Helen Joanne „Jo“ Cox (* 22. Juni 1974 in Batley, West Yorkshire, als Helen Joanne Leadbeater; † 16. Juni 2016 in Leeds) war eine britische Politikerin der Labour Party. Von 2015 bis zu ihrer Ermordung war sie Abgeordnete im House of Commons, in dem sie den Wahlkreis Batley and Spen vertrat.

Leben Jo Cox (geborene Leadbeater) wurde 1974 als älteste Tochter von Gordon Leadbeater und dessen Ehefrau Jean geboren. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Kim wuchs sie in Heckmondwike, West Yorkshire, auf. The Yorkshire Post, 26. Dezember 2015, abgerufen am 16. Juni 2016.Martin Shaw: Women’s campaigner Jo Cox chosen as Labour candidate to fight next General Election in Batley & Spen. The Huddersfield Daily Examiner, 12. Mai 2014. Der Vater arbeitete im rund 15 km entfernten Leeds in einer Fabrik, die Zahnpasta und Haarspray herstellte, die Mutter als Schulsekretärin. Cox besuchte die Grammar School in Heckmondwike und studierte im Anschluss ab 1992 an der University of Cambridge (Pembroke College), zunächst Archäologie und Anthropologie, wechselte dann aber zu Soziologie und Politikwissenschaft.Louise Tompkins: University of Cambridge – Pembroke College, 16. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Joe Robinson: Pembroke College ‘deeply shocked and saddened’ by death of alumna Jo Cox MP. Varsity, 16. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016. Website der Labour-Partei, abgerufen am 16. Juni 2016.

Studium und Aufenthalt in Cambridge bedeutete einen völligen Bruch mit ihrem bisherigen Leben:

1995 machte sie an der University of Cambridge ihren Abschluss.Jo Cox obituary: Proud Yorkshire lass who became local MP. BBC, 16. Juni 2016, abgerufen am 24. Juni 2016.

Nach ihrem Universitätsabschluss arbeitete sie bis 1997 als politische Beraterin für die Labour-Abgeordnete Joan Walley, leitete 1998/99 die Kampagne Britain in Europe und war von 2000 bis Mitte 2002 als Sekretärin und politische Beraterin für die Labour-Politikerin und Abgeordnete des Europäischen Parlaments Glenys Kinnock tätig.Baroness Kinnock of Holyhead: Parliament Jo Cox MP. UK – House of Lords, 20. Juni 2016, abgerufen am 24. Juni 2016.Jo Cox. Linkedin-Profil, abgerufen am 24. Juni 2016.

Anschließend arbeitete sie bei Oxfam (2002–2009) als Direktorin der Maternal Mortality Campaign (2009–2011), für Save the Children sowie für die National Society for the Prevention of Cruelty to Children (NSPCC) und war Gründerin und Direktorin von UK Women (2013–2014). Sie arbeitete als Beraterin des Freedom Fund on Slavery (2014) und der Bill & Melinda Gates Foundation (2014–2015). Cox wurde 2009 vom Weltwirtschaftsforum als Young Global Leader ausgezeichnet.

Von 2010 bis 2014 war sie die Vorsitzende des Frauennetzwerkes der Labourpartei. Ihre Nominierung als Parlamentskandidatin erfolgte im Rahmen einer Vorauswahl, für die nur Frauen aufgestellt wurden. Sie unterstützte zuerst die Kandidatur von Jeremy Corbyn für den Parteivorsitz der Labourpartei, stimmte aber letztendlich für Elizabeth Kendall.Julia Langdon: Jo Cox obituary. In: The Guardian. 16. Juni 2016, abgerufen am 17. Juni 2016.

Sie war verheiratet mit Brendan Cox, einem Berater von Gordon Brown während dessen Regierungszeit, und Mutter zweier Kinder. Die Familie wohnte im Wahlkreis von Cox sowie in einem Wohnboot in den „Hermitage Community Moorings“, einem genossenschaftlich betriebenen Liegeplatz an der Themse im Londoner Stadtteil WappingJo Cox: So trauern ihre Freunde um die Politikerin. Focus Online, 17. Juni 2016. nahe der Tower Bridge.

Anfang Juli 2021 konnte ihre jüngere Schwester Kim Leadbeater in einer Nachwahl um den durch den Wechsel von Tracy Brabin (beide Labour) an die Spitze der Metropolregion West Yorkshire freigewordenen Sitz im Unterhaus für Batley and Spen erringen.Schwester der ermordeten Abgeordneten Cox gewinnt Parlamentssitz. Der Spiegel, 2. Juli 2021, abgerufen am selben Tage.

