Die Kraftwerk Union AG (KWU) war ein gemeinsames Tochterunternehmen von Siemens und AEG. Es betrieb den Bau von Kraftwerken, insbesondere Kernkraftwerken. Standorte waren Mülheim an der Ruhr, Erlangen, Berlin-Moabit, Karlstein am Main und im Stadtviertel Kaiserlei, Offenbach am Main. Die KWU stand später synonym für das Kraftwerksgeschäft von Siemens und ist 1987 im Siemenskonzern aufgegangen.
mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude der KWU in Mülheim an der Ruhr
Geschichte Nachdem die Kernkraftwerksbereiche von Siemens und der AEG ab 1968 kooperierten, wurde 1969 die Kraftwerk Union AG mit Sitz in MülheimHandelsregistereintrag HRB 499, Amtsgericht Mülheim/Ruhr. aus den Kraftwerksabteilungen von AEG und Siemens gegründet. Siemens war zuvor ein Zusammenschluss aus Siemens & Halske und Siemens-Schuckert. Am letzteren Standort begann in Deutschland die Reaktorentwicklung als Teil der „Studiengruppe Reaktorentwicklung“. Am Standort Mülheim wurden Dampfturbinen und Generatoren, in Berlin Gasturbinen hergestellt. Entwicklung und Planung fanden an den Standorten Erlangen und Offenbach statt. Im selben Jahr wurde außerdem die Transformatoren Union (TU) von den Konzernen gegründet. AEG hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur Siedewasserreaktoren basierend auf der Technik des US-Konzerns General Electric gebaut, während Siemens Druckwasserreaktoren in Lizenz von Westinghouse gebaut hatte. Aber auch das nicht-nukleare Kraftwerksgeschäft von Siemens wurde in die KWU integriert. Fünf Jahre später wurde die AEG-Kernkraftsparte von der KWU übernommen. Eine weitere Sparte bildete die KWU-Umwelttechnik GmbH, die beispielsweise in Kooperation mit der MAN-Gutehoffnungshütte GmbH Schwelbrennanlagen anbot. Ebenfalls stieg 1969 Siemens bei der Interatom mit Anteilen ein, welche ab 1974 auf die KWU übertragen wurden. 1977 stieg die AEG aus und Siemens wurde Alleinaktionär der KWU AG. 1978 verkaufte die AEG auch Teile an der Transformatoren Union an die KWU. In den 1980er Jahren erlebte die KWU ihre erfolgreichste Zeit mit dem Bau der Konvoi-Reaktorlinie. Im Ausland war die KWU unter anderem beim Bau des Kernkraftwerks Gösgen in der Schweiz, ab 1974 bei dem durch irakische Luftangriffe zerstörten Kraftwerk bei Buschehr (Iran), den Schwerwasserreaktoren Atucha I und II in Argentinien, sowie dem Kernkraftwerk Angra 2 und 3 (für Block 3 wurden nur fast alle Teile geliefert, ging zu KWU-Zeiten aber nicht in Bau) in Brasilien engagiert. Das einzige kommerzielle Kernkraftwerk in Österreich, das Kernkraftwerk Zwentendorf, ging nach der Errichtung durch die KWU nie in Betrieb. In Deutschland war sie über Beteiligungen auch an der Errichtung verschiedener fortgeschrittener Reaktoren beteiligt, so beispielsweise am schnellen Brüter in Kalkar, dem Forschungsreaktor KNK II in Karlsruhe und den Forschungsreaktoren FRM und FRM II in München. Am 1. Oktober 1987 wurde die Integration der KWU AG und der Trafo Union in die Siemens AG vollständig vollzogen, die KWU hörte als eigenständiges Unternehmen auf zu existieren. Als 1989 nach heftigen Protesten der Bau der bayerischen Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf eingestellt wurde, waren auch viele Arbeitsplätze bei der KWU betroffen.Es geht ums nackte Überleben – In Wackersdorf kämpft die Atomindustrie um ihre Existenz. In: taz. 17. April 1989, abgerufen am 11. August 2024.KWU: Weniger Arbeit wegen Ende der WAA. In: taz. 22. Juli 1989, abgerufen am 11. August 2024.Jakob Felsberger: Die Kraftwerk Union AG. In: Tschernobyl in Erlangen - Reaktionen und Dynamiken im lokalen Umfeld 1986–1989. FAU University Press, Erlangen 2020, S. 130.
