Die Gemeinwohl-Bilanz ist in der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie ein Bewertungsverfahren für Privatpersonen, Gemeinden, Firmen und Institutionen, mit dem geprüft werden soll, inwieweit sie dem Gemeinwohl dienen. Bewertet werden unter anderem ökologische und soziale Aspekte.

Gemeinwohl-Bilanzen sollen für jedermann gut verständlich sein; Unternehmen können ihre Gemeinwohl-Leistung auf einer einzigen Seite transparent machen. Dabei können die Unternehmen entscheiden, ob sie die Bilanz in Eigenregie erstellen, sich in einer Gruppe gegenseitig bilanzieren oder einen unabhängigen Prüfer bestellen. Dies unterscheidet die Gemeinwohl-Bilanz von herkömmlichen Nachhaltigkeitsberichten, die von den Unternehmen selbst erstellt werden – sie soll auch vergleichsweise preisgünstig erstellt werden können, für kleine Unternehmen werden ca. 1000 Euro veranschlagt.

Bislang bilanzieren im deutschsprachigen Raum ca. 250 Unternehmen nach Gemeinwohl-Richtlinien, in Europa sind es ca. 1300 Unternehmen (Stand: 2024). Insgesamt gibt es 590 deutsche, 631 österreichische, 67 Schweizer und 70 Südtiroler Unternehmen, die sich als Unterstützer der Gemeinwohl-Bilanz registriert haben. Alle in einer Peer-Gruppe und extern auditierten Gemeinwohl-Bilanzen sind öffentlich zugänglich.

Ab 2017 sind alle börsennotierten UnternehmenOffiziell heißt es „Unternehmen von öffentlichem Interesse“, siehe , vom 22. Oktober 2014, was in vielen Zeitschriften-Artikeln mit „börsennotierten Unternehmen“ gleichgesetzt wird. mit mehr als 500 Mitarbeitern durch eine EU-Richtlinie verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Dabei hat die EU mehrere Bilanzierungs-Standards explizit erwähnt, darunter auch die Gemeinwohl-Bilanz, so die Süddeutsche Zeitung. Diese Erwähnung findet sich jedoch weder in der relevanten Erwägung 9 der Richtlinie 2014/95/EU, welche die empfohlenen Rahmenwerke aufführt, noch in den ergänzenden „Leitlinien für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Informationen“ (2017/C 215/01) der Europäischen Kommission, welche in ihrer Einleitung die Rahmenwerke benennt.. In: Amtsblatt der Europäischen Union. C, Nr. 215, 5. Juli 2017, S. 3–4. Sowohl die Richtlinie als auch die Mitteilung bilden die rechtliche Grundlage zur Offenlegung nichtfinanzieller Informationen durch große Unternehmen und Gruppen. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, der die EU-Organe berät, hat in einer Stellungnahme empfohlen, dass Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen sollten: Ziel sei „der Wandel hin zu einer ethischen Marktwirtschaft“.

In den USA und Italien ist der Geschäftstypus Gemeinwohlorientierte GmbH bereits gesetzlich verankert.

Bekannte österreichische Unternehmen und Institutionen mit Gemeinwohl-Bilanz Sonnentor Fachhochschule Burgenland Grüne Erde

Bekannte deutsche Unternehmen und Institutionen mit Gemeinwohl-Bilanz Sparda-Bank München Vaude Bioland taz Greenpeace Deutschland Ökofrost Polarstern Energie Hochschule Bremen Elobau BKK ProVita Followfood FC St. Pauli Goldeimer Voelkel (Unternehmen)

Eine Studie vom April 2025 liefert erstmals fundierte Schätzungen zum Umfang gemeinwohl-orientierter Unternehmen in Deutschland. Danach lassen sich rund 160.000 Unternehmen in Deutschland unter diese Definition fassen. Mit etwa 3,2 Millionen Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von bis zu 82 Milliarden Euro repräsentieren sie rund sieben Prozent der Beschäftigten und über ein Prozent des Umsatzes in der deutschen Wirtschaft.

Die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz wird vom ÖkoBusinessPlan Wien und vom Ökomanagement Niederösterreich mit ca. 50 % gefördert.

Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert Gemeinwohl-Bilanzen.

Gemeinwohl-Ökonomie in Baden-Württemberg Auf Seite 15 des grün-schwarzen Koalitionsvertrags heißt es: „Die Koalitionspartner begrüßen neue Formen des Wirtschaftens wie Gemeinwohl-Ökonomien, weil sie als soziale Innovationen die Bürgergesellschaft stärken können. Mit einem Gemeinwohlbilanz-Pilotprojekt soll bei einem Unternehmen mit Landesbeteiligung dessen Wertschöpfung umfassend und transparent dargestellt werden. Diese Erkenntnisse wird das Land privatwirtschaftlichen Betrieben, die dies wünschen, zur Verfügung stellen und so Unternehmen fördern, die ihr wirtschaftliches Handeln mit Hilfe einer Gemeinwohlbilanz neu ausrichten möchten.“ Dabei verfolgen die Grünen in Baden-Württemberg das Ziel, dass landeseigene Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen.

