mini|Doppeldeutig: Straftaten durch die Polizei? – Schild am Bahnhofsvorplatz in Limburg, Dezember 2004
Von einer Mehrdeutigkeit oder einer Ambiguität (von ‚beide‘; ‚zweideutig‘, ‚doppeldeutig‘, ‚mehrdeutig‘, ‚uneindeutig‘; ambig), seltener auch einer Amphibolie (von altgriechisch ‚Zweifel‘, ‚Zweideutigkeit‘, ‚Doppelsinn‘), spricht man, wenn ein Zeichen mehrere Bedeutungen hat. Bei nur zwei Bedeutungen spricht man auch von Doppeldeutigkeit oder Zweideutigkeit. Zu den Mehrdeutigkeiten gehören auch manche Anspielungen, darunter die Frivolität oder Anzüglichkeit.
MehrdeutigkeitLernen, mit Mehrdeutigkeit zu leben deutschlandfunkkultur.de, 30. Dezember 2019 ist ein Charakteristikum von Zeichen, vor allem von sprachlichen Zeichen. Sie entsteht, wenn ein Zeichen auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Ein Vexierbild zum Beispiel ist mehrdeutig, wenn es als mindestens zwei verschiedene Bilder gedeutet werden kann. Sprachliche Zeichen unterschiedlicher Komplexität können mehrdeutig sein: Wortteil (wie die Vorsilbe in Untiefe), Wort, Ausdruck, Wendung, Satz, Äußerung.
Sprachliche Mehrdeutigkeit Die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen kann ein Mangel sein, den es zu vermeiden oder (etwa durch Disambiguierung) zu korrigieren gilt. Dies gilt zum Beispiel für Gesetzestexte, wissenschaftliche Arbeiten oder Anwendungen formaler Sprachen.
Sie kann aber auch ein gewollter Effekt und als solcher ein Stilelement sein. Dies gilt zum Beispiel für lyrische Texte, für satirische Texte und für bestimmte psychologische Interventionen. Viele Witze, Kalauer und witzige Äußerungen basieren auf mehrdeutigen Ausdrücken, oft mit sexuell anzüglicher Konnotation. Der Lacher entsteht beim Erkennen der Mehrdeutigkeit.
Eines der schwierigsten Probleme bei der automatischen Verarbeitung natürlicher Sprachen ist es, die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen auf eine Interpretation hin aufzulösen. Menschen gelingt dies – ebenso wie die Unterscheidung zwischen gewollter und ungewollter Mehrdeutigkeit – leicht. Sprachverarbeitende Programme scheitern noch oft daran.
Absichtlich mehrdeutige Texte und Äußerungen (Lyrik, Witze, psychotherapeutische Interventionen) lassen sich oft nicht adäquat übersetzen, wenn die Wörter oder Satzkonstruktionen in der Zielsprache nicht mehrdeutig sind oder mit anderen Zweitbedeutungen als in der Ausgangssprache.
Mehrdeutigkeit lexikalischer Zeichen Manche Mehrdeutigkeit lexikalischer Zeichen beruht auf Polysemie: Durch Ausdifferenzierung im Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks entstehen mehrere Bedeutungen oder Lesarten, z. B. Schimmel (Pferd oder Pilz). Man sagt, dieser Ausdruck sei polysem.
Bei der Mehrdeutigkeit von Wörtern wird eine Polysemie von einer zufälligen Mehrdeutigkeit unterschieden, der Homonymie.
Zum Auflösen der lexikalischen Mehrdeutigkeit ist die Syntax oder die Semantik erforderlich. Manche lexikalischen Mehrdeutigkeiten lassen sich nur mit Hinzunahme der Pragmatik auflösen.
„1916 erkrankte Maurice Ravel an der Ruhr.“ (Mehrdeutigkeit des lexikalischen Zeichens Ruhr)
Da Ruhr sowohl eine Krankheit als auch einen Fluss bezeichnet, wären folgende Möglichkeiten denkbar: Ravel litt an einer Durchfallerkrankung namens Ruhr. Ravel erkrankte an einem nicht näher bestimmten Leiden; dies geschah am Fluss Ruhr.
Hier wird jedoch die richtige Bedeutung durch den historischen Zusammenhang geklärt werden, da sich Ravel 1916 an der Front befand, die weit entfernt von der Ruhr lag. Für dieses Beispiel erfolgt die Auflösung der lexikalischen Mehrdeutigkeit Ruhr mittels der Pragmatik.
