mini|hochkant|Expansion des schwedischen Reichs 1560–1660 mini|hochkant|Entwicklung des schwedischen Imperiums im frühmodernen Europa (1560–1815) mini|Schwedisches Reich und seine Kolonien in Nordamerika, Karibik und Afrika

Schwedisches Reich (; auch Sveriges stormaktstid, übersetzt „Schwedens Großmachtzeit“) bezeichnet den in der schwedischen Historiographie üblichen Begriff für das Herrschaftsgebiet des Landes im 17. Jahrhundert.Ralph Tuchtenhagen: Zentralstaat und Provinz im frühneuzeitlichen Nordosteuropa. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008, S. 13. In der schwedischen Großmachtzeit von 1611 bis 1721 eroberte und hielt Schweden mehrere bedeutende Provinzen im Raum der Ostsee außerhalb des eigentlichen Nationalschwedens. Dadurch konnte das Land eine beherrschende Stellung im nordischen Kampf um das Dominium maris baltici einnehmen. Mit einer mächtigen Armee und Flotte wurde Schweden zum Verteidiger des protestantischen Glaubens.

Reichsgeschichte

Reichsbegriff Schweden durchschritt in der Frühen Neuzeit eine stark expansive Phase, in der es seinen staatlichen Charakter sukzessive veränderte und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts den Charakter eines Vielvölkerreiches aufwies. Das expansive frühneuzeitliche Königreich Schweden hatte seine Grenzen weit außerhalb der schwedisch-finnischen Sprach- und Kulturgrenzen. Historiker verwenden in diesem Kontext am häufigsten den Begriff „Schwedisches Reich“.Otfried Czaika, "Luther, Melanchthon und Chytraeus und ihre Bedeutung für die Theologenausbildung im Schwedischen Reich", in: Herman Selderhuis, Markus Wriedt: Konfession, Migration und Elitenbildung: Studien zur Theologenausbildung des 16. Jahrhunderts, Brill, Leiden und Boston 2007, S. 53–83, hier: 54

Die schwedische Historiographie spricht in dem Kontext vom „eigentlichen Schweden“ und im Fall der Provinzen von den „Ostseeprovinzen“.Ralph Tuchtenhagen: Zentralstaat und Provinz im frühneuzeitlichen Nordosteuropa, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008, S. 14

Vorgeschichte mini|Kalmarkrieg

Durch die Vereinigung der drei Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden inklusive Finnland wurde Ende des 14. Jahrhunderts die sogenannte Kalmarer Union geschlossen, in der die drei Länder denselben König oder dieselbe Königin mit Sitz in Dänemark anerkannten. Unter der Führung des schwedischen Adligen Gustav Wasa entstand 1521 ein Aufstand, der die Kalmarer Union für Schweden (und für Finnland) beendete. Gustav Wasa ergriff die Macht im Land und wurde 1523 vom Reichstag zum neuen König gewählt. Als König Gustav I. Wasa (1523–1560) begründete er dann den neuzeitlichen schwedischen Nationalstaat mit Zentralregierung, stehendem Heer, Finanzverwaltung, Erbmonarchie statt Wahlkönigtum und dem König als Oberhaupt der evangelischen Kirche. Unter dem Geschlecht der Wasa wurde Schweden dann im 17. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht und übernahm die weitgehende Vorherrschaft im Ostseeraum.

Die Motive der Expansion waren vielfältig. Unter anderem spielte die Steuerung des schwedischen Güterexports durch die Kontrolle des Ostseehandels ebenso eine Rolle wie eine spezifische, die Gegenküsten einschließende Militärkonzeption. Die innere Schwäche der Nachbarländer, politische und kaufmännische Ziele sowie die in früheren Kriegen erreichten Erfolge verleiteten Schweden zu weiteren Eroberungskriegen. Als Erbfolgestreitigkeiten Russlands Kraft mit der sogenannten Smuta seit 1598 schwächten und Polen-Litauen durch einen im Süden ausgetragenen Krieg erschöpft war, entstand eine vorteilhafte außenpolitische Lage. Einzig Dänemark stand kräftemäßig mit Schweden auf einer Stufe. Karl IX. machte sich das Chaos in Russland zunutze und leitete von neuem Kriegsoperationen gegen Russland ein. So verschob sich das Mächteverhältnis in Nordeuropa langsam zugunsten Schwedens. Es wurde zum mächtigsten und expansionsfreudigsten Reich im Norden, auch wenn seine Bevölkerungszahl um 1600 nur etwa 750.000 Menschen betrug und es nach wie vor trotz hervorragender Rohstoffvorkommen ein Agrarland war. Zwar war es in einer günstigen Lage, was Rohstoffe wie Kupfer, Eisen und Holz anging, doch fehlten noch immer die Fachleute für die Bewirtschaftung der reichen Vorkommen.

