mini|Bronzeglocke aus der Barockzeit (Gussjahr: 1694) mini|Läuten der Kirchenglocke von Aldeboarn, Friesland, Niederlande, Juni 2022. mini|Moderne Bronzeglocke (Gussjahr: 2005)
Die Kirchenglocke ist eine große, meist in einem Kirchturm aufgehängte Glocke. Sie ist der Schwingungsträger der Läuteanlage, zu der noch die Läutemaschine und der Glockenstuhl gehören. Die gesamte Läuteanlage befindet sich in der Glockenstube. Die meist aus Bronze, selten auch aus Eisen gegossene Glocke hat die Form eines Rotationskörpers, das heißt, sie besitzt Rotationssymmetrie um ihre Mittelachse.
Ein aus mehreren Glocken bestehendes Turmglockenspiel (Carillon) ist ein automatisch oder manuell über ein Hebelsystem gespieltes Musikinstrument, das es auch außerhalb von Kirchen gibt.vgl. z. B. Carillons in Deutschland
Begriffe mini|Glockentrümmer als Mahnmal: Marienkirche (Lübeck)
Außer in Kirchtürmen kommen Glocken in Uhrtürmen an öffentlichen Gebäuden wie Rathäusern und Schulen zur Zeitanzeige oder als Alarmzeichen vor. Kirchenglocken läuten zum Gottesdienst, auch zur Mahnung oder zum Gedenken.
Sind mehrere Glocken zu einer Einheit verbunden, so wird von einem Glockenspiel oder einem Geläut gesprochen. Ist es über einen Handspieltisch bespielbar und hat mindestens 23 Glocken (zwei Oktaven), wird es Carillon genannt.
Geschichte Zur Entwicklung von Glocken als magische Bedeutungsträger bei kultischen Ritualen vom Altertum bis zu ihrer Etablierung im Alltag des mittelalterlichen Mönchswesens in Europa siehe den Hauptartikel Glocke.
Der erste bekannte Sakralbau, der am Giebel mit Glocken behängt wurde, war ein Jupitertempel in Rom.Sueton: Divus Augustus 91.2: Cum dedicatam in Capitolio aedem Tonanti Iovi assidue frequentaret, somniavit queri Capitolinum Iovem cultores sibi abduci seque respondisse Tonantem pro ianitore ei appositum; idque mox tintinnabulis fastigium aedis redimiit, quod ea fere ianus dependebant („In dem Zeitraum, in dem er einen dem Jupiter Tonans auf dem Kapitol geweihten Tempel oft aufsuchte, träumte er: Der Kapitolinische Jupiter beklage sich darüber, daß ihm die Verehrer entzogen würden, und er [Augustus] habe zur Antwort gegeben, Jupiter Tonans sei ihm lediglich als Türhüter beigegeben worden; aus diesem Grunde ließ er [Augustus] später den Giebel des Tempels mit Glocken schmücken, weil diese gewöhnlich an den Türen hingen.“) Der Begriff Glocke wurde aus dem altirischen clocc ‚Schelle, Glocke‘ entlehntIngrid Strasser: Irisches im Althochdeutschen? In: Heinz Löwe (Hrsg.): Die Iren in Europa. Teilband 1, Klett-Cotta, 1982, ISBN 3-12-915470-1, S. 399–422 (Dieser Aufsatz untersucht ausführlich die Herkunft des althochdeutschen Wortes glocka aus der altirischen Sprache.) während seit dem 4. Jahrhundert im galloromanischen Gebiet die Glocke unter der lateinischen Bezeichnung sīgnum (woraus afrz. sein, okz. senh, bündrom. sain(s), zen(n)s ‚Kirchenglocke‘) zu verstehen ist (vgl. Caesarius von Arles, 470–542, und Gregor von Tours, gest. 592). Iroschottische Wandermönche verbreiteten im 6. Jahrhundert ihre kunstvollen Glocken im christlichen Gottesdienst in Europa, zunächst wahrscheinlich als Handschellen.
Die ersten Glocken wurden von Schmieden meist aus Eisenblech hergestellt und vernietet; vgl. dazu den Saufang als die älteste erhaltene Glocke Deutschlands aus dem 7. bis 9. Jahrhundert. Auch fertigen manche Kunstschmiede noch große und kleinere Glocken – meist aus einem Stück – im offenen Feuer.
Seit dem 9. Jahrhundert wurden Kirchenglocken überwiegend im Bronzeguss hergestellt. Im 20. Jahrhundert wurden auch viele Glocken infolge der beiden Weltkriege aus Ersatz-Legierungen (z. B. Gussstahl) gegossen. Viele Bronzeglocken in den betroffenen Ländern mussten staatlich reglementiert abgenommen werden und wurden im Zuge der Kriegswirtschaft zur Produktion von Munition und Maschinen verwertet. Nach dem Zweiten Weltkrieg agierte in Deutschland der Ausschuss für die Rückführung der Glocken.
