mini|Argomento der Erstaufführung von Orlando 1733 mit englischer Übersetzung von Samuel Humphreys British Museum London, Signatur: 907.t.2 Orlando (HWV 31) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 27. Januar 1733 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte. Die Oper war ursprünglich nicht besonders erfolgreich, wird aber heute allgemein als Meisterwerk angesehen.Hansjörg Drauschke: Orlando (HWV 31), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 259
Das Sujet basiert auf dem Epos Orlando furioso (1516/1532) von Ludovico Ariosto, das auch den Stoff für Händels spätere Opern Ariodante und Alcina (beide 1735) lieferte.
Entstehung und Uraufführung Orlando entstand für die vierte Spielzeit (1732/33) von Händels sogenannter zweiter Opernakademie und ist die letzte Oper, die er für sein bisheriges Ensemble mit dem berühmten Alt-Kastraten Senesino an der Spitze komponierte, bevor dieser zu dem neugegründeten Konkurrenzunternehmen der „Opera of the Nobility“ („Adelsoper“) überlief. Seit Dezember 1729 (und bis Juni 1734) war Händel allein für die italienische Oper im King’s Theatre am Haymarket verantwortlich, das von dem Impresario John James Heidegger geführt wurde.Anthony Hicks: Handel. Orlando. L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 30–31
Es ist nicht bekannt, wann Händel mit der Komposition des Orlando begann, aber laut Autograph waren die ersten beiden Akte am 10. November 1732 fertig („Fine dell Atto 2do | Nov. 10“) und zehn Tage später die gesamte Partitur: „Fine dell’ Opera G.F. Handel | Novembr 20 1732.“Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 252
Die Uraufführung im King’s Theatre mit Senesino in der Titelrolle war zunächst für den 23. Januar 1733 vorgesehen, wurde aber auf den 27. Januar verschoben – laut Angaben der Londoner Daily Post, weil „die führenden Sänger … indisponiert“ waren („the principal performers being indisposed“).Siegfried Flesch: Orlando. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe II/28. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1969, S. VII und Fußnote 5aVictor Schœlcher: The Life of Handel. London 1857, S. 122.
Die Sänger der Uraufführung waren: Orlando – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Angelica – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Medoro – Francesca Bertolli (Alt) Dorinda – Celeste Gismondi (Sopran) Zoroastro – Antonio Montagnana (Bass)
Im sogenannten „Opera Register“ – einem Tagebuch der Londoner Opernaufführungen, welches lange Zeit fälschlicherweise Francis Colman zugeschrieben wurde – vermerkte der Verfasser am 27. Januar und 3. Februar:Siegfried Flesch: Orlando. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe II/28. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1969, S. VII
Die königliche Familie war in der Premiere und sechs späteren Aufführungen anwesend. Nach der zweiten kam es zu einem aufsehenerregenden Unfall, weil ein Sänftenträger der Königin auf einer Treppe ausrutschte und die Königin unsanft auf dem Boden landete, ohne sich allerdings eine größere Verletzung zuzuziehen.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 252.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 127
Orlando wurde bis zum 20. Februar zunächst sechsmal gegeben, später folgten nach Wiederaufnahmen von Floridante und zwei Aufführungen von Händels neuem Oratorium Deborah vier weitere Aufführungen zwischen dem 21. April und dem 5. Mai.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 362 Es war noch eine Aufführung des Orlando am 8. Mai geplant, die jedoch wegen der „Indisposition“ eines „Sängers“ – vermutlich der Strada – gegen eine Vorstellung von Floridante ersetzt wurde.
Ein interessanter Bericht über eine der Aufführungen ist von dem schottischen Adligen Sir John Clerk, 2. Baron von Penicuik überliefert, der auch ein erschreckend geringes Publikumsinteresse bezeugte:
Senesino, der mindestens seit Januar 1733 mit der in Planung befindlichen „Adelsoper“ in Verhandlungen stand, verließ knapp einen Monat nach der Dernière Händels Ensemble.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 215 Man vermutet mehrere Gründe für dieses Zerwürfnis: Nachdem das Verhältnis zwischen Händel und seinem Star ohnehin nicht besonders gut gewesen sein soll, wurde es dem italienischen Star wahrscheinlich zu viel, dass er seit dem Vorjahr 1732 auch in englischen Oratorien (Esther, Deborah) auftreten musste, obwohl er Probleme mit der englischen Sprache hatte. Hinzu kam wahrscheinlich auch die extrem ungewöhnliche musikalische Gestaltung der Titelpartie des Orlando, wo Senesino zwar eine enorme Ausdruckspalette demonstrieren konnte, aber deutlich weniger repräsentative Da-capo-Arien zu singen hatte als für einen primo uomo in der Opera seria kurz nach 1730 üblich waren.Anthony Hicks: Handel. Orlando. L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 31 Zusammen mit Senesino liefen auch Händels andere Sänger nach dem Ende der Saison zur Adelsoper über, bis auf die prima donna Anna Maria Strada, die ihm bis 1737 treu blieb.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 134 f
Moderne Aufführungsgeschichte Nach den zehn Vorstellungen unter Händels Leitung 1733 wurde Orlando zum ersten Mal wieder unter dem Titel Orlandos Liebeswahn zum Händelfest in Halle (Saale) am 28. Mai 1922 in einer Bearbeitung von Hans Joachim Moser in deutscher Sprache und unter Leitung von Oskar Braun aufgeführt. Die erste Wiederaufführung in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis war am 25. Februar 1983 während des „Washington University Baroque Festivals“ im Edison Theatre in St. Louis, Missouri mit einem aus dem Collegium Musicum der Washington University und dem Tafelmusik Baroque Orchestra (Toronto) zusammengestellten Orchester unter Leitung von Nicholas McGegan.
