Die altsächsische Sprache (abgekürzt As.) oder die altniederdeutsche Sprache (abgekürzt And.) ist die älteste Sprachstufe des Niederdeutschen („Plattdeutschen“). Sie wurde vom frühen 5. bis 12. Jahrhundert im Siedlungsgebiet der Sachsen und der Angeln gesprochen, bildet die Vorläuferin des Mittelniederdeutschen und gehört zur Gruppe der westgermanischen Sprachen bzw. innerhalb dieser zur Gruppe der nordseegermanischen Sprachen.Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen. Ihre Geschichte in Grundzügen. Akadémiai Kiadó Budapest 1975 bzw. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1975, ISBN 3-406-05292-4, S. 244.

Begriffe Der Begriff Altsächsisch bezieht sich auf das mittelalterliche Volk der Sachsen, vergleiche etwa Altalemannisch, Altbairisch, Altniederfränkisch, Altoberfränkisch, Angelsächsisch. Der Begriff Altniederdeutsch verweist auf die frühmittelalterliche Sprachstufe des Niederdeutschen und fügt sich in die auch bei anderen Sprachen übliche Reihung Alt-, Mittel-, Neu- plus Namen der Sprache ein, vgl. etwa Alt-, Mittel-, Neuhochdeutsch; Alt-, Mittel-, Neuniederländisch; Alt-, Mittel-, Neuenglisch.

Historisches Bereits im 5. Jahrhundert hatte sich das Nordseegermanische in eine frühaltsächsische, eine urfriesische und eine angelsächsische Varietät gespalten, wobei sich letztere in England – durchaus in Kontakt mit dem sächsischen Festland – zum Altenglischen entwickelte. Die Sprache der Angeln und Sachsen in England wird daher nicht zum Altsächsischen hinzugerechnet. Die Entwicklung der niederdeutschen Sprachformen auf dem Boden des Ostfrankenreichs, später des Heiligen Römischen Reichs ist seit der Eroberung und Zwangsbekehrung Norddeutschlands durch Karl den Großen von den hochdeutschen Mundarten beeinflusst worden.

Verwandte Dem Altsächsischen besonders ähnlich sind das Altenglische und das Altfriesische. Diese drei Sprachformen und ihre Nachfolgesprachen werden unter dem Begriff nordseegermanische Sprachen zusammengefasst. Weitere verwandte westgermanische Sprachen des Frühmittelalters sind das Altniederländische (Altniederfränkische) und das Althochdeutsche.

Lange Zeit war die genaue Position des Altsächsischen innerhalb der dialektalen Landschaft der westgermanischen Sprachen Gegenstand intensiver Diskussionen, geprägt von zwei konkurrierenden Theorien. Die „fränkische Hypothese“, insbesondere 1924 von Ferdinand Holthausen vertreten, besagt, dass das Altsächsische (zusammen mit Altniederländisch und Althochdeutsch) zur „fränkischen Gruppe“ der westgermanischen Sprachen gehört und später (nach der Völkerwanderung) durch Altfriesisch und Altenglisch beeinflusst worden sei. Die alternative Hypothese, gelegentlich als „ingvaeonische Theorie“ bezeichnet, wurde erstmals von Ferdinand Wrede aufgestellt und geht davon aus, dass das Altsächsische ursprünglich ein ingvaeonischer Dialekt war, der anschließend durch Altniederländisch und Althochdeutsch beeinflusst wurde. In der modernen Sprachwissenschaft gilt letztere Theorie als die vorherrschende.Elżbieta Adamczyk: Reshaping of the Nominal Inflection in Early Northern West Germanic. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2018, S. 316–317.

Verbreitung mini|hochkant=1.5|Niedersächsisches Sprachgebiet im 19. Jahrhundert (ohne Ostniederdeutsch) Das Gebiet des Altsächsischen im 5. Jahrhundert ist nur schlecht belegt, umfasst aber im Wesentlichen das heutige Niedersachsen, Westfalen, Lippe, Engern und Ostfalen, einschließlich der heute zu Sachsen-Anhalt gehörenden, linkselbischen Gebiete (etwa von Halle bis Magdeburg).

Im Süden verlief der Übergangsbereich zu den althochdeutschen Dialekten Altthüringisch, Altrheinfränkisch und Altmittelfränkisch auf einer Linie südlich von Merseburg, Göttingen, nordwestlich Kassels, Korbach bis zum Sauerland und Ruhrgebiet. Somit gehört auch der nordwestliche Teil Hessens zum altsächsischen Sprachgebiet. Der östliche heutige Teil der Niederlande (ungefähr die Provinzen Overijssel, Drenthe und das nördliche Gelderland) gehörten ebenfalls zum altsächsischen Sprachgebiet. Südlich davon begann das altniederfränkische Sprachgebiet. Im Norden grenzte das Gebiet von Groningen bis nach Bremerhaven an das altfriesische Sprachgebiet sowie entlang der Eider ans altdänische und im Nordosten etwa auf einer Linie von Plön bis Lauenburg und ab dort weiter Elbe und Saale entlang ans westslawische Sprachgebiet. In der Altmark und im Wendland wurden sowohl Altsächsisch als auch Westslawisch gesprochen.

