Symphonie diagonale ist der französische Titel des stummen deutschen Experimentalfilms Diagonal-Symphonie, den der schwedischstämmige Maler und Filmemacher Viking Eggeling 1924 in Berlin fertiggestellt hat. Eggeling beschäftigte sich ab den 1910er-Jahren mit der Integration dynamischer Prozesse in seine bildnerischen Arbeiten. Nach zahlreichen Studien und Rollenbildernzu dieser Form der Darstellung, die eine Zwischenstellung zwischen den statischen Künsten wie der Malerei und dem bewegten Bild des Films einnimmt, vgl. kunstwissenschaft.tu-berlin.de wandte er sich ab 1920 dem Film zu.Zglinicki S. 595 berichtet, Richter und Eggeling seien dadurch zur Kinematographie gestoßen, dass sie „in ihren auf langen Papierrollen festgehaltenen Themen abstrakter Zeichnungen beim Abrollen eine deutliche Bewegung bemerkten“ und danach „beschlossen, ihre Zeichnungen anstatt auf Papierrollen auf Film zu übertragen.“

Handlung Zu Beginn sieht man eine Kippfigur, die größtenteils aus rechten Winkeln besteht, allmählich immer größer werden. Dann kommen kurze gerade Linien und Kurven hinzu, die aus dem vorhandenen Entwurf sprießen. Die Figur verschwindet und der Vorgang beginnt von Neuem mit einem neuen Muster. Jeder Zyklus dauert etwa eine oder zwei Sekunden. Alle Figuren sind in einem ungewissen Art-déco-Stil gezeichnet und erinnern an alle möglichen Dinge: das können ein Ohr, eine Harfe, Panflöten, ein Flügel mit Posaunen usw. sein, nur eben in höchstem Maße abstrahiert. Die Stimmung ist verspielt und hat etwas Hypnotisches.eine detaillierte Analyse des Films bei R. B. Elder, Harmony and Dissent, S. 460–464.

Hintergrund Seit 1918 arbeitete Eggeling mit Hans Richter an dem unvollendet gebliebenen Filmprojekt „Horizontal-Vertikales Orchester“, das er aber 1922 zugunsten seiner „Diagonal-Symphonie“ aufgab.vgl. Graf-Scheunemann S. 34: "In 1923 Erna Niemeyer, then a young Bauhaus student, undertook to animate his “Diagonal Symphonie” scrolls. At this point Eggeling abandoned the “Horizontal-Vertikales Orchester” entirely." Der deutsch-französische Schriftsteller Ivan Goll half ihm bei den Vorbereitungen dazu,so Claire Goll in ihren Erinnerungen Texts and Contexts auf S. 85 und Anm. 6 bei der Animation seiner Vorlagen assistierte ihm Erna Niemeyer,vgl. Zglinicki S. 596, wo Niemeyer jedoch mit ihrem Pseudonym Renate Green, nachmals Ré Soupault, erscheint. die damals am Bauhaus in Weimar studierte.

Der Film, der unter Eggelings Leitung in den Trickfilmateliers der Universum Film AG UFA entstand,vgl. Zglinicki S. 596. besteht aus Einzelbildaufnahmen von Figuren, die Eggeling aus Papier bzw. Stanniol geschnitten und mit deren Aufnahme er im Sommer 1923 begonnen hatte. Hierbei benutzte er selbstentworfene Bilder als Vorlagen, die er mit schwarzem Papier abdeckte und langsam freilegte, indem er das Papier verschob oder Figuren ins Papier schnitt.

Am 5. November 1924 wurde der 149 Meter lange, bei 18 BpS rund sieben Minuten dauernde Film erstmals in einer Privatvorstellung im Berliner Gloria-Palast vor Freunden gezeigt; am 21. April lag er der Reichsfilmzensur vor.vgl. monoskop.org: “On 21 April 1925 Symphonie diagonale was certified by the German film censors. It was stated to have a length of 149 metres, which at a projection speed of 18 frames a second corresponds to exactly 7 minutes and 10 seconds.” Der Öffentlichkeit wurde er am 3. Mai 1925, 16 Tage vor Eggelings Tod, in Berlin im Rahmen der von der Künstler-Vereinigung Novembergruppe und der UFA veranstalteten Matinee „Der absolute Film“ im UFA-Palast am Kurfürstendamm präsentiert.vgl. monoskop.org sowie Jeanpaul Goergen bei

Rezeption Der Film wurde besprochen von Paul F. Schmidt in Das KunstblattSchmidt, Paul F.: "Eggelings Kunstfilm". Das Kunstblatt (Berlin) Nr. 8, 1924, S. 381. und von B.G. Kawan im Film-KurierB. G. Kawan: Abstrakte Filmkunst. In: Film-Kurier. (Berlin) Nr. 276, 22. November 1924, S. 381, 3. Beiblatt. 1924. Weitere Aufsätze dazu erschienen von Adolf Behne in Die Welt am AbendVicking Eggeling. Berlin, 23. Mai 1925, nachgedruckt in: Kunst der Zeit. Zeitschrift für Kunst und Literatur. 3:1/3 (1928), Sonderheft Zehn Jahre Novembergruppe. Berlin, S. 32. und Willi Wolfradt in Das KunstblattDer absolute Film. Band 9, Berlin, 1925, S. 187–188. 1925.

