Der Zweite Weltkrieg war der erste Krieg in der Geschichte der Menschheit, in dem mittels Rundfunkpropaganda große Teile der Bevölkerung eines feindlichen oder neutralen Staates unmittelbar und fast ohne Interventionsmöglichkeit der anderen Regierung mit Informationen über Kriegsverlauf, politische Absichtserklärungen und Ankündigungen künftiger Sanktionen gegen Kriegsverbrecher beeinflusst wurden. Die Sanktionen gegen das Mithören sogenannter Feindsender waren sehr unterschiedlich: In Großbritannien blieb z. B. das Mithören dieser Sender ohne rechtliche Folgen. Im NS-Staat, wo seitens der Machthaber dafür die Bezeichnung Rundfunkverbrechen eingeführt worden war, musste man empfindliche Zuchthausstrafen fürchten. Nicht wenige Deutsche bezahlten die (mündliche oder schriftliche) Weiterverbreitung von solchen Feindstaaten-Meldungen ab 1941 mit ihrem Leben.Hans Sarkowicz: Der Kampf um die Ätherwellen. In: Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Hg. von Hans Sarkowicz und Michael Crone unter Mitarbeit des Deutschen Rundfunkarchivs. Eichborn, Frankfurt a. M. 1990, S. 7 f.
Die NS-Propaganda benutzte als erste den Rundfunk als Waffe im propagandistischen Kampf. Propagandaminister Joseph Goebbels hielt schon 1933 den Rundfunk für das modernste Massenbeeinflussungsmittel, das es gab. Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn wurden täglich 113 deutsche Sendungen in 15 Fremdsprachen ausgestrahlt. Großbritannien wurde wichtigstes Ziel der deutschen Auslandsrundfunkpropaganda mit täglich 20 englischsprachigen Sendungen.Hans Sarkowicz: Der Kampf um die Ätherwellen. In: Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Hg. von Hans Sarkowicz und Michael Crone unter Mitarbeit des Deutschen Rundfunkarchivs. Eichborn, Frankfurt a. M. 1990, S. 18. Andererseits wurde 1940 der deutschsprachige Dienst der BBC zur wichtigsten Informationsquelle für diejenigen Deutschen, die dem Einheitsprogramm des notorischen Lügners Goebbels nicht trauten und den Mut aufbrachten, „Feindsender“ zu hören.Hans Sarkowicz: Der Kampf um die Ätherwellen. In: Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Hg. von Hans Sarkowicz und Michael Crone unter Mitarbeit des Deutschen Rundfunkarchivs. Eichborn, Frankfurt a. M. 1990, S. 20/22.
Beginn und Ende Der Zweite Weltkrieg begann in Europa mit einem fingierten, angeblich polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz am Abend des 31. August 1939. Die deutsche Bevölkerung wurde am nächsten Tag stündlich durch Rundfunksondermeldungen unterrichtet, dass der Führer Adolf Hitler daher der Wehrmacht befohlen habe, in Polen einzumarschieren: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“Schon am 29. August 1939 hatte Clare Hollingworth, eine britische Reporterin, als erste über den Beginn des Zweiten Weltkriegs berichtet. Sie hatte beobachtet, dass deutsche Truppen, Panzer und Fahrzeuge auf dem Weg nach Polen waren. „1000 Panzer an polnischer Grenze versammelt“ überschrieb der „Daily Telegraph“ ihren Bericht am 29. August 1939. Zehn Divisionen seien für einen „schnellen Schlag“ vorbereitet. Die BBC übernahm und sendete diesen Bericht noch am selben Tag. Damit war die folgende Lüge vom Überfall auf den Sender Gleiwitz schon drei Tage vorher entlarvt.
