Als Risikopolitik eines Unternehmens bezeichnet man sämtliche Maßnahmen, die im Rahmen des Risikomanagements der Risikobewältigung sämtlicher Unternehmensrisiken dienen.

Risiken und die Möglichkeiten ihrer Begrenzung sind ein zentrales Thema der Betriebswirtschaftslehre, da sie untrennbar mit dem unternehmerischen Handeln verbunden sind.Silvia Rogler, Risikomanagement im Industriebetrieb, 2002, S. 1. Das Unternehmensrisiko findet zunächst in der Volatilität des Ergebnisses (Gewinn oder Verlust) seinen Niederschlag, die durch statistische Analysen oder zukunftsorientiert mittels Risikoaggregation bestimmbar ist. Die extreme Ausprägung des Unternehmensrisikos wird Insolvenzrisiko genannt und drückt die Wahrscheinlichkeit aus, dass das Unternehmen wegen Zahlungsunfähigkeit und/oder Überschuldung seinen Verpflichtungen nicht oder nicht in voller Höhe nachkommen kann. Die vom aggregierten Risikoumfang – aber auch der Risikotragfähigkeit (Eigenkapital) und der Ertragskraft – abhängige Insolvenzwahrscheinlichkeit wird durch das Rating ausgedrückt (siehe auch Ratingprognose und Insolvenzprognoseverfahren). Risiken können im schlimmsten Fall zur Unternehmenskrise und letztlich zur Insolvenz eines Unternehmens führen. Um diese existenziellen Folgen zu vermeiden, hat die Risikopolitik für eine Analyse, Katalogisierung und Bewertung der Unternehmensrisiken zu sorgen.

Dabei orientiert sich die Risikopolitik an den UnternehmenszielenBruno Wiederkehr/Rita-Maria Züger, Risikomanagementsystem im Unternehmen, 2010, S. 77. mit dem klassischen Zielkonflikt zwischen Rentabilität, Liquidität und Risiko. Um eine bestimmte Rentabilität bei Erhaltung der Liquidität zu erreichen, müssen angemessene und beherrschbare Risiken eingegangen werden. Diese Risiken müssen jedoch stets mit Maßnahmen, den so genannten risikopolitischen Instrumenten, überwacht und gesteuert werden. Der Risikopolitik kommt die Aufgabe zu, die Risikosituation eines Unternehmens zielgerichtet und planmäßig zu analysieren und zu gestalten.Dieter Farny (Hrsg.): Handwörterbuch der Versicherung HdV, 1988, S. 659. Die Risikopolitik legt fest, wer im Unternehmen mit welchem Ziel Risikomanagement betreibt und welche Mittel und Methoden hierfür eingesetzt werden.Torsten Gründer (Hrsg.): Managementhandbuch IT-Sicherheit, 2007, S. 36.

Risikoneigung Die Risikopolitik wird bestimmt durch die Risikoneigung, die den Entscheidungsträgern vorgeben kann, ob sie hohe Risiken eingehen dürfen (Risikofreude) oder eher nur geringe Risiken übernehmen sollen (Risikoaversion).Werner Gleißner, Grundlagen des Risikomanagements, 2008, S. 87 Dabei kann das jeweilige Risikoverhalten jedoch von der konkreten Situation abhängen. Die Prospect Theory hat gezeigt, dass Personen in einer Gewinnsituation eher risikoavers und in einer Verlustsituation eher risikofreudig sind und in der Verlustsituation höhere Risiken eingehen, um den Verlust wieder wettzumachen.Daniel Kahneman/Amos Tversky, Prospect theory: An analysis of decision under risk, in: Econometrica 47 (2), 1979, S. 263–291 Zudem ist die Risikowahrnehmung abhängig vom Kontext, Informationsgrad und von persönlichen Merkmalen der Entscheidungsträger.Ortwin Renn/Klaus Wiegandt (Hrsg.), Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, 2014, S. 112 ff.; ISBN 978-3596198115

Risikopolitische Instrumente Die Risikoidentifikation ist der erste Schritt einer systematischen Erfassung und Sammlung möglicher Risiken, gefolgt von der Risikoanalyse, die die identifizierten Risiken nach ihren Ursachen und Eintrittswahrscheinlichkeiten untersucht. Eine Risikobewertung schließt sich an, die die Bedrohung der analysierten Risiken für ein Unternehmen ermittelt und die Vertretbarkeit analysierter Risiken beurteilt. Im Rahmen der Risikobewältigung kommt es im Anschluss darauf an, als vertretbar erachtete Risiken zu tragen (Restrisiko) und hierfür ein geeignetes Risikocontrolling zu installieren. Die Risikobewältigung setzt risikopolitische Instrumente ein und versteht darunter alle Maßnahmen, die der betrieblichen aktiven und passiven Risikobewältigung dienen. Zur aktiven gehören Risikovermeidung, Risikominderung und Risikodiversifikation. Die passive Risikobewältigung besteht aus Risikotransfer und Risikovorsorge und ist erforderlich, wenn für Risiken – bewusst oder unbewusst – keine aktive Risikobewältigung vorgenommen wurde.

