Rowac (Akronym für Robert Wagner Chemnitz) war eine von Carl Robert Wagner im Jahr 1888 gegründetes metallverarbeitendes Unternehmen in Chemnitz, das Möbel für den industriellen Gebrauch produzierte. Carl Robert Wagner gilt als der Erfinder des Stahl-Schemels, mit dem unter anderem das Bauhaus Dessau in den Lehrräumen und den Werkstätten ausgestattet wurde. Heute werden vor allem Hocker, Stühle und Schränke der Marke Rowac als Antiquitäten gehandelt.
Werdegang Von der Gründung zum schnell wachsenden Unternehmen (1888–1904) mini|Oberlichtfensterverschluss in der alten ESDA Strumpffabrik in Thalheim Carl Robert Wagner gründete seine Eisenwarenfabrik am 11. Mai 1888Stadtarchiv, Historisches Archiv, Aue 16, 09112 Chemnitz mit Firmensitz in der Zschopauer Straße. Die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 9. März 1895. Mit der Anfertigung von Stanz- und Massenartikeln aus Eisen und Holz, wie sämtlichen Verschlüssen und Beschlägen für Fenster, aber auch Flaschenkästen, stieg Carl Robert Wagner in die Selbständigkeit ein.
Im Fabrikanten-Adressbuch von Sachsen / Thüringen war die Firma 1893 zunächst als Zuggardineneinrichtungsfabrik aufgelistet. Spätestens mit dem 1896 erteilten Patent für einen Oberlichtfensterverschluss erwarb Rowac nicht nur schnell einen zufriedenen Kundenstamm, sondern setzte sich gegen die Konkurrenz durch. Die Deutsche Bauzeitung äußerte sich 1898 über den Ventilations-Fensterverschluss durchweg positiv, denn die bis dahin gebräuchlichen Vorrichtungen waren wegen ihrer großen Mängel nicht zu empfehlen. Der sogenannte Wagner’sche Verschluss war vor allem für das Öffnen großer und schwerer Oberflügel geeignet, wie sie in sehr hohen Räumen, wie Kirchen, Konzertsälen, Krankenhaussälen, Reit- und Turnhallen zu finden waren. Der Vorteil des Verschlusses war ein beliebig weites und leichtes Öffnen bzw. Schließen der oberen Flügel durch einfaches Ziehen an einer Kette, die an einer in der Mitte der Oberflügel befestigten halbkreisförmigen Zahnrad-Vorrichtung angebracht war. Abgesehen von diesen Vorteilen waren die Anschaffungskosten sogar niedriger, als die anderer Konstruktionen für den gleichen Zweck. In Dresden waren die Wagner’schen Lüftungs-Fensterverschlüsse u. a. im Residenzschloss, im Kaiserpalast, bei Bahnhofsbauten und in der Bezirksschule in Striesen angebracht.
Die stetig wachsende Nachfrage war so hoch, dass das Unternehmen Rowac mehrmals seine Produktionsanlagen innerhalb von Chemnitz verlegen musste, bevor schließlich 1900 ein Standort in Altchemnitz (Annaberger Straße 282a) gewählt wurde. Hier entstand eine von dem Chemnitzer Architekten Wenzel Bürger geplante moderne Fabrikanlage.Sächsisches Wirtschaftsarchiv e. V., Industriestraße 95, 04229 LeipzigBauaktenarchiv Chemnitz, Reichsstraße 1A, 09112, Chemnitz Neben dem Wachstum ist erwähnenswert, dass im gleichen Jahr Carl Robert Wagner sogar mit einem Ehrendiplom, einer goldenen Medaille, von der dauernden Gewerbe-Ausstellung Leipzig, ausgezeichnet wurde und sich in alten Rowac-Prospekten Referenzen der ehemals königlichen und städtischen Behörden in ganz Deutschland befinden.
Spezialisierung auf Stahlmöbel und Betriebseinrichtungen (1905–1938) alt=Hier ist eine der ersten Abbildungen des Rowac Hockers zu sehen. 1909 wurde dieser zum ersten Mal auf der Leipziger Messe ausgestellt. Die Anzeige Lautet „Neu! Eiserne Schemel mit Holzsitz D.R.G.M.“|mini|Anzeige für Eiserne Schemel im Leipziger Mess-Adressbuch 1909 Im Laufe der Jahre änderte sich die Produktpalette, und Rowac konzentrierte sich mehr und mehr auf Stahlmöbel und Betriebseinrichtungen. Das Unternehmen spezialisierte sich auf die Produktion gesundheitsgemäßer Arbeitssitze für Werkstätten und Büros. Mindestens ein Mal im Jahr wurden die Erzeugnisse auf der Leipziger Messe ausgestellt. Reputation brachte vor allem der so genannte Rowac-Hocker ein. Er gilt als der erste industriell hergestellte Stahlschemel und fand in den 1920er-Jahren weite Verbreitung. Grund hierfür war seine besonders große Haltbarkeit gegenüber einfacher Holzschemel, die immer wieder aufgrund von Rissen, lockeren Beinen usw. repariert werden mussten. Besonders erwähnenswert ist, dass 1923 das von den Architekten Max Taut und Franz Hoffmann gebaute Verwaltungshaus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in Berlin-Mitte mit Rowac-Hockern ausgestattet wurde und 1926 die Hocker in Lehrräumen und Werkstätten des Bauhausgebäudes von Walter Gropius in Dessau Platz fanden.
