Der Mythos vom nichtorganisierten Staat () war ein ideologisches Konstrukt der nationalkommunistischen Geschichtsschreibung Rumäniens während der Ceaușescu-Ära. Der Hauptzweck dieses Konstrukts bestand darin, eine dogmatische Auslegung der sogenannten Kontinuitätstheorie zu stützen und Lücken in dieser Theorie zu füllen. Der in sich widersprüchliche Begriff „nichtorganisierter Staat“ wurde erstmals erwähnt in dem am 18. Dezember 1974 angepassten und Anfang 1975 veröffentlichten Programm der Rumänischen Kommunistischen Partei.

Lösung für ein Kontinuitätsproblem mini|Programm der Rumänischen Kommunistischen Partei (1975) Nach der Dako-romanischen Kontinuitätstheorie vermischten sich Daker und Römer früh und blieben auch nach dem Abzug der römischen Garnisonen ununterbrochen im Lande. Offen bleibt die Frage, wieso es zwischen dem Abzug der Römer (271/74) und dem legendären Beginn der Herrschaft der ersten Woiwoden bzw. Fürsten Siebenbürgens, der Moldau und der Walachei (1274) nördlich der Donau 1000 Jahre lang keine rumänischen Staatsgebilde gab. Stattdessen hatten sich in dieser Zeit Goten, Gepiden, Hunnen, Awaren, Bulgaren, Russen, Petschenegen, Kumanen, Mongolen und Tataren in der Herrschaft über die Landesgebiete abgelöst.

Ab 1974/75 entwickelten kommunistische Historiker den Protochronismus weiter und wandelten ihn ab. Angelehnt an Nicolae Iorgas Thesen eines frühen Volks-Romanien aus der Vorkriegszeit behaupteten sie, alle Eroberer zwischen „Gotensturm“ und „Mongolensturm“ hätten Rumänien letztlich nur durchzogen bzw. vorübergehend jeweils nur die wichtigsten Orte und Verbindungsstraßen beherrscht; als Nomadenvölker hätten sich die meisten nicht dauerhaft angesiedelt. Zudem wäre Rumänien damals dünn besiedelt gewesen, und auch die Eroberer seien nicht so zahlreich gewesen, dass sie überall auf Einheimische getroffen wären. Die einheimische dako-romanische Bevölkerung sei in entlegenere und schwerer zugängliche Gebiete (Gebirge, Wälder, Sümpfe) abgedrängt worden bzw. habe sich dorthin zurückgezogen. In kleinen nichtstaatlichen Solidargemeinschaften bzw. freien Kommunen hätten die Dako-Romanen ihr Überleben und Fortbestehen doch irgendwie organisiert. Kontakte, kulturelle Verbindungen und Bündnisse zwischen diesen Gemeinschaften hätten stets fortbestanden. Aus den kleineren Gemeinschaften seien allmählich größere Feudalherrschaften, die Woiwodate, entstanden.

Der rumänische Historiker Lucian Boia bezeichnete die Erfindung eines nichtorganisierten Staates als einen Versuch des Ceauşescu-Regimes, das kommunistische Rumänien um jeden Preis so tief wie möglich in der Vergangenheit zu verankern, um somit zu den ältesten Nationen Europas zu zählen. Der nationalkommunistische Erklärungsansatz, die Dako-Romanen hätten sich in entlegene Gebiete zurückgezogen, wurde zwar von kommunistischen Historikern der „Bruderstaaten“ des Ostblocks übernommen (vor allem von sowjetischen und ostdeutschen), nicht jedoch der Begriff des „nichtorganisierten Staates“.

Literatur Primärliteratur PROGRAMM DER RUMÄNISCHEN KOMMUNISTISCHEN PARTEI zum Aufbau der vielseitig entwickelten sozialistischen Gesellschaft und dem Voranschreitens Rumäniens zum Kommunismus: Die historische Entwicklung des rumänischen Volkes auf dem Weg des ökonomischen und sozialen Fortschritts, der Freiheit und Unabhängigkeit. S. 29. Rumänische Presseagentur AGERPRES, Bukarest 1975 Ilie Ceaușescu: The Entire People’s War for the Homeland’s Defence with the Romanians – From Times of Yore to Present Days. S. 49. Military Publishing House, Bukarest 1980

Sekundärliteratur Lucian Boia: Geschichte und Mythos – Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft. S. 20, 58ff und 147ff. Böhlau, Köln 2003 Christoph Kruspe, Jutta Arndt: Taschenlexikon Rumänien. S. 71f, 91 und 216. Bibliographisches Institut Leipzig 1984 Walter Markov, Alfred Anderle, Ernst Werner, Herbert Wurche: Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Band 2, S. 203. Bibliographisches Institut, Leipzig 1979

Tertiärliteratur Elfriede Dörr: Lernort Weltgebetstag – Zugänge zum ökumenischen Gebet durch den Weltgebetstag der Frauen. S. 159. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2009 Vasile Alexandru Talos: Church in the Apostolic Spirit – A Strategy for Building Indigenous Apostolic Congregations in the Cultural Context of Eastern Orthodox and Post-Communist Romania. S. 58. ProQuest, Ann Arbor 2008

Weblink antena3.ro vom 30. Januar 2013: The 1000 years black hole in the Romanians history

Kategorie:Rumänische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Kultur (Rumänien) Kategorie:Politischer Mythos Kategorie:Politikgeschichte (Rumänien)