Eine dialektale Differenzierung des Altsächsischen ist zwar anzunehmen, aufgrund des beschränkten Quellenmaterials lassen sich jedoch keine klar umgrenzten Dialekte bestimmen. Die Anzahl und Ausprägung nordseegermanischer Merkmale im Altsächsischen nimmt von Osten nach Westen und von Norden nach Süden hin ab.

Quellen und Dokumente Die altsächsische Sprache ist nur in wenigen Dokumenten überliefert, so in der nur bruchstückhaft überlieferten altsächsischen Genesis und vor allem in der größten Dichtung, dem Heliand, der als episches Werk nach dem Muster germanischer Heldensagas die Geschichte von Jesus Christus erzählt. Der Heliand umfasst etwa 80 % des insgesamt überlieferten altsächsischen Textkorpus.Elżbieta Adamczyk: Reshaping of the Nominal Inflection in Early Northern West Germanic. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2018, S. 320. Die wenigen anderen Quellen sind zumeist Übersetzungen aus dem Lateinischen und daher in der Lexik begrenzt.

Bei der Untersuchung der schriftlichen Quellen muss zudem bedacht werden, dass sie meist nicht von Sachsen, sondern von Franken oder Baiern aufgezeichnet wurden, die vermutlich der sächsischen Sprache nur begrenzt mächtig waren.

Merkmale Das Altsächsische zeigt zahlreiche ingwäonische Merkmale, wie das Nasal-Spirans-Gesetz. Dieses beschreibt, dass die urwestgermanischen Kombinationen von Vokal-Nasal-Spirans in späteren Sprachstufen, aber noch vor Beginn der Schriftlichkeit den Nasallaut unter Ersatzdehnung des Vokals verloren. Anders als im Englischen und Friesischen wurde diese Lautentwicklung im Verlauf der niederdeutschen Sprachgeschichte allerdings wieder vielfach rückgängig gemacht.

Sprache Historischer Sprachstand Moderner Sprachstand Historischer Sprachstand Moderner Sprachstand Urgermanisch *uns – *gans – Altfriesisch/Westfriesisch ūs ús gōs goes (Alt-)Englisch ūs us gōs goose Altsächsisch/Niederdeutsch ūs us gās Goos (mundartlich auch Gaus) Altfränkisch/Niederländisch uns ons gans gans (Alt-)Hochdeutsch uns uns gans Gans

Grammatik Verben Bei den Verben wird zwischen einer starken (vokalischen) und einer schwachen Konjugation unterschieden. Neben diesen beiden Gruppen gibt es die Präteritopräsentien, Verben, welche mit ihrer ursprünglichen Präteritums­form eine Präsensbedeutung aufweisen.

Das Altsächsische weist im Gegensatz zum Althochdeutschen einen Einheitsplural auf, allerdings in zwei unterschiedlichen Formen, so lautet die Endung des Präsens Plural im Indikativ -ađ, und im Konjunktiv -en. In der späteren (mittelniederdeutschen) Sprachentwicklung sind Indikativ und Konjunktiv (Optativ) Präsens zusammengefallen, wobei die Formen des modernen Westniederdeutschen auf dem as. Indikativ (-et), die des modernen Ostniederdeutschen auf dem as. Konjunktiv (-en) beruhen (Wiesinger 1983, S. 824).Peter Wiesinger: Areale Bereiche deutscher Dialekte im Überblick. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. 2. Halbband. De Gruyter, Berlin / New York 1983, ISBN 3-11-009571-8, S. 789–900.

Starke Verben Bei den starken Verben kommt es im Altsächsischen zur Veränderung des Vokals im Grundmorphem, welches die lexikalische Bedeutung des Wortes trägt. Die Flexion (Beugung) der Wörter wird durch Flexionsmorpheme (Endungen) gekennzeichnet. Anstelle der reduplizierenden Verben ist im Altsächsischen eine neue, siebte Ablautreihe getreten.

