mini|Arabisches astronomisches Manuskript von Nasīr ad-Dīn at-Tūsī mit Randnotizen von Guillaume Postel mini|Albohali: De Iudiciis Natiuitatum wurde 1136 von Plato von Tivoli und 1153 von Johannes Hispalensis ins Lateinische übersetzt.Houtsma, S. 875. Nürnberger Ausgabe der Übersetzung des Johannes Hispalensis, 1546. Lateinische Übersetzungen im Hochmittelalter entstanden während der hochmittelalterlichen „Renaissance“ im Zuge der Aneignung neuer, vor allem griechisch- und arabischsprachiger Wissensquellen durch europäische Wissenschaftler. Im späten 11. Jahrhundert waren die zuvor von muslimischen Arabern beherrschten Gebiete des Taifa-Königreichs von Toledo (1085) sowie Sizilien von christlichen Herrschern erobert worden. Die verbliebenen arabischen Gelehrten, eine noch zu großen Teilen Arabisch sprechende Bevölkerung und die neue christliche Herrschaft boten einen neuen Zugang und günstige Ausgangsbedingungen für die Arbeit der lateinisch schreibenden europäischen Gelehrten. Ein typisches Beispiel bietet die Biografie Gerhard von Cremonas (ca. 1114–87): Dieser war nach Toledo gereist, weil er die ihm verfügbaren lateinischen Quellenwerke zum Almagest des Claudius Ptolemäus für unzureichend hielt. Als er dort arabische Lehrbücher vorfand, die den in lateinischer Sprache verfügbaren Werken in Umfang und Inhalt überlegen waren, beschloss er, Arabisch zu lernen und die Bücher zu übersetzen.
Vorgeschichte Während islamische Gelehrte schon kurz nach der Islamischen Expansion begonnen hatten, griechische und lateinische Autoren der Spätantike zu übersetzen und durch eigene Ideen zu erweitern, standen christliche Autoren wie Hieronymus der „heidnischen“ Philosophie beispielsweise des Aristoteles ablehnend gegenüber. Diese Haltung war einer der Gründe für Bücherverluste. Dem Mangel an Literatur der großen griechischen Philosophen und deren Übersetzung trat im 6. Jahrhundert Cassiodor entgegen, der 535 mit Papst Agapit die Gründung einer Bibliothek kirchlicher Autoren in Griechisch und Latein vereinbart hatte.Günter Ludwig: Cassiodor. Über den Ursprung der abendländischen Schule. Frankfurt a. M. 1967, S. 13 und 17 Diese Bibliothek wurde als Bestandteil von Cassiodors Bildungs-Projekt im Kloster Vivarium angelegt, wo lateinische Übersetzungen erstellt wurden.vgl. Günter Ludwig: Cassiodor..., 1967, S. 45, 119f Bald nach Cassiodors Tod wurde die Bibliothek aufgelöst. Nur für kurze Zeit, während der Karolingischen Erneuerung, waren philosophische Werke der griechisch-römischen Antike in Europa von Gelehrten wie Alkuin diskutiert worden. Insgesamt machte das philosophische Denken im frühmittelalterlichen Europa kaum Fortschritte. Dies änderte sich erst mit dem Aufkommen der Scholastik im 12. Jahrhundert und der Entstehung der ersten europäischen Universitäten. Deren Bibliotheken sammelten erhaltene antike Schriften und stellten einen Ort zur Verfügung, an dem die neu verfügbaren Gedanken diskutiert werden konnten.
Mit den christlichen Eroberungen des 11. Jahrhunderts (Toledo, 1085; Sizilien, 1091; Jerusalem, 1099) wurden Gebiete mit einer langen Tradition der Vielsprachigkeit für christliche Gelehrte zugänglich; die Vielsprachigkeit erleichterte die Übersetzertätigkeit. Auf Sizilien, das seit 212 v. Chr. römische Provinz gewesen war und bis ins 10. Jahrhundert unter byzantinischer Herrschaft gestanden hatte, konnten griechische Werke direkt ins Lateinische übersetzt werden. Das spanische Toledo, das als Teil von al-Andalus seit 711 unter arabischer Herrschaft gestanden hatte, bot ideale Bedingungen für Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische.
Im Gegensatz zum Interesse der Renaissance an den Werken der klassischen Antike waren die Übersetzer des 12. Jahrhunderts eher an Erkenntnissen aus der islamischen Wissenschaft und Philosophie interessiert, in geringerem Grad auch an religiösen und literarischen Werken.
