mini|350px|Aufwändige Bewerbung der Orgelsonaten Mendelssohns in Music World am 24. Juli 1845 Die sechs Orgelsonaten op. 65 Felix Mendelssohns (MWV W 56–61) wurden 1845 veröffentlicht. Sie sind die Krönung von Mendelssohns Arbeiten für die Orgel. Wie die Orgelwerke von Johann Sebastian Bach gehören sie zum Kernrepertoire der Orgelmusik.Eric Werner, tr. D. Newlin: Mendelssohn: A New Image of the Composer and his Age. London 1963.
Entstehungsgeschichte Mendelssohn galt als brillanter Organist. Während seiner insgesamt sieben Aufenthalte in Großbritannien gab er eine Reihe gut besuchter Orgelkonzerte, darunter 1842 auch im Beisein der jungen britischen Königin Victoria und ihres deutschen Prinzgemahls in der Londoner Christ Church. Die Konzerte beinhalteten oft Improvisationen, für die Mendelssohn berühmt war, so etwa bei den Aufführungen 1842 in London und Oxford.R. Larry Todd: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben seine Musik. Carus/Reclam 2008, S. 532ff. In einem Artikel im Magazin Musical World (1838) beschrieb der britische Organist Henry Gauntlett Mendelssohns Bach-Interpretation als „überirdisch groß“. Sein Improvisationsspiel sei „sehr differenziert“, die weichen Sätze „voll zärtlichen Ausdrucks und exquisiter Leidenschaftlichkeit“. In seinem lauten Vorspiel sah er „eine grenzenlose Fülle neuer Ideen“.Clive Brown: A Portrait of Mendelssohn. New Haven/London 2003, ISBN 978-0-300-09539-5, S. 214–215.
mini|Titelblatt der Erstausgabe von op. 65 bei Breitkopf & Härtel 1845 Diese Qualitäten sind in den Orgelsonaten evident. Bereits 1841 kündigte Mendelssohn seinem deutschen Verleger Breitkopf & Härtel 12 Studien für die Orgel an. Diese wurden schließlich umfangreicher. Sie wurden bei Mendelssohn durch den englischen Verleger „Coventry and Hollier“ 1844 als ein Satz Voluntaries, damals Orgelstücke mit fantasieartigem Einschlag, beauftragt. Coventry forderte gleichzeitig bei Mendelssohn eine Ausgabe der 44 kleinen Choralvorspiele Johann Sebastian Bachs an. Mendelssohn konzentrierte sich 1845 in Frankfurt auf diese Komposition. Er verwendete bereits vorhandene Stücke, komponierte neu und verwarf alte wieder, um einen einheitlichen Zyklus zu formen. Mendelssohn schwankte in seinen Überlegungen zwischen „a kind of Organ-school“, „Orgelsonaten“ und „Studien“. Schließlich entschied er sich, 24 kleinere Stücke, die er in bunter Reihenfolge komponiert hatte, zu sechs Sonaten zusammenzufassen. Er beendete die konzeptionelle Arbeit am 2. April 1845 mit dem Fugenfinale der 4. Sonate, verfeinerte weiterhin Teile davon und arrangierte die simultane internationale Herausgabe des Werks bei vier Verlagen. Seinem Verleger Breitkopf & Härtel in Leipzig beschrieb er am 10. April 1845 das neue Werk als eine Sammlung von Stücken, „in denen ich meine Art, die Orgel zu behandeln und für dieselbe zu denken und niederzuschreiben versucht habe“.
Die Erstveröffentlichung der sechs Sonaten erfolgte am 15. September 1845. Von August 1844 bis Mai 1845 fand darüber Briefkorrespondenz zwischen Mendelssohn und Coventry statt. F. G. Edwards: Mendelssohn’s Organ Sonatas. In: Proceedings of the Musical Association, 21st Session (1894–5), London 1895, S. 4. Mendelssohn schlug vor, Gauntlett solle das Korrekturlesen vornehmen, was sich als schwierig herausstellte.F. G. Edwards: Mendelssohn’s Organ Sonatas. In: Proceedings of the Musical Association, 21st Session (1894–5). London 1895, S. 3. Der englische Verleger kündigte das Werk zuerst als Mendelssohn’s School of Organ-Playing an, jedoch wurde dieser Titel von Mendelssohn abgelehnt.Eric Werner, tr. D. Newlin: Mendelssohn: A New Image of the Composer and his Age. London 1963, S. 425. 190 Subskribenten für die Veröffentlichung erzielten einen Verkaufserlös von 199 Pfund, wovon Mendelssohn 60 Pfund erhielt.F. G. Edwards: Mendelssohn’s Organ Sonatas. In: Proceedings of the Musical Association, 21st Session (1894–5). London 1895, S. 4.
