Saul (HWV 53) ist ein Oratorium in drei Akten von Georg Friedrich Händel mit einem Libretto von Charles Jennens. Die Uraufführung fand am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket in London statt.
Entstehung
Die Komposition des Saul fällt in eine Zeit der Neuorientierung Händels. 1733 hatte er ein Monopol verloren. Bis dahin war er der Leiter des einzigen italienischen Opernunternehmens, der Royal Academy of Music, gewesen: Er konnte die repräsentativen Räumlichkeiten des King’s Theatre am Haymarket nutzen und galt sowohl in schöpferischer als auch in praktischer Hinsicht als die einflussreichste Persönlichkeit auf dem Gebiet der Oper. Dann eroberte ein rivalisierendes Unternehmen, die Opera of the Nobility („Adelsoper“), seit 1734 das King’s Theatre, und Händel sah sich genötigt, seine Aufführungen an anderen Häusern unterzubringen. Das tat er zunächst in John Richs neuem Theater in Covent Garden, wo er immerhin drei Spielzeiten im Wettstreit mit der Adelsoper veranstaltete. In diesen Jahren produzierte er einige herausragende neue Opern, und er entwickelte die Gattung des englischsprachigen Oratoriums.Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 8 ff. Zunächst hatte er 1732 mit der zum Oratorium umgestalteten Esther, einem englischsprachigen Werk, was auf einem biblischen Drama von Jean Racine basiert, einen Prototyp geschaffen, der sofort sehr beliebt war, obwohl der Bischof von London, Edmund Gibson, nicht erlaubt hatte, ein auf einer biblischen Geschichte basierendes Drama auf der Bühne szenisch aufzuführen. So präsentierte Händel Esther in Konzertform und begründete damit das englische Oratorium. Weil es so erfolgreich war, ließ er noch 1733 zwei weitere geistliche Dramen mit englischem Text folgen, die in der gleichen Form aufgeführt wurden: Deborah und Athalia, beides ebenfalls biblische Stoffe aus dem Alten Testament.
Gleichgültig, unter welchem Gesichtspunkt man Händels Laufbahn im Nachhinein betrachtet, eine Tatsache sticht immer hervor: seine hartnäckige Weigerung, vom Theater, insbesondere der Oper, seiner eigentlichen Berufung, abzulassen. Weder finanzielle noch gesundheitliche Katastrophen kamen dagegen an,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 250. deshalb konzentrierte er sich weiterhin auf die Komposition italienischer Opern und ließ erst noch neun weitere von diesen folgen.
Doch er musste um sein Publikum kämpfen: Nicht genug, dass es in London zu wenig Opernfreunde und Mäzene gab, um zwei Häuser zu unterhalten, die neue Adelsoper hatte es auch verstanden, Händels beste Sänger abzuwerben und den berühmten Kastraten Farinelli nach London zu locken. In den Jahren 1737/38, als der wirtschaftliche Zusammenbruch beider Gesellschaften durch den ruinösen Wettbewerb offensichtlich wurde, versuchte man, die Reste beider Konkurrenten miteinander zu vereinigen, und Händel war willens, im Auftrag des im King’s Theatre verbliebenen Unternehmens, das inzwischen „ihren“ Farinelli verloren hatte, weiter italienische Opern zu schreiben. Den im ersten Halbjahr 1738 erstmals aufgeführten Faramondo und Serse war nur mäßiger Erfolg beschieden und es wurde immer deutlicher, dass es mit der italienischen Oper in London bergab ging.
Die Resonanz auf die Subskription für die Saison 1738/39, die Händels Geschäftspartner Heidegger im Mai anbot, war dann auch so gering, dass das Projekt abgebrochen werden musste und dieser in einer Londoner Zeitung seinen Rückzug verkündete:
Doch Händel hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt und drei Tage zuvor die Arbeit am Oratorium Saul, seinem vierten in englischer Sprache, begonnen, welches ihm offenbar erhebliche Probleme bereitete, wie man an zahlreichen Korrekturen und verworfenen Satzanfängen sehen kann. Händel komponierte den ersten Akt vom 23. Juli bis zum 1. August 1738 und obwohl die Arbeit schon weit gediehen war, schien er damit doch vorerst überfordert und ließ die Partitur, am Ende des zweiten Aktes angekommen („Fine dell’Atto 2do. Agost. 8. 1738“) erstmal liegen, um mit einer weiteren italienischen Oper, Imeneo zu beginnen, für dessen Aufführung eigentlich keine Gelegenheit in Aussicht stand.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 491 f. Er komponierte zunächst die meisten Arien der Oper, als ihm aber klar wurde, dass es zur Aufführung in der nächsten Saison an geeigneten Sängern fehlte, legte er das Werk beiseite und machte ab 19. September mit dem Saul weiter. Wie man seiner Notiz am Ende des Chores Nr. 86 O fatal Day entnehmen kann, beendete er diesen, „den 27. Septr 1738“.Bernd Baselt: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 300.
