mini|180px|Huiwen mini|180px|Huisi mini|180px|Zhiyi mini|180px|Guanding Tiantai zong (; auch „Schule des Lotos-Sutra“) war eine der bedeutendsten Mahayana-Schulen des ostasiatischen Buddhismus. Die Tiantai-Schule entstand um das Jahr 550 in den südchinesischen Tiantai-Bergen und bemühte sich um eine Synthese aller damaligen buddhistischen Richtungen. Dabei stützte sie sich auf die Schriften Nāgārjunas (chin. Name: ), der einen mittleren Weg (Zhong Lu) jenseits der Extreme lehrte. Acht große (und viele kleinere) Schulen hatten sich bis dahin bereits formiert. Das Stammkloster lag im Tiantai-Gebirge in der heutigen Provinz Zhejiang. Während der ersten Jahre der Tang-Zeit ging der Einfluss der Tiantai-Schule wieder zurück, erlebte jedoch ab der Mitte des 8. Jahrhunderts einen erneuten Aufschwung. Faktischer Gründer dieser Schule ist der Mönch Zhi Yi (538–597), der sich jedoch selbst nicht in dieser Rolle sah und auf zwei Vorgänger als eigentliche Initiatoren verwies sowie unter Berufung auf Nāgārjuna eine direkte Patriarchenlinie bis zum historischen Buddha behauptete.

Geschichte Als erster Gründer gilt Huiwen (550–577; ), der durch blindes Aufschlagen eines blind ausgewählten Textes die Erleuchtung erlangen wollte. Dabei stieß er auf die Strophe XXIV:18 des Madhyamaka-śāstra ():

Huiwens Schüler Huisi (515–577; ) nahm diese Entdeckung zum Anlass, darauf aufbauend die Lehre von der Dreifachen Wahrheit der Substanzlosigkeit, Konventionalität und Mitte zu entwickeln.

Als eigentlicher Begründer gilt Huisis Schüler Zhi Yi (538–597; ), der die Lehre in die Grundlagenschrift Große Trilogie der Tiantai-Schule fixierte und dadurch bekannt machte. Er wird in der Darstellung der Tiantai zong als ihr vierter Patriarch aufgefasst.

Der Name der Tiantai zong leitet sich von dem Berg Tiantai im Bergland südlich von Shanghai her. Auf dem Tiantai steht das Ursprungs-Kloster der Tradition, deren erster Abt Zhi-yi war.

Patriarchen & Vertreter Zu den neun Patriarchen der Tiantai () gehören:

Nāgārjuna (); Huiwen aus der Nördlichen Qi-Dynastie (550–?; , auch ); Huisi (515–577; ); Zhi Yi (538–597; , auch ); Guanding (561–632; ); Fahua (); Tiangong (); Zuoxi Xuanlang (); Zhanran (711–782; , auch Jingxi: ).

Manchmal werden auch zehn Patriarchen gezählt, wobei zu den oben genannten noch Daosui (8. bis 9. Jahrhundert; ) aufgelistet wird. Daosui war ein Lehrer von Saichō und somit indirekt verantwortlich für dessen Propagierung des Tiantai-Glaubens als Tendai-shū Anfang des 9. Jahrhunderts in Japan.

Siming Zhili (960–1028; ) nimmt als Verteidiger der Tiantai Schule eine besondere Rolle ein.

Lehre und Schriften Die Lehre der Tiantai zong basiert auf Schriften, die sowohl der Theravada-Tradition als auch dem Mahayana entstammen. Die drei hauptsächlichen Sutras sind die sogenannten Fahua sanbu jing () und gehören ebenfalls zu den hauptsächlichen Sutras des Nichiren-Buddhismus:

Wuliangyi jing (; , Sutra der Unermesslichen Bedeutungen, eine einleitende Lektüre zum Lotus-Sutra) Fahua jing () Puxian guan jing (, eine abschließende Lektüre; vollständiger Titel: )

Daneben sind die drei großen Werke () des Tiantai-Patriarchen Zhi Yi grundlegend. Sie bestehen aus dem Mohe Zhiguan (; „Große Ruhe und Einsicht“), einem systematischen Werk zur Meditation und Praxis, dem Fahua xuanyi () und dem Fahua wenju (), beide Kommentarliteratur zum Lotos-Sutra.

