mini|Genggong. Die Rahmenmaultrommel mit Stufenzunge wird links auf der Seite der Zungenspitze festgehalten und mit der Schnur rechts am Rahmen gezupft. Vor 1902

Genggong ist die in Indonesien und Malaysia verbreitete Bezeichnung für Maultrommeln, die in vielen Regionen unter eigenen Namen bekannt sind, darunter rinding in Zentraljava und karinding im Gebiet Sunda in Westjava. Die meisten Varianten der genggong werden aus Bambus oder Palmholz hergestellt und gehören zum Typ der vor allem in Südostasien verbreiteten und möglicherweise dort entstandenen, idioglotten Rahmenmaultrommel aus Bambus, bei welcher die Zunge aus demselben Material wie der Rahmen besteht und vollständig innerhalb des Rahmens liegt. Am bekanntesten ist die genggong, die in der balinesischen Musik und in der Musik von Lombok gespielt wird. Eine jüngere Form sind Bügelmaultrommeln aus Metall mit überstehender Zunge, wie sie in Europa bekannt sind. Maultrommeln werden in Bali und Java mit anderen Instrumenten in kleinen Unterhaltungsensembles eingesetzt, ansonsten überwiegt eine solistische Spielweise, die traditionell häufig der Brautwerbung dient.

Verbreitung der Rahmenmaultrommeln mini|Schlanke, flaschenförmige Bambusmaultrommel mit spitz zulaufender Zunge wie sie unter anderem von Flores bekannt ist. Vor 1890 Idioglotte Rahmenmaultrommeln kommen in Südostasien, Ozeanien und seltener in Nordasien vor, wo sich ihr Verbreitungsgebiet mit dem der Bügelmaultrommeln (qopuz und hiervon abgeleitete Namen) überschneidet. Beide Grundformen von Maultrommeln zählen nach der Hornbostel-Sachs-Systematik zu den Zupfidiophonen. Bei den Rahmenmaultrommeln liegen Zunge und Rahmen in einer Ebene. Die Zunge ist gerade und kürzer als der Rahmen, weshalb sie nicht direkt mit dem Finger angeregt werden kann. Diese einfachen Maultrommeln werden meist mit einer am Rahmen befestigten Schnur in Schwingung versetzt oder am Rahmen an der Zungenbasis gezupft, wobei die Zungenspitze stets in Richtung der Hand zeigt, die das Instrument hält. Curt Sachs schätzt in seiner Einteilung der Maultrommeln 1917 die Bügelmaultrommeln gegenüber den Rahmenmaultrommeln als komplexer und damit als jünger ein. Außerdem macht er die jüngere Metallverarbeitung gegenüber dem älteren Umgang mit Bambusrohr und die lauteren und schneller spielbaren Töne der folglich leistungsfähigeren Bügelmaultrommel geltend.Curt Sachs: Die Maultrommel. Eine typologische Vorstudie. In: Zeitschrift für Ethnologie, 49. Jahrgang, Heft 4/6, 1917, S. 185–200, hier S. 188 Die meist aus Metall bestehenden Bügelmaultrommeln besitzen eine gebogene, über den Rahmen hinausragende, separate (heteroglotte) Zunge, deren angezupfte häkchenartige Spitze beim Spielen von der Hand weg nach außen zeigt.Regina Plate: Kulturgeschichte der Maultrommel (Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik, Band 64). Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1992, ISBN 3-922626-64-5, S. 14 f.

