mini|hochkant|Die männliche Harnröhre des Menschen (aus Gray’s Anatomy)
Die Harnröhre ( Urethra, deutsch „Harngang“; von zu ) ist ein schlauchförmiges Organ des Harn- und Geschlechtsapparats der Säugetiere unter Ausschluss der Kloakentiere. Sie gehört zu den ableitenden Harnwegen und beginnt am unteren Ende der im Becken lokalisierten Harnblase. Sie mündet bei männlichen Vertretern an der Penisspitze auf der Eichel und bei weiblichen im Scheidenvorhof.
Die Harnröhre dient in erster Linie der Ausleitung des Urins aus der Harnblase (Miktion), bei männlichen Säugetieren zusätzlich der Weiterleitung des Spermas bei der Begattung, weshalb sie hier auch als Harn-Samen-Röhre bezeichnet wird.
Die Entzündung der Harnröhre (Urethritis) wird vor allem von Bakterien verursacht. Beim Menschen werden sie vor allem sexuell übertragen.
Funktion Miktion
mini|Urinierender Elefant: Der Harn wird über die Harnröhre ausgeleitet.
Die Harnröhre dient bei allen Säugetieren mit Ausnahme der Kloakentiere und bei beiden Geschlechtern vor allem der Ausleitung und Ausscheidung des Urins, der sich bei den Säugetieren in der Harnblase sammelt und von dort in die Harnröhre abgegeben wird (Miktion). Zudem verhindern die Verschlussmechanismen der Harnröhre zusammen mit Immunglobulinen weitgehend, dass Keime in das Körperinnere vordringen können. Die Harnröhrenschleimhaut ist beim Mann nur im letzten Drittel, bei der Frau nur in der scheidennahen Hälfte noch von Bakterien besiedelt. Zu dieser physiologischen Schleimhautflora gehören Mycobacterium smegmatis, Corynebakterien, Streptokokken und Staphylococcus epidermidis. Die weiter blasenseitig gelegenen Abschnitte der Harnröhre sind dagegen steril.
Ejakulation
Bei männlichen Säugetieren dient sie zudem der Weiterleitung der Spermien, die über den Samenleiter (Ductus deferens) in die Harnröhre geleitet werden und gemeinsam mit Sekreten der Prostata und der Bläschendrüse das Sperma bilden. Dieses wird bei der Ejakulation über die Harnröhre transportiert. Die Harnröhre männlicher Individuen wird aus diesem Grund auch als Harn-Samen-Röhre bezeichnet.
Sexuelle Stimulation
Die Harnröhre ist von vielen Nerven durchzogen und kann als erogene Zone betrachtet werden. Eine Massage bzw. Stimulation der Harnröhre, entweder manuell oder durch das Einführen von Objekten, kann bei Männern wie Frauen als lustvoll erlebt werden.Caroline Fux: Wie kann ich meine Harnröhre stimulieren? Auf: blick.ch, vom 12. September 2018; abgerufen am 29. September 2020. viva.tv, 17. Juli 2017.U-Punkt: Heißer als der G-Punkt? Auf: fem.com vom 17. Mai 2018; abgerufen am 29. September 2020. Sehr selten ist der Urethralverkehr, bei dem der männliche Penis in die gedehnte weibliche Harnröhre eingeführt wird.
Anatomie
Allgemeiner Aufbau und Muskulatur
Aufgrund ihrer engen Assoziation an die geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgebildeten Genitalorgane ist auch die Harnröhre bei den Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt. Die Harnröhre ist ein häutig-muskulöser Schlauch, der unterhalb der Harnblase (am Blasenhals) aus dieser über die innere Harnröhrenmündung (Ostium urethrae internum) entspringt und von hier den Beckenboden im Bereich des Diaphragma urogenitale durchtritt. Wie alle harnableitenden Wege besitzt er eine spezielle Auskleidung, die als Urothel oder Übergangsepithel bezeichnet wird. Unter dem Epithel befinden sich elastisches Bindegewebe und ein Blutgefäßgeflecht (Stratum spongiosum). Weiter nach außen folgt glatte Muskulatur und ganz außen wiederum Bindegewebe zur Einbettung in die Umgebung (Adventitia).