+ Ablautreihen starker Verben Ablautreihe Infinitiv Präsens Präteritum Prät. Plural Partizip I. ī + Konsonant ī ê i i II. a io/ia + Konsonant iu ô u o b ū + Konsonant ū III. a i + Nasal oder Konsonant i a u u b e + Liquid oder Konsonant o IV. e/i + Nasal oder Liquid i a ā o V. e + Konsonant i a ā e VI. a + Konsonant a ō ō a VII. a a + l oder n und Konsonantauch mit nasalisiertem, gedehnten /ą̄/ anstelle von kurzem /a/ a e e a b ā + Konsonant ā ē ē ā c ê + Konsonant ê ê d ô + Konsonant (außer w) ô io/ia io/ia ô e au + w au io/ia io/ia au f ō + Konsonant ō io/ia io/ia ō

Beispiele in rekonstruiertem und vereinheitlichtem Altsächsisch:

Ablautreihe I. rīdan – rīdu – rêd – ridun – (gi)ridan (nhd. reiten, nnd. ryden) Ablautreihe II.a. biodan – biudu – bôd – budun – (gi)bodan (nhd. bieten, nnd. beden) Ablautreihe II.b. būgan – būgu – bôg – bugun – (gi)bogan (nhd. biegen, nnd. bugen) Ablautreihe III.a. bindan – bindu – band – bundun – (gi)bundan (nhd. binden, nnd. binden) Ablautreihe III.b. werpan – wirpu – warp – wurpun – (gi)worpan (nhd. werfen, nnd. wearpen) Ablautreihe IV. neman – nimu – nam – nāmun – (gi)noman (nhd. nehmen, nnd. neamen) Ablautreihe V. gevan – givu – gav – gāvun – (gi)gevan (nhd. geben, nnd. geaven) Ablautreihe VI. faran – faru – fōr – fōrun – (gi)faran (nhd. fahren, nnd. faren) Ablautreihe VII.a. waldan – waldu – weld – weldun – (gi)waldan (nhd. walten, nnd. walden) Ablautreihe VII.b. rādan – rādu – rēd – rēdun – (gi)rādan (nhd. raten, nnd. råden) Ablautreihe VII.c. hêtan – hêtu – hēt – hētun – (gi)hêtan (nhd. heißen, nnd. heyten) Ablautreihe VII.d. hlôpan – hlôpu – hliop – hliopun – (gi)hlôpan (nhd. laufen, nnd. loupen) Ablautreihe VII.e. hauwan – hauwu – hiow – hiowun – (gi)hauwan (nhd. hauen, nnd. hauwen) Ablautreihe VII.f. hrōpan – hrōpu – hriop – hriopun – (gi)hrōpan (nhd. rufen, nnd. ropen)

+ Flexionsformen starker Verben am Beispiel werpan (Infinitiv) Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum Indikativ Singular 1. ik wirpu warp 2. thū wirpis wurpi 3. hē, siu, it wirpid warp Plural wī, gī, sia werpađ wurpun Konjunktiv Singular 1. ik werpe wurpi 2. thū werpes wurpis 3. hē, siu, it werpe wurpi Plural wī, gī, sia werpen wurpin Imperativ Singular wirp Plural werpađ Partizip werpandi (gi)worpan

Schwache Verben Die schwachen Verben des Altsächsischen lassen sich morphologisch und semantisch über ihre Endungen in drei Gruppen einteilen:

+ Formen schwacher Verben mit der Endung -jan mit kausativer Bedeutung und für denominative Bildungen am Beispiel urgerm. *taljaną → as. tėlljan ‚(auf-, er-, zu-)zählen, (aus-)sagen, sprechen‘. Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum Indikativ Singular 1. ik tėllju talda 2. thū tėlis taldos 3. hē, siu, it tėlid talda Plural wī, gī, sia tėlljađ taldun Konjunktiv Singular 1. ik tėllje tėlidi 2. thū tėlljes tėlidis 3. hē, siu, it tėllje tėlidi Plural wī, gī, sia tėlljen tėlidin Imperativ Singular tėli Plural tėlljađ Partizip tėlljandi (gi)tald

+ Formen schwacher Verben mit der Endung -on mit instrumentaler Bedeutung (etwas benutzen) am Beispiel makon ‚machen‘ Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum Indikativ Singular 1. ik makon makoda 2. thū makos makodos 3. hē, siu, it makod makoda Plural wī, gī, sia makođ/makojađ makodun Konjunktiv Singular 1. ik mako/makoje makodi 2. thū makos makodis 3. hē, siu, it mako/makoje makodi Plural wī, gī, sia makon/makojan makodin Imperativ Singular mako Plural makođ Partizip makondi (gi)makod

+ Formen schwacher Verben mit der Endung -jan mit durativer Bedeutung (vollziehen, werden) am Beispiel sėggjan ‚sagen‘ Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum Indikativ Singular 1. ik sėggju sagda 2. thū sages sagdos 3. hē, siu, it saged sagda Plural wī, gī, sia sėggjađ sagdun Konjunktiv Singular 1. ik sėggje sėgidi 2. thū sėggjes sėgidis 3. hē, siu, it sėggje sėgidi Plural wī, gī, sia sėggjen sėgidin Imperativ Singular sage Plural sėggjađ Partizip sėggjendi (gi)sagd

Besondere Verben