Der Bauhauslehrer Ludwig Hilberseimer schrieb in den Sozialistischen Monatsheften am 10. August 1925 über Eggeling:auf S. 517, vgl. fes.de

Und Rudolf Kurtz schrieb 1926 in seinem Buch »Expressionismus und Film«:zit. bei sudelbuch.de

Film und Musik „Der Kurzfilm stellt eher eine visuelle denn eine musikalische ‘Symphonie’ dar, eine Kakophonie aus geometrische Figuren, die nacheinander erscheinen wie Themen und Motive in einem Musikstück. Allen Figuren gemeinsam ist, daß sie entweder ungefähr 30 Grad positiv oder negativ zur Horizontalen orientiert sind.“so „Huggo“ bei IMDb

Eggeling hatte, ganz auf die klanglich-rhythmische Wirkung seiner Bildmontage vertrauend, 1925 auf eine Begleitmusik zu „Diagonal-Symphonie“ verzichtet.Jörg Gerle in: ‘Filmdienst-Kritiken’ bei unseen-cinema.com: “Die Vorstellung im Mai 1925 fand größtenteils stumm statt; nur die wenigsten, etwa Hans Richters Beiträge, hatten ein musikalisches Konzept. Die reine, ungetrübte Bewegung war die „Message“, und vielleicht war die Matinee deshalb einer Auffassung des „Absoluten Films“ näher als jede andere Aufführung.”

Hinsichtlich des Ablaufs der Formen orientierte sich Eggeling an kompositorischen Prinzipien. Das Gegenspiel der Figuren wurde als Kontrapunkt verstanden, ihre Abfolge und Veränderungen in der Zeit als Rhythmus. Eggeling ging von der Vorstellung einer universell gültigen abstrakten Formensprache aus und verwendete eine Handvoll Grundmuster, die im Laufe des Kurzfilms erweitert und variiert werden.Sandra Naumann bei see-this-sound.at

Aufgrund seiner musikalischen Zeiteinteilung sowie seiner auf Hell-Dunkel-Kontrasten und Richtungsveränderungen aufbauenden linearen Formdramatik aus Kurven, Linien, Harfen und Dreiecken übte Eggelings Werk großen Einfluss auf andere zeitgenössische Künstler, z. B. auf László Moholy-Nagy oder Walther Ruttmann aus.Während Eggeling in “Diagonal-Symphonie” (1923/1924) mit im Raum statischen, sich in sich verändernden Figurationen aus weißen Linien arbeitete, betonte Ruttmann in seinen Rhythmus-Filmen (1921 bis 1925) die Räumlichkeit des Filmbilds durch sich in die Tiefe bewegende geometrische Flächen und Figuren.

Nach einer These des schwedischen Filmwissenschaftlers Gösta Werner handelte es sich bei der “Diagonal-Symphonie” lediglich um ein Fragment, nämlich um den ersten Satz einer Filmsymphonie, die von Eggeling auf vier Sätze ausgelegt gewesen sei.vgl. Werner, Viking Eggeling Diagonalsymfonin (1997), zit. bei monoskop.org

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth schrieb 2006 eine Musik zu Viking Eggelings Stummfilm.Dauer: 9’. Sie wurde erstmals aufgeführt beim Festival Viennale am 27. Oktober 2008, vgl. works.php

Literatur John Coulthart: Symphonie diagonale. In: feuilleton, 18. August 2008

R. Bruce Elder: Harmony and Dissent. Film and Avant-garde Art Movements in the Early Twentieth Century. WLU Wilfried Laurier University Press, 2008, (PDF online)

Alexander Graf, Dietrich Scheunemann (Hrsg.): Avant-garde Film (= Avant garde critical studies. Band 23). Rodopi, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-420-2305-5, S. 19, 25, 34, 40.

Ludwig Hilberseimer: "Bewegungskunst". In: Sozialistische Monatshefte. No. 27, Berlin 23. Mai 1921, S. 467–468, (PDF online)

Wolfgang Jacobsen, Anton Kaes, Hans Helmut Prinzler (Hrsg.): Geschichte des deutschen Films. Filmmuseum Berlin--Deutsche Kinemathek, 2. Ausgabe. Metzler, Stuttgart 2004, ISBN 3-476-01952-7, S. 465–466.

Siegfried Kracauer: Werke. Band 6: Kleine Schriften zum Film. Band 3: 1932–1961. Hrsg. v. Inka Mülder-Bach. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-58336-0, S. 47.

Rudolf Kurz: Expressionismus und Film. Verlag der “Lichtbildbühne”, Berlin 1926. (Nachdruck: herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Christian Kiening und Ulrich Johannes Beil. Chronos, Zürich 2007, ISBN 978-3-0340-0874-7.)

Eric Robertson, Robert Vilain (Hrsg.): Yvan Goll--Claire Goll: Texts and Contexts (= Internationale Forschungen Zur Allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft. Band 23). Rodopi, Amsterdam 1997, ISBN 90-420-0189-5.

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Holger Wilmesmeier: Deutsche Avantgarde und Film. Die Filmmatinee „Der absolute Film“ 3. und 10. Mai 1925. LIT, Münster/Hamburg 1994, ISBN 3-89473-952-5.

Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films. Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Rembrandt, Berlin 1956, .

Weblinks

“Diagonal-Symphonie” mit der Musik von Olga Neuwirth, eingestellt bei youtube Artikel: Jörg Gerle: Der absolute Film. In: Filmdienst-Kritiken. fd13/2008. (PDF online) juh [d. i. Jan Ulrich Hasecke]: Absoluter Film und die Demoscene. In: juh's sudelbuch. 2014. (sudelbuch.de) “Pupillenrausch und Optischer Lärm”. Zum Programm der Matinee „Der absolute Film“ 1925. (tu-berlin.de)

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