Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (Originaltitel: Captain Fantastic) ist ein tragikomisches Filmdrama von Matt Ross, das am 23. Januar 2016 im Rahmen des Sundance Film Festivals seine Premiere feierte. Der Film kam am 8. Juli 2016 in die US-amerikanischen und am 18. August 2016 in die deutschen Kinos.
Handlung In den Wäldern an der Nordwestküste der USA, abseits jeglicher Zivilisation, lebt der überzeugte Aussteiger Ben mit seiner Frau Leslie und ihren sechs Kindern. Er stählt seine Kinder einerseits durch rigoroses körperliches Training in der Wildnis, andererseits fordert er sie auch geistig heraus, indem sie sich schon sehr früh mit komplexen wissenschaftlichen und sozialen Themen befassen, außerdem gehen sie auch mit Tabu-Themen wie Tod oder Sex sehr offen um. Die Kinder sind dadurch deutlich reifer, stärker und intelligenter als ihre Altersgenossen, aber auch weltfremd.
Leslie leidet an einer bipolaren Störung und befindet sich am Anfang des Films in stationärer Behandlung. Als Ben sie besuchen will, erfährt er am Telefon erschüttert, dass sie sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen hat. Der Wunsch, der Beerdigung beizuwohnen, bringt Ben in Konflikt mit Leslies Vater Jack, der Bens Lebensstil rigoros ablehnt und ihm die Schuld an Leslies Tod gibt, da das Aussteigerleben Leslie überfordert habe. Da die Kinder aber unbedingt zur Bestattung wollen, wischt Ben alle Bedenken vom Tisch.
Auf der Reise durch das moderne Amerika erkennen die Kinder, wie fremd ihnen diese Welt ist. Ihre Unsicherheit führt zu einigen auffälligen Verhaltensweisen, sie bestaunen den Materialismus und die Verschwendungssucht der zeitgenössischen amerikanischen Kultur. Bens gut situierte Schwester Harper und ihr Mann, bei denen Ben und seine Kinder einen Zwischenstopp einlegen, halten Bens Lebensstil für realitätsfremd. Ben agiert selbstgerecht und hält dagegen, indem er seine achtjährige Tochter eine spontane freie Rede über die Bill of Rights halten lässt. Nebenbei erfährt er, dass sich sein ältester Sohn Bodevan ohne sein Wissen, aber mit Leslies Unterstützung an verschiedenen Spitzenuniversitäten beworben hat und ausschließlich Zusagen in den Händen hält.
In New Mexico sorgt Ben für einen Eklat bei der Bestattungszeremonie, indem er ungefragt Leslies letzten Willen eröffnet: Als Buddhistin habe sie ausdrücklich gewünscht, eingeäschert und in einer Toilette hinuntergespült zu werden, außerdem solle ihre Bestattung von Tanz und Freude erfüllt sein. Er wird hinausgeworfen. Trotzdem werden die Kinder herzlich von den Großeltern begrüßt. Langsam erkennt Ben, dass er möglicherweise tatsächlich seine Kinder überfordert und in unnötige Gefahren bringt, indem er ihnen seinen Lebensstil aufzwingt. Nachdem seine älteste Tochter bei einer nächtlichen Aktion nur knapp einer schwerwiegenden Verletzung entgangen ist, willigt Ben ein, die Kinder bei seinen Schwiegereltern zu lassen. Doch die Kinder verstecken sich im Laderaum des Busses, mit dem er abfährt, und überreden Ben dann dazu, die verstorbene Mutter doch noch zu „befreien“. Gemeinsam exhumieren sie Leslie, deren christliche Beerdigung sie nicht verhindern konnten, und äschern sie mit fröhlicher Musik an einem Seeufer ein.
Letztlich geht Bodevan nach Namibia, und Ben zieht mit den übrigen Kindern auf einen Bauernhof. Dort haben diese fortan ein Leben mit regulären Schulbesuchen.
Produktion Regie und Drehbuch Die Regie übernahm Matt Ross, der auch das Drehbuch zum Film schrieb. Zur Geschichte des Films wurde Ross durch seine eigene Vergangenheit inspiriert: „Große Teile meines Lebens verbrachte ich inmitten des Nirgendwos in Oregon, wo meine Mutter an der Gründung eines alternativen Wohnprojektes beteiligt war.“ Dort verbrachte Ross nach eigenen Aussagen seine Sommer in Tipis.Mia Galuppo: ‘Captain Fantastic’s’ Viggo Mortensen, Matt Ross on Soccer, Fatherhood and Summers Spent in Teepees In: The Hollywood Reporter, 10. Juli 2016. Dies werde auch im Film deutlich, so der Regisseur. Dort hatten sie gemeinsam Land gekauft und wollten, weit weg von jeglicher Zivilisation, im Einklang mit der Natur leben. Viele hätten dies als „Hippie-Kommune“ bezeichnet, allerdings geschah das Ganze in den Achtzigern, und nicht in den Sechzigern.Bryan Alexander: ‘Captain Fantastic’ moves Matt Ross far from ‘Silicon Valley’ In: USA Today, 5. Juli 2016. „In einem gewissen Alter habe ich mich dann entschieden, diesen Ort zu verlassen, um mit Jugendlichen in meinem Alter zusammensein zu können“, so Ross.