Neben der glatten Muskulatur wird die Harnröhre von weiteren Muskelteilen umgeben, die ihre Funktion ermöglichen. Von der Harnblase ziehen Teile der äußeren Längsmuskelschicht des Musculus detrusor vesicae, der als Austreibemuskel der Harnblase fungiert, bis zur Harnröhre und umgeben diese von vorn am Harnblasenhals gemeinsam mit Muskelbündeln des Musculus pubovesicalis, die den hinteren Bereich der inneren Harnröhrenmündung umfassen und gemeinsam den unwillkürlichen Schließmuskel der Harnblase bilden.W. Kahle, H. Leinhardt, W. Platzer (Hrsg.): Taschenatlas der Anatomie für Studium und Praxis. Band 2: Innere Organe. 5. Auflage. Thieme, Stuttgart 1986, ISBN 3-13-492105-7, S. 268–269. Dieser wird häufig auch als eigener Schließmuskel der Harnblase (Musculus sphincter vesicae) betrachtet. Im Übergangsbereich von der Blase zur Harnröhre reicht zudem der untere verdickte Winkel des Harnblasendreiecks (Trigonum vesicae) als muskulöses Zäpfchen, Uvula vesicae, von hinten in die innere Harnröhrenöffnung.W. Kahle, H. Leinhardt, W. Platzer (Hrsg.): Taschenatlas der Anatomie für Studium und Praxis. Band 2, Stuttgart 1986, S. 266–267. Von der Rückseite setzen zudem Fasern des Musculus rectovesicalis an der Harnröhre und der Harnblase an.
Der quergestreifte äußere willkürliche Harnröhrenschließmuskel (Musculus urethralis) umgibt mit dem Musculus sphincter urethrae membranaceae die männliche Harnröhre in Spiralschlingen aufsteigend im Bereich der Pars membranacea urethrae, bei weiblichen Säugetieren entspringt er seitlich an der Vagina und bildet eine Schlinge um die Urethra. Er trägt im Zusammenspiel mit der Harnblasenmuskulatur des Harnblasendreiecks, dem Schließmuskel der Harnblase und dem Musculus detrusor vesicae maßgeblich zum Harnhaltevermögen (Urinkontinenz) und der Miktion bei, wobei auch der Musculus levator ani als Beckenboden beim Harnröhrenverschluss beteiligt sein kann. Die Innervation des Musculus urethralis und des Musculus sphincter vesicae erfolgt durch die Nervi perineales, die dem Nervus pudendus entspringen, während der Musculus detrusor vesicae vom Nervus pelvinus innerviert wird.
Zwischen der Harnröhre bzw. deren Mündung, Meatus urethrae, beginnt sich als periurethraler Bindegewebsraum das Septum uretrovaginale zwischen der weiblichen Harnröhre und Vagina bzw. Scheidenvorhof, Vestibulum vaginae, auszuspannen. Dieser Bindegewebsraum setzt sich nach hinten, dorsal, in die Halban’sche Faszie, auch als Septum vesicovaginale bezeichnet, fort.Angelika Strunk: Fasziale Osteopathie. Grundlagen und Techniken. Thieme, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-8304-7922-2, S. 74.Beate Carrière: Beckenboden. Thieme, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-13-170332-3, S. 536.
Geschlechtsspezifische Anatomie der Harnröhre Weibliche Harnröhre
mini|hochkant|Zeichnung des anatomischen Aufbaus der paraurethralen Drüsen einer erwachsenen Frau. Dargestellt ist die weibliche Urethra – Meatus urethrae externus Bild unten – mit den von dorsal bzw. ventral einmündenden Drüsenausfuhrgängen.J. W. Huffman: The detailed anatomy of the paraurethral ducts in the adult human female. In: American Journal of Obstetrics and Gynecology. Band 55, 1948, S. 86–101. Die Harnröhre der weiblichen Säugetiere verläuft parallel zur Vagina durch den Beckenboden und mündet an der Grenze von Scheidenvorhof und Vagina mit der Harnröhrenöffnung (Ostium urethrae feminae externum, etwa ein Zentimeter ventral des Ostium vaginae)Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden (= Exa-Med. Band 4b). Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 100. in die Vulva. Sie hat bei der Frau eine Länge von etwa 2,5 bis 4 cm. Bei weiblichen Paarhufern liegt im Bereich der Mündung eine blind endende Schleimhautbucht (Diverticulum suburethrale), die das Katheterisieren erschwert. Die weibliche Harnröhre besitzt eine wulst- bzw. spornartige Vorstülpung (Carina urethralis vaginae), auf der sich die eigentliche Mündungsöffnung der Harnröhre, Meatus urethrae externus befindet. Häufig ziehen hiervon seitlich zwei zügelförmige, schmale (dreieckige) Gewebefalten in Richtung zur Klitoris hoch; sie können bei digitaler Untersuchung sichtbar werden. Die Carina urethralis vaginae kann ihrerseits interindividuell stark variieren, wobei sie sich unterschiedlich weit über eine gedachte Scheideneingangsebene hinaus vorstülpt (von einer relativ flachen Profilierung bis hin zu einer ausgeprägteren) und darin an einen Wasserspeier erinnert. Der Scheideneingang, Introitus vaginae ist ein runder Gewebesaum, der am kaudalen Ende der Vagina liegt (Carunculae hymenales) und am oberen Ende eine Verbindung mit der Mündung bzw. der die Harnröhre (Carina urethralis vaginae) umgebenden Schleimhaut findet.