Seit 1604 drängte der Dänenkönig Christian IV. auf einen Krieg gegen Schweden um dessen Expansion zu stoppen. Der dänische Reichsrat wollte eine Verhandlungslösung. 1611 erklärte der dänische Monarch Schweden den Krieg. Er hoffte auf einen schnellen Sieg, zumal der Nachbar noch mit Polen in bewaffnete Konflikte verstrickt war. Die dänische Marine blockierte die schwedische Küste. Christian IV. drang mit einem Heer in Südschweden ein, stieß jedoch auf erbitterten Widerstand. Am 2. August 1611 fiel die schwedische Festung Kalmar. Der 61-jährige schwedische König Karl IX. starb am 30. Oktober 1611 und sein Sohn Gustav Adolf trat die Nachfolge an. Mit ihm erwuchs dem dänischen Monarchen ein schwerer Gegner.

Erlangung des Großmachtstatus mini|Gustav II. Adolf landet in Pommern mini|Gustav II. Adolf bei einer Kriegsbesprechung in Würzburg gibt Befehle an Axel Lillie und Jakob von Ramsay, Historiengemälde von Robert Wilhelm Ekman (1808–1873) mini|Die Leiche von Gustav II. Adolf in Wolgast auf dem Weg nach Schweden, 1633. Gemälde von Carl Gustaf Hellqvist. mini|Disput zwischen Königin Christine und René Descartes in Stockholm, 1649

Unter Gustav II. Adolf Der Beginn des Schwedischen Reichs wird mit der Krönung von Gustav II. Adolf 1611 datiert. Sein Amtsantritt fiel in die Zeit des sogenannten Kalmarkriegs gegen Dänemark, der erst zwei Jahre später unter harten Friedensbedingungen beendet werden konnte. Zwar konnte Gustav Adolf in diesem Krieg noch nicht seine Qualitäten als Heerführer unter Beweis stellen, aber den dänischen Truppen, meist Söldnern, gelang in Schweden kein entscheidender Erfolg. Die einheimischen Bauern führten eine Art Partisanenkrieg gegen sie. Der dänische Feldzug im Sommer 1612 geriet zum Fiasko. Nur der Überlegenheit seiner Marine hatte es Christian IV. zu verdanken, dass im November 1612 Friedensverhandlungen eingeleitet wurden. Im Frieden von Knäred verpflichtete sich Schweden, eine Million Reichstaler zu zahlen. Die Kriegsentschädigung sollte in sechs Jahren abgezahlt werden. Schwedische Handelsschiffe mussten fortan auch den Sundzoll entrichten.

Gustav Adolfs Machtstellung war durch das politische Mitspracherecht von Reichstag und -rat eingeschränkt. Er war daher vor allem auf die durchaus produktive Zusammenarbeit mit Kanzler Axel Oxenstierna angewiesen, mit dessen Hilfe er das zu diesem Zeitpunkt verarmte Land modernisierte. In den nun folgenden Jahren trieb Gustav-Adolf zahlreiche Reformen im Land voran, die das Bildungssystem, die Verwaltung und auch Reichstag und -rat betrafen. Er führte eine mustergültige Verwaltungsreform sowohl der Provinzial- als auch der Zentralverwaltung durch, ordnete das Steuerwesen neu und schuf ein eigenes Reichshofgericht, das nach einer überprüfbaren Gerichtsordnung ohne königliche Beteiligung abschließend Recht sprechen sollte; allerdings behielt sich der König vor, ein Urteil eventuell auch aufheben zu können (Kassatorische Entscheidung). In dieser Zeit wurden in Schweden neben der umfassenden Reform des Heereswesens auch moderne Akzente im Bildungs- und Rechtswesen gesetzt. Der König erkannte erstmals die Bedeutung einer gezielten Sozialgesetzgebung. So erließ aufgrund der sozial angespannten Lage Gustav Adolf 1624 ein Armengesetz, in dem er das Betteln verbot, aber verpflichtende Arbeit für Bettler organisieren ließ. In jeder Provinz (Län) musste ein großes Hospital errichtet werden. Die Stockholmer Zünfte wurden verpflichtet ein Haus für 100 bedürftige Kinder einzurichten. Elementarschulen wurden gefördert und statt der Lateinschulen wurden humanistische Gymnasien mit umfassender höherer Bildung in Schweden eingeführt.