Besetzung und Vorbereitung Die Hauptrolle des Familienvaters Ben Cash wurde mit Viggo Mortensen besetzt. Die Rolle seiner Frau Leslie, die im Film in Rückblenden und als Verstorbene zu sehen ist, wurde an Trin Miller vergeben. Bodevan, der älteste Sohn, im Film kurz Bo genannt, wird von George MacKay gespielt. Samantha Isler spielt die Tochter Kielyr, Annalise Basso ihre Zwillingsschwester Vespyr. Die Rolle von Sohn Rellian wurde von Nicholas Hamilton gespielt. Shree Crooks spielt Zaja, und Charlie Shotwell Bens jüngsten Sohn Nai.
Ein paar Wochen vor Beginn der Dreharbeiten wurden die Schauspieler und die Filmcrew zum Drehort im Westen des Bundesstaates Washington gebracht. Hier sollten sich alle auf ihre Rollen vorbereiten. Ross selbst bezeichnete dies als „Wildnis-Trainingslager“. Als Erster war Mortensen vor Ort; der als Method Actor bekannte SchauspielerJérôme Brunner: ‘Captain Fantastic’: Aragorn ist jetzt ein Vollblut-Hippie In: srf.ch, 10. August 2016. nutzte die Zeit, um das Spiel mit Bens Lieblingsinstrument, dem Dudelsack, zu üben, und bepflanzte den Garten, der auch im Film zu sehen ist. In dieser Vorbereitungszeit wurde neben dem Hauptdarsteller auch den Kinder- und Jungdarstellern, die im Film Bens Kinder spielen und während des Camps Mortensen ihren „Summer Dad“ nannten, beigebracht, wie man ein Feuer macht, ein Reh schlachtet und häutet und auf Felsen klettert. Zudem erhielten sie in Vorbereitung auf ihre Rolle Musikunterricht und eine Kampfsportausbildung.
Bereits beim Casting wurde Wert darauf gelegt, dass die Nachwuchsschauspieler körperlich fit sind und auch über musikalisches Talent verfügen.sunshinecoastdaily.com.au: So spielt Hamilton, im Film als einer von Bens Söhnen zu sehen, seit seinem vierten Lebensjahr SchlagzeugNicholas Hamilton In: starnow.com. Abgerufen am 18. August 2016., und auch George MacKay konnte bereits Gitarre spielen.Joey Kuhn im Gespräch mit Matt Ross und Viggo Mortensen: Captain Fantastic – Q&A with Matt Ross and Viggo Mortensen In: nationalboardofreview.org, 22. Juli 2016. Mortensen selbst hatte eine kleine Musikkarriere vorzuweisen und kann beispielsweise Mundharmonika spielen.bluntreview.com: Seit er ein kleiner Junge war, kannte er zudem das Jagen und Fischen, war jedoch im Klettern nicht geübt, weil er unter Höhenangst leidet.Viggo Mortensen im Gespräch mit Tim Schäfer: „Die Nacktszene gehört zu dieser Geschichte“ – Interview mit Viggo Mortensen In: berlin030.de, 17. August 2016. Mortensens Sprachkenntnisse kamen ihm im Film ebenfalls zugute, denn er unterrichtet im Film seine Kinder nicht nur in Literatur und Philosophie, sondern zudem in sechs Sprachen, die er zum Teil selbst spricht.Viggo Mortensen im Gespräch mit Gabriele Flossmann: Viggo Mortensen: „In Wien vermutet mich keiner“ In: kurier.at, 14. August 2016.
Dreharbeiten Die Dreharbeiten wurden im Juli 2014 im US-Bundesstaat Washington begonnen. Hier drehte man unter anderem im Deception Pass State Park, in Sultan und am Snohomish River.las-cruces.org: Am Camp Korey in Carnation hatten die Filmausstatter die Heimstätte der Familie errichtet, einige Szenen wurden auch in Index und einem nahe gelegenen Wald gedreht.Kim Holcomb: From the towering trees to the running rivers, Pacific Northwesterners will recognize their backyard as the backdrop of Captain Fantastic In: wusa9.com, 14. Juli 2016. Weitere Dreharbeiten fanden in Gold Bar und an der dortigen Grundschule statt, und die Krankenhausszenen wurden im Evergreenhealth Hospital in Kirkland gedreht. Im weiteren Verlauf des Sommers drehte man in New Mexico, darunter in den Städten Albuquerque, Las Cruces und Mesilla. Nach 39 Tagen wurden die Dreharbeiten beendet.
