Das Mittelpommersche ist ein ostniederdeutscher Dialekt, dessen geographische Verbreitung zwischen dem nordwestlich benachbarten Mecklenburgisch-Vorpommerschen und dem vormals östlich benachbarten Ostpommerschen liegt. Es unterscheidet sich von beiden u. a. durch das Ausbleiben der Diphthongierung mittelniederdeutscher Langvokale, daher mp. Kooken, he statt mvp. Kauken „Kuchen“, hei „er“. Darin stimmt es mit dem südlich benachbarten Nordmärkischen überein und gehört daher dialektgeografisch zum Märkischen.
mini|Grenzen des Mittelpommerschen anhand der Wenkerkarte „Ohren“ (um 1880). Vorpommersch, Mecklenburgisch und nördliches Nordmärkisch haben Uhren (rosa umrandet), Ostpommersch hat Ohre (rot umrandet) bzw. Ohra (blau umrandet) Mittelpommersch hat Ohrn’ /o:rņ/ bzw. Ohrn /o:ɐn/.
Westlich des Mittelpommerschen befindet sich ein Übergangsbereich zum Vorpommerschen (Strelitzisch, nordöstlich, östlich und südlich von Neubrandenburg), der dadurch charakterisiert ist, dass er (wie das Mittelpommersche) die Langvokale ê und ô nicht diphthongiert, aber (wie das Vorpommersche und Teile des Märkischen) ê und ô vor r zu ie und uh hebt (Kooken „Kuchen“, he „er“, aber ierst „erst“, Uhr „Ohr“).Peter Wiesinger (1983): Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Zweiter Halbband (= Dialektologie, HSK (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft) 1.2), Walter de Gruyter, Berlin, S. 885 f.
Abkürzungen in diesem Artikel * = rekonstruiert afrz. = altfranzösisch ahd. = althochdeutsch aksl. = altkirchenslawisch and. = altniederdeutsch bln. = berlinisch frz. = französisch hd. = hochdeutsch lat. = lateinisch mlat. = mittellateinisch mmk. = mittelmärkisch mnd. = mittelniederdeutsch mpomm., mp. = mittelpommersch mvp. = mecklenburgisch-vorpommersch nd. = niederdeutsch nhd. = neuhochdeutsch nmk. = nordmärkisch vp. = vorpommersch
Beschreibung Die Bezeichnung „mittelpommersch“ bezeichnete nach Pfaff (1898, S. 1), mit Bezug auf das Brockhaus Conversations-Lexicon, 5. Auflage 1819-1822 / 1826, S. 27ff.) ursprünglich „den dialect, der in der Stettiner Gegend, d. h. in den kreisen Randow und dem westlichen teile des kreises Greifenhagen (Regierungsbezirk Stettin) gesprochen wird“. Diese rein geographische Definition wurde in der Folgezeit durch eine Definition nach linguistischen Merkmalen ersetzt, aus denen sich eine über dieses Kerngebiet hinausgehende Verbreitung ergibt.
Definierende Merkmale Merkmale, die das Mittelpommersche von anderen märkischen Dialekten unterscheidet (jedoch mit der Uckermark teilt), beinhalten
Velarisierung des mnd. Hiats (buggen /bugŋ̩~buŋŋ̩/ „bauen“, Fruggen „Frauen“, dröch „trocken“, teggen [neben tein] „zehn“, schniggen „schneien“). Im Märkischen dagegen eher Vokalisierung, Assimilation oder Diphthongierung des Hiats (mmk. draie „trocken“, nmk. buun „bauen“, schnien „schneien“ [Wenkersätze Fahrenwalde]). Das Mittelpommersche entspricht hierin dem Ostfälischen. Ausbleiben der Palatalisierung in dat „das“, anner „andere“, Ganter „Ganter“ gegenüber nmk. det, änner, Genter.
