mini|Blick auf den Anfang der Johannisstraße in Dessau-Roßlau (rechts im Bild die Häuser, in denen das Opfer und der Täter lebten)

Der Mordfall Li Yangjie (; geboren am 9. September 1990 in Henan, China; vermisst seit dem 11. Mai 2016; tot aufgefunden am 13. Mai 2016 in Dessau-Roßlau) war ein Gewaltverbrechen in Sachsen-Anhalt. Der Sexualmord erlangte durch Verwandtschaftsverhältnisse des Täters zu zwei Beamten des ermittelnden Polizeiapparats – Mutter und Stiefvater des Täters arbeiteten beide bei der ermittelnden Polizei in Dessau-Roßlau – Aufmerksamkeit und war auch in China Gegenstand von Medienberichten. Er führte zu Anschuldigungen gegen Polizeiangehörige.„Im (sic!) Fokus der Anschuldigungen gerät nun die Polizei selbst.“ – 26. Mai 2016 (Quelle: Mitteldeutscher Rundfunk), abgerufen am 30. Mai 2016.

Hintergrund Die zum Zeitpunkt ihrer Ermordung 25-jährige Chinesin Li Yangjie studierte im fünften Semester Architektur an der Hochschule Anhalt in Dessau und stand laut Berichten der Presse kurz vor ihrem Masterabschluss. Sie hatte zuvor an der School of Civil Engineering der Henan University of Science and Technology in ihrer Heimat in der chinesischen Provinz Henan studiert. Sie war die Tochter eines chinesischen Polizisten.

Der inzwischen verurteilte Täter ist der Dessauer Sebastian F. (Jahrgang 1996), der einzige Sohn der Dessauer Polizistin Ramona S. Er wurde als Jugendlicher in der Kinderpsychiatrie Merseburg behandelt. Ausbildungen brach er ab; er bezog zum Tatzeitpunkt ALG II. Mit Xenia I. (Jahrgang 1997) hat er zwei Kinder, Xenia I. hat ein weiteres von einem anderen Mann. Xenia I. berichtete davon, dass Sebastian F. Lust empfinde, wenn er seinen Sexualpartnerinnen Schmerzen zufüge.

Tathergang

Am Mittwoch, dem 11. Mai 2016, war Li zunächst einkaufen, ging anschließend nach Hause und verließ gegen 20:30 Uhr ihr WG-Haus in der Johannisstraße in der Innenstadt von Dessau-Roßlau, um joggen zu gehen.

In der Johannisstraße befand sich ein Antiquitätengeschäft, das videoüberwacht war. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie Xenia I. die Studentin zu sich herwinkt, auf eine Wohnung im zweiten Stock deutet und sie bittet, ihr zu helfen. Zu sehen ist, wie sich Li Yangjie zweifelnd umblickt, dann jedoch mitgeht. Nach Erkenntnissen der Ermittler wartete hinter der Eingangstür Sebastian F. und überwältigte sie. Er schleppte Li Yangjie demnach in den ersten Stock und vergewaltigte die junge Frau „auf jede erdenkliche Art“ (Süddeutsche Zeitung). Xenia I. befragte Li Yangjie mithilfe des Google-Übersetzers unter anderem danach, ob sie Geschlechtskrankheiten habe, ob sie alleine oder in einer Wohngemeinschaft wohne und ob Freunde die Polizei rufen würden.

Blutspritzer des Opfers wurden an den Wänden der leerstehenden Wohnung in drei Metern Höhe gefunden. Der Gerichtsmediziner sprach von einem „mehrstündigen, schmerzhaften Todeskampf“ des Opfers.

Xenia I. ging während der Tat in ihre darüberliegende Wohnung und brachte die Kinder ins Bett. Sebastian F. warf das schwer entstellte Opfer aus einem Fenster der Wohnung in eine Mülltonne hinter dem Haus. Nach der Tat telefonierte er bis zu seiner Festnahme 40 Mal mit seiner Mutter, der Polizeibeamtin Ramona S., und berichtete ihr von der Tat.

Vermisstenmeldung, Ermittlungsverfahren und Vertuschungsverdacht gegen Polizisten im Laufe der Ermittlungen

Nachdem Li am 11. Mai 2016 nicht von ihrer um 20:30 Uhr begonnenen Joggingrunde zurückkehrte, wurde die Polizei benachrichtigt und eine Suche mit Polizeihubschraubern und Fährtenhunden begonnen.

Am 12. Mai 2016 wurde die Suchaktion ausgeweitet und um 13 Uhr auch offiziell von Freunden von Li eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben. Mittlerweile hatten viele Chinesen über Social-Media-Kanäle Nachrichten über die vermisste Studentin gepostet. Chinesen aus dem Ort wandten sich auch an die Chinesische Botschaft in Berlin, um für die vermisste Studentin Hilfe zu erbitten.

