Im Livländisch-Estnischen Kriegsschauplatz von 1700 bis 1710 im Großen Nordischen Krieg eroberten russische Truppen sukzessive die schwedische Provinz Schwedisch-Estland und Schwedisch-Livland. Konnten die Schweden zunächst die alliierten Angriffe auf beide Provinzen 1700 und 1701 erfolgreich abwehren, machte sich in den Folgejahren die numerische Unterlegenheit gegenüber den russischen Streitkräften immer deutlicher bemerkbar. Karl XII. zog den Großteil der schwedischen Ressourcen auf den Polnischen Kriegsschauplatz und betrachtete den Livländisch-Estnischen Kriegsschauplatz als nachrangig, obwohl hier die meisten Gefechte als auch die höchsten Verluste unter allen Kriegsschauplätzen auf schwedischer Seite anfielen.
Truppenstärke mini|links|Die schwedischen Besitzungen im Baltikum Die baltischen Provinzen Schwedens mussten zusätzlich nationale Milizen aufstellen, um die wenigen vorhandenen Linientruppen zu ergänzen. In Estland wurden vier solcher Infanterieregimenter aufgestellt. In Livland war die Aufstellung anders organisiert, da der schwedische Generalgouverneur Zweifel hinsichtlich der Zuverlässigkeit der lokalen Soldaten hatte. Er stellte 13 Milizenbataillone zu je 300 Mann auf. Auf der Insel Ösel wurde ein 500 Mann starkes Bataillon Milizen aufgestellt. Dies brachte die Gesamtzahl der Infanterie-Milizen in beiden Provinzen auf 7000 Mann. Es wurden noch vier Dragonerschwadronen als Miliz ausgehoben. Die Gesamtkraft dieser Einheiten lag bei unter 1000 Mann. Trotz des Krieges wurden die Zahl der Miliz nicht weiter angehoben. 1700 wurde über das Einteilungswerk, das schwedische Rekrutierungssystem der Frühen Neuzeit insgesamt 6600 Mann in elf Regimenter und Bataillone rekrutiert. Dies stellte die eigentliche Armeebasis für Livland und Estland dar.
Effektiv befanden sich in Livland und Estland nie mehr als 10.000 Mann auf schwedischer Seite unter Waffen. Die hohen Ausfälle in den Gefechten gegen die übermächtige russische Armee konnten mit lokalen als auch entsandten schwedischen Verstärkungen nicht ausgeglichen werden. Spätestens Ende 1702 verfügten die Schweden in Livland und Estland nicht mehr über operative Fähigkeiten, sondern beschränkten sich nur noch auf die Verteidigung der festen Plätze Riga, Reval, Pernau an der Ostseeküste. Das Hinterland blieb völlig ungeschützt und wurde regelmäßig von russischen Kosaken verheert.
Russischerseits standen im Regelfall Kräfte von 40.000 Mann für aktive Kriegshandlungen auf schwedischem Territorium zur Verfügung. In den russischen Feldzügen von 1702 oder 1704 wurden Überlegenheitsverhältnisse von 4:1 oder darüber erreicht. Die russischen Kräfte hatten zwei große Militärstützpunkte in unmittelbarer Nähe der schwedischen Provinzen im Baltikum. Dies waren Pleskau und Nowgorod. Beide Standorte hatten eigene Schiffswerften, Pleskau am Peipussee und Nowgorod an der Mündung des Wolchows. Beide Stützpunkte wurden durch vorgelagerte Verteidigungsstellungen bei Petschory und Gdov geschützt. Von beiden Stützpunkten bildeten regelmäßig den Ausgangspunkt für die russischen Unternehmungen und Feldzüge in Livland, Estland und Ingermanland. Letztere Provinz bildete mit Finnland einen eigenen Kriegsschauplatz.
