Träumereien an französischen Kaminen ist eine Märchensammlung des deutschen Chirurgen und Schriftstellers Richard von Volkmann (Pseudonym als Schriftsteller: Richard Leander; heute: Richard von Volkmann-Leander). Die Sammlung besteht aus 22 Kunstmärchen, die der Autor im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 während der Monate der Belagerung von Paris für seine Familie verfasst hatte. Mit der Feldpost gelangten die Märchen Stück für Stück nach Halle zu seiner Frau und seinen Kindern.
Als von Volkmann-Leander aus dem Krieg zurückkehrte, waren die einzeln niedergeschriebenen und nach Hause gesandten Geschichten zu einer kleinen Märchensammlung herangewachsen, die der Autor 1871 als Buch, gewidmet seiner Frau Anne, veröffentlichte. Aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen (sein Großvater mütterlicherseits war der Verleger Gottfried Christoph Härtel) erschien es im eigentlich auf Musikalien spezialisierten Verlag Breitkopf & Härtel, Leipzig. Während andere Schriften des Autors wie Trink- und Liebeslieder, Gelegenheitsgedichte oder Nachdichtungen in Vergessenheit geraten sind, werden die „Träumereien an französischen Kaminen“ bis heute verlegt und gelesen, und die Märchensammlung hat weit mehr als 300 Auflagen erfahren. 2008 veröffentlichte das Hörspiellabel Titania Medien ein gleichnamiges Hörbuch mit ungekürzten Lesungen aller zweiundzwanzig Märchen.
Märchensammlung (Zusammenfassungen)
Die Märchen stehen in der Reihenfolge der 1. Auflage von 1871.
Die künstliche Orgel Ein begabter Orgelbauer baut viele Orgeln und entwirft schließlich eine künstliche (= kunstvolle) Orgel, die von selbst zu spielen anfängt, wenn ein Brautpaar die Kirche betritt, an dem Gott Gefallen hat. Als der Orgelbauer schließlich mit seiner eigenen Braut die Kirche betritt, ist sein Herz voller Stolz und Ehrgeiz, so dass die Orgel stumm bleibt. In seiner Verblendung denkt er, dass seine Braut schuld daran ist, verlässt sie und zieht weit weg. Nach Jahren bereut er sein Verhalten und sehnt sich zurück nach seiner Heimat und seiner Frau. Als er jedoch heimkehrt, ist seine Frau, die bei allen Leuten wegen ihrer guten Taten beliebt war, gerade verstorben. Voller Schmerz schließt sich der Mann dem Trauerzug an, trägt sogar den Sarg, und als er die Kirche betritt, beginnt die Orgel ein letztes Mal mit voller Kraft zu spielen. Der Orgelbauer fällt zu Boden und stirbt, und man begräbt ihn bei seiner Frau.
Goldtöchterchen Goldtöchterchen wohnt mit ihren Eltern zusammen in einem Haus am Wald. An einem sonnigen Sommermorgen geht das Mädchen im Nachthemd auf eigene Faust spazieren, ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen. Goldtöchterchen hört nicht auf die Mahnung der Haselnussbüsche am Waldesrand und läuft immer weiter. Am Teich spricht es mit der Ente, die es auf einem Wasserrosenblatt über den Teich ans andere Ufer zieht. Dort trifft das Kind auf einer Wiese den Storch, der gerade einen Frosch verspeist. Da Goldtöchterchen auch hungrig ist, zaubert der Storch ihm einen goldenen Becher mit Milch und eine Zuckertüte herbei. Nach dem Essen spielt Goldtöchterchen bis zum Abend fangen mit einem Schmetterling. Als es dämmert und alle Blumen müde sind und einschlafen wollen, legt auch Goldtöchterchen sich ins Gras und schläft ein.
Zu Hause suchen die besorgten Eltern das Kind den ganzen Tag im Haus und auch draußen in der Umgebung, sogar in der Stadt. Als es dunkel ist, kommt einer der zwölf Engel, die jeden Abend über die Welt hinwegfliegen, um nach Kindern zu suchen, die sich vielleicht verlaufen haben. Er findet Goldtöchterchen und legt es, ohne es zu wecken, behutsam ins Haus unter die Treppe. Als die Mutter noch einmal in alle Ecken und Winkel des Hauses schaut, entdeckt sie überglücklich das schlafende Kind.