Ihr Anfangsteil nahe der Blase ist von Urothel ausgekleidet, das in mehrschichtig unverhorntes Plattenepithel übergeht. Vereinzelt finden sich muköse Drüsen (Glandulae urethrales, Littrè-Drüsen).Renate Lüllmann-Rauch: Taschenlehrbuch Histologie. 4. Auflage. Thieme, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-13-129244-5, S. 488. Die Schleimhaut bildet Buchten, Lacunae urethralis sowie längsverlaufende Falten, die die verzweigten, tubulären Glandulae urethrales enthalten. Im distalen Drittel sind die intraluminären Drüsenausführgange der Paraurethraldrüsen, Glandulae paraurethrales nachweisbar.Thomas Deller: Histologie. Das Lehrbuch. Elsevier Health Sciences, München 2018, ISBN 978-3-437-18366-9, S. 491 (). Der Verschluss (Sphinkter) erfolgt (reflektorisch) willkürlich durch den Musculus sphincter urethrae membranaceae, vermittels der Innervation durch die Nervi perineales aus dem Nervus pudendus.
Periurethrales Schwellkörpersystem Jeweils seitlich des eigentlichen Meatus urethrae externus, der Harnröhrenöffnung, ragen polsterartig, in unterschiedlichem Ausmaß, zwei kleinere höckerartige Hügelchen links und rechts von einer rinnenartigen Senke oder leichten Einkerbung nach oben zum Schamhügel empor. Seitlich der vorgewölbten Carina urethralis vaginae sitzen die Paraurethraldrüsen, Glandulae paraurethrales; sie weisen mehrere Ausführungsgänge auf und münden sowohl in den Endabschnitt der Harnröhre („intraluminär“) selbst sowie seitlich („periurethral“) derselben. Sie werden nach ihrem Erstbeschreiber auch Skene-Drüsen (nach Alexander Skene) genannt oder wegen der Homologie zur männlichen Prostata auch Prostata feminina.
In die Urethra münden die Drüsen der weiblichen Prostata (Prostata feminina) bzw. Paraurethraldrüse; diese besitzt mehrere Ausführungsgänge. Ihr Sekret (siehe weibliche Ejakulation) ähnelt in Zusammensetzung und Enzymmustern dem männlichen Prostatasekret (Prostataspezifisches Antigen).Florian Wimpissinger: Die weibliche Prostata – Faktum oder Mythos? In: Urologie. Band 2, 2007, S. 19.
Die weibliche Prostata ist Teil eines periurethralen Schwellkörpersystems, Corpus cavernosum urethrae, zu dem auch der G-Punkt und als intravaginale Fortsetzung die Halban’schen Faszie, die Gräfenberg-Zone und die Anterior Fornix Erogenous Zone, kurz AFE-Zone als zusätzliche Schwellkörpergewebe gerechnet werden.Per Olov Lundberg: Die periphere Innervation der weiblichen Genitalorgane. In: Sexuologie. Band 9, Nr. 3, 2002, S. 98–106 (Volltext als PDF; 2,3 MB). Die Nervenversorgung der weiblichen Harnröhre und das sie umgebende Schwellkörpergewebe erfolgt über den Plexus vesicalis (Teil des Plexus hypogastricus inferior) und den Nervus pudendus. Viszerale Afferenzen aus der Harnröhre verlaufen in den splanchnischen Beckennerven.
Männliche Harnröhre (Urethra masculina) hochkant|mini|Harnröhrenmündung, Meatus urethrae externus, auf der Eichel beim Mann