Curt Sachs teilt die Rahmenmaultrommeln nach der äußeren Form des Rahmens (keilförmig, flaschenförmig oder langrechteckig) und nach der Form der Zunge ein (Keilzunge, Stufzunge, Stumpfzunge oder Hohlspitzzunge). Die balinesische genggong mit ihrem meist rechteckigen Rahmen gehört hiernach zu den „Bambusmaultrommeln mit Stufzunge und Schnur“, weil die Zunge in einer symmetrischen Abstufung im oberen Bereich der Zunge bis zu deren Spitze schmäler wird. Außer in Indonesien ist oder war dieser Typ in Thailand (hun in der Region Isan), China, Nordasien und im östlichen Zentralasien zu finden. Die symmetrisch gestufte Zunge erkennt Sachs als Weiterentwicklung der nur auf einer Seite gestuften Zunge. Dieser Typ ist durch ein 15 Zentimeter langes und 1,4 Zentimeter schmales Exemplar von den Semang belegt. Der nächste Entwicklungsschritt ist laut Sachs die asymmetrisch gestufte Zunge, deren Stufen unterschiedlich breit sind. Solche Maultrommeln sind oder waren auf der Malaiischen Halbinsel, Java und im Südosten von Sulawesi verbreitet. Bei der Rahmenmaultrommel mit symmetrischer Zunge stellt ein flaschenförmiger Rahmen, der sich entsprechend der Zunge verjüngt, eine Verbesserung gegenüber der äußeren Rechteckform dar, weil er leichter ist und bequemer gegen die Lippen gestützt werden kann. Ein in Südostasien weit verbreiteter Typ der Bambusmaultrommel mit Stufzunge hat einen abgesetzten Haltegriff. Bei dieser Variante auf dem Sulu-Archipel ist der Griff breiter und länger als der Rahmen. Aus Java ist eine Rahmenmaultrommel mit einem kurzen, sich am Ende flossenartig verbreiternden Griff bekannt. Eine andere Form sind die „Bambusmaultrommeln mit Keilzunge und Schnur“, bei denen sich die Zunge über die gesamte Länge zu einer Spitze verjüngt. Sie kommen nur in der Musik Neuguineas, in Melanesien und auf den Salomonen vor. Die Rahmen sind ebenfalls keilförmig und meist über 20 Zentimeter lang.Curt Sachs, 1917, S. 190–192

Ungeachtet der groben Einteilung von Rahmentrommeln (Südostasien und Südsee) und Bügelmaultrommeln (Südasien, Zentralasien und Europa), deren Verbreitungsgebiete sich in der Regel nicht überlappen, kommen in Indonesien vereinzelt auch Bügelmaultrommeln vor, etwa in Java die rinding wesi (rinding besi, „Eisenmaultrommel“) und in Westtimor die knobe besi, die dem indischen Typ entsprechen.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. Georg Reimer, Berlin 1923, S. 51f Eine schematische Einteilung nach europäischen Formkriterien kann zwar bedingt Aussagen über die Verbreitung und die „Entwicklungsstufe“ von Musikinstrumenten machen, für eine Schlussfolgerung über die Entwickeltheit von Kulturen ist eine Instrumentenklassifikation aber ungeeignet.

Allen Rahmenmaultrommeln gemeinsam ist, dass sie mit der linken Hand bei halb geöffnetem Mund ohne die Zähne zu berühren an die Lippen gehalten werden, während ein Finger der rechten Hand gegen den Rahmen schlägt oder mittels einer Schnur rhythmisch am Rahmen zieht. Rahmenmaultrommeln klingen zart und weich. Dagegen werden die lauter klingenden Bügelmaultrommeln aus Metall zur Schallverstärkung an die Zähne gelegt. Der Mundraum dient zur Klangmodulation. Über die Kulturgrenzen hinweg gehören Maultrommeln zu den bei der Brautwerbung verwendeten Musikinstrumenten und ihrem Klang, der offenbar stets eine ähnliche psychologische Wirkung erzielt, werden gewisse magische Fähigkeiten zugesprochen. In vielen Fällen dienen Maultrommeln als Ersatz für sprachlichen Austausch. Wenn die beiden Liebenden sich mit Maultrommeln unterhalten, verwenden sie ein etwas tiefer und ein etwas höher klingendes Instrument, um die männliche und weibliche Sprechweise zu imitieren. Die indische morsing, eine Bügelmaultrommel aus Eisen, kann vergleichbar als Silbensprache (in Südindien solkattu, vorgetragen konnakol) eingesetzt werden. Ein anderes allgemeines Charakteristikum von Maultrommeln ist die Nachahmung von Naturgeräuschen.Deirdre Morgan, 2008, S. 27f