Unter den wenigen Unternehmen mit Landesbeteiligung war 2020 der landeseigene Staatsforstbetrieb ForstBW. Er erreichte eine Gesamtbewertung von 577 Punkten und wurde als „Erfahrenes Gemeinwohl-Unternehmen“ eingestuft. Die Auditoren hoben besonders die nachhaltige Bewirtschaftung als vorbildlich hervor.

Gemeinwohl-Matrix für Unternehmen Für jeden der insgesamt 20 Gemeinwohl-Indikatoren gibt es bis zu vier Sub-Indikatoren.

Mit einem Bilanzrechner können die Ergebnisse für die einzelnen Sub-Indikatoren in Punkte umgerechnet werden. Die maximale Punktzahl pro Indikator und Sub-Indikator ist jeweils festgelegt.

Menschenwürde Solidarität und Gerechtigkeit Ökologische Nachhaltigkeit Transparenz und Mitentscheidung Lieferanten A1 Menschenwürde in der ZulieferketteA2 Solidarität und Gerechtigkeit in der ZulieferketteA3 Ökologische Nachhaltigkeit in der ZulieferketteA4 Transparenz und Mitentscheidung in der Zulieferkette Eigentümer & Finanzpartner B1 Ethische Haltung im Umgang mit GeldmittelnB2 Soziale Haltung im Umgang mit GeldmittelnB3 Sozial-ökologische Investitionen und MittelverwendungB4 Eigentum und Mitentscheidung Mitarbeiter C1 Menschenwürde am Arbeitsplatz C2 Ausgestaltung der Arbeitsverträge C3 Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeiter C4 Innerbetriebliche Mitentscheidung und Transparenz Kunden & Mitunternehmen D1 Ethische Kundenbeziehung D2 Kooperation und Solidarität mit Mitunternehmen D3 Ökologische Auswirkung durch Nutzung und Entsorgung von Produkten und Dienstleistungen D4 Kundenmitwirkung und Produkttransparenz Gesellschaftliches Umfeld E1 Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen E2 Beitrag zum Gemeinwesen E3 Reduktion ökologischer Auswirkungen E4 Transparenz und gesellschaftliche Mitentscheidung

Indikatoren und Sub-Indikatoren für Unternehmen A Lieferanten A1 Beschaffungs-Management Zielsetzung dieses Indikators ist es, dass die Unternehmen ihre Verantwortung für die vorgelagerten Wertschöpfungsschritte wahrnehmen und nur gemeinwohlorientierte Zulieferer auswählen.

Sub-Indikatoren: Regionale, ökologische und soziale Aspekte / höherwertige Alternativen werden berücksichtigt (Relevanz hoch) Auseinandersetzung mit den Auswirkungen zugekaufter Produkte / Dienstleistungen (Relevanz mittel) Strukturelle Rahmenbedingungen zur fairen Preisbildung (Relevanz: niedrig)

B Geldgeber B1 Ethisches Finanzmanagement Wesentliche Elemente eines gemeinwohlorientierten Finanzmanagements sind die Investition in Projekte und Unternehmen.

C Mitarbeiter C1 Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung Hohe Arbeitsplatzqualität schafft die Grundlage dafür, dass sich die Mitarbeiter weiterentwickeln und einen Beitrag zur Entwicklung des Unternehmens leisten können.

Sub-Indikatoren: Faire Beschäftigungs- und Entgeltpolitik (Relevanz: mittel) Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung einschließlich Work-life-Balance / flexible Arbeitszeiten (Relevanz: mittel) Gleichstellung und Diversität (Relevanz: mittel)

C2 Gerechte Verteilung der Arbeit Derzeit arbeiten einige zu viel („leben um zu arbeiten“) und andere gar nicht („arbeitslos“). Ziel des Indikators ist die gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit auf alle erwerbsfähigen Menschen.

Sub-Indikatoren: Senkung der Normalarbeitszeit (Relevanz: hoch) Erhöhung des Anteils der Teilzeit-Arbeitsmodelle (Relevanz: mittel) Bewusster Umgang mit (Lebens-)Arbeitszeit (Relevanz: mittel)

C3 Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeiter Zielsetzung eines gemeinwohlorientierten Unternehmens ist es, ökologisches Verhalten innerhalb des Betriebes zu ermöglichen.

Sub-Indikatoren: Ernährung während der Arbeitszeit (Relevanz: hoch) Mobilität zum Arbeitsplatz (Relevanz: hoch) Sensibilisierung und unternehmensinterne Prozesse (Relevanz: mittel)

C4 Verteilung der Einkommen Sub-Indikatoren: Innerbetriebliche Bruttoeinkommens-Spreizung in Unternehmen (Relevanz: hoch) Mindesteinkommen (Relevanz: mittel) Transparenz (Relevanz: niedrig)

C5 Mitbestimmung und Transparenz Das Ideal ist die Mitbestimmung bei allen wesentlichen Entscheidungen (zumindest im eigenen Arbeitsbereich) und eine Legitimation der Führungskräfte z. B. durch Wahl.

Sub-Indikatoren: Grad der Transparenz (Relevanz: gering) Legitimierung der Führungskräfte (Relevanz: mittel) Mitbestimmung bei Grundsatz- und Rahmen-Entscheidungen (Relevanz: hoch) Mit-Eigentum der Mitarbeiter (Relevanz: mittel)

D Kunden, Produkte / Dienstleistungen D1 Kundenbeziehung Sub-Indikatoren: Gesamtheit der Maßnahmen für eine ethische Kundenbeziehung (Relevanz: hoch) Fairer Preis und ethische Auswahl der Kunden (Relevanz: mittel) Gemeinsame Produktentwicklung / Marktforschung (Relevanz: mittel) Service-Management (Relevanz: mittel)

D2 Kooperation in der Branche Das Ziel sind überlebensfähige Verhaltensweisen, die Krisen, anstatt sie zu produzieren, solidarisch abfedern helfen.

Sub-Indikatoren: Offenlegung von Informationen und Weitergabe von Technologie (Relevanz: mittel) Weitergabe von Arbeitskräften, Aufträgen und Finanzmitteln (Relevanz: hoch) Kooperatives Marketing (Relevanz: mittel)

D3 Ökologische Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen Bedingungen der ökologischen Nachhaltigkeit: Konsistenz (Kreislaufwirtschaft, Cradle-to-Cradle-Konzept) Effizienz Suffizienz Resilienz (/Resilienz-Management)

Sub-Indikatoren: Produkte / Dienstleistungen im ökologisch Vergleich zum Wettbewerb (Relevanz: hoch) Produkt-Gestaltung für eine ökologische Nutzung und suffizienten Konsum (Relevanz: mittel) Kommunikation ökologischer Aspekte (Relevanz: mittel)

D4 Soziale Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen Weniger leistungsfähige Kunden sollen nicht benachteiligt werden.

Sub-Indikatoren: Erleichterter Zugang zu Informationen / Produkten / Dienstleistungen für benachteiligte Kunden-Gruppen (Relevanz: hoch) Förderungswürdige Strukturen werden durch Vertriebspolitik unterstützt (Relevanz: mittel)

D5 Erhöhung des Branchenstandards Ziel ist, dass Unternehmen z. B. bestehenden Initiativen beitreten (z. B.: Label, freiwillige Branchenstandards).

Sub-Indikatoren: Kooperation in der Wertschöpfungskette (Relevanz: hoch) Beitrag zur Erhöhung legislativer Standards (Relevanz: mittel)

E Gesellschaftliches Umfeld E1 Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte / Dienstleistungen Zielsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie ist es, dass global nur noch das produziert wird, was die Menschen für eine suffiziente Lebensführung wirklich benötigen.

Sub-Indikatoren: Produkte / Dienstleistungen decken den Grundbedarf oder dienen der Entwicklung der Menschen / der Gemeinschaft / der Erde und generieren positiven Nutzen (Relevanz: hoch) Ökologischer und sozialer Vergleich der Produkte / Dienstleistungen mit Alternativen mit ähnlichem Endnutzen (Relevanz: mittel oder hoch)

E2 Beitrag zum Gemeinwesen Jedes Unternehmen soll seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und im Rahmen seiner Möglichkeiten einen angemessenen Beitrag leisten (z. B.: durch Spenden).

E3 Reduktion ökologischer Auswirkungen Sub-Indikatoren: Absolute Auswirkungen (Relevanz: mittel) Relative Auswirkungen im Branchenvergleich (Relevanz: hoch)

E4 Gemeinwohlorientierte Gewinnverteilung Ziel ist, dass die Gewinne eines Unternehmens so gerecht, sinnstiftend und gemeinwohlfördernd wie möglich verteilt / reinvestiert werden.

Sub-Indikatoren: Ausschüttung (Relevanz: hoch) Stärkung des Eigenkapitals sowie ökosoziale Reinvestitionen (Relevanz: hoch)