A Report on Germany ist ein volkswirtschaftliches Gutachten mit erfolgreich angewendeten Empfehlungen zur wirtschaftlichen Wiederbelebung der drei Westzonen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und eine Grundlage der Wirtschaftsverfassung der Bundesrepublik Deutschland.
Auftraggeber und Autoren mini|Lewis H. Brown (1894–1951) A Report on Germany wurde von Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland in Auftrag gegeben, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben. Autor war Lewis H. Brown (1894–1951), der Präsident des Asbestherstellers Johns-Manville Corporation und Mitgründer des American Enterprise Institutes. Ein AbschnittLewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 7–26. über die Entscheidungsprozesse der amerikanischen Deutschlandpolitik von der Atlantik-Charta 1942 bis zur Hoffnungsrede des amerikanischen Außenministers James F. Byrnes am 6. September 1946 ist eine Zusammenfassung des Aufsatzes des Bankiers James P. Warburg (1896–1969) Germany – Nation or No-man‘s-Land.Foreign Policy Association Headline Series No 60.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, Vorwort S. VI.) Das Kapitel Die deutsche Situation heuteLewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 27–54. wurde von William C. Bober, einem Volkswirt von Johns-Manville, als Denkschrift für Lewis H. Brown erstellt.
Wirtschaftliche Misere nach dem Zweiten Weltkrieg und Abhilfe
mini|Undurchdringliche Zonengrenzen Deutschland 1947 Für den Winter 1947 wurden Hungertote in den Städten befürchtet.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 40 Deutschland sollte deshalb die Möglichkeit bekommen, die Industrieproduktion zu steigern und Exportgüter herzustellen, um aus den Erlösen die benötigten Lebensmittel und sonstigen Importgüter bezahlen zu können.Hoffnungsrede von James F. Byrnes Dies war eine Abkehr von der bisherigen Politik des Alliierten Kontrollrats und der Vereinigten Staaten. Deren Ziel war es, den Verbrauch in Deutschland so gering wie möglich zu halten, Importe ebenfalls, und Überschüsse nur den Besatzungsmächten, Vertriebenen und Kriegsgefangenen, und den Siegermächten als Reparationen zukommen zu lassen. Der Lebensstandard solle nicht höher werden als in den Nachbarländern.JCS 1067 U.S. Directive to General Eisenhower on Military Rule of Germany, October 17, 1945, Nr. 21 In Deutschland gab es ab Herbst 1945 einen Produktionsaufschwung, der Ende 1946 ins Stocken kam.Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. München 2004, S. 109. Deutschland stand Mitte 1947 vor einem Zusammenbruch des Transportsystems, weil Lokomotiven und Güterwagen nur noch Schrott waren. 48 Millionen Menschen westlich des Eisernen Vorhangs waren ohne genügend NahrungsmittelLewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 32. weil sie von den Getreidegebieten des Ostens abgeschnitten waren.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 7. Der „Level of Industry-Plan“ des Alliierten Kontrollrats vom 28. März 1946Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 243. schrieb Ziele für eine bedarfsorientierte Industrieproduktion vor, die niemals erreicht werden konnten, weil die Zonengrenzen undurchlässig waren. Außerdem war der „Level of Industry-Plan“ in sich widersprüchlich. Mit 39 % der Stahlproduktion sollten 11,4 % der Werkzeugmaschinenproduktion und 67 % der LKW-Produktion und 80 % der Landmaschinenproduktion von 1936 erzeugt werden.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 243–246. Statt zu einer bedarfsgerechten Produktion von Industriegütern kam es nur zu einer Reihe von Engpässen.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 36. Die Kriegsschäden waren hierfür nicht verantwortlich, denn die Kriegsschäden waren zu 70 % reparabel.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 29. Um der erwarteten Hungersnot zu entkommen,Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 59. sollte die Produktion wieder in Gange gebracht werden,Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 55. damit ab 1948 Güter im Wert von 1,5 Milliarden Dollar exportiert werden könnten statt der für 1947 erwarteten 250 Mio. Dollar.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 102.
