Zwölf Geschichten aus der Fremde () ist ein 1992 erschienener Erzählungsband des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez über die wundersamen Erlebnisse von Lateinamerikanern in Europa. Die Übersetzung ins Deutsche von Dagmar Ploetz und Dieter E. Zimmer wurde 1993 publiziert.Gabriel García Márquez: „Zwölf Geschichten aus der Fremde“. Kiepenheuer & Witsch Köln, 1993. Der Autor erklärt im Vorwort die lange, mit der Abfassung zwischen 1976 und 1982 abgeschlossene Entstehungsgeschichte (s. u.).
Inhalt Gute Reise, Herr Präsident (Buen viaje, señor presidente) Der nach einem Militärputsch ins Ausland verbannte 73-jährige Präsident eines karibischen Staates hält sich inkognito in Genf auf, um nach dreißigjähriger erfolgloser Behandlungen die Ursachen seiner Schmerzen herauszufinden. Der Neurologe rät ihm zu einer Wirbelsäulenoperation. In der Klinik wird der Ex-Präsident von einem seiner Anhänger erkannt, dem Krankenwagenfahrer Homero Rey de la Casa, der wegen seiner Teilnahme an den Straßenkämpfen in die Schweiz fliehen musste, wo er seit ca. zehn Jahren mit seiner Frau Lázara Davis und zwei Kindern lebt. Homero lädt sein Idol zum Essen in seine Wohnung ein und hofft damit die Gunst des vermeintlich reichen Mannes zu erringen und vielleicht Stipendien für die Kinder Bárbara und Lázaro oder einen besser bezahlten Job zu bekommen. Doch der Präsident ist nicht mehr die strahlende Gestalt von einst, sondern ein kranker Mann. Er erzählt deprimiert von seinen Misserfolgen als Politiker und seinem spärlichen Einkommen als Lehrer im Exil auf der Insel Martinique. Er lebt äußerst bescheiden und bittet seine Gastgeber, den Schmuck seiner verstorbenen Frau einem Juwelier zu verkaufen, damit er seine Arztkosten bezahlen kann. Doch der Erlös reicht nicht aus und Homero ergänzt den Rest aus seinen bescheidenen Ersparnissen. Dafür schenkt der Präsident vor seiner Rückreise den Kindern seinen Ehering und seine Uhr. Nach einem Jahr schreibt er ihnen, seine Schmerzen seien zwar zurückgekehrt, aber er achte nicht mehr darauf und halte auch keine Diät mehr ein. Er plant, in sein Land zurückzukehren und sich an die Spitze einer Erneuerungsbewegung für eine gerechte Sache zu stellen, „und sei es nur des kleinlichen Ruhms wegen, nicht an Altersschwäche im Bett zu sterben. In diesem Sinne […] war die Reise nach Genf schicksalhaft gewesen.“
Die Heilige (La santa) Als der Friedhof eines Dorfes in den kolumbianischen Anden wegen eines Staudammbaus geräumt werden musste, fand der Gemeindeschreiber Margarito Duarte bei der Ausgrabung der Toten den Körper seiner mit sieben Jahren verstorbenen Tochter nach elf Jahren äußerlich unverwest, jedoch ohne Gewicht. Die Diözese sah dies als Zeichen der Heiligkeit an und Margarito packte den Leichnam in eine Kiefernholzkiste in Cellokastenform und reiste nach Rom, um im Vatikan das Wunder anzuzeigen und die Heiligsprechung der Toten zu erreichen. Hier trifft ihn der Ich-Erzähler, Student am Centro Sperimentale di Cinematografia, und erlebt den Leidensweg Margaritos mit: Der Verwaltungsapparat verschleppt immer wieder seine Eingaben und hindert ihn mit immer neuen Einwänden am Vordringen zum Heiligen Stuhl. Zuerst ist es die Schluckauferkrankung Pius XII. Dann wird er zur Audienz in Castel Gandolfo zugelassen, aber vom Papst nicht wahrgenommen. Als der Ich-Erzähler nach zweiundzwanzig Jahren Margarito zufällig wieder in Rom begegnet, sind inzwischen fünf Päpste gestorben und der alte und müde Mann wartet noch immer, hat aber die Hoffnung nicht aufgegeben. Der Dichter ist überzeugt, dass er der Heilige ist: „Ohne es zu merken, kämpfte er kraft des unverwesten Körpers seiner Tochter nun schon zweiundzwanzig Jahre für die gerechte Sache seiner eigenen Kanonisierung.“