Libretto mini|Orlando furioso. Titelblatt des Epos von Ariosto Biblioteca Vaticana, 16. Jh.
Ludovico Ariostos Orlando furioso (1516 / 1532) war lange vor Händel eine beliebte Quelle für Opernstoffe. Bereits 1619 erschien die Geschichte von Orlando, Angelica und Medoro zum ersten Mal in Florenz in Form von Marco da Gaglianos und Jacopo Peris Lo Sposalizio di Medoro e Angelica auf der Opernbühne. Andere bedeutende Vorgänger waren Jean-Baptiste Lullys Tragédie lyrique Roland (Paris, 1685) und Agostino Steffanis Orlando generoso (Hannover, 1691) und bis ins 19. Jahrhundert inspirierte der Stoff immer wieder Komponisten und Textdichter.Siegfried Flesch: Orlando. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe II/28. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1969, S. VIII
Als Vorlage von Händels Orlando-Libretto galt lange Zeit, bis in die 1960er Jahre, Grazio Bracciolis Orlando furioso, das zuerst 1713 in Venedig von Giovanni Alberto Ristori und ein Jahr später von Antonio Vivaldi vertont worden war.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 238 (Fußnote 7) Die ersten, die meinten, dass das nicht stimmen könne, waren Joachim Eisenschmidt (1940) und Edward Dent, welcher 1954 darauf hinwies, dass die handelnden Personen in Händels Oper nicht mit Bracciolis Libretto übereinstimmen, wo unter anderem Alcina, Ruggiero und Bradamante vorkommen (also die Hauptfiguren von Händels Alcina von 1735).
Mittlerweile ist bekannt, dass Händels Libretto grundsätzlich auf Carlo Sigismondo Capeces (1652–1728) dramma pastorale L’Orlando, overo La gelosa pazzia („Orlando, oder die rasende Eifersucht“) basiert, welches 1711 in Rom in einer Vertonung von Domenico Scarlatti aufgeführt worden war (die Musik ist nicht erhalten).Hansjörg Drauschke: Orlando (HWV 31), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 254
Diese Vorlage wurde jedoch für Händel und sein Ensemble stark verändert: Nicht nur wurden wie üblich viele Rezitative gekürzt, es entfiel auch eine wichtige Nebenhandlung um ein Liebespaar namens Isabella und Zerbino (Isabella blieb als „geheimnisvolle“ Prinzessin übrig, die im ersten Akt von Orlando gerettet wird).Anthony Hicks: Handel. Orlando. L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 32 Stattdessen wurde für den Bassisten Antonio Montagnana die Figur des sternenkundigen Magiers Zoroastro eingeführt,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 238 der von vornherein versucht Orlando auf den rechten Weg eines Helden zurückzubringen (und dies auch in den Sternen voraussieht)Hicks Meinung, Orlandos Wahnsinn erscheine als „heilsame Raserei, die von Zoroastro geplant und auferlegt wird, um das Bewusstsein des Helden zu klären“, lässt sich dagegen aus dem Libretto nicht bestätigen, sondern erscheint als eine moderne Überinterpretation. Anthony Hicks: Handel. Orlando. L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 32 und am Ende dessen Liebes-Wahnsinn im Sinne des beinahe aufklärerischen Prinzips der Vernunft heilt.Hansjörg Drauschke: Orlando (HWV 31), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 252Nora Schmid: Orlando. Auf dem Schlachtfeld der Liebe. Programmheft, Sächsische Staatstheater – Semperoper, Dresden 2013, S. 11.
Darüber hinaus wurde die Figur der arkadischen Schäferin Dorinda im Vergleich zu Capeces Vorlage stark aufgewertet, wahrscheinlich um die Fähigkeiten der Sopranistin Celeste Gismondi, die neu in Händels Ensemble war, ins rechte Licht zu rücken.Anthony Hicks: Handel. Orlando. L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 31–32 Dadurch entstand eine ungewöhnliche Konstellation von nur fünf Figuren, von denen das glückliche Liebespaar (Angelica, Medoro) von vornherein feststeht, während die drei anderen (Orlando, Dorinda, Zoroastro) für sich stehen und am Ende leer ausgehen. Die ganze Handlung dreht sich also in erster Linie um Orlandos Konflikt zwischen Liebe und Heldentum (bzw. Vernunft) und den Wahnsinn (und die möglichen schlimmen Konsequenzen für andere), der durch seine falsche Entscheidung ausgelöst wird;Drauschke vereinfacht den Konflikt etwas zu „Vernunft und Wahnsinn“. Hansjörg Drauschke: Orlando (HWV 31), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 254–255 dabei werden zwei verschiedene Möglichkeiten vorgeführt, auf unerwiderte Liebe zu reagieren (Orlando und Dorinda).
Händels Bearbeiter ist nicht bekannt – Winton Dean nannte ihn „a mystery“Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 239 –, aber es spricht einiges dafür, dass Händel an den Änderungen mindestens stark beteiligt war oder sie (teilweise?) sogar selbst vornahm.
Handlung Historischer und literarischer Hintergrund