Der europäische Teufelskreis Nach Browns Auffassung war ganz Westeuropa vom Bankrott bedroht, und Deutschland war schon bankrott.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, Vorwort S. IX. Westeuropa muss wirtschaftlich wieder auf die Beine gestellt werden, um nicht auf Dauer von den USA alimentiert werden zu müssen. Deshalb muss Deutschland wiederhergestellt werden, denn Deutschland ist das Schlüsselland Westeuropas. Wenn Deutschland nicht wiederhergestellt wird, kann auch Westeuropa nicht wiederhergestellt werden.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, Vorwort S. X. Das deutsche Problem ist das entscheidende und dringendste für Westeuropa, Großbritannien und die Vereinigten Staaten.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, Vorwort S. V. Der Ansatz des Reports ist es, die Räder der Produktion in Europa wieder in Gang zu bringen, denn eine Wirtschaftsförderung auf der Basis einer Wunschliste nach dem Gießkannenprinzip wird nicht möglich sein. Möglich ist es aber, Teufelskreise der Unterproduktion in den Schlüsselsektoren aufzudeckenLewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 155. und zu unterbrechen.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 165.
Der deutsche Teufelskreis mini|Wegen Hungers ohnmächtiger Mann in Düsseldorf Im Westen Deutschlands leben 48 Millionen Menschen, davon sind 20 Millionen nichtbäuerlicher Bevölkerung auf Lebensmittelimporte aus dem westlichen Ausland angewiesen, weil Westdeutschland von der Getreideproduktion Ost- und Mitteldeutschlands abgeschnitten ist. Wegen des Mangels an Kunstdünger, Saatgut und Landmaschinen produziert Westdeutschland nur noch 30 % der Vorkriegsproduktion an Getreide. Die westdeutsche Landwirtschaft kann nur die Hälfte der benötigten Lebensmittel bereitstellen. Dem entspricht in etwa, dass nur die Hälfte der Vorkriegsproduktion an Kohle erzielt wird. Der Kohlemangel zieht wiederum einen Stahlmangel nach sich. Der Stahlmangel verursacht einen Mangel an Lokomotiven, Güterwägen, Transportschiffen für die Binnenschifffahrt und an Ersatzteilen. Die ohnehin zu knappe Ruhrkohle wird im Winter 1947 nicht transportiert werden können und deshalb zu einer weiteren Verringerung der Industrieproduktion führen. Deshalb wird der Export von Industrieprodukten sinken. Die Erlöse werden fehlen, wenn Getreide aus westlichen Ländern importiert werden muss. So wird Westdeutschland auf amerikanisches Getreide angewiesen sein.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 65–67.
Plan für die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft Für die drei Westzonen solle ein einheitliches Oberkommando geschaffen werden, ähnlich dem obersten Hauptquartier der alliierten Streitkräfte für die Invasion 1944.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 77 Zur Wiederherstellung einer Industriegesellschaft sollte die JCS-Direktive 1067, der Level of Industry-Plan und das übrige Gedankengut des Morgenthau-Plans beseitigt werden. Den Deutschen solle die volle Eigenverantwortung übertragen werden, das würde auch der Militärregierung Ansporn und Hoffnung geben. Westdeutschland solle in die Lage versetzt werden, doppelt so viel zu exportieren, wie vor dem Kriege. Ab August 1947 sollten keinerlei Reparationen durch Demontagen mehr stattfinden. Die anfänglich dringende Entnazifizierung sei zwischenzeitlich ins Extreme abgeglittenLewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 63. und solle nicht mehr zu Tätigkeitsverboten führen dürfen, insbesondere bei Technikern, Ingenieuren, Chemikern und kaufmännischen Führungskräften. Anzeigen sollten nur noch innerhalb einer Ausschlussfrist von einem Monat möglich sein. Entnazifizierungen und Reparationen sollten die Deutschen nicht mehr vom Hauptziel der Produktion ablenken. Produktionsbeschränkungen und -kontrollen sollten aufgehoben werden mit Ausnahme von Munition und Flugzeugen.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 81–91.