Drei Wahrheiten Der Tiantai-Buddhismus bezieht sich auf Nagarjuna, den Begründer der buddhistischen Schule des Madhyamaka. In dieser Tradition wird die Doktrin der Zwei Wahrheiten gelehrt: Es gibt eine gewöhnliche oder konventionelle Wahrheit und eine letztendliche Wahrheit. Die gewöhnliche oder konventionelle Wahrheit besagt etwa, dass es einen Tisch oder einen Stuhl gibt. Die letztendliche Wahrheit besagt, dass alle Phänomene leer und frei von einer unabhängigen Eigenexistenz sind; dies ist das Konzept der Leerheit (; vgl. Shunyata). Die gewöhnliche oder konventionelle Wahrheit ist dabei nicht grundfalsch. Sobald die letztendliche Wahrheit verstanden ist, kann man jedoch dazu verleitet werden, sie als überholte Aussage zu verstehen.

Der Tiantai zong vertritt die auf Zhiyi zurückgehende Lehre der drei Wahrheiten. Neben der Leerheit und der gewöhnlichen beziehungsweise vorläufigen Benennung der Erscheinungen () lehrt sie die mittlere Wahrheit (). Diese ist keine dritte, von den beiden anderen getrennte Wirklichkeit. Sie besagt vielmehr, dass beide nicht voneinander zu trennen sind: Weil alle Erscheinungen bedingt entstehen und kein unabhängiges Eigenwesen besitzen, sind sie zugleich leer und als vorläufig benennbare Phänomene wirklich und wirksam.

Literatur Margareta von Borsig (Übs.): Lotos-Sutra – Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus. Neuausgabe. Verlag Herder, 2009. ISBN 978-3-451-30156-8 Katō Bunno, Tamura Yoshirō, Miyasaka Kōjirō (tr.): The Threefold Lotus Sutra: The Sutra of Innumerable Meanings; The Sutra of the Lotus Flower of the Wonderful Law; The Sutra of Meditation on the Bodhisattva Universal Virtue. Weatherhill & Kōsei Publishing, New York & Tōkyō 1975 (Rissho Kosaikai) rk-world.org (PDF; 1,4 MB). Jinhua Chen: Making and Remaking History: A Study of Tiantai Sectarian Historiography. International Institute for Buddhist Studies, Tokyo 1999, ISBN 4-906267-43-2. Neal Donner: Sudden and Gradual Intimately Conjoined: Chih-i’s Tíen-t’ai View. In: Peter N. Gregory (Hrsg.): Sudden and Gradual. Approaches to Enlightenment in Chinese Thought. Delhi Motilal Banarsidass, 1991. Paul Magnin: La vie et l’oeuvre de huisi (515–577) (Les origines de la secte bouddhique chinoise du Tiantai). École Française d’Extrême-Orient, Paris 1979 (Publications de l’École Française d’Extrême-Orient, Vol. CXVI). Paul L. Swanson: Foundations of T’ien-T'ai Philosophy. Asian Humanities Press, California 1989, ISBN 0-89581-919-8. Neal Donner, Daniel B. Stevenson: The Great Calming and Contemplation. University of Hawai‘i Press, Honolulu 1993. Leon Hurvitz: Chih-i (538–597): An Introduction to the Life and Ideas of a Chinese Buddhist Monk. Institut Belge des Hautes Études Chinoises, Bruxelles 1962 (Mélanges Chinois et Couddhiques, XII). Hans-Günter Wagner: Buddhismus in China. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Matthes & Seitz, Berlin 2020, ISBN 978-3-95757-844-0. Ju-chün Wu: T’ien-T’ai Buddhism and early Mādhyamika. University of Hawaii Press, Honolulu 1993, ISBN 0-8248-1561-0. Bruno Petzold: Die Quintessenz der T’ien-T’ai-(Tendai-)Lehre. Eine komparative Untersuchung. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1982, ISBN 3-447-02161-6. Brook Ziporyn: Tiantai School. In: Robert E. Buswell (Hrsg.): Encyclopedia of Buddhism. McMillan, New York 2004, ISBN 0-02-865910-4.

Weblinks Peter Johnson: Buddhism of T'ien-T'ai. Teilübersetzung einiger Werke von Chi-I, tientai.net; abgerufen am 7. August 2013.

Einzelnachweise

Kategorie:Buddhistische Schule Kategorie:Buddhismus in China Kategorie:Mahayana