Risiken müssen eingegangen werden, um Gewinn für ein Unternehmen zu erwirtschaften. Die maßgebliche Bemessung des Erfolges eines Unternehmens findet durch die Selektion der „richtigen“ Risiken () statt. Finanzierungsrisiken hingegen gehören zu den vermeidbaren Risiken (). Um Risiken zu meistern, müssen die richtigen Strategien entwickelt und entsprechend effiziente und effektive Geschäftsprozesse als Teil einer risikobewussten Unternehmensführung definiert werden.Frank Romeike, Risikomanagement im Kontext von Corporate Governance. In: Der Aufsichtsrat 70, 2014, S. 72. Bei Finanzinstrumenten können Unternehmen ihre Finanzrisiken durch Hedginginstrumente steuern.

Arten Im Rahmen des Risikomanagements, das die Risikopolitik umsetzen soll, werden unterschieden:Ralf Rühling, Der Einsatz von Makroökonomischen Derivaten im Kreditrisikomanagement von Banken vor dem Hintergrund konjunktureller Einflüsse auf das Kreditrisiko, 2018, S. 9 f. Ursachenbezogene Risikopolitik: Maßnahmen setzen bereits vor Übernahme eines Risikos an (ex ante) und versuchen, entweder dieses ganz zu vermeiden oder die Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos zu minimieren: Risikovermeidung durch Ablehnung der Übernahme bestimmter Risiken; Risikoselektion: Überprüfung einzugehender Risiken mit der Entscheidung für oder gegen deren Übernahme (etwa der Kreditantrag eines Schuldners bei Kreditinstituten); Risikoteilung durch Aufteilung eines Risikos auf mehrere Geschäftspartner (etwa Arbeitsgemeinschaft, Bankenkonsortium, Metageschäft); Risikodiversifizierung: Bildung eines Portfolios mit nicht vollständig korrelierten Risikopositionen (Fondsvermögen, Kreditportfolio, Sicherungsvermögen, Wertpapierdepot); Risikobegrenzung durch Vorgabe von Limiten (etwa Begrenzung des Kreditbetrags durch eine Kreditlinie). Wirkungsbezogene Risikopolitik zielt ex post auf die Verminderung potenzieller Verluste aus bereits eingegangenen Risiken ab. Risikoüberwälzung erfolgt durch Abwälzung des Risikos auf Dritte (etwa Exportkreditversicherungen für Exporteure, Gesamtschuld, Mitversicherung); Risikokompensation erfolgt durch Sicherungsgeschäfte offener Positionen durch den Aufbau von Gegenpositionen (etwa Glattstellung eines Devisenterminkaufs mit einem Devisenkassaverkauf); Risikotransfer erfolgt durch Übertragung eines Risikos auf andere Risikoträger (Factoring, Übertragung eines Schadensrisikos auf Versicherungsunternehmen, Rückversicherung); Risikovorsorge durch Zuführung zu Abschreibungen, Rückstellungen oder Wertberichtigungen in der Bilanz, um Finanzrisiken der Vermögenswerte abzusichern. Risikovermeidung geschieht dadurch, dass der ein Risiko beinhaltende Vertrag (Finanzkontrakt) nicht angenommen wird.

Risikopolitik als Teil der Unternehmensstrategie Die Risikopolitik ist in der Unternehmensstrategie als Voraussetzung für die Festlegung der zukünftigen strategischen Stoßrichtung zur Unternehmenswertsteigerung verankert. Durch eine angemessene Risikopolitik sollen die in der Unternehmensstrategie angestrebten Kernkompetenzen, Wettbewerbsvorteile sowie allgemeinen Unternehmensziele erreicht und gesichert werden. Dafür müssen zum einen alle relevanten Risiken, die die innerhalb der Unternehmensstrategie festgelegten strategischen Ziele und zentralen Erfolgsfaktoren beeinflussen, erfasst und quantifiziert werden, um danach zu einem standardisierter Umgang mit Risiken zu gelangen. Aufgrund ihrer strategischen Ausrichtung ist die Festlegung der Risikopolitik also Aufgabe der Unternehmensführung. Dabei muss die Unternehmensleitung eine Art Risikokultur ausstrahlen und die Wichtigkeit dieses Themas unterstreichen. Die Ausführung der Risikopolitik dagegen ist Aufgabe der gesamten Mitarbeiter des Unternehmens. Durch eine strategisch- und wertorientierte Risikopolitik wird eine unternehmensweite einheitliche Kommunikation des Risikomanagements erschaffen.

