Friedrich W. Buri (* 18. Januar 1919 in Mainz; † 29. Mai 1999 in Bilthoven, Niederlande), genannt Buri, war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller. Sein Geburtsname lautete Adolf Friedrich Wongtschowski. Zusammen mit William Hilsley gehörte er zum engsten Freundeskreis um Wolfgang Frommel. Wie Hilsley war auch Buri nach seiner Flucht aus Deutschland Lehrer an der Quäkerschule Eerde, bevor er nach dem Überfall der deutschen Truppen auf die Niederlande untertauchte und in einem Amsterdamer Versteck, dem Castrum Peregrini, den Krieg überlebte.

Biografie Frankfurter Jahre Schul- und Berufsausbildung Adolf Friedrich WongtschowskiSoweit keine anderen Quellen angegeben sind, orientieren sich die biografischen Angaben über Wongtschowski/Buri an Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister. stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie. Seine Eltern waren der Kaufmann Max Wongtschowski (* 1877 in Landsberg an der Warthe; † 1949 in São Paulo) und dessen Ehefrau Emma, geborene Seelig, die aus Rheinhessen stammte. 1921 zog die Familie nach Frankfurt am Main und wohnte in der Altstadt, in einer Vierzimmerwohnung in der Braubachstraße in der Nähe des Doms.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 12. Hier wurden die drei Söhne Kurt (* 1909), Hans (* 1914) und Adolf Friedrich (* 1919) geboren.

Von 1925 bis 1929 besuchte Adolf Friedrich Wongtschowski die Volksschule und danach bis zu den großen Ferien 1933 das Wöhler-Realgymnasium in Frankfurt. Während er sich an seine Schulzeiten nur wenig erinnerte, beschrieb er ausführlich die Wohnsituation und das Familienleben – einen glimpflich verlaufenen Suizidversuch eingeschlossen.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 12. Während seiner Gymnasialzeit fand er durch seinen Bruder Kurt Zugang zu dem Jugendbund „Die Kameraden“. Kurt war in diesem Umfeld der Name „Arco“ zugefallen, und auch die jüngeren Kameraden, zu denen Adolf Friedrich noch zählte, begeisterten sich vor dem Hintergrund ihrer Lektüre der Germanischen Götter- und Heldensagen für die darin vorkommenden Namen:

Der am 30. Januar 1933 zum deutschen Reichskanzler ernannte „berühmte Zeitgenosse“ Hitler veränderte das Leben der Familie Wongtschowski nachhaltig. Buri durfte als „Nichtarier“ nach den Sommerferien nicht mehr das Gymnasium besuchen, und die Eltern und die Brüder machten bald schon Pläne für die Auswanderung. Arco, der als Prokurist in einer Handelsfirma arbeitete, sollte nach Südamerika gehen und von dort die Übersiedlung der Familie vorbereiten. Dafür hielt die Familie auch eine handwerkliche Ausbildung für Buri für nützlich, weshalb er nach den Sommerferien 1933 eine Lehre bei einem jüdischen Frankfurter Malermeister begann.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 25 Buri legte „als einer der letzten jüdischen Handwerker vor der Frankfurter Malerinnung die Gesellenprüfung“ ab und „bekam schliesslich mit vielen anderen Frankfurter ‚Stiften‘ in feierlicher Zeremonie den Gesellenbrief überreicht“. Buri trauerte der abgebrochenen Schulausbildung nicht nach und war sich gewiss, dass die Erlernung dieses praktischen Berufs eine brauchbare Grundlage für sein weiteres Leben abgegeben und ihn gelehrt habe, seine Hände zu gebrauchen. In Bezug auf die ihm verwehrte intellektuelle schulische Bildung verwies er auf das ihm zuteil gewordene Glück durch Begegnungen mit Menschen, „denen ich abgucken konnte, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise man Einsichten in geistige Zusammenhänge gewinnen kann, die zum rechten Handeln notwendig sind. Unter diesen Leuten war aber keiner, der im Stand gewesen wäre mir beizubringen, wie man einen Hammer, einen Pinsel, ein Metermass hantiert. So bin ich froh, diese wichtigen Fähigkeiten doch erworben zu haben, und zwar paradoxerweise gerade durch das Eingreifen einer meinem Leben feindlich gesinnten Staatsgewalt.“Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 27–28

Bis zur Jahresmitte 1937 und der Übersiedelung nach Berlin arbeitete Buri als Maler (Anstreicher) in Frankfurt.