Zu Beginn seiner Herrschaft befand sich Schweden im Ingermanländischen Krieg mit Russland. Der Konflikt endete 1617 mit dem Frieden von Stolbowo, der Schweden Ostkarelien und Ingermanland einbrachte und welcher Russland ganz von der Ostsee fernhielt. Man erachtete im Folgenden die Grenze für sicher, und im Osten folgte eine lange Zeit des Friedens. Nach dem Frieden von Stolbowo konzentrierte sich Gustav II. Adolf auf einen Krieg gegen Polen. Er hielt Polen für den Hauptfeind, da Sigismund III. Wasa auch weiterhin eine Bedrohung für die schwedische Krone darstellte. Gustav II. Adolf besetzte Im Krieg mit Polen (1621–1629) 1621 Riga, und später bekam Schweden mehrere weitere Hafenstädte unter seine Kontrolle. Die Franzosen, sprich der regierende, große Kardinal Richelieu, vermittelten in Person des Diplomaten Baron de Charnacé im September 1629 einen Waffenstillstand, der Vorfriede von Altmark geschlossen wurde, der für sechs Jahre galt. Polen rettete seine Ehre, Schweden behielt de facto die Kontrolle über Livland nördlich der Drina und auf sechs Jahre das Recht, Zoll in den preußischen Häfen zu erheben, woraus es bedeutende Einkünfte für den kommenden Krieg auf deutschem Boden erzielte. Der Vertrag zeigte auf, dass weder Schweden noch Polen in dem Krieg einen militärischen Sieg erringen konnten. Der Waffenstillstand wurde durch die allgemeine Erschöpfung beider Parteien ermöglicht und bedeuteten ein strategisches Patt. Das Ergebnis war für Schweden damit weitaus positiver als es die militärische Lage versprochen hatte. Kurz vor Ablauf des Waffenstillstandes einigten sich Polen und Schweden in Stuhmsdorf am 12. September 1635 auf eine Fortsetzung der Waffenruhe. Die Beziehungen zu Polen wurden endgültig 1660 geregelt, als Polen seine Ansprüche auf die schwedische Krone aufgab.

Im Dreißigjährigen Krieg Das Geschehen im Dreißigjährigen Krieg beobachtete der schwedische König zu dieser Zeit sehr aufmerksam. Nachdem Dänemark endgültig aus dem Krieg ausgeschieden war und der Habsburger Kaiser Ferdinand II. scheinbar auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt schien, war Gustav Adolf bereit zu handeln. 1630 griff Gustav auf Seiten der Protestanten in den Dreißigjährigen Krieg ein. Schon 1627/28 wurde im Stockholmer Reichstag die grundsätzliche Zustimmung zum Kriegsbeitritt gegeben und am 18. Januar 1629 folgte die Entscheidung, diesen offensiv, sprich auf deutschem Boden, zu führen. Der später oft ins Feld geführte Grund, die protestantischen Glaubensbrüder gegen die katholisch-habsburgischen Allmachtsansprüche, manifestiert im Restitutionsedikt, in Schutz nehmen zu wollen, war Propaganda. Es gibt verschiedene Ansätze die die Gründe für den schwedischen Kriegseintritt analysieren. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Gustav II. Adolf die unsichere Situation im Reich erkannte und versuchte zu nutzen. Der Kanzler Axel Oxenstierna und Johan Skytte hatten dem König zwar abgeraten einen Krieg im Heiligen Reich zu führen, der Hochadel jedoch hatte deutliche Vorteile durch den Krieg. Die Zolleinnahmen durch die Flussmündung und Häfen waren für Schweden sehr wichtig; sie zu erhalten oder neue zu gewinnen, könnte zum Eingreifen bewegt haben. Vor allem die Odermündung interessierte die Schweden.