So, wie der Zweite Weltkrieg mit einer Lüge im Rundfunk begonnen hatte, so wurden bis zum Schluss des Krieges über den deutschen Rundfunk Unwahrheiten verbreitet.Allgemein zu Rundfunk im 2. WK: Der Kampf um die Ätherwellen: Feindpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von Hans Sarkowicz und Michael Crone unter Mitarbeit des Deutschen Rundfunkarchivs. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 1990. Am 1. Mai 1945, abends, gab der Rundfunksprecher des Hamburger Reichssenders bekannt, dass der Führer Adolf Hitler in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen sei. In Wahrheit entkam Hitler seiner möglichen Gefangennahme, indem er Selbstmord beging. Im Anschluss an diese Lüge wurde eine Rede von Karl Dönitz gesendet, in welcher dieser wahrheitswidrig sagte, der Tod habe den Führer „an der Spitze seiner Truppen“ ereilt.Antony Beevor: Der Zweite Weltkrieg. München 2014, S. 859. Beevor zitiert Trevor-Roper: Hitlers letzte Tage. Frankfurt/Main 1976, S. 201.
Sender Pünktlich zu Kriegsbeginn wurde mit der Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen das Abhören ausländischer Sender verboten. Dies schloss auch die Sender derjenigen Staaten ein, die neutral zum NS-Staat standen, und sogar mit ihm befreundete Länder. Die einzelnen Reichssender waren bereits am 1. Januar 1939 zum Großdeutschen Rundfunk vereinigt worden und strahlten ab Juni 1940 nur noch zwei Vollprogramme aus. Marschmusik statt Tanzmusik und ständige Lageberichte von der Kriegsfront dominierten. Es begann das Wunschkonzert für die Wehrmacht – die Brücke zwischen Heimat und Front. Stars wie Zarah Leander und Hans Albers sollten den Soldaten Mut und Kraft zum Weiterkämpfen geben.
Nach Kriegsbeginn ging der Goebbels-Vertraute und neu ernannte Leiter der Rundfunkabteilung des Propagandaministeriums, Alfred-Ingemar Berndt, daran, die Rundfunklandschaft den Erfordernissen der Kriegsführung anzupassen. Ein Großteil des journalistischen und technischen Personals wurde in die Propagandakompanien der Wehrmacht eingezogen, die Sendepläne wurden ausgedünnt. Etwa ab Mitternacht bis zum Sendebeginn um 5.00 oder 6.00 Uhr morgens war eine Sendepause. Diese wurde durch das Programm des Deutschlandsenders ausgefüllt, der mittags um 12.30 Uhr mit seinen Sendungen begann, die nach den Frühnachrichten endeten.
Ende 1942 gab es bereits 16 Millionen deutsche Rundfunkteilnehmer. Zur gleichen Zeit zeigte sich die oft lebenswichtige Aktualität des Mediums Rundfunk: Die ersten Meldungen über angreifende Bomberverbände scheuchten die Menschen in die Luftschutzkeller. Das Radio brachte im Dauerbetrieb Luftlage- und Kriegsberichte.
mini|Zwei Todesurteile für den Umbau von Radioempfängern; 28. Januar 1944
Im Zweiten Weltkrieg war die BBC (mit 11.500 Mitarbeitern in London) neben Radio Beromünster (s. u.) eine wichtige ausländische Informationsquelle für Millionen Radiohörer in Europa.→ WDR Zeitzeichen, 29. Juli 2016 (15 Min). Deren deutschsprachiger Dienst konnte über den leistungsstarken Sender Droitwich bis weit nach Mitteleuropa auf der Mittel- und Langwelle gehört werden. Bereits eine Woche nach Kriegsbeginn wandte sich Jan Masaryk über die BBC an seine Landsleute in der Heimat. Damit begann die BBC ein tägliches 15-minütiges Programm auf Tschechisch auszustrahlen, dessen Mithören vom deutschen Besatzungsregime unter Androhung der Todesstrafe verboten war.Jan Masaryk eröffnet im September 1939 die tschechischen Sendungen der britischen BBC
Dagegen war in Großbritannien das Hören deutscher Sender erlaubt.Willi A. Boelcke: Die Macht des Radios. Weltpolitik und Auslandsrundfunk 1924–1976. Frankfurt a. M. 1982, S. 458. Während des Krieges nahm die Anzahl der Propagandasendungen in allen beteiligten Ländern zu.