Bekanntschaft mit Wolfgang Frommel Am 5. August 1933 nahm Kurt Wongtschowski seinen Bruder Buri zu einem zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr legalen Treffen der „Kameraden“ mit. Buri traf hier zum ersten Mal Hans-Joachim Schoeps und – für ihn von weit größerer Bedeutung – Wolfgang Frommel.Stephan C. Bischoff übergeht in Nachwort – Zeittafel – Namensregister die Jahre 1933 bis zu Buris Ausreise nach den Niederlanden im August 1937 nahezu völlig, obwohl das für Buris Prägungen die entscheidenden Jahre waren. Günter Baumann urteilt, dass für Frommel „neben Billy Hildesheimer, den er als Hauslehrer noch in den 20er Jahren unterrichtete, […] Buri der aufmerksamste jüdische Zögling dieser Zeit“ war. (Günter Baumann: Dichtung als Lebensform, S. 244) Es entstand aus dieser ersten Begegnung heraus eine Freundschaft, die Buri mit einem Zitat von Stefan George charakterisierte: „Freundschaft zwischen Männern muss erzieherisch sein und tragisch, sonst ist sie widerlich. Dann aber ist sie ein Einbruch in die Bürgerlichkeit.“Stefan George, zitiert nach Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge, S. 11.

Einen kurze Zeit später stattgefundenen Besuch in Frommels Frankfurter Büro beim Westdeutschen Rundfunk beschreibt Buri als gleichsam mystische Erleuchtung, die fortan seine Beziehung zu Frommel begleitet:

Man könnte dies, was dem vierzehnjährigen Buri hier widerfahren zu sein scheint, als jugendliche Schwärmerei für einen deutlich älteren Mann abtun, doch es war eine Gefühlslage, die über den Tod Frommels hinaus anhielt und die von Frommel auch immer wieder bestärkt wurde, so zum Beispiel bei einem Abendspaziergang am Main, bei dem Buri das erste Mal ein von Frommel vorgetragenes Gedicht vernahm:

Es zeigt sich in diesen Zitaten bereits deutlich „die pseudo-religiöse Kombination aus Erotik und Dichtung“, die für den Kreis um Frommel, „einer spirituell-erotischen Männergesellschaft“,Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 160–161. kennzeichnend war und auch die späteren Jahre in den Niederlanden prägte. Und Buri wie auch sein späterer Freund William Hilsley verkörpern nahezu idealtypisch das Frommelsche „Beuteschema“: Beide waren dreizehn beziehungsweise vierzehn Jahre alt, als sie in Kontakt zu dem älteren Mann kamen, der ihnen das Gefühl vermittelte, voll und ganz für sie da zu sein, sie trotz des Altersunterschieds als Gleichberechtigte anzuerkennen. Frommel, der sehr wohl sexuelle Kontakte zu seinen „Schülern“ unterhielt, wie Claus Victor Bock aus eigener Erfahrung berichteteClaus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 14–15. und seine Freunde haben sich jedoch „nie als homosexuell definiert, wie auch ihr Vorbild Stefan George seine erotische Neigung zu Männern und Knaben nicht mit diesem Wort bezeichnet sehen wollte“:

Ginge es, wie in dem Zitat ausgeführt, nur um ‚das komplexe Spiel und die kulturelle Bedeutung erotischer und emotionaler Bande unter Männern‘, müsste man dieser Argumentation nicht weiter hinterfragen. Aber im Umfeld von Frommel handelt es sich fast immer um erotische und emotionale Bande zwischen älteren Männern und ihren meist deutlich jüngeren – oft minderjährigen – „Gefährten“. Dass hier eine andere Sichtweise zwingend ist, hat spätestens der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule deutlich gemacht – und nicht weniger die 2017 und 2018 bekanntgewordenen Missbrauchsvorwürfe gegen Wolfgang Frommel und William Hilsley.Siehe hierzu: Julia Encke: Missbrauch im Namen Stefan Georges. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. Mai 2018, und: Joke Haverkorn van Rijsewijk: „Es war ein unentwegtes Drama“. Interview mit Joke Haverkorn van Rijsewijk. Die Zeit, Nr. 22/2018, 24. Mai 2018. Obwohl ja auch Buri zu dem engsten Kreis um Frommel zählte, finden sich in diesen Artikeln keine Vorwürfe gegen ihn.