Ein häufiger Fall lexikalischer Ambiguität ist die Prozess-Resultat-Ambiguität (auch: Akt-Objekt-Ambiguität genannt), bei der ein einzelnes Substantiv ebenso eine Handlung (als Nomen ActionisDuden-„Newsletter“ vom 7. November 2016) wie das Ergebnis der Handlung (als Nomen Acti) bedeuten kann. So bei vielen Wörtern mit der Endung -ung.Jonas Pfister: Werkzeuge des Philosophierens. Stuttgart, Reclam 2013 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19138), ISBN 978-3-15-019138-5, S. 208. Das Wort Entscheidung kann zum Beispiel den Vorgang des Sich-Entscheidens oder auch das Ergebnis des Sich-Entscheidens, das Entschiedene bedeuten. – Selbst dort, wo es ein eigenes Wort für eine der beiden Bedeutungen gibt, wird dieses für die andere benutzt: Das Wort Fragestellung steht oft für Frage, Zielsetzung steht oft für Ziel.
Hierher gehören Sätze mit Wörtern, die entgegengesetzte Bedeutungen haben können (siehe Januswort): „abdecken“ (etwas zudecken oder die Abdeckung von etwas entfernen) „bedingen“ (voraussetzen oder zur Folge haben), „erlassen“ (einen Strafbefehl erlassen oder eine Strafe erlassen), „grundsätzlich“ (immer oder in der Regel, also nicht immer), „sanktionieren“ (billigen oder mit Strafe belegen, siehe auch Juristische Fachsprache#Abweichungen von der Standardsprache), „übersehen“ (vollständig im Blick haben oder nicht bemerken), „Untiefe“ (bei Seeleuten flache Stelle, sonst meist große Tiefe).
Nur schriftlich (nicht gesprochen) gilt das auch für folgenden Satz: „Das Auto wird das Hindernis umfahren.“
Hier liegt das Gegenteil der phonologischen Mehrdeutigkeit des lexikalischen Zeichens umfahren vor, nämlich je nach Betonung auf der ersten Silbe: Das Auto weicht nicht aus und fährt das Hindernis um. auf der zweiten Silbe: Das Auto weicht aus und fährt um das Hindernis herum.
Syntaktische Mehrdeutigkeit komplexer Zeichen Komplexe sprachliche Zeichen sind syntaktisch mehrdeutig, wenn ihnen mehr als eine syntaktische Interpretation zugeschrieben werden kann. Doch dürften die Beispiele hier vor dem ersten Unterabschnitt meistens eindeutig werden, sobald sie in einem vollständigen Satz stehen.
Die Überschrift Eisprinzessin verzaubert lässt die folgenden Interpretationen zu:
die Eisprinzessin verzaubert andere Personen, zum Beispiel das Publikum;
die Eisprinzessin wurde von einer anderen Person verzaubert. Diese Mehrdeutigkeit lässt sich ohne weitere kontextuelle Hinweise, die zum Beispiel im nachfolgenden Text gegeben werden können, nicht auflösen.
Menschen können meist leicht aus den inhaltlichen Bedeutungen folgern, welche der Möglichkeiten gemeint ist (Schluss von der Semantik auf die Syntax). Sprachverarbeitende Programme scheitern aber oft an dieser Aufgabe. Bei komplexeren Sätzen liefert die syntaktische Analyse oft mehrere Hundert Analysen. Die meisten von ihnen sind höchst unwahrscheinlich, werden aber durch die zugrunde liegende Grammatik gedeckt.
Eine syntaktische Mehrdeutigkeit ergibt sich auch aus der Form „Nominalisierung + Bezug + Substantiv“:
Das Fühlen der Hand… (das Gefühl des Menschen für seine Hand oder das Gefühl, das die Hand empfindet) Das Riechen des Hundes… (ebenso Der Geruch des Hundes…) Das Feiern der Mannschaft… Das Fahren des Autos…
Alternativ durch die Konstruktion „Substantiv im Plural + Verb im Infinitiv“: wilde Tiere jagen (Jagen hier Jäger wilde Tiere oder jagen wilde Tiere ihre Beute?) Plakate kleben (Kleben Plakatkleber Plakate an Plakatsäulen oder kleben Plakate durch die Kraft von Plakatkleber an der Säule?) Flugzeuge fliegen, Schiffe segeln, Autos fahren
Spezifisch deutsch sind zusammengesetzte Substantive, wobei das erste manchmal im Plural steht und das zweite ein nominalisiertes Verb ist. Dabei bleibt unklar, ob das Verb aktiv oder passiv gebraucht ist.
Das Bauernopfer (Wird der Bauer geopfert oder bringt er ein Opfer?) Der Mauerfall (Fällt die Mauer oder fällt etwas oder jemand von der Mauer?) Der Fenstersturz (Stürzt ein Fenster oder stürzt etwas oder jemand aus einem Fenster? Oder ist mit „Sturz“ das stützende Element oberhalb der Fensteröffnung gemeint?) Der Bocksprung (Springt jemand über den Bock oder springt der Bock selbst?)