Dornröschens Flugzeug (El avión de la bella durmiente) Auf dem Pariser Charles de Gaulle-Flughafen erblickt der Ich-Erzähler beim Check-in die mit ausgesuchtem Geschmack gekleidete schönste Frau, die er in seinem Leben gesehen hat, mit dem Aura von Jahrtausenden wie aus den Anden. Nach einem Augenblick ist sie in der Menschenmenge verschwunden. Wegen starker Schneefälle verschiebt sich der Abflug um neun Stunden. Auf der Suche nach der Schönen durchwandert er immer wieder erfolglos die Hallen, doch im Flugzeug ist sie zu seiner Freude seine Sitznachbarin. Er hofft auf ein Gespräch, doch sie beachtet ihn gar nicht, gibt dem Steward den Auftrag, sie nicht für das Abendessen zu wecken, setzt die Schlafmaske auf und schläft acht Stunden bis zur Landung. Der Erzähler liegt die Nacht neben dem „schlafenden Märchenwesen […] näher zusammen als in einem Ehebett“. „Es war eine intensive Reise […] wir beide blieben allein im Dämmer der Welt […] die Atlantiknacht war unendlich und rein, und das Flugzeug schien unbeweglich zwischen den Sternen zu hängen.“ Am Morgen wacht sie pünktlich auf, schminkt sich, steigt „mit einer konventionellen Entschuldigung in reinstem amerikanischen Spanisch“ über ihn weg und geht ohne Abschied: Ohne für „all das zu danken, was ich für unsere glückliche Nacht getan hatte, und verschwand bis zum heutigen Sonnenaufgang im Urwald von New York“.
Ich vermiete mich zum Träumen (Me alquilo para soñar) In Havanna wird durch ein Unwetter die Haushälterin des portugiesischen Botschafters getötet. Ihr Ring in Schlangenform, von dem die Zeitung berichtet, erinnert den Ich-Erzähler an eine kolumbianische junge Wahrsagerin, die er in seiner Wiener Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kennengelernt hatte. In seinem Stammlokal erhielt sie von seinen lateinamerikanischen Mitstudenten den Zungenbrecher-Namen „Frau Frida“. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine hellseherische Gabe und verdiente ihren Unterhalt damit, die Zukunft anderer Leute zu „träumen“. So gewann sie Einfluss auf ihre Arbeitgeber, wurde von ihnen reich belohnt und sogar als Erbin im Testament eingesetzt. Auch der Erzähler glaubte ihr trotz seiner Skepsis und reiste sofort nach Rom, als sie ihm riet, Wien zu verlassen.
Nach dreizehn Jahren traf er „Frau Frida“ zufällig in Barcelona wieder, als er mit Pablo Neruda zu Mittag aß. Der chilenische Dichter glaubte nicht an ihre Traumdeutungen, hatte aber ironischerweise beim Siesta-Schlaf ein wechselseitiges Traumlabyrintherlebnis mit ihr: Er träumte von ihr, dass sie von ihm träumte. Frau Frida hatte in Wien ihre Fähigkeit vermarktet und ein Vermögen angehäuft, schließlich ihren Besitz in Österreich verkauft und lebte, wenn nicht auf Reisen, in einer schlossähnlichen Villa in Porto.
Der portugiesische Botschafter, den der Erzähler in Kuba nach der verunglückten Angestellten befragt, bestätigt ihm seine Vermutung und schwärmt von ihr: „Sie können sich nicht vorstellen, was für ein außergewöhnlicher Mensch sie war […] Sie hätten nicht der Versuchung widerstehen können, eine Geschichte über sie zu schreiben“. Seine Frage nach dieser Besonderheit beantwortet er mit: „Sie träumte.“
»Ich bin nur zum Telefonieren gekommen« (Sólo vine a hablar por teléfono) Die Geschichte handelt von der siebenundzwanzigjährigen Mexikanerin María de Cervantes, die als ehemalige Varietekünstlerin ihrem Mann, dem Salonmagier Saturno, bei ihren Auftritten assistiert. Nachdem sie sich vor acht Monaten in Barcelona niedergelassen haben, hat Erzähler die beiden in Cadaqués kennengelernt und von der instabilen Beziehung erfahren, die von der hübschen und in Liebesdingen seit ihrer Jugend launischen und sprunghaften Frau in den letzten fünf Jahren durch drei Affären unterbrochen worden war. Auf der Rückfahrt von einem Verwandtenbesuch in Zaragoza hat María im Frühjahrgewitter eine Panne und wird von einem Busfahrer zu einem Haus mit einem Telefonanschluss mitgenommen, um ihren Mann zu informieren. Sie halten an einem Kloster an und die Businsassen, psychisch kranke Frauen, werden ausgeladen und von Wärterinnen in die Psychiatrie gebracht. Sie fragt nach einem Telefon, wird jedoch für eine Patientin gehalten und nicht ernst genommen. Man glaubt ihrer Erzählung nicht und sperrt sie mit den anderen zusammen ein. Sie versucht vergeblich zu fliehen. Auf ihre Gegenwehr hin wird sie ans Bett gefesselt, sediert und als psychisch kranke Person registriert.