Der Teufelskreis der Kohle Am Anfang und Ende des deutschen Teufelskreises stehe die Kohle.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 92. In Europa entscheide die Kohle über Leben und Tod. Großbritannien förderte 1946 77 % der Vorkriegsförderung, Westdeutschland nur 38,6 %.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 204–205. Die wichtigsten Braunkohlevorkommen Deutschlands, auch die südlich von Halle und Leipzig, lagen in der sowjetischen Besatzungszone und standen Westeuropa nicht zur Verfügung. Die Vorkommen zwischen Aachen und Köln waren klein und unzusammenhängend.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 219. Deswegen sanken die deutschen Kohleexporte drastisch. Die geringen Exporte waren eine Belastung für die Düngemittel- und Stahlindustrie.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 208.
Gründe für die geringe Kohleförderung im Ruhrgebiet mini|Mangelware: Achslagerkiste für Gleitlager mit Öleinfüllstutzen Die schlechte Ernährungssituation im Ruhrgebiet war das schwierigste Problem, denn die Bergleute erhielten nur 1.550 kcal am Tag statt der erforderlichen 4.000 kcal. Es gab so viele Bergleute wie vor dem Kriege, nämlich 400.000. Allerdings fehlte es an gut ausgebildeten Bergleuten und es gab einen Überschuss an alten Männern, Lehrlingen und jungen, noch nicht voll ausgebildeten Bergarbeitern. Wohnraum war knapp, deshalb waren die Arbeitswege weit; oft bis zu 60 km in unregelmäßig fahrenden, ungeheizten Zügen. Der Maschinenpark, wie Förderanlagen und Drucklufterzeuger, waren teils kriegszerstört und teils schlecht gewartet.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 210–225. Es gab eine Transportkrise. Die Zahl der brauchbaren Lokomotiven blieb 1947 stabil, jedoch nahm die Zahl der brauchbaren Güterwägen ab. Ursache war fehlendes Reparaturmaterial, wie Holz, Stahl, Asbest und Schmierpolster für die Achslager der Güterwägen, und fehlende Dachziegel für die Ausbesserungswerke. So wurde das benötigte Holz nach Großbritannien exportiert für die dortigen Kohlegruben und den Hausbau. Hier empfahl Brown, nach der Ernte 1947 dem Ruhrgebiet amerikanische leichte Lokomotiven und Güterwägen zur Verfügung zu stellen.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 224–230. Im Verkehr mit der sowjetischen Zone sollte durch den Abschluss von Vertragsstrafevereinbarungen gewährleistet werden, dass keine schadhaften Güterwägen zurückgegeben werden, wenn reparierte an der Zonengrenze übergeben wurden. Den Gemeinden sollten sofort 175.000 Militärlastwägen zur Verfügung gestellt werden, um Holz und Kohlen für den Winter zu transportieren.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 115.
Plan für die Unterbrechung des Teufelskreises der Kohle Täglich wurden an der Ruhr 220.000 Tonnen Steinkohlen gefördert. Erstrebenswert waren 345.000 Tonnen. Zur Steigerung der Produktion sollten zunächst kriegsgefangene deutsche Bergleute freigelassen werden, weil deren Produktivität in Frankreich gering sei. Die Bergleute sollten eine bessere Ernährung und zusätzliche Lebensmittelbezugsscheine für jede zusätzlich geförderte Tonne Kohle erhalten. Die geförderte Kohle solle Deutschland nicht exportieren müssen, sondern sie sollte im Inland zur Stahlerzeugung genutzt werden, damit die deutschen Fabriken wiederhergestellt werden können, die zur Erzeugung von Exportgütern dienen. Mit den Erlösen könne Deutschland die Lebensmittel kaufen, die früher in Ost- und Mitteldeutschland hergestellt wurden.Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 93–94.