Am Freitag, dem 13. Mai 2016, konzentrierte sich die Polizei auf die Suche am Anhaltischen Theater und im Bereich Friedensplatz. Schließlich wurde eine nackte bzw. „spärlich bekleidet[e]“ weibliche Leiche unter einer Konifere im Bereich Hausmannstraße/Johannisstraße gefunden. Die Polizei konnte die Leiche aufgrund der starken Verletzungen am Kopf und im Gesicht aber zunächst noch nicht mit hinreichender Sicherheit als Li identifizieren, wobei der leitende Oberstaatsanwalt in öffentlichen Statements allerdings verlautbaren ließ, dass an der Identität eigentlich keine ernsthaften Zweifel beständen und eine Obduktion bereits für den 17. Mai angeordnet sei. Später fanden sich Spuren für ein Sexualdelikt, am Fundort wurden großflächig Blutspuren festgestellt. Da zunächst nicht klar war, dass die Leiche aus dem Fenster eines leerstehenden Hinterhauses geworfen worden war, wurde von der Polizei auf eine Durchsuchung der umliegenden Häuser verzichtet.Julius Lukas: Mord in Dessau: Ziemlich viel Zufall: Ein Mord in Dessau, und die Polizei gerät in Erklärungsnot – über ihre eigene Rolle. Die Zeit, Nr. 24/2016, 2. Juni 2016. (Zugriff aktuell beschränkt auf registrierte und zahlende Nutzer. Quelle trotzdem laut WP:BLG belegfähig.)

Ein Aufruf der Polizei am 14. Mai zur Suche nach Augenzeugen führte tags darauf zu einem ersten Hinweis.

Am 15. Mai 2016 wurde bekannt, dass von einem Tötungsdelikt ausgegangen wurde. Zur gleichen Zeit durchsuchten „Dutzende Bereitschaftspolizisten“ in fünf Trupps bereits den sogenannten „Scherbelberg“, eine in einer großen Halle der Abfallentsorgunganlage „Kochstedter Kreisstraße“ untergebrachte Mülldeponie, die für das Zwischenlagern von Hausmüll vor der Verbrennung genutzt wird. Gesucht wurden dabei vor allem das Handy, die Schlüssel und die Bekleidung von Li. Das Ergebnis der Suche wurde nicht öffentlich bekannt gemacht, aber einzelne Presseberichte weisen auf einen möglichen Kleidungsfund hin. Die Polizei veröffentlichte erneut einen Zeugenaufruf für die Zeit am Mittwoch, den 11. Mai 2016 zwischen 20:30 Uhr und 21:40 Uhr.

Am 16. Mai wurden die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung der Öffentlichkeit bekannt: Leichenschau und Obduktion hatten ergeben, dass der Leichnam als der Körper von Li Yangjie identifiziert und eine Spur von Fremd-DNA auf der Leiche gesichert werden konnte.

Am 17. Mai berichteten Lokalmedien, dass bei der am 15. Mai durchgeführten Durchsuchung des „Scherbelberges“ angeblich eine Jogginghose entdeckt wurde, die Li zugeordnet werden könne.

Laut Presseberichten lagen am Donnerstag, dem 19. Mai 2016, die ersten Ergebnisse der Untersuchung der Fremd-DNA vor, was am Freitag, dem 20. Mai 2016, von der Staatsanwaltschaft bestätigt wurde. Die Proben wurden zum Vergleich an das Bundeskriminalamt weitergegeben, dabei wurden keine Übereinstimmungen mit dort gespeicherten DNA-Daten gefunden. Aufgrund der DNA-Untersuchung konnten Verbindungen zu einer 2014 in Halle ermordeten Studentin ausgeschlossen werden. Auch zu einem Mordfall, bei dem in Leipzig eine zerstückelte Frauenleiche aufgefunden wurde, konnte eine Verbindung so verneint werden.

Am 20. Mai trafen die Eltern von Li in Begleitung von vier weiteren Angehörigen in Deutschland ein, wo sie von Rudolf Lückmann und seiner Frau, Yili Lu, empfangen wurden, welche neben einer Betreuung der Familie auch als deren Sprecher und Ansprechpartner tätig waren. Rudolf Lückmann lehrte zu diesem Zeitpunkt an der (Fach-)Hochschule Anhalt Architektur und war auch einer der Dozenten von Li Yangjie. Yili Lu betreute damals chinesische Masterstudenten als Koordinatorin der Hochschule Anhalt.

Am Samstag, dem 21. Mai, begannen Sebastian F. und Xenia I. den Umzug aus ihrer Wohnung, in der Teile der Tat stattgefunden hatten, in das Haus der Eltern von Sebastian F.