Übersetzungen in Italien Monte Cassino Im 11. Jahrhundert studierte Konstantin der Afrikaner, ein Forscher, Fachautor und Übersetzer aus Karthago, Medizin im frühislamischen Ägypten. Als Mönch im Kloster von Monte Cassino in Italien übersetzte er später Werke der islamischen Medizin aus dem Arabischen. Unter anderem übersetzte er al-Madschūsis medizinische Enzyklopädie „Vollständiges Buch von der ärztlichen Kunst“ (Kitāb Kāmil aṣ-Ṣināʿa aṭ-Ṭibbiyya) als „Liber pantegni“Jerome B. Bieber: Santa Fe Community College, Florida, abgerufen am 29. Mai 2016. (koiné-griechisch pantéchni bezeichnet hier „die gesamte Heilkunst“Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen. Supplement 2). Shaker, Aachen 2015, ISBN 978-3-8440-3933-7, S. 25 f. mit Anm. 132.). Dieses Werk gehörte zu den Lehrbüchern, die an der Schule von Salerno auf dem Lehrplan standen. Eine vollständigere und genauere Übersetzung wurde 1127 von Stephan von Antiochia angefertigt. Das Werk war weit verbreitet und wurde noch 1492 und 1523 in Venedig gedruckt. Außerdem übersetzte Konstantin die Isagoge ad Tegni Galeni von Hunain ibn Ishāq und dessen Neffen Hubaysh ibn al-Hasan, den Liber de febribus, Liber de dietis universalibus et particularibus und Liber de urinis von Isaak ben Salomon Israeli, Ishaq ibn Imrans psychologisches Lehrbuch al-Maqala fi al-Malikhukiya als De melancolia sowie Ibn al-Dschazzars Bücher De Gradibus, Viaticum, Liber de stomacho, De elephantiasi, De coitu und De oblivione.
Sizilien Sizilien gehörte bis 878 zum Byzantinischen Reich, stand von 878–1060 als Emirat von Sizilien unter islamischer und zwischen 1060 und 1090 unter normannischer Herrschaft. Das normannische Königreich Sizilien blieb weiterhin dreisprachig und war somit ein geeigneter Ort für die Übersetzertätigkeit, zumal weiterhin Beziehungen zum griechischsprachigen Byzantinischen Reich bestanden. (online), abgerufen am 26. Mai 2016.
mini|Ibn Butlans Tacuinum sanitatis, Rheinland, 2. H. 15. Jh.
Eine Kopie des Almagest des Claudius Ptolemäus wurde als Geschenk des byzantinischen Kaisers Manuel I. (Byzanz) an Wilhelm I. von Sizilien von Henricus Aristippus nach Sizilien gebracht, der von 1158 bis 1160 Gesandter in Byzanz war. Aristippus übersetzte Platons Menon und Phaidon ins Lateinische; eine lateinische Übersetzung des Almagest sowie einiger Werke des Euklid, des vierten Buchs der Meteorologica des Aristoteles sowie Werke des Gregor von Nazianz aus dem Griechischen wurde von einem unbekannten Studenten der Schule von Salerno angefertigt. Später veröffentlichte Gerhard von Cremona eine vollständigere Übersetzung des Almagest aus dem Arabischen. In Sizilien wurde üblicherweise direkt aus dem Griechischen übersetzt, nur wenn griechische Texte nicht verfügbar waren, griff man auf arabische Texte zurück und übersetzte diese. Eugenius von Palermo, ein hoher sizilianischer Beamter (Ammiratus) des Königreichs, übersetzte die Optik des Ptolemäus und nutzte dabei seine Kenntnis aller drei Sprachen. Accursius von Pistoia übersetzte Werke von Galen und Hunain ibn Ishāq. Gerard de Sabbioneta übersetzte Avicennas Kanon der Medizin sowie al-Razis Almansor. Leonardo Fibonacci legte mit seinem Liber Ab(b)aci (1202) die erste europäische Abhandlung über die Indische Zahlschrift aus arabischen Quellen vor. Die Aphorismi des Yuhanna ibn Masawaih (Johannes Mesue) wurden im späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert von einem unbekannten Übersetzer übertragen.
mini|Karl V. ordnet die Übersetzung von Aristoteles an. Buchmalerei aus dem Prolog von Politik, Wirtschaft, Ethik von Aristoteles.