Im Mittelalter wurde es üblich, auf Klosterkirchen und später ebenso auf anderen Gotteshäusern Glocken in kleinen Dachreitern oder in Glockengiebeln zu platzieren. Seit dem 10. und 11. Jahrhundert entstanden hohe, zum Tragen des Glockenstuhls errichtete Türme. In Kirchtürme wurden Jahrhunderte später außerdem die mechanischen Werke der Turmuhren aufgenommen.
In der Neuzeit verbreitete sich auch im europäischen Raum die säkulare Verwendung von Glocken. Sie wurden auf Kriegerdenkmälern zum Gedenken an tote Soldaten angebracht, fanden in der NS-Zeit Platz auf Glockentürmen der NS-Ordensburgen, wurden aber später auch Mahner an die Opfer des Faschismus und gegen atomare Gefahren wie in Hiroshima und Nagasaki. In der Nachkriegsepoche ist zudem die Friedlandglocke zu nennen. Eine andere bemerkenswerte Nutzung: 2006 wollte in Miltenberg auf dem Marktplatz unmittelbar bei der Stadtpfarrkirche St. Jakobus die NPD-Jugendorganisation eine Demonstration durchführen. Der damalige Pfarrer Ulrich Boom ließ aus Protest die Glocken 20 Minuten lang ertönen. Das zweitschwerste Geläut im Bistum Würzburg war derart laut, dass die Kundgebung nach kurzer Zeit abgebrochen werden musste. Die Aktion, für die Boom mit dem Aschaffenburger Mutig-Preis ausgezeichnet wurde, erhielt bundesweit mediale Aufmerksamkeit.Alexander Armbruster: FAZ, 9. Dezember 2008.Hauke Goos: Himmlischer Lärm, Der Spiegel, 4. Dezember 2006.
Herstellung von Glocken
mini|links|Glockenguss bei Petit & Gebr. Edelbrock am 5. September 2008
mini|hochkant=0.5|Herstellung von Kirchenglocken
Glocken werden meist durch Gießen in eine Form hergestellt. Dabei wird zwischen Lehm-, Sand- und Zementformverfahren unterschieden. Das verwendete Gussmaterial heißt seit mittelhochdeutscher Zeit Glockenspeise (mittelhochdeutsch glockenspîse)Gerhard Eis: Zu ‚Kudrun‘ Str. 1109: „glocken spîse“ und „spânischez messe“. In: Studia neophilologica. Band 30, 1958, Nr. 1, S. 27–29 (zu Kudrun, Strophe 1109: „Ihr anker die wâren von îsen niht geslagen, von glocken spîse gozzen, sô wir hoeren sagen; von spânischem messe wâren sie gebunden, daz den guoten helden die magnêten niht geschaden kunden.“). und ist meist eine Zinnbronze aus 76 bis 80 Prozent Kupfer und 20 bis 24 Prozent Zinn. In früherer Zeit war es üblich, große Glocken am späteren Einsatzort zu gießen, da fertige Glocken nur schwer transportiert werden konnten, das Rohmaterial dagegen war in Form von Barren leichter transportabel. Heute erfolgt der Guss angesichts besserer Transportmöglichkeiten dagegen meist am Standort der Gießerei.
Die meisten Gießereien verwenden nach wie vor das traditionelle Lehmformverfahren, ausgenommen für den Guss von Kleinstglocken. Dieses Verfahren wurde im 12. Jahrhundert entwickelt und von Friedrich Schiller in seinem bekannten Lied von der Glocke beschrieben.Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke. Es umfasst folgende Arbeitsschritte:Hans-Gerd Rincker: Der Glockenguss. In: Kurt Kramer (Bearb./Hrsg.): Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde. Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen. Band 1. Badenia-Verlag, Karlsruhe 1986.