Weitere Entwicklung ehemaliger KWU-Unternehmensteile SIEMENS SNP und PG: Der Nuklearbereich der ehemaligen KWU wurde im Juli 2000 unter dem Namen Siemens Nuclear Power GmbH ausgegliedert, der konventionelle Kraftwerks- und Turbinenbereich wurde als eigener Siemens-Geschäftsbereich in Power Generation umbenannt. Ab Anfang der 1990er Jahre begann die französische Framatome zusammen mit der Kernkrafttochter von Siemens mit der Entwicklung des European Pressurized Water Reactor („Europäischer Druckwasserreaktor“). Die deutsche Seite war vor allem für die sicherheitstechnischen Aspekte (Werkstoffprüfung und andere) zuständig. Auch die Leittechnik (Siemens Teleperm M) wurde in Deutschland entwickelt. Die politische und öffentliche Haltung zur Kernkraft in Deutschland sowie die schlechte Auftragslage – die Kernkraftsparte von Siemens war fast nur noch im Wartungs- und Brennstoffgeschäft tätig – führten zu der Entscheidung der Siemens-Konzernspitze, die Kernkraftgeschäfte erneut auszugliedern und die Mehrheitsanteile zu verkaufen. Framatome ANP – Siemens und die französische Firma Framatome bildeten 2001 ein Gemeinschaftsunternehmen: aus Siemens SNP und Framatome wurde Framatome ANP – die Siemens AG erhielt eine Beteiligung von 34 Prozent an Framatome ANP. Ab 2004 begann die Auflösung des Sitz in Offenbach-Kaiserlei ohne Nutzung der Gebäude bis ca. 2017. Ab diesem Zeitpunkt wurde mit der Konversion der ehemaligen Gebäude begonnen (siehe Foto). Im März 2006 erfolgte die Umbenennung in Areva NP. Power Generation (PG) und Power Transmission and Distribution (PTD) blieben als Geschäftsbereiche weiterhin zu 100 Prozent im Siemens-Konzern integriert. Am 18. März 2011 verkaufte Siemens seine gesamten Anteile an Areva NP für 1,62 Milliarden Euro an den Mutterkonzern Areva.J. Hartmann, G. Wüpper: Siemens steigt aus französischem Atomkonzern aus. In: Welt Online. 10. April 2011, abgerufen am 31. Mai 2011. 2018 wurde der größte Teil der Areva NP an die EDF verkauft und firmiert seither wieder unter Framatome bzw. Framatome GmbH. mini|Ehemaliger KWU-Standort in Offenbach-Kaiserlei (1970 bis 2004) während der Konversion zum mischgenutzten Quartier.
Kernkraftwerke (kommerzielle Leistungsreaktoren)
Die folgenden Kernkraftwerke bzw. Reaktorblöcke wurden von der KWU geplant, gebaut und errichtet. (PDF; 3,79 MB). Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Vierte Überprüfungstagung im April 2008.
Siedewasserreaktoren (SWR) Reaktorblock Bezeich-nung Land Status Betreiber KKW Würgassen KWW Deutschland Zwischenlagerbetrieb, nuklearer Teil zurückgebautKernkraftwerk Würgassen. In: preussenelektra.de. Abgerufen am 11. August 2024. Preussenelektra KKW Brunsbüttel KKB Deutschland Außer Betrieb Vattenfall KKW Zwentendorf/Tullnerfeld GKT Österreich nicht in Betrieb genommen Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GmbH KKW Philippsburg 1 KKP-1 Deutschland Außer Betrieb EnBW KKW Isar 1 KKI-1 Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Krümmel KKK Deutschland Außer Betrieb Vattenfall KKW Gundremmingen B KRB-B Deutschland Außer Betrieb RWE KKW Gundremmingen C KRB-C Deutschland Außer Betrieb RWE
Druckwasserreaktoren (DWR) mini|KKW Brokdorf vom Typ „Vor-Konvoi“, einer Reaktorbaulinie von KWU
Reaktorblock Bezeich-nung Land Status Betreiber KKW Obrigheim KWO Deutschland im Rückbau (bis 2030) EnBW KKW Stade KKS Deutschland im Rückbau (bis 2026)Stade: AKW-Rückbau dauert länger als geplant. In: Norddeutscher Rundfunk, 19. März 2017. Abgerufen am 20. März 2017. (Archivlink) PreussenElektra KKW Borssele KCB Niederlande Betriebsführung EPZ KKW Biblis A KWB-A Deutschland Außer Betrieb RWE KKW Biblis B KWB-B Deutschland Außer Betrieb RWE KKW Neckarwestheim 1 GKN-1 Deutschland Außer Betrieb EnBW KKW Neckarwestheim 2 GKN-2 Deutschland Außer Betrieb EnBW KKW Unterweser KKU Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Trillo 1 CNT1 Spanien Betriebsführung ENDESA KKW Trillo 2 CNT2 Spanien 1981/82 bestellt, nicht errichtetRoland Kollert: Die Politik der latenten Proliferation: militärische Nutzung „friedlicher“ Kerntechnik in Westeuropa. DUV, Wiesbaden 1994, ISBN 3-8244-4156-X (Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 1992). ENDESA KKW Regodola CT Spanien 1981/82 bestellt, nicht errichtet KKW Gösgen KKG Schweiz Betriebsführung Gösgen-Däniken AG KKW Brokdorf KBR Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Grohnde KWG Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Philippsburg 2 KKP-2 Deutschland Außer Betrieb EnBW KKW Grafenrheinfeld KKG Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Emsland KKE Deutschland Außer Betrieb RWE KKW Isar 2 KKI-2 Deutschland Außer Betrieb PreussenElektra KKW Angra 2 ANG Brasilien Betriebsführung EletrobrásKKW Angra 3ANGBrasilienIn BauEletrobrás bzw. Konsortium Electronuclear KKW Buschehr 1 BNPP Iran Betriebsführung seit ca. 2012, modifiziert zu WWER-1000/446 Nuclear Power Production and Development Company of Iran (NPPD), ein Teil der Iranische Atomenergieorganisation KKW Buschehr 2 BNPP Iran Bau abgebrochen NPPD
Weitere ehemals für Deutschland geplante Anlagen vom Typ Konvoi waren die Kernkraftwerke Wyhl (Süd), Hamm, Borken, Pfaffenhofen und der Reaktor Biblis C.