Aufgrund von bestehenden Gesetzen gegen Kinderarbeit in den USA war es den sechs beteiligten Jungdarstellern nicht erlaubt, länger als sechs Stunden am Tag zu drehen.Pete Hammond: Call It ‘Captain Fantastiqué’ As French Fall Big Time For ‘Fantastic’ Viggo Mortensen Movie Premiere — Cannes In: deadline.com, 17. Mai 2016.
Filmmusik Die Filmmusik stammt von Alex Somers. Der Soundtrack Music from the Film Captain Fantastic umfasst 24 Lieder und wurde am 8. Juli 2016 veröffentlicht.‘Captain Fantastic’ Score Album Announced In: filmmusicreporter.com, 24. Mai 2016. Mihnea Manduteanu bezeichnet die Arbeit von Somers als eine der bis dahin besten des Jahres, glaubt, die Filmmusik dürfte polarisieren und es handele sich dabei nicht um eine minimalistische Hintergrundmusik, sondern um eine sehr realistische mit einem Klang, der Seele besitze.Mihnea Manduteanu: Soundtrack review: Captain Fantastic (Alex Somers – 2016) In: soundtrackdreams.com. Abgerufen am 14. August 2016.
Titelliste A New Beginning Church Campfire Funeral Pyre She Slit Her Wrists Memories Fireflies Home Fell Dream Near Death Water (I’m Right Here) School Bus Forrest Look Forward To Keepsakes Remembering Unsoundness Waving Goodbye Day of Your Birth Water (Not Go Home) Goodbye… Disappear Fortress Weitere musikalische Elemente des Films werden auf verschiedenen Instrumenten von den Schauspielern selbst gespielt. Zu Beginn des Films, als die Kinder auf die Jagd gehen und ein Reh ausweiden, werden die Goldberg-Variationen gespielt. Diese und weitere im Film gespielte Songs wurden als Captain Fantastic – Original Motion Picture Soundtrack am 15. Juli 2016 veröffentlicht.
Titelliste Boy 1904 – Jónsi & Alex Sweet Child o’ Mine – Various Scotland the Braver – Various I Shall Be Released – Various Rain Plans – Israel Nash Goldberg Variations; BWV 988, Variation 30 a 1 Clav. Quodlibet – Glenn Gould Un accompanied Cello Suite No. 4 in E-Flat Major; BWV 1010, Prélude – Yo-Yo Ma Varðeldur – Sigur Rós My Heart Will Go On (Love Theme from ‚Titanic‘) – The O’Neill Brothers Group Goldberg Variations – Kirk Ross
Veröffentlichung Der Film feierte am 23. Januar 2016 im Rahmen des Sundance Film Festivals seine Premiere und wurde ab 17. Mai 2016 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes vorgestellt. Der Film kam am 8. Juli 2016 in die US-amerikanischen und am 18. August 2016 in die deutschen Kinos. Ab 3. September 2016 wurde der Film beim Deauville Film Festival im Rahmen des Wettbewerbs gezeigt und wurde hier als Zweitplatzierter mit dem Hauptpreis und zusätzlich mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.festival-deauville.com: (französisch)
Rezeption Altersfreigabe Der Film war in den USA wegen der darin enthaltenen Ausdrucksweise und einer kurzen Nacktszene von der MPAA mit R geratet worden, womit Eltern davon abgeraten wird, ihren Kindern den Besuch des Films zu erlauben.Captain Fantastic In: movieinsider.com. Abgerufen am 11. Juni 2016. Eine Szene, die zu dieser Altersbeschränkung führte, in der Mortensen in frontaler Nacktheit zu sehen ist, kommentierte dieser: „Es ist nur ein Penis.“Bryan Alexander: Cannes: Viggo Mortensen is a marvel in ‘Captain Fantastic’ In: USA Today, 20. Mai 2016. Zudem gehöre die Nacktszene, so Mortensen, zu der im Film erzählten Geschichte: „Ich zeige mich darin als Vater meinen Kindern nackt, um das völlig natürliche, unverklemmte Miteinander dieser Familie zu demonstrieren.“Viggo Mortensen im Gespräch mit Gabriele Flossmann: Viggo Mortensen: “In Wien vermutet mich keiner” In: kurier.at, 14. August 2016.