Erster und entscheidender Schritt ist die Konstruktion der Schablone für die Glockenrippe: Der Glockengießer zeichnet das Profil der Glocke – den halben Querschnitt des Glockenkörpers mit seiner inneren und äußeren Kontur – auf ein Brett. Dadurch sind Ton und Klang der Glocke im Wesentlichen festgelegt. Zunächst wird die Kontur für die Innenseite der Glocke ausgeschnitten – die Schablone für die Innenseite der Glocke entsteht. Als Zweites beginnt der Aufbau der Gussform. Aus Lehmziegeln wird ein hohler Glockenkern gemauert und darüber an einer Achse drehbar die Schablone befestigt. In mehreren Schritten wird der Kern mit immer feinerem Lehm bestrichen, der mit Zusätzen vermengt sein kann. Die Schablone wird um den Kern gedreht, überschüssiger Lehm dadurch abgezogen, und eine glatte Oberfläche entsteht. Damit ist die Form für die Innenseite der Glocke fertig und muss noch austrocknen. Dafür wird der Kern von innen her aufgeheizt. Im dritten Schritt wird die falsche Glocke geformt. Sie besitzt bereits die Form der zu gießenden Glocke, besteht aber aus Lehm. Die Schablone wird entlang der äußeren Konturlinie ausgeschnitten. Auf den getrockneten Lehm der Innenform kommt zunächst ein Trennmittel (Talg, Fett, Graphit). Darüber kommt wieder in mehreren Schichten feiner Lehm, der wiederum mit der Schablone abgezogen und geglättet wird, bis er genau die Form der späteren Glocke hat. Nach dem Trocknen der falschen Glocke werden auf ihr alle Verzierungen und Schriften aus Wachs aufgebracht. Viertens wird über der falschen Glocke der äußere Teil der Form hergestellt, der Mantel. Die falsche Glocke mitsamt den angebrachten Wachsverzierungen wird wiederum mit einem Trennmittel eingestrichen. Darüber kommt zunächst feiner Lehm, dann immer gröbere und steifere Lehmschichten. Zusätzlich wird der Mantel durch Metallringe gehalten, die ihm größere Festigkeit verleihen. Auch der Mantel wird durch Erhitzung getrocknet. Im fünften Schritt wird der Mantel von der falschen Glocke abgehoben, was durch die aufgetragene Trennschicht ermöglicht wird. Die Wachsverzierungen sind durch die Erhitzung beim Trocknen geschmolzen, haben aber ihren Abdruck im Mantel hinterlassen. Die falsche Glocke wird nun zerschlagen, auch sie löst sich wegen des Trennmittels vom Kern. Kern und Mantel werden nochmals gereinigt, danach wird der Mantel wieder auf den Kern gesetzt. Zwischen Kern und Mantel ist nun ein Hohlraum, den bisher die falsche Glocke eingenommen hat, und in den beim Guss das flüssige Metall einströmt. Als sechster Schritt wird die Grube, in der die Glockenformen stehen, für den Guss komplett mit Erde verfüllt und diese ordentlich verdichtet, damit die Form den beim Gießen entstehenden Schweredruck und Auftrieb der flüssigen Bronze, deren Dichte um ein Mehrfaches höher als die des Formmaterials ist, aushalten kann. Zuletzt wird die Krone mit dem Eingussloch und den Windpfeifen – durch sie entweichen beim Guss Luft und entstehende Gase – eingesetzt. An der Oberfläche der nun komplett gefüllten Gussgrube mauert man Kanäle, durch die flüssige Glockenspeise zu allen Formen strömen soll, denn meistens werden mehrere Glocken zugleich gegossen. An siebenter Stelle wird – schon Stunden vor dem Guss – der Schmelzofen angeheizt, bis die flüssige Glockenspeise ca. 1100 °C erreicht. Der dann erfolgende Guss wird meist mit einer überlieferten Losung eingeleitet: „In Gottes Namen lasst’s rinnen, stoßt den Zapfen aus. Gott bewahr’ das Haus“. Dann wird die flüssige Glockenspeise durch die vorbereiteten Kanäle und das Gussloch in die Form geleitet, bis sie komplett gefüllt ist. Durch die Windpfeifen entweichende Gase werden abgefackelt. Nach einer Abkühlzeit von mehreren Tagen – bei größeren Glocken entsprechend länger – kann die Glocke aus der Form geholt werden; erst dann wird hör- und sichtbar, ob der Guss gelungen ist.
Als Termin für den Guss wird traditionell der symbolträchtige Freitagnachmittag um 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu Christi – gewählt.
Kirchenglocken sind oft variantenreich verziert; sie zeigen beispielsweise ein figürliches Relief (Heiligenfigur oder Kreuzigungsgruppe). Viele Glocken sind seit dem Spätmittelalter inschriftlich datiert und mit dem Gießernamen versehen. Meist haben Glocken für Kirchen religiöse Inschriften. Das Handwerk der Glockengießer ist relativ alt und benötigt sehr viel Erfahrung. Deshalb haben viele Glockengießereien eine sehr lange Tradition.
Glocken aus Ersatzlegierungen Überblick mini|Museal ausgestellte Eisenhartgussglocken von J. F. Weule (links) und Schilling & Lattermann (rechts)