Agrippina (HWV 6) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die in der Karnevalssaison 1709–1710 im Teatro San Giovanni Grisostomo (heute: Teatro Malibran) in Venedig aufgeführt wurde. Sie ist heutzutage eine von Händels bekannteren OpernThomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 42. (Stand 2026).
Entstehung Über die Umstände der Entstehung und selbst der Aufführungen von Händels Agrippina gibt es einige offene Fragen.
Händels Autograph ist undatiert.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 128. Auch sein erster Biograph John Mainwaring – der selber kein Augenzeuge war, sondern erst fünfzig Jahre später, entweder auf der Grundlage von Berichten durch Händel selber oder durch dessen Vertrauten John Christopher Smith d. J., über die Umstände berichtete – gibt kein genaues Datum an, behauptete allerdings, Händel sei nach knapp einem Jahr in Florenz – wo er seine Italienreise begann – nach Venedig gereist und habe dort nach einer Begegnung mit Domenico Scarlatti im Karneval den Auftrag für die Oper ganz kurzfristig und geradezu gegen seinen Willen angenommen und das Werk innerhalb von nur drei Wochen vor der Uraufführung komponiert.John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel: to which is added, a catalogue of his works, and observations upon them, London: Printed for R. and J. Dodsley, 1760, S. 51–52 Mainwarings Bericht steht nicht nur chronologisch in einem Widerspruch zu dem erhaltenen Libretto, das mit 1709 datiert ist, sondern wirft auch über die Mitwirkung der seinerzeit berühmten Sängerin Vittoria Tarquini Fragen auf. Diese soll bereits in Florenz in Rodrigo gesungen haben, wird aber im (erhaltenen) Libretto zu Agrippina nicht erwähnt; sie soll außerdem in Händel verliebt gewesen sein (und vielleicht sogar eine Beziehung mit ihm gehabt haben).Mainwaring nennt die Sängerin nur beim Vornamen „Vittoria“, aber aus den Umständen ist klar, dass es sich um die Tarquini gehandelt haben muss. John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel: to which is added, a catalogue of his works, and observations upon them, London: Printed for R. and J. Dodsley, 1760, S. 50–51 und 53–54Eine Liaison von Händel und einer Sängerin namens „Vittoria“ erwähnte auch Kurfürstin Sophie von Hannover in einem Brief vom 14. Juni 1710. Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 45Donald Burrows: Handel, Oxford University Press, 2. Edition 2010, S. 1359–1360 und 1365.Jonathan Keates: Handel – the Man and his music, Random House, 1985/2009, S. 34–37 & 49.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 410–411.Thomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 44.
Ein weiteres ungelöstes „Problem“ ist die in einem großen Teil der Literatur akzeptierte bzw. kolportierte Zuschreibung des Librettos an Kardinal Vincenzo Grimani, die keineswegs gesichert ist, sondern auf dunklen Andeutungen in Bonlinis erst 1730 in Venedig erschienenen Le glorie della poesia, e della musicaSiehe: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 44 sowie auf Angaben einer 1755 publizierten erweiterten Ausgabe von Leone Allaccis Drammaturgia (Erstausgabe: 1667) beruht.Thomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 43. In diesem Kontext wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Händel den Kardinal Grimani 1707–1708 in Rom oder im Frühsommer 1708 in Neapel kennengelernt haben könnte, und dabei auch den Auftrag für die Komposition der Agrippina und vielleicht sogar das Libretto erhalten haben mag.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 128. Grimani war neben einer politischen Karriere als habsburgisch-kaiserlicher Botschafter beim Heiligen Stuhl und ab 1708 als Vizekönig von Neapel ein kultivierter und besonders an Musik und Oper interessierter Mensch und seine Familie besaß das prächtigste Opernhaus von Venedig, das Teatro San Giovanni Grisostomo – also den Aufführungsort der Agrippina.
Frühere Händelspezialisten, wie Chrysander, Lang, Strohm und Baselt vermuteten, dass Händel die Oper um 1707–1708 komponierteWinton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 128. (wobei Chrysander davon ausging, dass sie „Anfangs 1708“ auch uraufgeführt wurde und dass die Aufführungen 1709–1710 nur Wiederaufnahmen waren).Friedrich Chrysander: Agrippina. 1708., in: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 189–208; hier: S. 190–191. Nach Baselt könnte Händel in den Wochen vor der Premiere Ende 1709 in Venedig die Partitur nochmal überarbeitet haben, als Anpassung an die konkreten Verhältnisse vorort (Sänger usw.); dies würde erklären, dass im Autograph Teile der Musik nachträglich geändert oder gestrichen wurden.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 89.
Letzteres steht allerdings in einem gewissen Widerspruch zu Mainwarings Bericht. Darüber hinaus ist mittlerweile bekannt, dass das Autograph auf venezianischem Papier geschrieben wurde. Das wiederum könnte einerseits bedeuten, dass die Oper tatsächlich Ende 1709 innerhalb weniger Wochen entstand – was ein für Händel keineswegs ungewöhnlicher zeitlicher Ablauf wäre, ganz besonders, da in der Partitur zahlreiche Selbstentlehnungen enthalten sind.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 128.