Von der NS-Rundfunkpropaganda wurden britische und amerikanische Immigranten, die mit der NS-Politik sympathisierten, engagiert, um Auslandshörer auf Englisch anzusprechen. Eine Moderatorin war „Axis Sally“, deren Sendungen vom Großdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurden. Goebbels lancierte außerdem den Auslandsrundfunksender „Germany Calling“ in Norddeich, dessen Moderatoren unter anderem der irisch-US-amerikanische Nationalsozialist William Joyce sowie Wolf Mittler und Norman Baillie-Stewart waren. Letztgenannter wurde unter dem Spitznamen „Lord Haw-Haw“ bekannt.Martin A. Doherty: Nazi Wireless Propaganda: Lord Haw-Haw and British Public Opinion in the Second World War. Edinburgh UP, Edinburgh 2000, S. 7–19.
Auf US-amerikanischer Seite schuf der Rundfunkjournalist Edward R. Murrow 1940 eine neue Sendeform, indem er in Livereportagen für die CBS direkt aus dem von der Luftwaffe bombardierten London berichtete. Seine Sendungen „This is London“ fesselten Millionen Zuhörer in den USA an die Radiogeräte und trugen dazu bei, die isolationistische Stimmung in den USA zurückzudrängen.Philip M. Seib: Broadcasts from the Blitz: How Edward R. Murrow Helped Lead America into War. Potomac Books, Inc., Washington, D.C., 2006, ISBN 1-59797-012-3, Preface, p. IX.
Britischerseits wurde von März 1941 bis zum Kriegsende Thomas Manns monatliche Radiosendung Deutsche Hörer! von der BBC über Mittel- und Langwelle in das deutsche Reichsgebiet ausgestrahlt. Etwa 25 % deutsche Hörer hörten heimlich zu.Thomas Mann: Deutsche Hörer, Fünfundfünfzig Radiosendungen nach Deutschland. In: Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band 11, Reden und Aufsätze. Frankfurt a. M. 1974, S. 983. S. a. → Steine in Hitlers Fenster schmeißen. Hitler selbst beschimpfte in einer Rede im Münchner Hofbräuhaus den Autor als jemanden, der das deutsche Volk gegen ihn und sein System aufzuwiegeln versuche.Thomas Mann: Deutsche Hörer, Fünfundfünfzig Radiosendungen nach Deutschland. In: Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band 11, Reden und Aufsätze. Frankfurt a. M. 1974, S. 985.
Das vom deutschen Soldatensender Belgrad seit August 1941 ausgestrahlte Lied „Lili Marleen“Peter Wicke: „Lili Marleen (Lale Andersen)“. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, 12/2011 (revised 10/2013).→ Lied hören in der Version von Lale Andersen (1938)→ Lied hören in der Version von Marlene Dietrich wurde jeden Abend von Millionen Soldaten in ganz Europa und Nordafrika und ab Januar 1942 auch von alliierten Soldaten in einer englischen Fassung gehört, bis es im April 1942 von Joseph Goebbels verboten wurde, weil dieser von Lale Andersens Kontakten zu Schweizer Juden erfahren hatte.
Im Mai 1942 sendete die BBC erstmals glaubwürdige Berichte über die Ermordung polnischer Juden.
Über Radio Moskau sprach der deutsche Generalfeldmarschall Paulus nach der Niederlage von Stalingrad zu deutschen Hörern.
Auf dem deutschen U-Boot U 96, auf dem Lothar-Günther Buchheim Ende 1941 als Kriegsberichterstatter eine Feindfahrt mitmachte, wurden regelmäßig britische, US-amerikanische oder russische „Feindsender“ abgehört.Vgl. Tagebuch des Leitenden Ingenieurs auf U 96, Friedrich Grade, erschienen Ende 2016 in der Nordwest-Zeitung (NWZ), Oldenburg. Zit. n. FAZ, Artikel „Die Schleusen der Erinnerung“ von (Gerrit Reichert), 5. Januar 2017, S. 12.
Auch Störsender wurden eingesetzt, um unerwünschte „Feindpropaganda“ zu verunmöglichen oder eigene Propaganda im Programm eines Feindsenders zu platzieren, wie die vom Moskau aus gezielt in Hitlers letzte Silvesteransprache eingefügte Geisterstimme.Hitlers Silvesteransprache, 31. Dezember 1944.
Relevanz mini|links|Volksempfänger, Typ DKE38 (Deutscher Kleinempfänger, gebaut von 1938 bis 1945) mini|hochkant|Blosenbergturm, Sender Beromünster