Attentat Ablauf mini|Das Library and Information Centre in Birstall, der Ort des Attentats mini|Gedenkstätte für Jo Cox am Parlaments-Platz in London Am 16. Juni 2016 wurde Cox im Vorfeld des Brexit-Referendums nach einer Bürgersprechstunde im Library and Information Centre auf der Market Street in Birstall, West Yorkshire, von einem 52-jährigen BritenMord an Politikerin: Cox hatte schon früher Drohungen erhalten. faz.net, 17. Juni 2016. angeschossen und niedergestochen und dadurch lebensgefährlich verletzt.Danny Boyle: Labour MP Jo Cox fights for life after being shot outside library near Leeds by attacker who allegedly shouted ‘Britain First’ as man, 52, is arrested. The Daily Telegraph, 16. Juni 2016. Nach Augenzeugenberichten rief der Attentäter bei seiner Tat „Britain first“ (dt.: ) oder „put Britain first“Jo Cox MP death: Eyewitness heard man shouting. BBC, 16. Juni 2016. (dt.: ). Britain First ist auch der Name einer rechtsextremen Partei in Großbritannien, die nach dem Attentat aber jegliche Schuld und Zusammenhänge zwischen ihrer Partei und dem Attentäter zurückwies.

Um 13:48 Uhr wurde Jo Cox im Krankenhaus Leeds General Infirmary für tot erklärt. Nach dem Attentat unterbrachen Brexit-Befürworter und -Gegner ihre Kampagnen bis zum 19. Juni.EU referendum: Campaigns resume with new warning BBC News, 19. Juni 2016. Die Conservative Party, Liberal Democrats, UKIP und Green Party kündigten an, bei der anstehenden Nachwahl im Wahlkreis Batley and Spen keine Kandidaten aufzustellen. Die Nachwahl fand am 20. Oktober 2016 statt, die Labour-Party-Kandidatin Tracy Brabin gewann mit 85,84 % der abgegebenen Stimmen, die Wahlbeteiligung lag bei 25,56 %. Die Tat wurde von zahlreichen in- und ausländischen Politikern verurteilt, die eine Mäßigung der politischen Rhetorik und Auseinandersetzung anmahnten. Marine Le Pen, die Vorsitzende der französischen Front National, erklärte hingegen am Tag nach Cox’ Tod: „Von ihren Brüssel untergeordneten Eliten missachtet, greifen mitunter auch die unteren Volksschichten zu einer Form der Gewalt.“ Die Äußerung wurde als Verständnis für oder Rechtfertigung der Tat verstanden.Originalzitat: „Méprisées par leurs élites inféodées à Bruxelles, les classes populaires ont parfois recours elles aussi à une forme de violence.“ Etienne Baldit: Europe 1, le Lab politique, 18. Juni 2016; James Lyon: Far-right hijacks murder of British MP Jo Cox In: The Australian (Online), 19. Juni 2016.

Jo Cox war die erste Unterhausabgeordnete seit mehr als 25 Jahren, die Opfer eines Tötungsdeliktes wurde. Die letzten Opfer waren die konservativen Abgeordneten Airey Neave und Ian Gow, die 1979 bzw. 1990 jeweils infolge der Explosion von Autobomben der IRA starben. Im September 2018 wurde ein Platz in Brüssel nach Jo Cox benannt.

Täter Zwei Tage nach der Ermordung von Cox wurde der 52-jährige Thomas Mair dem Amtsgericht Westminster (Westminster Magistrates’ Court) in London zu einer ersten Anhörung vorgeführt. Nach seinem Namen befragt antwortete der Angeklagte: „Mein Name ist Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“. Ansonsten schwieg er in der 15 Minuten langen Anhörung.Claire Phipps, Andrew Sparrow, Matthew Weaver, Nadia Khomami, Kevin Rawlinson: Police charge Thomas Mair with murder of Jo Cox – as it happened. The Guardian, 17. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Cox-Angreifer vor Gericht: „Mein Name ist: Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“. dpa-Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 18. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn des Mordes, schwerer Körperverletzung, des Besitzes einer Feuerwaffe mit der Absicht eine Straftat zu begehen und des Besitzes einer Angriffswaffe: „We have now charged a man with murder, grievous bodily harm, possession of a firearm with intent to commit an indictable offence and possession of an offensive weapon.“Großbritannien: Bizarrer Auftritt des mutmaßlichen Cox-Mörders. Zeit Online, 18. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Mord an Politikerin Jo Cox: Täter soll an Neonazis gespendet haben. Spiegel Online, 17. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Tod von Jo Cox: Ermittler erheben Mordanklage gegen Verdächtigen. Spiegel Online, 18. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Mutmaßlicher Mörder von Jo Cox: „Mein Name ist: Tod den Verrätern“. Spiegel Online, 18. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.