In seinen spezifischen Merkmalen entspricht es ansonsten dem Nordmärkischen:
typische Leitworte oftmals niederländischer Herkunft, z. B. leech, leeg „niedrig“, Molle „kleiner Trog“ (bln. „Glas Bier“), Kossät „Bauer“, Kumm „Gefäß“, Spind „Schrank“, Tiene „Holzgefäß, Waschfaß“,Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, 1989, Heft 2, S. 236. Padde „Frosch“, Bäsinge „Heidelbeere“, böömig „stumpf (von Zähnen)“, Pütten „Ziehbrunnen“, Pieråtz „Regenwurm“, Mier „Ameise“.W. Foerste: Geschichte der niederdeutschen Mundarten. Erich Schmidt Verlag, 1957, S. 2050 f. Wichtiges sprachliches Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem westlich benachbarten Mecklenburgisch-Vorpommerschen und dem (historisch) östlich benachbarten Ostpommerschen. Ausbleiben der Diphthongierung von mnd. ô und ê (nmk. leef, mvp. leif „lieb“;Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, 1989, Heft 2, S. 238. nmk. Book, mvp. Bauk „Buch“; nmk. sööt „süß“, mvp. säut). Wichtiges sprachliches Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem westlich benachbarten Mecklenburgisch-Vorpommerschen und dem (historisch) östlich benachbarten Ostpommerschen. kein Schwund des auslautenden -n (nåhmen „genommen“) in Abgrenzung vom Ostpommerschen (naume). Bewahrung von mittelniederdeutsch -nd- als -nn-, z. B. in hinnen „hinten“. Partizip Präteritum wird (wie im nmk. und vp.) nicht durch ein Präfix markiert (mp. loopen). Artikulation des langen mnd. â als /ɔː/ (langes, dumpfes o), z. B. in måken „machen“. Verlust des auslautenden -e (mpomm.nmk. Jäns, Gäns „Gänse“, mmk. Jänse, op. Gööse; dien Schwester, op. diene Schwester). Die für das Mecklenburg-Vorpommersche (z. T. aber auch im Märkischen verbreitete) charakteristische Hebung von langem e und o vor r unterbleibt, daher mp. Peerd und Ohr statt mvp. Pier(d) „Pferd“ und Uhr „Ohr“. Ersetzung des Dativs durch den Akkusativ (wie im Märkischen), up dat Feld „auf dem Felde“, op. dem. Als typisch gilt u. a. eine weitreichende Reduktion unbetonter (auch ursprünglich langer) Vokale, daher treten Pronomina oftmals klitisch auf, daher ’k heff’t „ich habe es“, wull’f „wollten wir“, ’t blifft „es bleibt“, ka’k „kann ich“, oder hemm’ch „habt ihr“. Das ist allerdings nicht auf Pronomen beschränkt, sondern tritt auch bei Komposita auf, z. B. Hantschen /hɑntʃn̩/ „Handschuhe“ (< *hant-schô-(e)n), Schosten /ʃɔstn̩/ „Schornstein“ (< *-steen), barft /bɑ:ft/ „barfuß“ (< *bar-fôt), Käsper /kɜspɐ/ „Kirsche“ (< *kerse-bêre). Bei klitischen Pronomina oder intransparenten Komposita werden assimilierte Vokale meist nicht geschrieben, bei morphologisch transparenten Fügungen meist als e (e.g., -en für /-n̩/, -el für /-ɭ̩/, -(gg)en für /-(ŋ)ŋ̩/, -(k)en für /-(k)ŋ̩/).Die Vokale bei der Schreibung wegzulassen, wird von den Sprechern selbst kritisiert:
"In de Zeitung stünn "(…) Nudl für Kartoffeln ..." Un so hitt uns’ goode olle Nudel nu Nudl, ohn’ "e". … Wi seggen (…) Nudel to de Kartoffel, mit "e". Dat "e" ward bie't Reden meistendeels "verschluckt", so as wi dat mit manche annern Bookstaben ook mooken. Unse Heimatdichter Max Lindow un Erna Taege-Röhnisch hemm’ öwrigens ook "Nudel" mit "e" schräben!" Inge Wolff: Touristiker, Touristen un Nudeln. In: Dat Allerbest. 10 Jahre Plattdeutscher Literaturwettbewerb des Nordkurier. Schibri-Verlag, Milow 2010, S. 50. Gelegentlich begegnet auch eine Schreibung mit Apostroph. Häufiger wird diese für -ben- genutzt, das zu /m/ oder /m̩/ assimiliert und dementsprechend als -m-, -mm’ und nur historisierend als -bben geschrieben wird (Åmd „Abend“; hemm’ oder hebben „haben“).