Vom unsichtbaren Königreiche Abseits vom Dorf wohnt ein junger Bauer namens Jörg mit seinem alten Vater. Nach getaner Arbeit sitzt Jörg jeden Abend auf einem alten zerbrochenen Mühlstein, genießt die Aussicht auf das Tal und träumt. Die gewöhnlichen Leute im Dorf verspotten ihn als Traumjörge, doch das kümmert ihn nicht. Je älter Jörg wird, desto stiller wird er; nach dem Tod des alten Vaters verstummt er ganz. Als er eines Tages wieder auf dem alten Mühlsteine sitzt und den wundersamen Weisen der Natur lauscht, schläft er ein. Im Traum erscheint ihm eine am Firmament schaukelnde Prinzessin, die ihm Rosen zuwirft, welche er am nächsten Morgen neben sich auf dem Stein entdeckt. Traum und Blumengeschenk kehren immer wieder, bis Jörg sich schließlich im Wachzustand auf die Suche nach der Prinzessin begibt. Er wandert eine weite Strecke, entdeckt ein Land, wo sich Wolken und Erde treffen, und rettet in einem Wald einen ehrwürdigen Greis vor zwei Kerlen, indem er eine Traumwaffe beschwört. Der Greis entpuppt sich als König der Träume, der sich im Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, verirrt hat. Die nackten Kerle seien dessen Handlanger.
Der König der Träume führt Jörg in sein unterirdisches Reich, in welchem die Träume in Schlössern auf schwimmenden Inseln leben. Darunter sind die Traumkobolde, die verschiedenen Schabernack mit Schlafenden treiben; und die Monster, die böse Menschen in Albträumen heimsuchen; sowie eine gütige Frau, die jede Nacht ein schlafendes krankes Kind besucht. Die Prinzessin, fast der schönste Traum von allen, begrüßt Jörg freudig als sie sich wiedertreffen. Der König gestattet endlich, dass Jörg sie als Sterbliche mit hinauf auf die Erde nimmt, und gibt ihnen auch ein unsichtbares Königreich als Mitgift bei. Als Jörg die Falltür in die Unterwelt hinter sich schließt, verliert er das Bewusstsein und wacht auf dem Mühlstein wieder auf – die schöne Prinzessin neben ihm. Das unsichtbare Königreich ist ein feines Tuch mit Landkarte, welches sich im Traume prachtvoll entfaltet; und Jörgs Haus verwandelt sich in ein Schloss, in welchem das Königspaar nun lebt und viele Prinzen und Prinzessinnen bekommt.
Die ignorante Dorfbevölkerung nimmt hingegen weder Schloss noch Königreich wahr und findet auch an der ärmlich gekleideten, schmächtigen Frau des Traumjörge nichts Besonderes.
Wie der Teufel ins Weihwasser fiel Einem armen Teufel, der im Kölner Dom nach einem sündigen Menschen sucht, geschieht ein Missgeschick: Er fällt ins Weihwasserbecken. Da in Köln eisiger Winter ist und sein Rock ganz durchnässt ist, wärmt sich der Teufel im Mohrenland auf, wo er zudem einige Massaker beobachten kann. Als er dann zurück in die Hölle kommt, ist des Teufels Großmutter erzürnt darüber, dass sich der Teufel wieder in einer Kirche herumgetrieben hat, und rügt den armen Teufel. In einer Verkehrung menschlicher Bräuche muss die Großmutter den Rock des Teufels nun im Höllenschlamm „reinigen“ und den Kirchengeruch mit Tierhaaren, Ruß und Feuerrauch überdecken.
Der verrostete Ritter Ein reicher Ritter lebte in Saus und Braus, war aber stolz und hart gegenüber den Armen. Deshalb ließ ihn Gott auf der linken Seite an Armen und Beinen verrosten, das Gesicht aber blieb frei. Darauf verdeckte der Ritter seine rostige Seite, ging in sich und versuchte, sich zu ändern. Er entließ seine alten Freunde und Zechgenossen und heiratete eine fromme Frau. In der Hochzeitsnacht sah die Frau die linke Hand des Mannes, sagte aber nichts, sondern bat am nächsten Morgen den alten, frommen Eremiten im Wald um Rat. Der Eremit sagte, die Frau könne ihren Mann erlösen, wenn sie in Lumpen wie ein armes Bettelweib lebe und hundert Goldgulden erbetteln würde. Die Ritterfrau sagte, sie wolle dies tun, und führte fortan ein hartes Bettelleben in schmutzigen Kleidern. Nach einem Dreivierteljahr, als sie den ersten Gulden erspart hatte, gebar sie einen wunderschönen Sohn, den sie „Docherlöst“ nannte. Sie riss unten von ihrem Rock einen Streifen ab, wickelte ihren Sohn darin und bettelte weiter.