In seiner Hochphase beschäftigte Rowac bis zu 175 Mitarbeiter. Neben Hockern stellte Rowac auch Stühle, Tische und Bänke aus Stahl her, die z. B. für die Einrichtung von Sozialräumen dienten. Aber auch Werkzeugschränke, Putzwoll- und Abfallkästen, Transport- und Lagerkästen, sowie alle Arten von Flaschen- und Spulenkästen wurden produziert. Unter anderem schrieb 1925 die Leipziger Monatsschrift für Textil-Industrie: „Von Hilfsgeräten für die Weberei und Wirkerei sind Spulen-, Transport- und Anfeuchtkästen von Robert Wagner, Chemnitz, zu erwähnen.“ Exportiert wurde in alle europäischen Länder (mit Ausnahme von Russland, Polen und den Balkan-Staaten), bis die Weltwirtschaftskrise auch in Sachsen zu spüren war. Auf der Tagung der sächsischen Industrie am 23. Januar 1931 in Chemnitz meldeten sich führende Unternehmer, darunter Kurt Robert Wagner, der Sohn Robert Wagners, zu den Folgen der Krise zu Wort.
Als Carl Robert Wagner im Jahr 1931 starb, übernahmen sein Sohn Kurt Robert Wagner und seine Enkel Hans Kurt Wagner und Werner Alexander Wagner die Geschäftsführung. Das Prinzip „Die Schaffung gesundheitsgemäßer Arbeitssitze“ galt weiterhin als Leit-Idee von Rowac, die sogar 1931 in der Fachliteratur über Hygiene am Büro-Arbeitsplatz beispielhaft erwähnt wurde.
Kriegszeit und Enteignung (1939–1946) Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Herstellungsverbot für Stahlmöbel in Deutschland erlassen. Dies führte auch für Rowac zu erheblichen Einschränkungen in der Belieferung von Endkunden europaweit.Archiv des Industriemuseums Chemnitz, Zwickauer Straße 119, 09112 Chemnitz So geht 1941 in einem Brief von Rowac an die Weizenstärkefabrik Crespel & Deiters in Ibbenbüren hervor, dass die Verarbeitung des Stahl-Untergestells der Drehstühle auf Buchenholz umgestellt wurde. Rowac konnte in diesem Zeitraum zunächst weiter existieren, weil sie Aufträge für die Kriegsmarine, die Luftfahrt, die Wehrmacht, die Wehrwirtschaft, die Munitionsfabrik Ingolstadt, die Deutsche Reichsbahn, die Deutsche Reichspost und die Polizei ausführte. Es handelte sich um Einrichtungsgegenstände, wie diverse Kästen, Tische und Bänke, auch für Luftschutzkeller. 1946 wurde das Unternehmen enteignet und seine Produktionsanlagen in die VEB BEMEFA (Betriebseinrichtungen und Metallwarenfabrik) eingebracht. Seit 1990 existiert die bemefa Metallmöbel GmbH am gleichen Standort.
Gegenwart mini|Fabrikhalle von Bemefa (ehemals Rowac) Heute werden Rowac-Produkte als Antiquitäten gehandelt und in Museen ausgestellt. Einige der originalen Hocker aus dem Bauhausgebäude befinden sich im Archiv der Stiftung Bauhaus Dessau. Im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) sind ein Hocker und eine Werbemarke zu sehen. Im Kreismuseum Bitterfeld ist ein Flaschenkasten von Rowac ausgestellt. Der Rowac-Hocker fand Aufnahme in die Stuhlsammlung des Instituts für Kunstgeschichte, Architektur und Urbanismus an der Technischen Universität Delft. Außerdem sind diverse Rowac-Produkte in der Dauerausstellung des Industriemuseums Chemnitz zu finden. Das Fabrikgebäude steht unter Denkmalschutz und wird weiterhin für die Produktion der bemefa Metallmöbel GmbH genutzt. Ende 2015 hat das Unternehmen Goldstein & Co. in Leipzig zusammen mit der ehemaligen Rechte-Inhaberin den Rowac-Klapphocker wiederaufgelegt.