Verbreitung und Spielweise Bali mini|Froschtanz-Begleitensemble in Batur Sari: links zweifellige Trommel kendang, dahinter kleine Bambusflöte suling, in der ersten Reihe drei genggong. Jeder Maultrommelspieler hält ein Stück bemalte Tierhaut (glumpah) zur Schallverstärkung für sich vor seinen Mund. Genggong ist ein vermutlich onomatopoetisches Wort. Auf Bali und Lombok wird die genggong aus der verholzten Blattrippe der Zuckerpalme (Arenga pinnata, balinesisch jaka) hergestellt. Das rechteckige Holzstück ist 14 bis 20 Zentimeter lang und 1,6 bis 2 Zentimeter breit. Am linken Ende ist ein Stoffstreifen, eine Faser oder eine Schnur befestigt, damit das Holz besser mit der Hand gehalten werden kann. Am rechten Ende, also an der Basis der Zunge, ist an einem Loch durch den Rahmen eine Schnur angebunden, an deren Ende ein dünner Holzstab hängt. Die Schnur wird mit der rechten Hand periodisch straff gezogen, sodass die Zunge in einer Gegenbewegung zum Rahmen schwingt. Der mögliche Vorläufer für die genggong ist die balinesische enggung, eine ebenfalls aus Palmholz hergestellte Zwischenstufe zwischen Maultrommel und Mirliton, die wie eine hölzerne Rahmenmaultrommel mit Handgriff aussieht, deren Zunge jedoch nicht gezupft, sondern vor den Mund gehalten und angeblasen wird.

Genggong und enggung werden häufig zusammen gespielt. Als Herstellungsort für beide Instrumente und für sonstige kunsthandwerkliche Gegenstände ist das Dorf Batuan im Regierungsbezirk Gianyar bekannt, das halbwegs zwischen Ubud und Denpasar liegt. Als bestes Rohmaterial gilt das Holz der alten Palmwedel an der Spitze der Palme. Da diese für Kletterer nicht erreichbar sind, muss gewartet werden, bis ein solcher Palmwedel abgestorben ist und von selbst herunterfällt. Er wird vor der Verarbeitung an der Sonne getrocknet. Zuckerpalmen im Regierungsbezirk Karangasem sollen am geeignetsten sein.Deirdre Morgan, 2008, S. 34

Die genggong gilt in Bali als ein sehr altes Musikinstrument, das von Reisbauern eingeführt wurde, die auf den Feldern das Quaken der Frösche nachahmen wollten. Mehrere genggong produzieren die für die balinesische Musik typischen, ineinander verwobenen („interlocking“) melodisch-rhythmischen Strukturen, die als candetan bezeichnet werden und die an quakende Frösche erinnern. Das Konzert der männlichen Frösche und Kröten soll die Weibchen anlocken. Kaloula baleata (, eine Gattung der Engmaulfrösche) machen sich in Bali besonders am frühen Abend nach den Regenfällen in einer bestimmten, alternierenden Tonfolge lautstark bemerkbar. Die Schwarznarbenkröten (Duttaphrynus melanostictus) bringen einen hoch tönenden, schnellen Ruf hervor, etwa wie „keruk-keruk-keruk“.Edward Herbst: Bali 1928 – Volume III: Lotring and the Sources of Gamelan Tradition. Arbiter of Cultural Traditions, New York 2015, S. 51f

mini|hochkant|Am Ende der Aufführung in Batur Sari küsst die Prinzessin den Frosch. „Frosch“, heißt auf Indonesisch katak oder kodok und auf Balinesisch godogan. Im balinesischen Maskentanz Godogan ist die Hauptfigur ein Froschprinz. In der im Godogan erzählten Geschichte verschwindet ein Prinz des alten javanischen Königreichs Jenggala beim Fangen von Libellen im dichten Wald an den Hängen eines Vulkans. Einige Jahre später kehrt der Prinz in Gestalt eines Frosches zurück und begehrt die schöne Prinzessin des Reichs Kediri (auch als Daha bekannt) zur Frau. Weil dies in Froschgestalt unmöglich ist, zieht er sich als Asket zurück, bis ihn der gnädig gestimmte Gott Wisnu in den verschwundenen Prinzen zurückverwandelt. Die in der Begleitmusik tönenden Frösche werden mit genggong nachgeahmt.Bali, frog dance. Indonesia Traveling Guide Die Zunge der genggong wird auf Indonesisch ikut capung („Schwanz einer Libelle“, aus ikut, „begleiten“, „nachfolgen“ und caput, „Libelle“) genannt.

Der genggong-Spieler formt seinen Mund nach der Aussprache der Vokale e, u, a und i und erzeugt so vier Klänge, die den vier Tönen des gamelan angklung entsprechen (saih angklung): deng, dung, dang und ding. Das saih entspricht patet im javanischen gamelan und bedeutet eine der balinesischen Tonarten. Das balinesische gamelan angklung wurde früher mit den namensgebenden Bambusrasseln gespielt, heute verwendet dieser Orchestertyp kleine Metallophone mit Bronzeplatten. Die Stimmung des genggong ist ebenso dem Fünfton-gamelan angklung von Nordbali ähnlich.