Inzwischen macht sich ihr Mann Sorgen und forscht nach: das Auto wurde ausgeraubt gefunden, aber von ihr fehlt jede Spur. So denkt Saturno, María habe ihn wieder einmal verlassen und er beschließt, sie für immer zu vergessen.
Inzwischen ist es Sommer. Nach mehreren vergeblichen Fluchtversuchen und Phasen der Resignation gibt María den Werbungen einer lesbischen Wächterin nach. Diese leitet als Gegenleistung eine Botschaft an Saturno weiter. Als er ins Hospital kommt, lässt er sich vom Arzt überzeugen, dass seine Frau krank ist und gut behandelt wird. So beeinflusst, deutet er Marias Schilderung der Zustände im Kloster und die heftige Bitte, sie aus dem Gefängnis zu befreien, als Obsession und vertröstet sie. Sie weigert sich daraufhin, ihn zu sehen, und er stellt schließlich resigniert seine Besuche ein. Er heiratet wieder und kehrt nach Mexiko zurück. María fügt sich in ihre Situation und wirkt auf eine Bekannte beim letzten Besuch vor dem Abriss des alten Gebäudes „höchst luzide […] ein wenig übergewichtig und zufrieden in der Ruhe des Klosters.“
Augustspuk (Espantos de agosto) Der Ich-Erzähler besucht mit seiner Frau und den beiden Söhnen den venezolanischen Schriftstellers Miguel Otero Silva in seinem Renaissance-Schloss nahe bei Arezzo. Auf der Suche nach dem Weg werden sie von einer alten Gänsehirtin gewarnt, in dem alten Haus spuke es. Da sie nicht an Geister glauben, lachen sie über die abergläubische Frau. Die beiden Kinder sind jedoch begeistert von der gruseligen Vorstellung, einem echten Gespenst zu begegnen. Schließlich erreichen sie ihr Ziel und werden vom Schriftstellerfreund bereits zum Mittagessen erwartet. Auf der Blumenterrasse mit Blick über die Toscana-Hügellandschaft im Augustlicht erzählt der Gastgeber das tragische Ende des Schloss-Erbauers: In „leidenschaftlichem Wahnsinn“ erdolchte Ludovico „die Dame seines Herzens in dem Bett, in dem sie sich eben noch geliebt hatten“, und ließ sich von seinen Kampfhunden zerfleischen. Silva versichert ihnen ernsthaft, dass um Mitternacht der Geist Ludovicos durch die Fluren wandle. Anschließend besichtigen sie das riesige und düstere Gebäude, v. a. das im Original belassene Schlafzimmer mit der noch vom getrockneten Blut der Geliebten steifen Bettdecke. Die Besucher lassen sich vom Schriftsteller zum Abendessen und zur Übernachtung überreden. Der Erzähler und seine Frau schlafen tief in einem modernisierten Zimmer im Erdgeschoss und wachen am nächsten Morgen im ersten Stock in Ludovicos „verwünschte[m]“ Himmelbett mit den staubigen Vorhängen und dem blutgetränkten Laken auf.
María dos Prazeres Die Brasilianerin María dos Prazeres wurde als Vierzehnjährige in Manaos von ihrer Mutter an einen Schiffsoffizier verkauft und kam so nach Barcelona. Dort ließ er sie sitzen und sie musste ein halbes Jahrhundert als Prostituierte arbeiten. Dann zog sie sich aus dem Gewerbe zurück, kaufte im Stadtteil Gràcia eine Wohnung, renoviert sie und richtet sie mit alten kunstvollen Möbeln ein, die sie im Laufe der Jahre günstig auf Versteigerungen erworben hatte. Die einzige Verbindung der jetzt 76-Jährigen mit ihrer Vergangenheit sind die monatlichen Besuche des Grafen Cardona, eines ehemaligen Kunden. Ihre Freundschaft endet, als dieser sich als Franco-Anhänger zu erkennen gibt, während sie den im Bürgerkrieg getöteten Anarchisten Buenaventura Durruti verehrt.