Andererseits lautet eine neuere von Ursula Kirkendale auf der Basis von Dokumenten im Archivio Segreto Vaticano aufgebrachte Hypothese, dass Agrippina bereits früher als oft angenommen (eventuell Ende 1706 ?) in Venedig entstand und auch uraufgeführt wurde – und zwar (übereinstimmend mit Mainwaring) mit Vittoria Tarquini in der Titelrolle – und dass die durch erhaltene Libretti dokumentierten Aufführungen von 1709–1710 in Wirklichkeit eine spätere Wiederaufnahme einer revidierten Fassung der Oper gewesen sein könntenThomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 44. Schipperges bezieht sich auf: Ursula Kirkendale: Händel bei Ruspoli: Neue Dokumente aus dem Archivio Segreto Vaticano, Dezember 1706 bis Dezember 1708, in: Händel-Jahrbuch 50 (2004), S. 309–371 (übereinstimmend mit Chrysander).Friedrich Chrysander: Agrippina. 1708., in: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 189–208 (besonders: S. 190–191) Auch dies liefert eine plausible Erklärung für die Änderungen im Autographen, würde allerdings bedeuten, dass die erwähnten Selbstentlehnungen gar nicht alle von früheren Werken in die Partitur der Agrippina übertragen wurden, sondern zumindest teilweise umgekehrtThomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 45. (auch das vermutete schon Chrysander).
Wie auch immer dem sei, das erhaltene gedruckte Libretto (in mehreren erhaltenen Exemplaren) ist nur pauschal mit 1709 datiert,Siehe das Deckblatt des Original-Libretto-Drucks, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. 275.Darauf bezog sich offenbar die Angabe im Händel-Handbuch Bd. 4 (1985), dass das genaue Datum der Aufführung nicht überliefert sei. Siehe: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 43 jedoch ist durch eine zeitgenössische handschriftliche Quelle der 26. Dezember 1709 als Tag der Premiere überliefert,Laut einem „manuscript newsletter“. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 128–129.Schipperges irrte anscheinend, wenn er schrieb: „Das Textbuch der genannten Aufführung trägt das Datum des 26. Dezember“, ist aber korrekt, wenn er später zur Bestätigung des Datums auf das „zeitgenössische Schrifttum“ hinweist. Thomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 43–44 und S. 52, Fußnote 25. die im Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig stattfand, mit der folgenden Besetzung:Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 43–44
mini|hochkant|Die Besetzungsliste im Original-Libretto Agrippina – Margherita Durastanti, wahrscheinlich abwechselnd mit Elena CroceCroce wird in einer frühen Kopie als Darstellerin der Agrippina genannt. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 129.Auch: Thomas Schipperges: Agrippina (HWV 6), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 42. (Sopran) Claudio – Antonio Francesco Carli (Bass) Poppea – Diamante Maria Scarabelli (Sopran) Ottone – Francesca Maria Vanini-Boschi (Alt) Nerone – Valeriano Pellegrini (Soprankastrat) Pallante (Pallas) – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Narciso (Narcissus) – Giuliano Albertini (Altkastrat) Lesbo – Nicola Pasini (Bass) Giunone – unbekannt Laut John Mainwaring machte die Oper geradezu Sensation und erlebte während der Karnevalssaison 27 Aufführungen:
Aufführungsgeschichte 18. Jahrhundert Agrippina wurde zwar in Venedig nach 1710 nicht mehr gespielt, erlebte jedoch mehrere Inszenierungen an anderen Orten. In Neapel wurde das Werk am 15. Februar 1713 im Teatro San Bartolomeo mit musikalischen Ergänzungen von Francesco Mancini und möglicherweise unter dessen Leitung gespielt. Auch in Hamburg im Theater am Gänsemarkt gab es zwischen 1718 und 1722 eine Produktion, die an fast dreißig Abenden unter Leitung von Matthias Christoph Wideburg lief. Anlass für die erste Aufführung dieser Serie war die Wiedereröffnung des Hamburger Opernhauses durch den neuen Theatermanager, den mecklenburgischen Hofrat Johann Georg Gumprecht. Schließlich war der Kaiserliche Ballsaal am Tummelplatz in Wien Schauplatz einer Aufführung eines Pasticcios im Jahre 1719, in dem neben der Musik von Händel auch Gesänge von Andrea Stefano Fiorè und Antonio Caldara eingebaut wurden.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 130.
Seit dem 20. Jahrhundert Nach einer Pause von über 200 Jahren wurde die Oper zuerst am 21. Februar 1943Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen. In: Händels Opern (2 Bände), Hrsg. Arnold Jacobshagen, Panja Mücke, ISBN 978-3-89007-686-7, Laaber-Verlag, Laaber 2009, S. 424 f. in Händels Geburtsstadt Halle im Rahmen des 12. Hallischen Händelfestes (alte Zählung) im dortigen Stadttheater unter der Leitung von Richard Kraus auf die Bühne gebracht.