Von Händels Textdichter Charles Jennens lesen wir in einem Brief vom 19. September, in dem er an einen entfernten Verwandten schreibt:
Was die „dritte Grille“ betrifft, konnte Händel seinem Librettisten hier entgegenkommen, denn er verschob besagtes „Hallelujah“ an den Schluss der ersten Szene im ersten Akt (Nr. 5). mini|Textbuch 1739, „Dramatis Personae“ mit handschriftlichen Besetzungshinweisen der Uraufführung. Druck von Thomas Wood, London 1738 mini|Die Francesina sang in der Uraufführung die Michal, John Faber, London 1737
Die Uraufführung des Saul fand am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket in London in folgender Besetzung statt:
Saul – Gustavus Waltz (Bass) David – Mr. Russell (Altus) Jonathan – John Beard (Tenor) Michal – Élisabeth Duparc, detta „La Francesina“ (Sopran) Merab – Cecilia Young-Arne (Sopran) High Priest – John Kelly (Tenor) Witch of Endor – Maria Antonia MarchesiniIhr Name wird im Autographen in der „Elegy“ (Nr. 84) auf Seite 110r erwähnt. Siehe Baselt, Händel-Handbuch 2, S. 150, detta „La Lucchesina“ (Sopran) Apparition of Samuel – Mr. Hussey (Bass) Doeg – Mr. Butler (Bass) Amalekite – Mr. Stoppelaer (Tenor) Abner – ? Mr. RussellDer Nachricht vom 16. Januar 1739 in der „London Daily Post“ zufolge, wurde diese Rolle auch von Mr. Russell, demzufolge aber als Tenor, gesungen. Siehe Percy M. Young in Händel, Saul. Oratorio in three acts/Oratorium in drei Akten, Kassel, Bärenreiter, 2009, S. IV. Auf der anderen Seite erscheint es wenig wahrscheinlich, da David und Abner in einem Rezitativ (Nr. 8) singen müssen. (Tenor)
Aufführungsgeschichte
Nach der Uraufführung wurde Saul im Frühjahr 1739 noch fünfmal an gleicher Stätte gespielt. Diese Vorstellungen waren aber zunehmend schlecht besucht, obwohl Händel zwischen den Akten im Vorfeld durch die Presse extra angekündigte Orgelkonzerte spielte. John Walsh hatte diese zuvor als Opus 4 gedruckt. Händel leitete in der Folge weitere acht Aufführungen des Stückes, 1740 und 1741, je eine Vorstellung in London, 1742 mit großem Erfolg in Dublin, dann wieder in London zweimal im März 1744, im März 1745 und zweimal im März 1750. Die beiden letzten Vorstellungen des Saul zu Händels Lebzeiten, am 15. und 20. März 1752, leitete dann wegen seiner Erblindung sein Assistent Johann Christoph Schmidt der Jüngere in Händels Anwesenheit. In der Folge wurde das Oratorium nur einmal am 10. März 1786 in den traditionellen „Concerts of Ancient Music“ in den Tottenham Street Rooms im Londoner Norden und einmal 1787 in Hamburg (mit deutschem Text) gespielt.Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 198 ff.