Mendelssohn war der erste Komponist von internationalem Rang nach Bach, der sich nach knapp 100 Jahren wieder ernsthaft mit der Orgel auseinandersetzte.Andreas Schröder: Mendelssohn und die Orgel. In: Ars Organi, 57. Jhg., Heft 3, September 2009. Die Sonaten erschienen 8 Jahre nach den drei Präludien und Fugen op. 37 und stehen am Ende von Mendelssohns Lebenswerk auf dem Gipfelpunkt seines Ruhms und Triumphs. Mendelssohn begründete für die Gattung der Sonate die Trennung von Klavier- und Orgelmusik. Er gilt somit als der Schöpfer der romantischen Orgelsonate.Martin Weyer. Die romantische Orgelsonate von Mendelssohn bis Reger. Gustav Bosse Verlag, Regensburg. 1969. S. 39 ff. Im ersten Jahrzehnt nach der Veröffentlichung der Orgelsonaten Mendelssohns im Jahr 1845 entstanden von anderen Komponisten 15 neue Orgelsonaten, im zweiten 13 und von 1865 bis 1901 sogar 158.William A. Lille. Mendelssohn and the Oran. In: Jürgen Thym (Hg.) Mendelssohn, the Organ and the Music of the Past. Constructing Historical Legacies. University of Rochester Press. 2014. S. 103
Form Als Antwort auf die Bestellung entwarf Mendelssohn zuerst sieben individuelle voluntaries, entschloss sich aber dann, diese zu erweitern und in sechs Sonaten umzugruppieren. Die Form entspricht nicht der klassischen Sonate mit einem Kopfsatz in Sonatensatzform. Gotthold Frotscher sah in den sechs Sonaten eine „Aneinanderreihung verschiedener Teilsätze und Charakterstücke ohne wesentliche innere Beziehungshaftigkeit“. Die Feststellung einer „auffälligen Inkohärenz“ wird nach Ansicht Andreas Schröders dem Werk nicht gerecht. Die scheinbare stilistische Uneinheitlichkeit der Orgelsonaten entspricht dem romantischen Konzept, gerade sie ist das charakteristische Prinzip der Sonate in der Romantik.
Man kann eher zyklisch angeordnete Formen (Sonaten 1, 2, 4) und freie Formen (Sonaten 3, 5, 6) unterscheiden. Die zyklischen Sonaten sind aber nicht als klassisch zu verstehen, weil hier ebenfalls der (klassische) Sonatenhauptsatz nicht konstant auftritt. Keine Sonate gleicht der anderen. Charakteristisch ist ihre Offenheit, kein Schema. Die collageartig ineinander gefügten Stücke enthalten Anregungen aus der Vergangenheit der Orgelliteratur und geben Mendelssohn damit die Möglichkeit, neben historischen Vorbildern auch einen eigenen Stil einzubringen. So sind diese Orgelsonaten Ausdruck einer Überwindung der unreflektierten Nachahmung von historischen Stilen, will man ihnen gerecht werden.Franz Lüthi: Zum Mendelssohn-Gedenkjahr 1997. Die 6 Orgelsonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy. Bulletin „Orgelfreunde St. Gallen“ (OFSG) 15, Nr. 1, 1997.
Musik Die Sonaten beinhalten evangelische Choralmotive: Im ersten Satz der Sonate Nr. 1 (f-moll) zitiert Mendelssohn Was mein Gott will, das g’scheh allzeit. Im ersten Satz der Sonate Nr. 3 (A-Dur) unter Takt 40 ist ein cantus firmus folgendermaßen bezeichnet: Ped. Choral, Aus tiefer Not. Die 6. Sonate (d-Moll) basiert auf dem Luther-Choral Vater unser im Himmelreich, der in 190 Takten, dem längsten dieser Sonatensätze, kunstvoll variiert wird. Die Sonate Nr. 2 enthält als dritten bzw. zweitenDie Einteilung der Sonate in Sätze variiert in der Literatur. Satz Allegro maestoso ein festliches und homophon gehaltenes Präludium in C-Dur, das Mendelssohn als Nachspiel D-Dur bereits 1831 in Rom schrieb. Der Kopfsatz der dritten Sonate ist wahrscheinlich eine Umarbeitung des Einzugs, den Mendelssohn 1829 für die Hochzeit seiner Schwester Fanny komponiert hatte.