Befehlshaber der Streitkräfte Befehlshaber der Schweden Befehlshaber der Russen Befehlshaber der Sachsen Wolmar Anton von Schlippenbach Boris Scheremetew Otto Arnold Paykull Georg Johann Maydell Anikita RepninJohann Reinhold von Patkul Erik Dahlberg Christian Bauer Jacob Heinrich von Flemming Henning Rudolf Horn Fjodor Apraxin Adam Heinrich von Steinau Carl Gustaf Rehnskiöld Awtonom Golowin Niels Stromberg Charles de Croÿ Otto Vellingk Alexanderh Imeretinski Iwan Trubezkoi Adam Weide Kriegsverlauf Sächsischer Angriff auf Riga mini|links|Die Beschießung der Burg Kokenhusen in Livland durch sächsische Truppen (Herbst 1700); zeitgenössischer Druck mini|links|Blockade der Stadt Riga durch die polnischen und sächsischen Truppen im Jahr 1700 Am 12. Februar 1700 drang General Jacob Heinrich von Flemming an der Spitze von etwa 14.000 sächsischen Soldaten in Livland ein, um die Provinz und ihre Hauptstadt Riga einzunehmen.Robert K. Massie: Peter der Große – Sein Leben und seine Zeit. Frankfurt/Main 1987, S. 268. Generalgouverneur Livlands war der Feldmarschall Graf Erik von Dahlberg, gleichzeitig Schwedens berühmtester Festungsbaumeister, der seine Hauptstadt in einen exzellenten Verteidigungszustand versetzte. Angesichts der starken Mauern Rigas nahmen die Sachsen zunächst das benachbarte Dünamünde ein (13.–15. März 1700), das von August II. sogleich in Augustusburg umbenannt wurde.Heinz von Zur Mühlen: Baltisches historisches Ortslexikon. Band 2, Köln 1990, S. 132. Danach richteten die sächsischen Truppen eine Blockade vor Riga ein, ohne jedoch die Festung ernstlich anzugreifen. Nach acht Wochen ergriffen hingegen Dahlbergs Schweden die Initiative und schlugen die Sachsen im Gefecht bei Jungfernhof (6. Mai 1700). Die sächsischen Truppen wichen hinter die Düna aus und warteten zunächst auf Verstärkung. Als diese im Juni 1700 unter Generalfeldmarschall Adam Heinrich von Steinau eintraf, begleitete sie August II. persönlich. Steinau ging im Juli wieder zum Angriff über, schlug ein schwedisches Detachement unter General Otto Vellingk in der Nähe von Jungfernhof und begann die eigentliche Belagerung von Riga. Als die Belagerung kaum Fortschritte erzielte, beschloss man auf sächsischer Seite, zunächst größere Teile Livlands zu sichern. Aus diesem Grund wurde im Herbst auch die Burg Kokenhusen belagert und am 17. Oktober 1700 erobert. Danach suchten die Sachsen ihre Winterquartiere in Kurland auf.Knut Lundblad: Geschichte Karl des Zwölften, Königs von Schweden. Nach dem schwedischen Original übersetzt, berichtigt und erweitert von Georg Friedrich von Jenssen-Tusch, Band 1, Hamburg 1835, S. 41–55. Die schwedischen Truppen in Livland rekrutierten sich überwiegend aus Esten, Letten und Finnen und waren vorerst auf sich allein gestellt. Es kam ihnen jedoch zugute, dass sich der livländische Adel nicht gegen die schwedische Herrschaft erhob. Stattdessen kam es im Zuge des sächsischen Einmarsches zu Bauernrevolten, was die Adligen umso mehr an die schwedische Krone anlehnen ließ.Georg Piltz: August der Starke – Träume und Taten eines deutschen Fürsten. Berlin (Ost) 1986, S. 92 f.