Als der Ritter merkte, dass seine Frau ihn verlassen hatte, wurde er sehr traurig. Er ging zu dem Eremiten, um zu hören, ob die Frau bei ihm gewesen sei. Der Eremit merkte, dass das Herz des Ritters noch nicht verrostet war, und so riet er ihm, von nun an Gutes zu tun und in alle Kirchen zu gehen. Dann werde er seine Frau wieder finden. So zog auch der Ritter hinaus, um seine Frau zu suchen, und nach fast einem Jahr gelangte er in die Stadt, in der seine Frau vor der Kirche bettelte. Die Frau erkannte den Ritter sogleich, als dieser sich der Stadt näherte. Sie verbarg aber ihr Gesicht, da sie erst zwei Gulden erbettelt hatte. Als der Ritter an ihr vorbei schritt und sie und das schöne Kind sah, hatte er Mitleid und gab ihr seine ganze Geldtasche mit allem Gold, was er noch hatte. Da fiel der Frau der Mantel vom Kopf herunter, und der Ritter sah, dass es seine eigene Frau war. Der Ritter umarmte sie, und als er erfuhr, dass das Kind sein Sohn sei, umarmte er auch ihn. Die Frau führte ihren Mann in die Kirche und legte das Geld auf das Kirchbecken, und als der Ritter aus der Kirche trat, war der Fluch aufgehoben und der Rost verschwunden.
Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen, und dem König, der kein Brummeisen spielen konnte Der König von Makronien, der sich schon seit einiger Zeit in seinen besten Jahren befindet, jedoch auch feststellt, dass seine Socken löchrig werden, beschließt, sich zur Abhilfe eine Frau zu nehmen. Diese soll schön und klug sein, vor allem aber muss sie das Leibgericht des Königs backen können: Pfeffernüsse. So macht sich der König in Begleitung seines kriecherischen Ministers auf in die Königreiche, die Prinzessinnen zu vergeben haben. Aber es finden sich nur drei Prinzessinnen, die gleichzeitig so schön und klug sind, dass sie dem König gefallen, und von diesen kann keine Pfeffernüsse backen. Die erste kann zwar keine Pfeffernüsse backen, aber hübsche kleine Mandelkuchen. Die zweite nennt den König albern, denn eine Prinzessin, welche Pfeffernüsse backen kann, gibt es nicht. Die dritte Prinzessin lässt ihn gar nicht bis zu seiner Frage kommen, sondern fragt selbst, ob er denn das Brummeisen zu spielen versteht? Er gefällt ihr sonst ganz gut; aber sie hat sich vorgenommen, keinen Mann zu nehmen, der das Brummeisen nicht spielen kann. Da fährt der König mit dem Minister niedergeschlagen wieder nach Hause.
Nach längerer Zeit lässt er den Minister noch einmal zu sich kommen und bittet darum, die Kandidatinnen erneut anzufragen, auch wenn sie keine Pfeffernüsse backen können. Die erste Prinzessin hat allerdings bereits den König aus dem Lande geheiratet, wo die Kapern wachsen. Die zweite Prinzessin ist verstorben. Besonders ängstlich wartet der König nun auf die Absage der dritten Prinzessin, doch diese hat mittlerweile eingesehen dass sich ihr „Jugendtraum“ nicht erfüllen ließe. So wird Hochzeit gefeiert, dass die Leute vierzehn Tage von nichts anderem sprechen. Der König und die junge Königin aber leben glücklich, er hat die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen ganz vergessen. Eines Tages jedoch steht der König mit dem falschen Bein zuerst auf, und alles geht verkehrt. Es regnet den ganzen Tag und der Reichsapfel fällt hin. Da geschieht es, dass das Ehepaar sich zum ersten Mal zankt und sich gegenseitig die Unzulänglichkeiten vorwirft. Beide bereuen sogleich ihre Worte, aber erst am Abend verzeihen sie einander. Und von da an werden zwei Worte im Königreich verboten: Brummeisen und Pfeffernüsse.
Der Wunschring