Produktpalette Hocker Modell I, II, III, IV, Klapphocker mini|Rowac-Hocker in unterschiedlichen Größen (Modell I) mini|Drei- und vierbeinige Rowac-Hocker (Modell I & II) In einem Schreiben zum 50-jährigen Jubiläum von Rowac wird der Rowac-Hocker als der erste Stahlschemel angepriesen, der je hergestellt und verkauft wurde. Das erste Modell, ein dreibeiniger Hocker mit runder Holzplatte, wurde 1905 konzipiert und 1909 zum ersten Mal auf der Leipziger Michaelis-Messe präsentiert. Rowac bewarb den Hocker in einem Prospekt wie folgt: „Ein Grundsatz gilt für jeden Betrieb: Arbeiten, die sitzend ebenso gut getan werden können, sollten niemals stehend verrichtet werden“. Zunächst war es ein großes Wagnis, mit dieser gänzlich neuen Sache herauszukommen. Aber bereits 1909 wurde dieser im Allgemeinen Journal der Uhrmacherkunst aufgrund seiner großen Haltbarkeit im Vergleich zu einfachen Holzschemeln für die Verwendung in Werkstätten angepriesen. Zudem waren die Anschaffungskosten auch deutlich niedriger, weil Reparaturen fast ausgeschlossen waren. Unter anderem wurden die Rowac-Hocker durch die Unternehmen Gustav Sturm in Leipzig und Wilhelm Herbst in Berlin in den Handel gebracht. Spätestens in den 1920er-Jahren fand dieser vor allem in Werkräumen und Fabriken weite Verbreitung. Heute gilt der dreibeinige Hocker als bekanntestes Produkt von Rowac. Er wurde nicht nur in unterschiedlichen Höhen, sondern auch mit Lehne (Modell IV), als vierbeinige Variante mit rechteckiger Holzplatte (Modell II), als Klapphocker und für Spezialfälle auch als höhenverstellbare Variante, dem Drehhocker (Modell III), angeboten. Ein seltenes Exemplar ist das Modell Ib, das nicht wie alle anderen Modelle genietet, sondern geschweißt ist.
Charakteristisch sind beim Modell I, II, III und IV sowohl die von unten nach oben breiter werdende, U-förmig gebogenen Beine, als auch die waagerechten L-förmig gebogenen Versteifungsstreben. Diese verstrebte Gestellkonstruktion aus geformtem und vernietetem Stahlblech stellt eine größtmögliche Stabilität sicher. Die Beine sind mit aufwändig gefalteten, unlösbaren Füßen versehen, um zwecks Schonung der Fußböden eine flächige Auflage zu erreichen. Die abgerundeten Details des Untergestells waren wichtig, um Beschädigungen der Kleider und Schuhe der Benutzer auszuschließen. Die Sitzplatte (zunächst aus Vollholz und später aus Schichtholz) ist an einer Grundplatte aus geprägtem Stahlblech mit Schrauben befestigt. Der Grundaufbau des Rowac-Hockers ist immer gleich geblieben, aber es ist anhand von unterschiedlichen Originalen und Prospekten nachweisbar, dass einzelne Teile, wie der Fuß, die Beine, die Streben und die Holzplatte über die Jahre weiterentwickelt worden sind. So war zum Beispiel der Fuß anfangs noch rund und wurde erst ab den 1930er-Jahren mit dem patentierten halbrunden Fuß versehen, der für noch mehr Haltbarkeit sorgte. Beim Betrachten des Gesamtaufbaus mit all seinen Einzelteilen wird eindeutig, warum Robin Rehm in seinem Buch „Das Bauhausgebäude in Dessau“ diesen mit Stahlkonstruktionen von Brücken, Ausstellungshallen und Türmen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergleicht. Kein Wunder, dass schon damals mit der enorm hohen Haltbarkeit geworben wurde und selbst heutzutage, nach über 100 Jahren, diese immer noch einen makellosen Zustand aufweisen können. Um sich vom Markt abzusetzen und als Zeichen für Qualität wurden die Beine, manchmal auch die Grundplatte, ab den 1920er-Jahren mit einem eingeprägten Firmenlogo versehen. Grundsätzlich ist das Design des Rowac-Hockers reduziert und sachlich, denn er wurde für den Gebrauch in der Fabrik entworfen und nicht für ein ästhetisch aufmerksames Publikum. Erst am Bauhaus und im Gewerkschaftshaus von Taut & Hoffmann bekam der Rowac-Hocker eine repräsentative Rolle zugewiesen.
Stühle und Drehstühle Modell X, XI, XI a, XII a & b, XIII, XVI mini|Stahl-Drehstuhl Modell XII b aus einem Rowac-Prospekt