Abwägung von Rendite und Risiko Für ein optimal agierendes Unternehmen ist es unabdingbar, Rendite und Risiko bezüglich möglicher unternehmerischer Handlungsoptionen abzuwägen. Die Rendite allein ist nicht aussagekräftig genug, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist. Denn eine Entscheidung mit der möglichen Rendite von 8 % ist nicht unbedingt besser als eine Entscheidung mit einer Rendite von 5 %, wenn im ersten Fall ein unverhältnismäßig großes Risiko eingegangen wird. Die Risikopolitik soll ein einheitliches Entscheidungskriterium festlegen, wonach festgelegt wird, wie Mitarbeiter bezüglich möglicher Risiken und Renditen handeln sollen und ein gezieltes Steuern stattfindet. Eine Kennzahl, die Rendite und Risiko verbindet, ist der Unternehmenswert. Je höher die Risiken des Unternehmens, desto mehr Eigenkapital muss als Risikodeckungspotential vorhanden sein, um risikobehaftete Positionen gegebenenfalls decken zu können. Berechnet man also den Unternehmenswert, indem Kapitalkosten aus zukünftigen Ertragsrisiken abgeleitet werden und der Werttreiber Rating betrachtet wird, ist ein Performance-Maß geschaffen, das Ertrag und Risiko verbindet.

Das Risikomanagementsystem soll Chancen und Gefahren (Risiken) gemeinsam betrachten und diese gegeneinander abwägen.

Obergrenze des Gesamtrisikoumfangs und Fixierung des angestrebten Ratings

Um den Fortbestand des Unternehmens zu gewahren, darf der Gesamtumfang der Risiken nicht die Risikotragfähigkeit eines Unternehmens überschreiten. Dafür müssen zunächst innerhalb der Risikoidentifizierung alle Risiken des Unternehmens erfasst und anschließend quantifiziert werden. Dies geschieht durch ein Gesamtrisikoportfolio, das zeigt, wie die Risiken im Unternehmen nach Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit verteilt sind.

Mit Hilfe von Value-at-Risk-Berechnungsverfahren wie der Monte-Carlo-Simulation wird im nächsten Schritt das Gesamtrisiko des Unternehmens im Rahmen der Risikoaggregation ermittelt. Dabei ist zu beachten, dass die Addition der Einzelrisiken nicht dem aggregierten Gesamtrisiko entspricht, sondern durch Korrelation zwischen den Einzelrisiken geringer ausfällt. So stellt eine Addition von Risiken eben keine Risikoaggregation dar, wie notwendig ist, um „bestandsbedrohende Entwicklungen“ im Sinne § 91 Aktiengesetz zu genügen.Werner Gleißner: Die Risikoaggregation: Früherkennung „bestandsbedrohender Entwicklungen“. In: Der Aufsichtsrat, 04/2016, S. 53–55.

Um das ermittelte Gesamtrisiko einschätzen zu können, wird es mit der Risikotragfähigkeit des Unternehmens verglichen. Die Risikotragfähigkeit ist ein objektives Maß dafür, welchen Verlust ein Unternehmen ohne Existenzbedrohung tragen kann.Franz J. Sartor, Corinna Bourauel: Risikomanagement kompakt: In 7 Schritten zum aggregierten Nettorisiko des Unternehmens. 2013, S. 1. Die Finanzierungsstruktur spielt also eine entscheidende Rolle bezüglich des maximal einzugehenden Risikos des Unternehmens. Dadurch stellt sich für jedes Unternehmen ein individuelles Rendite-Risiko-Verhältnis ein.

Speziell ist die Eigenkapitalquote Entscheidungskriterium für das Rating des Unternehmens. Eine hohe Eigenkapitalquote signalisiert die Unabhängigkeit des Unternehmens von Fremdkapitalgebern und damit von Tilgung und Zinsen. Das Rating des Unternehmens wird durch betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie der Eigenkapitalquote beeinflusst, sodass darüber ein angestrebtes Rating fixiert werden kann. Dieses angestrebte Rating festzulegen, ist ebenfalls Aufgabe der Risikopolitik.

Kern- und Randrisiken Mit der Trennung von Kern- und Randrisiken geschieht eine systematische Prüfung, welche Risiken ein Unternehmen selbst tragen soll und welche nicht.