anschließend ihr Hauptheiligtum Lalisch zurückerobern konnten. mini|Auf dem Bild in der Mitte zu sehen ist Mir Ali Beg II. (der Enkelsohn von Mir Ali Beg I. und Großvater von Mir Tahsin Saied Beg)

Saddam Hussein Während der Arabisierungskampagne in den 1970ern ließ der damalige irakische Diktator Saddam Hussein jesidische Städte – vor allem solche in der Nähe von Bergen – räumen und zerstören und wollte die ansässigen Menschen zum Islam zwangskonvertieren.Khalil J. Rashow: Yezidi – Rassenwahn und Religionsfanatismus. In: Gesellschaft für bedrohte Völker, 2002, abgerufen am 30. Mai 2017. Die Bevölkerung wurde dann in künstlichen Städten in den Ebenen neu angesiedelt. Dadurch wollte er zum einen Peshmergakämpfern eine Möglichkeit zum Unterschlupf nehmen,Matthew Barber: Sinjar was only the beginning. In: Syria Comment, 8. August 2014, abgerufen am 30. Mai 2017. zum anderen wurden teilweise auch Dörfer zwangsumgesiedelt, um den Bau der Mossultalsperre voranzutreiben. Durch diese Umsiedelung verloren die Jesiden größtenteils ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wer gegen die Pläne der damaligen irakischen Regierung aufbegehrte, wurde verschleppt, gefoltert und verschwand in vielen Fällen sogar.

Eine weitere Folge dieser Kampagne war die systematische Diskriminierung der Jesiden. An öffentlichen Schulen erhielten sie weder Unterricht in ihrer Sprache Kurmandschi noch in ihrer Religion. Gesellschaftlich litten sie aufgrund ihrer Religion unter Übergriffen und Anfeindungen durch Muslime. Amnesty International führt in einem Bericht die Begründung dafür an: vielen Muslimen gelten die Jesiden als Ungläubige und somit als nicht schützenswert. Radikalere Muslime sehen demnach sogar die Tötung eines Jesiden als heilige Tat an.Ruth Jüttner und Wolfgang Grenz: Jesiden im Irak. In: Amnesty International, 16. August 2005, abgerufen am 30. Mai 2017. Siehe zur Stellung der Jesiden auch Katarisches Religionsministerium.

Anschlag von Sindschar 2007

Am 14. August 2007 verübten vier Selbstmordattentäter der Terrororganisation al-Qaida im Süden Sindschars ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Mit vier mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zerstörten die Terroristen die beiden Dörfer Siba Scheich Khidir (al-Jazirah) und Til Ezer (al-Qahtaniya) fast vollständig. Über 500 Menschen wurden getötet und über 1.500 verletzt, viele davon schwer. Es war der verheerendste Terrorakt von al-Qaida nach dem 11. September 2001.Damien Cave und James Glanz: Toll in Iraq Bombings Is Raised to More Than 500. In: New York Times, 22. August 2007, abgerufen am 30. Mai 2017. Bereits nach diesem Anschlag befürchteten viele Jesiden, dass Extremisten sie „ausrotten wollen“.Wieland Schneider: Yeziden fürchten nach Attentaten ihre Ausrottung. In: Die Presse, 16. August 2007, abgerufen am 31. Mai 2017.

Völkermord 2014 mini|Jesidisches Gedenken zum Völkermord am 3. August 2014 in der türkischen Stadt Diyarbakır (2015) mini|Jesidisches Gedenken zum Völkermord am 3. August 2014 vor dem Weißen Haus in Washington, D.C. (15. März 2019)

Am 3. August 2014 überfiel die Terrormiliz Islamischer Staat das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden in Sindschar und verübte einen Völkermord an der Bevölkerung. Laut UN wurden bis zu 5.000 Jesiden (davon nach Angaben von Spiegel Online rund 3000 Männer und Jungen) ermordet, zwischen 6470 und 7.000 Frauen und Kinder entführt und über 400.000 aus ihrer Heimat vertrieben; etwa 2850 Jesiden werden bis heute vermisst. Zudem verübte die Terrormiliz IS sexualisierte Gewalt/Missbrauch an jesidischen Frauen, nachdem diese versklavt wurden.John Beck: Iraq's Yazidis living in fear on Mount Sinjar. In: Al Jazeera, Juli 2016, abgerufen am 5. Januar 2017.