Mair blieb weiter in Haft. Die Richterin ordnete eine psychologische Untersuchung an. Nach den bisherigen Ermittlungen war außer dem Festgenommenen keine andere Person beteiligt. Der Angriff auf Cox sei offenbar ein „isolierter, aber gezielter Angriff“ gewesen, teilte die Polizei von West Yorkshire mit.

Verbindungen zur Neonaziszene Bereits kurz nach der Tat wurden Hinweise auf eine rechtsextreme Einstellung des mutmaßlichen Täters bekannt. So legte die US-amerikanische Anti-Rassismus-Organisation Southern Poverty Law Center (SPLC), die unter anderem Neonazi-Gruppen in den USA überwacht, Quittungen vor, die belegten, dass der Tatverdächtige von 1999 bis 2003 mehr als 620 Dollar an die ehemals größte Neonazi-Organisation der USA, die National Alliance (NA), überwiesen hatte – meist für Publikationen aus deren Buchverlag National Vanguard Books. Er hatte Neonazi-Magazine abonniert, Gebrauchsanleitungen für den Eigenbau von Schusswaffen und Sprengsätzen gekauft (etwa ein Buch mit einer Anleitung zur Konstruktion einer .38-Kaliber-Pistole aus haushaltsüblichen Materialien). Britische Behörden sollen in der Wohnung des 52-Jährigen Indizien gefunden haben, die dies bestätigen – auch jene Publikationen, die er damals bei der NA bestellt haben soll.Alleged killer of British MP was a longtime supporter of the neo-Nazi National Alliance. Southern Poverty Law Center, 16. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.Marc Pitzke: Mord an Jo Cox: Die Spur in die USA. Spiegel Online, 18. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.

Darüber hinaus war Mair Bezieher von S.A. Patriot, einem südafrikanischen Magazin, das vom White Rhino Club herausgegeben wurde. Der White Rhino Club, der für die Wiedereinführung der Apartheid eintritt, beschreibt das Magazin in einem Editorial als „gegen multi-kulturelle Gesellschaften und gegen einen expansionistischen Islam“ gerichtet. In einem Blog-Beitrag des Magazins wird Mair als „einer der ersten Bezieher und Unterstützer von S.A. Patriot“ („one of the earliest subscribers and supporters of S. A. Patriot“) beschrieben.Patrick Foster, Robert Mendick, Michael Wilkinson: Thomas Mair: Man arrested in connection with Jo Cox attack was a ‘loner’ with ‘history of mental health problems’. The Daily Telegraph, 16. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.

Strafprozess Am 14. November 2016 wurde der Prozess gegen Thomas Mair vor dem Old Bailey eröffnet. In einer vorherigen Anhörung zu dem Fall hatte er keine Aussage, ob er sich schuldig oder unschuldig bekennen würde, abgegeben und deshalb wurden ihm in dem Verfahren Mord, der Besitz einer Schusswaffe mit der Absicht eine Straftat zu begehen, Besitz eines Dolches und schwere Körperverletzung an einem Passanten vorgeworfen. Da der Prozess größeres Medieninteresse erwarten ließ, wurde der Jury verboten, sich mit Medienberichten zu dem Fall zu beschäftigen. Außerdem wurden Juroren mit enger Verbindung zu den Wohltätigkeitsorganisationen Oxfam und Save the Children, die Jo Cox unterstützte, vom Verfahren ausgeschlossen.Ian Cobain: Jo Cox killed in 'brutal, cowardly' and politically motivated murder, trial hears in: The Guardian, 14. November 2016, abgerufen am 15. November 2016

Thomas Mair wurde am 23. November 2016 des Mordes an Jo Cox für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Möglichkeit der vorzeitigen Freilassung auf Bewährung () verurteilt.'Terrorist' Thomas Mair found guilty of Jo Cox murder theguardian.com, abgerufen am 23. November 2016 (englisch)

Ehrungen mini|Place Jo Cox, Brüssel Jo Cox zu Ehren wurden in Brüssel ein Platz – Place Jo Cox – und in Kassel eine Straße – Jo-Cox-Weg – nach ihr benannt.

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