Am Montag, dem 23. Mai 2016, begaben sich Sebastian F. und Xenia I. zur Polizei, um dort auszusagen. Sebastian F. gab in Konjunktivformulierungen an, die bei der Getöteten gefundene DNA-Spur könne von ihm stammen, legte aber wohl zu diesem Zeitpunkt noch kein Geständnis ab. Die beiden gaben an, dass sie sich mit Li in der Nacht vor ihrem Verschwinden in der Wohnung des Paares, die nur wenige Meter entfernt von dem Ort liegt, wo Li Yangjie gefunden wurde, zum einvernehmlichen Sex getroffen hätten. Sie behaupteten, die Wohnung nach dem Treffen mit Li nicht verlassen zu haben. Allerdings widersprechen diese Aussagen den Aussagen von Zeugen, wonach Li zum Zeitpunkt des angeblichen Treffens mit dem Paar an anderer Stelle gesehen wurde.

Während die beiden weiter jegliche Verwicklung in die Tat bestritten, erfolgte aufgrund der Ergebnisse der DNA-Analyse wegen des „dringenden Tatverdachts“ des „gemeinschaftlichen Mordes“ noch am 23. Mai die Unterbringung in Untersuchungshaft im „Roten Ochsen“ in Halle, Saale (heute JVA Halle I).

Sebastian F. ist der Sohn von Ramona S., einer Beamtin im Dienst der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost, und Stiefsohn von Jörg S., dem Leiter des Polizeireviers Dessau-Roßlau. Ramona S. und ihr Ehemann Jörg S. gerieten im Folgenden in Verdacht, Beweismittel vernichtet zu haben. Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Folker Bittmann erstattete nach der Festnahme von Sebastian F. und Xenia I. sowie Kenntnisnahme von den revierinternen Verwandtschaftsverhältnissen Anzeige gegen Unbekannt wegen Geheimnisverrates bezüglich der dem Polizeirevier Dessau-Roßlau anvertrauten Ermittlungsinformationen.

Die bei der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost tätige Mutter bot ihre offenbar freiwillige Mitarbeit in der Ermittlergruppe „Anhalt“ an. Sie wurde in die Ermittlungen eingebunden und übernahm Zeugenbefragungen. Xenia I. sprach gegenüber der Mutter ihres Lebensgefährten von einem angeblichen Dreier-Sex-Treffen mit Li Yangjie, was die Beamtin nicht an die Ermittlungsgruppe weitergab.

Der Stiefvater Jörg S. war Leiter des Polizeireviers (PRev) Dessau-Roßlau in der Wolfgangstraße 25 in Dessau-Roßlau.Dessau-Roßlau: Polizeirevier bekommt neuen Chef, MZ, 1. November 2012. Jörg S. hatte ca. vier Jahre zuvor am Donnerstag, dem 27. Oktober 2012 die Leitung des Polizeidezernats mit sinnbildlicher Übergabe eines Staffelstabes von seinem Vorgänger übernommen. Er hatte 1984 im Volkspolizeikreisamt Naumburg seine Tätigkeit bei der Polizei begonnen, leitete später Polizeireviere in Halle-Silberhöhe und Weißenfels, wurde im Stab der Polizeidirektion Halle eingesetzt und war vor seinem Einsatz im PRev Dessau-Roßlau „Dezernatsleiter Einsatz“ in der Polizeidirektion Ost in der Kühnauer Str. 161 in Dessau-Roßlau. Laut Polizeigewerkschaft sollen beide Eltern zeitweise Zugriff auf die Ermittlungsergebnisse des Falles gehabt haben.

Zugleich halfen Mutter und Stiefvater beim Räumen der Wohnung des Paares am Samstag, dem 21. Mai 2016. Sie bestritten, die Wohnung selbst betreten zu haben. Eine Zeugin, selbst Polizistin, sagte hingegen aus, gesehen zu haben, wie „Mutter und Stiefvater einen Tag nach der Entdeckung der Leiche der Studentin mehrere Tüten aus der Wohnung ihres Sohnes und seiner Verlobten“ getragen hätten.

Am Dienstag, dem 24. Mai 2016, gab der die Ermittlungen leitende Oberstaatsanwalt Bittmann bei einer Pressekonferenz offiziell die Festnahme der beiden Tatverdächtigen bekannt, verbreitete dabei aber auch – wohl unkritisch – öffentlichkeitswirksam zunächst die Falschdarstellung der beiden Verdächtigen, sie hätten sich zu freiwilligem, einvernehmlichen Sex mit Li verabredet, bevor er auf die Zweifel an dieser Version zu sprechen kam. Der MDR zitierte Bittmanns streitige Aussagen teilweise:„Frage: Ich würde gern doch noch mal deutlich nachfragen, weil Sie Sexualdelikt gesagt haben. Sie haben sich getroffen, freiwillig, um Verkehr zu haben?

Bittmann: Das ist die Aussage des Tatverdächtigen.

Frage: Sozusagen zu dritt?

Bittmann: Ja.“Zur Familie von Sebastian F. bzw. der Tätigkeit seiner Eltern als Polizeibeamte machte Bittmann laut Tagesspiegel keine Angaben.