Ursprünglich hatten die Alliierten vereinbart, dass Russland gleich nach dem Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich, möglichst jedoch im April 1700, den Krieg gegen Schweden eröffnen sollte. Doch die Friedensverhandlungen zogen sich in die Länge und Peter I. zögerte, trotz des Drängens von August II., sich am Krieg zu beteiligen. Erst Mitte August 1700 gelang eine Verständigung mit den Osmanen, und am 19. August erklärte Peter I. Schweden schließlich den Krieg. Er tat dies jedoch in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass am Vortag mit Dänemark bereits ein wichtiger Verbündeter der Koalition weggefallen war. In einem Bericht hielt der niederländische Gesandte am 3. September deshalb fest: „Wenn diese Neuigkeit vierzehn Tage früher eingetroffen wäre, so zweifle ich sehr, ob S. Czarische Majestät sich mit ihrer Armee in Marsch gesetzt oder S. Majestät dem König von Schweden den Krieg erklärt hätte.“Zit. nach: Georg Piltz: August der Starke – Träume und Taten eines deutschen Fürsten. Berlin (Ost) 1986, S. 92 f. Russische Belagerung Narvas mini|Narwafeldzug Karls XII. mini|Schlacht bei Narva am (20.) 30. Novemberaus: Johann Christoph Brotze: Sammlung verschiedener Liefländischer Monumente
Allerdings hatte Peter I. bereits im Sommer 1700 eine Armee an den schwedischen Grenzen aufstellen lassen, die zu einem großen Teil aus jungen, nach westeuropäischem Vorbild ausgebildeten Rekruten bestand. Insgesamt wurden die Streitkräfte in drei Divisionen unter den Generälen Golowin, Weide und Repnin geteilt. Zu diesen stießen noch einmal 10.500 Kosaken, so dass sich die Gesamtstreitmacht auf etwa 64.000 Mann belief. Von diesen stand jedoch noch ein großer Teil im Landesinneren.Henry Vallotton: Peter der Große – Russlands Aufstieg zur Großmacht. München 1996, S. 165. Mitte September rückte eine russische Vorhut in schwedisches Territorium ein, und am 4. Oktober 1700 begann die russische Hauptarmee mit etwa 35.000 Soldaten die Belagerung von Narva. Peter I. hatte vor dem Krieg Ingermanland und Karelien für sich reklamiert, um einen sicheren Zugang zur Ostsee zu erhalten. Narva lag zwar nur 35 Kilometer von den russischen Grenzen entfernt, aber in dem von August II. beanspruchten Livland. Bei den Verbündeten regte sich deshalb Misstrauen gegenüber dem Zaren, und man fürchtete, dass dieser Livland für sich erobern wollte. Drei Gründe sprachen jedoch für Narva als Ziel des russischen Angriffs: Es lag südlich von Ingermanland und konnte den Schweden als Einfallstor in diese Provinz dienen. Es lag unweit der russischen Grenzen und war damit ein logistisch relativ einfach zu erreichendes Ziel. Wichtig war nicht zuletzt, dass fast der gesamte Handel Russlands nach Westen über Riga und Narva lief und der Zar ungern beide Städte im Besitz Augusts II. gesehen hätte.Robert K. Massie: Peter der Große – Sein Leben und seine Zeit. Frankfurt/Main 1987, S. 288 f. Entsatz Narva und Riga durch die schwedische Armee mini|hochkant=1.4|links|Entsatz der Stadt NARVA und der Moscowiter grosse Niederlage den 20.21. des Novembermonats, 1700 (datiert nach schwedischem Kalender);Befestigungen, Truppenbewegungen, Batterien der Schlacht bei Narva gezeichnet von Zacharias Wolf.
Unterdessen hatte Karl XII. seine Armee bis zum 24. August 1700 wieder aus Dänemark abgezogen. Seitdem bereitete er in Südschweden eine Expedition nach Livland vor, um dort den sächsischen Truppen entgegenzutreten. Trotz der drohenden Herbststürme verließ Karl am 1. Oktober Karlskrona und erreichte am 6. Oktober Pärnu. Die schwedischen Verbände hatten Verluste durch heftige Stürme hinnehmen müssen. Trotzdem wurde die Flotte sofort wieder zurückgeschickt, um weitere Soldaten und die schwere Artillerie zu überführen. Da er den alten Dahlberg in Riga siegreich fand und die Sachsen bereits in den Winterquartieren, beschloss er, sich gegen die russische Armee bei Narva zu wenden. Er verlegte seine Truppen nach Reval, wo er weitere Verstärkung aus der Region versammelte und seine Verbände mehrere Wochen exerzieren ließ. Am 13. November 1700 brach er mit etwa 10.500 Soldaten nach Osten auf. Der Marsch im kalten Wetter und fast ohne jeden Nachschub erwies sich als schwierig, doch am 19. November erreichten die Schweden die russischen Stellungen. Am folgenden Tag kam es schließlich zur Schlacht bei Narva ((20.) 30. November 1700), in der die schwedischen Truppen die zahlenmäßig weit überlegene russische Armee vernichtend schlugen. Im Verlauf der Kämpfe und bei der darauf folgenden Flucht löste sich das russische Heer nahezu vollständig auf und verlor praktisch die gesamte Artillerie. Allerdings waren auch die geringen schwedischen Kräfte geschwächt, und auch sie mussten, nachdem Narva wieder befreit worden war, zunächst ihre Winterquartiere beziehen.Im Einzelnen zum Narva-Feldzug: Robert K. Massie: Peter der Große – Sein Leben und seine Zeit. Frankfurt/Main 1987, S. 290–301.
mini|hochkant=1.5|links|Bombardierung der Festung Dünamünde durch königlich-schwedische Truppen im Jahr 1701