Dasselbe Wort in verschiedenen Wortarten „Alleen sind nicht gefährlich – Rasen ist gefährlich“Warnschild an Landstraßen im Land Brandenburg; dort steht „rasen“ regelwidrig mit kleinem r, damit die Aussage eindeutig wird. (Grünfläche oder schnelles Fahren?) Ist das sicher genug? (Reicht die Menge ganz bestimmt aus? oder Ist kein Unfall möglich?) „Wohl aber geben Honeckers Zeilen […] Einblick in die Beurteilungswelt, in der sich der lange erste Mann der DDR […] eingerichtet hatte.“ („lange“: Adverb langjährig oder Adjektiv körperlich groß?)Ulrich Lüke, General-Anzeiger (Bonn), 16. Februar 2012, S. 4.
Dasselbe Wort in verschiedenen Kasus mini|Diese Zeitungsüberschrift ist sogar mehrfach mehrdeutig: Werden hier deutschlandweit Kinder gekocht (Akkusativ-Objekt) oder kochen sie selbst (Subjekt)? Und wenn die Kinder selbst kochen: Bereiten sie Essen zu oder hat ihre Körpertemperatur den Siedepunkt erreicht? Oder sind die Kinder über das deutschlandweite Projekt wütend? „Die Hunde lieben ihre Schafe ebenso wie ihr Herrchen.“General-Anzeiger (Bonn), 10. Dezember 2020, Bild-Unterschrift auf der Seite „Region“ nur in den Ausgaben V und VI(Ist „das Herrchen“ zweites Subjekt oder Akkusativ-Objekt?) „Herr Blatter ließ Herrn Platini mehrere Millionen Schweizer Franken zahlen.“Hier vereinfacht; nicht einmal die Vertauschung von „Herr“ und „Herrn“ klärt den Kasus; das Original lautet wie folgt: „Weil Blatter Platini vor einigen Jahren mehrere Millionen Schweizer Franken zahlen ließ, sind beide jetzt suspendiert worden.“ Quelle: Die Welt laut Presseschau im Westdeutschen Rundfunk, WDR 5 am 9. Oktober 2015 um 5:40 Uhr.(Steht das Objekt „Herrn Platini“ im Dativ, hat dieser empfangen, steht es im Akkusativ, hat er gezahlt.)
Häufigster Fall ist doppeldeutiger Bezug des Verbs zu Subjekt und Objekt: Subjekt, Prädikat, Objekt oder Objekt, Prädikat, Subjekt? Wer wen? „Wie viele Deutsche vertragen Schweizer Universitäten?“Dachzeile in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 22. Januar 2008, Seite 33 „Haben Sie Hans-Dietrich Genscher und seine Rolle bei der deutschen Einheit beeinflusst?“Frage laut Focus 51/2009 Seite 21 an Philipp Rösler, Jahrgang 1973: Hat dieser schon 1989–1990 die Weltpolitik mitbestimmt? „In der Nato, die Russland nach dem Fall der Berliner Mauer über sehr viele Jahre nicht als Bedrohung eingestuft hatte, ist Putins Vorgehen genau analysiert worden.“Nikolas Busse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. März 2015, S. 10. (Relativpronomen im 1. oder 4. Fall?) Die Entdeckungen, die die Erfindungen bewirken, ...
Verschiedene Zusammenfassung ergibt verschiedenen Sinn Die deutsche Sprache ist nicht assoziativ. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.“(Schiller, Wilhelm Tell: erst zuletzt an sich selbst oder sogar zuletzt [nur] noch an sich selbst?) „Debatte über die Jugendkriminalität im Bundestag. Hamburgs Justizsenator verteidigt sich!“Untertitel in der FAZ vom 17. Januar 2008, aufgespießt von Professor , Uljanowsk an der Wolga, Russland.(Jugendkriminalität im Bundestag oder Debatte im Bundestag?) „[…] die neue Wissenschaftsministerin […] muss den 14 Hochschulen Sachsens harte Strukturreformen abringen, für die es jedoch im Erfolgsfall keine Stellenkürzungen und Planungssicherheit bis ins Jahr 2025 geben soll.“Stefan Locke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. November 2014, S. 1.(Planungssicherheit oder keine?) Mädchenhandelsschule (Mädchenhandel?) Bauernleberwurst (Bauernleber?)
Doppeldeutigkeit durch überzogene Kürze „Im Stadtzentrum seiner Wahlheimat Troisdorf steht zur Erinnerung ein Original-Boot, aus dem Rupert Neudeck 1982 vietnamesische Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete.“General-Anzeiger (Bonn), 31. Dezember 2015, Rückblick 2015 Seite 6, Verfasser-Kürzel „wok“.(im Jahre 1982 oder 1982 Flüchtlinge?)