Das Mittelpommersche ist nicht völlig einheitlich. Ein Unterschied zwischen westlichem und östlichen Mittelpommerschen (historische Mundart östlich der Oder) ist die Ersetzung von -ol- durch -ul- vor (mnd.) Dental (west-mp. koll „kalt“, oll „alt“; ost-mp. kull, ull).Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Zweiter Halbband. Walter de Gruyter, Berlin 1983, S. 882 f. (Dialektologie, HSK [Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft] 1.2). Das östliche Mittelpommersch ist seit dem Zweiten Weltkrieg ausgestorben, weshalb das westliche Mittelpommersch als Standardvarietät anzusehen ist.In diesem Sinne schließt Wiesinger das -ul--Gebiet aus dem Mittelpommerschen aus und rechnet es einem Übergangsgebiet zum Ostpommerschen zu. Vgl. die ihm zugeschriebene Gliederung der deutschen Dialekte im Atlas Alltagssprache (2012); atlas-alltagssprache.de Ein Unterschied zwischen südlichem und nördlichem Mittelpommersch ist die Aussprache von anlautendem g- als j- (süd-mp./uckermärkisch Joarn „Garten“, nord-mp. Goarn).
Sprachwissenschaftliche Klassifikation Die sprachliche Nähe des Mittelpommerschen zum Märkischen ist allgemeiner Konsens, ebenso wie dass es einen Interferenzraum zwischen Märkisch und Vorpommersch gibt, innerhalb dessen das Mittelpommersche den Maximalpunkt märkischen Einflusses in Vorpommern darstellt. Die sprachwissenschaftliche Klassifikation des Mittelpommerschen in Abgrenzung zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen und Nordmärkischen wird jedoch unterschiedlich beurteilt:
Mittelpommersch als Varietät des Nordmärkischen: Mittelpommersch und Nordmärkisch stehen einander sehr nahe und insbesondere fällt die Nordgrenze Brandenburgs nicht mit sprachlichen Unterschieden zusammen.Diskussion z. B. bei Eginhard Dräger (1995): Rezension: Eberhard Krienke, Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Uckermark – Symposium des Prenzlauer Kulturvereins e. V. mit dem Projekt Sprache und Literatur in der Uckermark am 10.9.1994 in Prenzlau. Sonderheft des Kulturvereins 1995, S. 346–348. Eine mögliche Sichtweise ist daher, das Mittelpommersche als Varietät des Nordmärkischen anzusehen (so Mitzka/Schwarz). Mittelpommersch als eigenständige Varietät des Märkischen: Die Abgrenzung zwischen Mittelpommersch und Nordmärkisch und die Einordnung des Uckermärkischen werden unterschiedlich beurteilt und die Grenze zwischen ihnen unterschiedlich verortet. Um überhaupt sprachliche Trennungskriterien zu finden, rechnet z. B. Schönfeld (1981, S. 154 f.)W. Hartung, H. Schönfeld (Hrsg.): Kommunikation und Sprachvariation (Vol. 17). Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 154 f. Zitiert nach: Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, 1989, Heft 2, S. 234. Dort wird eine Karte reproduziert. das östliche Uckermärkische vollständig zum Mittelpommerschen, so dass seine Südgrenze nördlich von Eberswalde verortet wird und es damit direkt nördlich an das Mittelmärkische anschließt. Die Sprecher der Uckermark empfinden dagegen ihren Dialekt („uckermärkisch“) als weitgehend einheitlich, weshalb eine solche Trennung innerhalb der Uckermark von den Sprechern selbst eher abgelehnt wird.So z. B. Eberhard Krienke: Uns Uckermark. Sprache und mundartliche Literatur einer Region. Schibri-Verlag, Milow 1996, S. 32. Mittelpommersch als Nordostniederdeutsch: In der jüngeren Literatur findet sich auch der Vorschlag, das Mittelpommersche vom Märkischen abzusetzen und gemeinsam mit dem Mecklenburg-Vorpommerschen zu einem „nordostniederdeutschen“ Dialektraum zusammenzufassen (Ehlers 2019, S. 591, sich auf Alfred Lameli 2016 beziehend), der sich vom „brandenburgischen Sondergebiet“ dadurch unterscheidet, dass dieses zunehmend mitteldeutsche Züge angenommen hat. Das definierende Merkmal dieser Sichtweise ist allerdings nicht historisch-linguistisch, sondern eher der Grad des Dialektverfalls, der in Brandenburg stärker fortgeschritten ist als in Vorpommern und der Uckermark.