Buri träumte derweil davon, „mit Wolfgang, wo auch immer, allein zu sein, seine Aufmerksamkeit ganz auf mich gerichtet zu fühlen, mich in ihren ungeteilten Strahlen zu sonnen, als gäbe es niemand ausser uns auf der Welt“.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 50. Doch Frommel entzog sich diesem Ausschließlichkeitsanspruch, ließ Buri wissen, dass es auch noch andere Freunde gäbe. Zudem wurde er Mitte des Jahres 1934 zum Rundfunk in Berlin versetzt, wodurch auch noch eine räumliche Distanz hinzukam. Wolfgang Frommels Bruder Gerhard, der seit Sommer 1933 am Frankfurter Hochschen Konservatorium unterrichtete und den Wolfgang beauftragt hatte, „während seiner Abwesenheit sich um mich zu kümmern, sozusagen als sein Stellvertreter bei mir nach den Rechten zu sehen“,Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 56. machte Buri „mit seinem jungen Freunde Melchior [Bengen] bekannt“.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 59. Melchior Bengen (1919–2004), gleichaltrig wie Buri, wurde später Internist und starb in München. Er erinnerte sich an eine Begegnung mit Buri im Herbst 1933, als dieser ihm mit seiner Weissbinderkarre begegnete: „Wir grüssten uns fröhlich, ich fuhr aber weiter, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob ihm ein Treffen mit mir so plötzlich und unter diesen Umständen zusagte. Jedenfalls grenzte mein Gefühl für ihn an Ehrfurcht, als ich, der bürgerliche Gymnasiast, ihm, dem kleinen Malerlehrling mit den zwei Leben begegnete, ihm, der schon bei E. M. (Ernst Morwitz) vorgelesen hatte und gleichzeitig täglich als Anstreicher tätig war – das erinnerte an Harun al Raschid, einen als Bettler verkleideten Prinzen in 1001 Nacht.“ (zitiert nach Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister. S. 233.) Für Buri, der gerade den Mansardenraum der elterlichen Wohnung für sich eingerichtet hatte, „war Melchior der erste, den ich dort empfing und mit dem ich ihn feierlich einweihte. Wir entzündeten die Kerzen, rauchten Zigaretten, auf die wir Weihrauchkörner legten, lasen uns gegenseitig unsere Gedichte vor und priesen uns glücklich, eine Freundschaft zu zelebrieren, die einem gemeinsamen verehrten Stern unterstand“.Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 60. Es ist dies sprachlich die oben schon zitierte „spirituell-erotischen Männergesellschaft“, die hier beschworen wird, wobei in der Schwebe bleibt, wo genau die Grenze zwischen „spirituell“ und „erotisch“ verläuft. Doch auch, wenn Buri bekennt, dass nach „dem Zusammenschluss mit dem anderthalb Jahrzehnte älteren Wolfgang […] Melchior der erste Freund meines Jahrgangs [war], der mir zufiel“, und ihm dessen Zuneigung ungemein gut tat,Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 60. scheint das spirituelle Moment in dieser Beziehung überwogen zu haben. Denn erst im Anschluss an die Begegnung mit Melchior Bengen berichtet Buri von seinem ersten bewussten sexuellen Erlebnis mit „einem blonden Buben meines Kalibers“, den er zufällig in der Straßenbahn kennengelernt hatte. Dass sich dieser Junge beim verabredeten Treffen ausgerechnet als Hitlerjunge entpuppte und Buri in Uniform begrüßte, war Ironie des Schicksals, tat aber dem gemeinsamen Begehren keinen Abbruch: