mini|hochkant=1.7| Kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum nach 1945 (nach Peter Wiesinger & KönigW. Heeringa: Measuring Dialect Pronunciation Differences using Levenshtein Distance. University of Groningen, 2009, S. 232–234.P. Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Berlin / New York, S. 807–900.W. König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. München 2019, S. 230.C. Giesbers: Dialecten op de grens van twee talen. Radboud Universiteit, Nijmegen 2008, S. 233. mit den folgenden dialektalen Großgruppen:

Der Begriff kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum bezeichnet das ehemalige innerwestgermanisches Dialektkontinuum in Mittel- und Westeuropa. Es umfasste die dort in einem zusammenhängenden Gebiet gesprochenen oberdeutschen, mitteldeutschen, niederdeutschen, friesischen und niederfränkischen Dialekte, die heute einer der standardisierten Dachsprachen Deutsch, Niederländisch, Westfriesisch und Luxemburgisch zugerechnet werden.

Die folgenreichste Veränderung, die das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum erfahren hat, war die Verschmelzung des niederdeutschen und des hochdeutschen Gebiets zu einem einzigen deutschen Sprachraum – nicht so sehr durch eine Veränderung der gesprochenen Sprachgewohnheiten der Beteiligten, sondern vielmehr durch die allmähliche „Überdachung“ des niederdeutschen Gebiets durch die sich entwickelnde (hoch)deutsche Standardsprache ab dem 15. Jahrhundert und den damit einhergehenden Verlust der Standardsprachenfunktion des Niederdeutschen.Maarten van den Toorn, Wil Pijnenburg, Arjan van Leuvensteijn und Joop van der Horst (Hrsg.): Geschiedenis van de Nederlandse taal. Amsterdam University Press, Amsterdam 1997, S. 149–150.

Der zunehmende Bildungsgrad weiter Teile der Bevölkerung im 19. Jahrhundert und die damit verbundene Verbreitung und Verwendung der Standardsprachen in allen Bevölkerungsschichten hatte das Dialektkontinuum gespalten, das heute nur noch teilweise und in unterschiedlichen Stadien des Verfalls erhalten ist.C. Hoppenbrouwers, G. Hoppenbrouwers: De indeling van de Nederlandse streektalen: dialecten van 156 steden en dorpen geklasseerd volgens de FFM. Uitgeverij Van Gorcum, Assen 2001, S. 56–60.

Geschichte Die früheste bekannte Dreiteilung des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums stammt aus dem Jahr 1485, als ein unbekannter niederländischer Autor in seinem Werk Exercitium puerorum grammaticale (deutsch: „Eine grammatische Übung für Kinder“) die verschiedenen Dialekte in Nieder-, Mittel- und Hochgermanisch unterteilte.Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 3. Teilband, Walter de Gruyter, Berlin/New York, 2003, S. 2211.

Begrenzung

Das Dialektkontinuum wurde im Norden durch das Dänische, im Osten durch das Polnische, das Tschechische und das Slowakische, im Südosten durch das Ungarische und Slowenische, im Süden durch das Italienische und Rätoromanische sowie im Südwesten und Westen durch das Französische begrenzt. Häufig an diesen Grenzen waren Orte, an denen sowohl deutsche oder niederländische Dialekte als auch Dialekte dieser Sprachen gesprochen wurden, bzw. werden.

Die Einbeziehung der verschiedenen friesischen Dialekte ist umstritten. Einerseits sind die verschiedenen Isoglossen, insbesondere jene, die mit den Nordseegermanismen zusammenhängen, zwischen dem Friesischen und den angrenzenden niederländischen und niederdeutschen Dialekten in der Regel stärker ausgeprägt, als für das Dialektkontinuum insgesamt typisch war. Andererseits führten jahrhundertelange Sprachkontakte zwischen dem Niederländischen und dem Niederdeutschen in der Praxis zu einem erheblichen Grad an gegenseitiger Verständlichkeit. Dies gilt insbesondere für die Zeit ab dem Spätmittelalter, als Niederländisch und Niederdeutsch in den friesischsprachigen Gebieten zunehmend als Verkehrssprachen fungierten. Der Einfluss des Niederdeutschen war dabei besonders stark, sodass niederdeutsche Varietäten zahlreiche lokale friesische Dialekte verdrängten oder in sich aufnahmen.

Differenzierung Obwohl die Kriterien, anhand derer sich innerhalb des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums Dialektgrenzen ziehen lassen, im Wesentlichen unbegrenzt sind,William D. Keel (2020): „The West Germanic Dialect Continuum“. In: Michael T. Putnam / B. Richard Page (Hrsg.): The Cambridge Handbook of Germanic Linguistics. Cambridge: Cambridge University Press, S. 736–760. können in der modernen Linguistik fünf Hauptkriterien unterschieden werden: der Grad der Beteiligung an der zweiten Lautverschiebung, das Kasussystem, Vokalentwicklungen, die Verbmorphologie und der Wortschatz.

Zweite Lautverschiebung

Die Zweite oder Hochdeutsche Lautverschiebung bildet eines der wichtigsten traditionellen Kriterien zur Gliederung des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums und der westgermanischen Sprachen im Allgemeinen. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob eine Varietät an der Lautverschiebung teilgenommen hat, sondern vor allem, welche der betroffenen Konsonanten in welchem Umfang verschoben wurden.

Die niederdeutschen, friesischen und niederfränkischen Varietäten zeigen grundsätzlich keine Beteiligung an der Lautverschiebung. Im Hochdeutschen nimmt der Umfang der Verschiebung dagegen von Norden nach Süden zu. Die Verschiebung von germanisch /t/ zu /ts/* (twee → zwei, tand → Zahn) reicht durch den mittel- und oberdeutschen Raum, während die Verschiebung von /p/ zu /pf/ (Pund → Pfund, Appel → Apfel) charakteristisch für die oberdeutschen Varietäten ist. Die weitreichendste Entwicklung von /k/ zu /kx/* (Kind → Chind) findet sich schließlich vor allem im äußersten Süden, insbesondere im Schweizerdeutschen und in Teilen des Tiroler Raumes.

Dadurch entstehen mehrere Isoglossen, die nicht alle an derselben Stelle verlaufen. Besonders auffällig ist dabei die unterschiedliche Bündelung der Isoglossen. Zwischen dem Mitteldeutschen und dem Niederdeutschen verlaufen die Isoglossen der verschiedenen Lautverschiebungen vielfach eng gebündelt, sodass hier eine vergleichsweise deutliche Grenze zwischen den beiden Großräumen entsteht. Der Übergang vom Mitteldeutschen zum Niederfränkischen ist dagegen wesentlich gradueller.

Auf dieser Grundlage lassen sich die westgermanischen Varietäten traditionell in drei Gruppen gliedern: Englisch, Friesisch, Niederländisch und Niederdeutsch, die weitgehend von der Lautverschiebung unberührt blieben; Mitteldeutsch, das einen intermediären Grad der Lautverschiebung aufweist; und Oberdeutsch, in dem die Lautverschiebung am weitesten durchgeführt wurde.

Kasussystem mini| N-AD-Kasussysteme im nordlichen und östlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums: mini| NA-D-Kasussysteme im südwestlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums: Die verschiedenen Dialekte des westgermanischen Kontinuums gehen historisch auf Sprachstufen mit einem weit stärker ausgeprägten und hochflektierten Kasussystem zurück. Im Laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklung wurden jedoch Kasusunterscheidungen in unterschiedlichem Umfang abgebaut oder miteinander verschmolzen. Während das Standarddeutsche ein System mit vier Kasus (Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv) aufweist, sind die Kasusunterscheidungen in anderen Varietäten wesentlich stärker reduziert. Auch das Standardniederländische besitzt kein produktives Vierkasussystem, obwohl ältere Sprachstufen des Niederländischen jedoch noch über ein wesentlich ausgeprägteres Kasussystem verfügten.

Die unterschiedlichen Wege und Grade dieses Abbaus können zur Unterscheidung der Dialekte und zur Bestimmung von Isoglossen herangezogen werden. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Kasussysteme unterscheiden, deren Verbreitung eine deutliche geografische Tendenz zeigt. Das N-AD-System ist vor allem im nordwestlichen, nordöstlichen und südöstlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums verbreitet: Hier bleibt der Nominativ vom zusammengefallenen Akkusativ und Dativ unterschieden. Das NA-D-System findet sich dagegen vor allem im südwestlichen Teil: Hier fallen Nominativ und Akkusativ zusammen, während der Dativ unterschieden bleibt.

In beiden Systemen verlaufen die Entwicklungen nicht notwendigerweise parallel in allen Teilen der Grammatik. Bestimmte und unbestimmte Artikel, Personalpronomen und Adjektive können unterschiedliche Kasusunterscheidungen bewahren oder verlieren und dadurch jeweils eigene geografische Grenzen hervorbringen.

Vokalentwicklungen mini|Aussprache des Wortes „Haus“ in den germanischen Varietäten. Auch Vokalentwicklungen sind ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Dialekte innerhalb des westgermanischen Kontinuums. Die verschiedenen Varietäten unterscheiden sich insbesondere in der Entwicklung der mittelalterlichen Langvokale und Diphthonge. Drei Entwicklungen sind dabei besonders relevant: die Diphthongierung der mittelalterlichen hohen Langvokale /iː, uː, yː/, die Monophthongierung mittelalterlicher Diphthonge /iə, uə, yə/ sowie die Entrundung vorderer gerundeter Vokale.

Die Diphthongierung (hûs → Haus, wîn → Wein) erfasste vor allem die südliche Hälfte des westgermanischen Raumes. Die niederdeutschen und niederfränkisch-niederländischen Varietäten im Norden und Westen bewahren dagegen vielfach die älteren Monophthonge; ebenso einige südwestoberdeutsche Varietäten wie Schweizerdeutsch, Elsässisch und Niederalemannisch. Die Monophthongierung (bruoder → Bruder) ist dagegen vor allem für die mitteldeutschen Varietäten charakteristisch, während südhochdeutsche Varietäten wie Bairisch und Schweizerdeutsch vielfach die Diphthonge bewahren.

Auch die Entrundung bildet geografische Unterschiede: Sie ist in den hochdeutschen Dialekten weit verbreitet, während gerundete Vokale unter anderem im Ostfränkischen, im äußersten Südwesten (Hochalemannisch/Schweizerdeutsch) und im Ripuarischen erhalten bleiben.

Verbmorphologie mini|Pluralendungen im Indikativ Präsens in den kontinentalwestgermanischen Dialekten. Auch die Verbmorphologie, insbesondere die Pluralendungen des Präsens, kann zur Abgrenzung der Dialekte innerhalb des westgermanischen Kontinuums herangezogen werden. Im Niederländischen und Niederdeutschen findet sich vielfach ein sogenannter Einheitsplural, bei dem alle drei Personen des Plurals dieselbe Endung aufweisen. Dabei unterscheiden sich die west- und ostniederdeutschen Varietäten unter anderem durch -et gegenüber -en, während die niederfränkisch-niederländischen Varietäten überwiegend -e(n) zeigen.

Demgegenüber weisen viele mittel- und oberdeutsche Dialekte (wie auch das Standarddeutsche) ein zweigliedriges System auf, wobei die 1. und 3. Person Plural eine Endung auf -en haben, während die 2. Person Plural eine Endung auf -t oder eine entsprechende Variante aufweist. Dieses System findet sich auch in den westschweizerischen Dialekten. Im Südwesten des oberdeutschen und in Teilen des mitteldeutschen Raumes treten aber wiederum Varianten des Einheitsplurals auf. Einige schweizerdeutsche Varietäten weisen sogar eine gemeinsame Endung -ent auf; in einzelnen höchstalemannischen Varietäten, etwa in Bosco/Gurin, gibt es sogar drei verschiedene Pluralendungen.

Ein weiteres morphologisches Kriterium ist die Präteritumschwund: In den oberdeutschen Dialekten ist das Präteritum weitgehend verschwunden und wird durch das Perfekt ersetzt (ich ging → ich bin gegangen). Im Mitteldeutschen sind Präteritumformen noch vereinzelt, besonders bei häufigen Verben und Modalverben, erhalten, während sie im Niederländischen und Niederdeutschen wesentlich stärker bewahrt sind.

Wortschatz