Ausgeprägt virtuos-improvisatorischen Duktus zeigt der fantasieartige Finalsatz der 1. Sonate mit zahlreichen Arpeggien über das ganze Manual. Ferner ist neben dem 1. Satz der 4. Sonate vor allem auch der lange Variationssatz der 6. Sonate improvisatorisch. Akkorde sprühen über dem stets wiederkehrenden Choralmotiv, das in unregelmäßigem Wechsel im Pedal, in der Ober- und Mittelstimme erscheint. Die langsamen Sätze der 2. und 4. Sonaten haben ausgeprägten Liedcharakter. Alle Sonaten außer der fünften haben fugierte Abschnitte oder vollständige Fugen, wodurch die Komposition deutlich eine Bachsche Einfärbung erhält. Sie wird durchmischt mit zeitgenössischen Stilelementen von spontanem Empfindungsgeist und formaler Freiheit.
Teile der 2. Sonate entstanden als früheste 1831; die 4. Sonate entstand 1845 als letzte.
Melodie des Chorals Vater unser im Himmelreich aus Valentin Schumanns Gesangbuch von 1539:
mini|Nr. 1 in f-Moll (gespielt von Wolfram Syré) mini|Nr. 2 in c-Moll mini|Nr. 3 in A-Dur
mini|Nr. 5 in D-Dur mini|Nr. 6 in d-Moll
Die sechs Sonaten sind: Nr. 1 in f-Moll (Allegro – Adagio – Andante recitativo – Allegro assai vivace) (komp. 1844) Nr. 2 in c-Moll (Grave – Adagio – Allegro maestoso e vivace – Fugue: Allegro moderato) (komp. 1831/39/44) Nr. 3 in A-Dur (basierend auf Luthers Choral Aus tiefer Not schrei ich zu dir) (Con moto maestoso – Andante tranquillo) (komp. 1844) Nr. 4 in B-Dur (Allegro con brio – Andante religioso – Allegretto – Allegro maestoso) (komp. 1845) Nr. 5 in D-Dur (Andante – Andante con moto – Allegro) (komp. 1845) Nr. 6 in d-Moll (basierend auf dem Luther-Choral Vater unser im Himmelreich) (Choral und Variationen: Andante sostenuto – Allegro molto – Fuga – Finale: Andante) (komp. 1845)Jahreszahlen: Mendelssohn Bartholdy. Neue Ausgabe sämtlicher Orgelwerke II. Bärenreiter 1994
Aufführungen
mini|hochkant|Edmund Chipp, spielte wahrscheinlich die erste öffentliche Aufführung der Orgelsonaten Mendelssohns Mendelssohn lehnte es ab, die Sonaten anlässlich seiner Einladung zum Birmingham Triennial Music Festival 1846 selbst zu spielen. Er schrieb von Leipzig aus an seinen Freund Ignaz Moscheles, der Federdruck der Orgelmanuale sei ihm bei seinem letzten Besuch in Birmingham so schwer erschienen, dass er sich nicht traue, darauf in der Öffentlichkeit zu spielen. Wenn die Orgel indessen mechanisch verbessert sei, wäre er glücklich, dort eine seiner Sonaten zu spielen.Moscheles (1878), Brief vom 12. Juli 1846. 275–276.
Die erste öffentliche Aufführung einer der Sonaten in Großbritannien war wahrscheinlich jene von Edmund Thomas Chipp 1846.Mendelssohn’s Organ Sonatas. In: Proceedings of the Musical Association, 21st Session (1894–5). London 1895, S. 5. 1848 spielte er alle sechs Sonaten auswendig vor.Percy F. Scholes: The Mirror of Music, 1844–1944, London/Oxford (1947) (2 Bände), S. 596. Obwohl britische Kritiker die Musik sehr hoch bewerteten und Bezug auf den Improvisationsstil Mendelssohns nahmen, führte dieser keine von ihnen selbst öffentlich auf, weder in England noch anderswo.Glenn Stanley: The music for the keyboard, in The Cambridge Companion to Mendelssohn. Hrsg. v. Peter Mercer-Taylor. Cambridge 2004, S. 159. Er spielte sie allerdings privat in der Katharinenkirche für den englischen Musikkritiker William Smith Rockstro bei dessen letztem Besuch in Frankfurt am Main 1845 und kündigte seiner Schwester Fanny Hensel 1845 brieflich an, er würde sie ihr vorspielen.Edwards, F. G.: Mendelssohn’s Organ Sonatas. In: Proceedings of the Musical Association, 21st Session (1894–5). London 1895, S. 5. Rockstro erinnerte sich an Mendelssohns „wunderbar zartes Staccato“ in der Pedalstimme.R. Larry Todd: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben seine Musik. Carus/Reclam 2008, S. 540. Anm.: Rockstro bezieht sich dabei auf die 2. Sonate, tatsächlich ist die Pedalstimme der 5. Sonate gemeint (Todd)
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