Jakob von Venedig, der möglicherweise einige Jahre in Konstantinopel verbracht hatte, wurde bekannt als maßgeblicher Übersetzer von Aristoteles aus dem Altgriechischen ins Lateinische. Zahlreiche überlieferte Kopien aus dem 13. Jahrhundert tragen den Hinweis translatio Jacobi. (online), abgerufen am 26. Mai 2016. Zugeschrieben werden ihm die ersten griechisch-lateinischen Übersetzungen der Physica, der Metaphysica (Buch I bis Buch IV, 4, 1007a31) und von De anima. Die Übersetzung von Teilen der Parva naturalia wird ihm ebenfalls zugewiesen (insbesondere die translatio vetus der De morte et vita, De memoria, De juventute und De respiratione), genauso die neuen Textfassungen der bereits von Boethius übersetzten Topica, De sophisticis elenchis (Fragmente), der Analytica priora und posteriora. Die Übersetzungen der letzteren sind im gesamten Mittelalter stark verbreitet: 275 bekannte Manuskripte stammen von ihm, dagegen nur acht von den drei anderen bekannten Übersetzern. Mit seinem Namen werden auch Fragmente eines Kommentars zur Elenchis und zur Analytica posteriora in Zusammenhang gebracht. Damit hatte er den Korpus der logischen Texte des Aristoteles, das Organon, vollständig in lateinischer Sprache verfügbar gemacht.L. D. Reynolds, Nigel G. Wilson: Scribes and Scholars. Oxford 1974, S. 106.
Im 13. Jahrhundert übersetzte Bonacosa in Padua Averroes’ medizinisches Lehrbuch Kitab al-Kulliyyat als Colliget und Johann von Capua das Kitab al-Taysir des Ibn Zuhr (Avenzoar) als Theisir. In Sizilien übersetzte in dieser Zeit Faradsch ben Salim al-Hawi von Rhazes als Continens sowie das Tacuinum sanitatis des Ibn Butlan. Simon Januensis (Simon von Genua) und Abraham Tortuensis (Abraham von Tortosa)Vgl. Johannes Gottfried Mayer: Das ›Leipziger Drogenkompendium‹ (Leipzig, Universitätsbibliothek, Cod. 1224) und seine Quellen ›Circa instans‹, ›Aggregator‹ (Pseudo-Serapion), ›Macer floridus‹ (bzw. ›Älterer deutscher Macer‹), ›Liber graduum‹ (Constantin) und ›Liber iste‹. In: Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag (= Texte und Wissen. Band 3). Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1851-6, S. 207–263, hier: S. 208. übersetzten Abulcasis At-Tasrif als Liber servitoris, Alcoatis Congregatio sive liber de oculis und das Liber de simplicibus medicinis von Serapion dem Jüngeren.
Übersetzungen im spanisch-arabischen Grenzgebiet Frühe Übersetzungen Schon gegen Ende des 10. Jahrhunderts reisten europäische Gelehrte zu Studienzwecken nach Spanien. Zu diesen gehörte Gerbert von Aurillac, der spätere Papst Silvester II., der in der Spanischen Mark Mathematik studierte. Er kannte bereits die Aristoteleskommentare des Boethius. Die in dieser Zeit entstandenen Übersetzungen befassten sich überwiegend mit Werken der islamischen Mathematiker und Astronomen, aber auch mit religiösen Texten wie dem Koran. Die Übersetzungen erfolgten überwiegend aus dem Arabischen, oft mit Hilfe arabischsprachiger Einheimischer.Charles Homer Haskins: Renaissance of the Twelfth Century. S. 288.
Die bedeutendsten Übersetzungen entstanden unter Petrus Venerabilis, dem 9. Abt der Abtei Cluny. 1142 beauftragte er Robert von Ketton, den getauften jüdischen Gelehrten Petrus Alfonsi und den Mönch Hermann von Carinthia mit der ersten lateinischen Koranübersetzung, dem Lex Mahumet pseudoprophetae. Er verfolgte damit das Ziel, die Religion des Islam aus ihren Quellen zu widerlegen, und schrieb zu diesem Zweck seine Werke Summa totius heresis Saracenorum („Summe der Häresien der Sarazenen“) und Liber contra sectam sive heresim Saracenorum („Gegen die Sekte oder Häresie der Sarazenen“).Thomas E. Burman: Tafsir and Translation: Traditional Arabic Quran Exegesis and the Latin Qurans of Robert of Ketton and Mark of Toledo. In: Speculum. 73 (3), Juli 1998, S. 703–732. JSTOR, abgerufen am 26. Mai 2016. Weitere islamische Werke wurden übersetzt, darunter al-Kindī, und bildeten zusammen das Corpus toletanum, eine der einflussreichsten Werksammlungen in der Auseinandersetzung des Hochmittelalters mit dem Islam. In Katalonien wirkte Plato von Tivoli, Hermann von Carinthia in Nordspanien und der Languedoc, Hugo von Santalla in Aragon, Robert von Ketton in Navarra und Robert von Chester in Segovia.