Im 19. Jahrhundert wurde Saul mit ziemlicher Regelmäßigkeit von Chorgesellschaften in London, wie etwa der „Sacred Harmonie Society“, und anderswo in Großbritannien aufgeführt. In Kontinentaleuropa war das Werk lange nicht so beliebt wie etwa Judas Maccabaeus oder gar der Messias und wurde nur vereinzelt aufgeführt: 1820 und 1833 in Halle, 1825 in Königsberg, 1833, 1840, 1850 und 1868 in Berlin, etwa 1830 in Moskau und 1837 in Dresden. Im selben Jahr erklang Saul am 16. Juli in Namiest in Mähren beim Grafen Heinrich Wilhelm von Haugwitz, der selbst Geige spielte und den Künsten zugetan war. Er ließ allein in jenem Jahr zehn verschiedene große Werke Händels aufführen und initiierte bis zu seinem Tod 1842 ein reges Musikleben in seinem Schloss.Jan Racek: Oratorien und Kantaten von Georg Friedrich Händel auf dem mährischen Schlosse von Náměšt, in: Händel-Jahrbuch 6, DVfM, Leipzig 1960, S. 175 ff. Ein Unikat für Amerika blieb die Bostoner Aufführung vom 13. März 1853 in der Williams Hall des späteren New England Conservatory of Music.
1862 erschien im Rahmen der Händel Gesamt-Ausgabe Friedrich Chrysanders die Partitur des Saul, was, wie aber in anderen Fällen, die Aufführungszahlen hier nicht nennenswert erhöhen konnte. Nachgewiesen sind Aufführungen im deutschen Sprachraum (und vermutlich auch immer mit deutschem Text) in den Jahren 1871, 1873, 1878, 1880, 1883, 1885, 1899, 1901 und 1910.
Im Oktober 1923 gab es eine denkwürdige Aufführung bei den Hannoverschen Händeltagen in der 6000 Zuschauer fassenden dortigen Stadthalle. Im Sog der von Göttingen ausgehenden Händel-Renaissance hatte Hanns Niedecken-Gebhard das Stück unter dem Titel Saul und David mit 800 Beteiligten in Szene gesetzt (Musikalische Leitung: Rudolf Schulz-Dornburg) und die Wucht der Händelschen Dramatik sinnfällig gemacht, was vermehrt zu szenischen Aufführungen und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in England führte: 1931 in Falmouth, 1933 und 1936 in London, 1937 in Cambridge und auch 1954 im Nationaltheater Mannheim.
Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis gab es im Wiener Musikverein am 28. April 1985 mit dem Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt.
Libretto Saul ist das erste Beispiel der Zusammenarbeit Händels mit dem Librettisten Charles Jennens, einem vermögenden Grundbesitzer und Kunstliebhaber, der später auch den Text für den Messias und weitere Oratorien Händels zusammenstellte. Sein Libretto greift ein bei Dichtern und Komponisten des 18. Jahrhunderts beliebtes Thema auf: der Geschichte von Saul, David und Goliath, wie sie in den Büchern Samuel aufgeschrieben wurde. Jennens bezieht sich hier besonders auf 1 Sam 18–20, 28, 31 und 2 Sam 1. Daneben lassen sich Ideen aus dem Epos Davideis von Abraham Cowley (1656) und der Tragödie The Tragedy of King Saul von Roger Boyle nachweisen. Für die biblischen Vorbilder der Figuren siehe Saul und David.
Handlung
Erster Akt
Das Oratorium beginnt mit einem Triumphgesang der Israeliten für den Sieg über die Philister, bei dem David Goliath besiegt hat.
David zieht mit dem Kopf des Riesen in der Hand ein und wird König Saul vorgestellt. Saul will ihm als Zeichen seiner Gunst eine seiner Töchter zur Frau geben, aber David gibt sich bescheiden und weist darauf hin, dass das Lob Gott gebühre. Sauls Tochter Merab zeigt sich hochmütig gegenüber der niedrigen Geburt Davids, doch sein Sohn Jonathan gibt nichts um dessen Abstammung und freundet sich mit dem tugendhaften David an. Ein Hohepriester pflichtet ihm bei, dass man sein Herz nur an Dinge von wahrem Wert hängen und sein Leben Gott weihen soll. Saul wendet sich an Merab, um sie David zur Frau zu geben, aber sie ist erbost darüber, mit einer solchen Verbindung die Standesschranken zu verletzen. Ihre Schwester Michal meint, sie verdiene den Jüngling gar nicht.
Der Chor preist Saul und David. Saul empört sich, dass in dem Lob David höher gestellt wird als er.
Jonathan hat gemerkt, wie der unpassende Vergleich Saul ergrimmt. Michal fordert David auf, dem König auf der Harfe vorzuspielen und ihn damit zu besänftigen. Sie besingt die Macht der Musik.