Der Reaktor Buschehr 1 wurde durch Atomstroiexport fertiggestellt und entspricht im technischen Aufbau nun der russischen Baulinie WWER-1000/446, nicht den KWU-Druckwasserreaktoren.
Schwerwasserreaktoren Im Gegensatz zu den oben genannten Kraftwerken, die allesamt mit normalem „leichten“ Wasser gekühlt bzw. moderiert werden, ist bei Schwerwasserreaktoren mindestens der Moderator (in diesem Fall auch das Kühlwasser im Primärkreislauf) schweres Wasser. Dies hat den Vorteil, dass aufgrund des niedrigeren Wirkungsquerschnitts für Neutroneneinfang in Deuterium gegenüber „normalem“ Wasserstoff, Kritikalität, und damit eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion, bereits mit nicht-angereichertem Uran erreicht werden kann. Der kanadische CANDU-Reaktor ist im Funktionsprinzip ähnlich und stand während der Phase, als KWU Schwerwasserreaktoren anbot, bei Auslandsaufträgen in Konkurrenz zu dieser Baulinie der KWU. Letztlich erwies es sich als nicht durchführbar, die „Kleinserie“ weiterzuentwickeln und zu vermarkten, sodass dieses Marktsegment den Kanadiern, welche ausschließlich CANDUs bau(t)en, überlassen wurde. Die beiden Blöcke am Standort Atucha arbeiten inzwischen mit geringfügig (0,85 % U-235 anstelle der natürlichen 0,72 %) angereicherten Uran, da dies sich im Betrieb als vorteilhaft erwiesen hat. Am Standort Embalse betreibt Argentinien auch einen CANDU, was die damalige Konkurrenz zwischen KWU und AECL (dem damaligen Eigentümer der CANDU-Technologie) in diesem Marktsegment weiter verdeutlicht. Reaktorblock Bezeich-nung Land Status Betreiber KKW Niederaichbach KKN Deutschland rückgebaut → grüne Wiese Kernkraftwerk Niederaichbach GmbH KKW Atucha 1 CNA1 Argentinien Betriebsführung Nucleoeléctrica Argentina S.A. KKW Atucha 2 CNA2 Argentinien Betriebsführung Nucleoeléctrica Argentina S.A.
Kernbrennstoffkreislauf In Hanau-Wolfgang waren verschiedene Firmen angesiedelt, die für den Kernbrennstoffkreislauf Produkte lieferten, z. B. Brennelemente.
Forschungsreaktoren
Weiterhin betrieb die Kraftwerk Union in den 1960er und 1970er Jahren in Karlstein am Main zwei Forschungsreaktoren, den AEG-Prüfreaktor (PR-10) und den AEG-Nullenergiereaktor (TKA), die von der AEG übernommen wurden. Weitere Forschungsreaktoren sind die Siemens-Unterrichtsreaktoren (SUR).
Literatur Jakob Felsberger: Die Kraftwerk Union AG. In: Tschernobyl in Erlangen – Reaktionen und Dynamiken im lokalen Umfeld 1986–1989. FAU University Press, Erlangen 2020, ISBN 978-3-96147-285-7, S. 117–130.
Weblinks In: siemens.com Siemens and the History of Energy Technology. In: siemens.com. (englisch) Carsten Knop, Henning Peitsmeier: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. April 2011
Einzelnachweise
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