mini|Patua verkaufen ihre Bilder auf der International Kolkata Book Fair in Kalkutta, 2013 Patua, auch Potua, Patu, Patudar, Patidar (), von pat, „Bildrolle“, ist eine ethnische Gruppe im Süden des indischen Bundesstaates Westbengalen, deren Mitglieder traditionell als professionelle Erzähler umherziehen und Geschichten der Volksliteratur mit Bildrollen illustrieren. Zentrales Anliegen bei den Vorführungen der Bildrollen im ländlichen Raum ist es, mit rhetorischem Geschick das Publikum zu Spenden, die als religiös verdienstvoll beschrieben werden, zu ermuntern. Seit den 1970er Jahren haben die Patua ihren Tätigkeitsschwerpunkt auf die Anfertigung und den Verkauf von Bildern und anderen kunsthandwerklichen Produkten verlagert.

Die Tradition der Bildrollen fußt in der altindischen Zeit. Die erzählenden Bilder (Sanskrit chitra, davon abgeleitet chitrakar, „Bildrollenmaler“) sind mindestens seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. bekannt; mit der Bhakti-Bewegung Ende des 16. Jahrhunderts erlebte die Tradition ihren Höhepunkt. Die ältesten Fragmente bengalischer Bildrollen sind aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Die mythischen Erzählungen in Bengalen beinhalten Episoden aus dem Leben des jugendlichen Gottes Krishna und seiner Gefährtin Radha, Geschichten der Schlangengöttin Manasa, des heiligen Chaitanya und aus dem Epos Ramayana. Die Tradition der Patua wird seit 100 Jahren als im Verschwinden begriffen dargestellt, sie ist jedoch auf eine veränderte Art weiterhin lebendig. Die Patua praktizieren einen muslimischen Volksglauben, der Elemente aus dem Hinduismus enthält. Dadurch gelten sie als randständig und verfügen über einen niedrigen Sozialstatus. Um die Ursprünglichkeit ihrer Malerei zu betonen, bringen sie sich mit den altindischen Bilderzählern in Verbindung, indem sie den Titel Chitrakar im Namen führen.

Eine von den Patua unabhängige, einst vermutlich aus ihnen hervorgegangene Gruppe sind die Jadopatia, die für die zu den Adivasis zählenden Santal rituelle Aufgaben übernehmen und einen Ruf als „magische Bilderzähler“ (Bengali jadu, „Magie“) genießen.

Herkunft mini|Das Relief vom Bharhut-Stupa, 2. Jahrhundert v. Chr., illustriert die Jataka-Erzählung über einen Schakal, der als schlauer Schiedsrichter auftritt und zwei Ottern ihren gefangenen Fisch abnimmt. Jackal – The Arbitrator. In: Chandra B. Varma: The Illustrated Jataka & Other Stories of the Buddha. Goshala Mankhaliputta (auch Makkhali Gosala) lebte im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. und war ein Zeitgenosse der beiden Religionsgründer Buddha und Mahavira, der selbst die religiöse Schule der Ajivikas gegründet haben soll. Im Bhagavati Sutra, einer kanonischen Schrift des Jainismus, die in den ersten Jahrhunderten n. Chr. zusammengestellt wurde, heißt es, Goshalas Vater sei ein mankha (Sanskrit, als „Bilderzähler“ übersetzt) gewesen, der bettelnd mit einem Bild umherzog, das er zeigte und dazu eine Geschichte erzählte. Eines Tages kamen Goshala Mankhaliputta und seine Frau während der Regenzeit in den Ort Saravana, der vermutlich in der Nähe der altindischen Stadt Shravasti in der Gangesebene lag, wo sie in einem Kuhstall Unterschlupf fanden. Dort brachte die Frau das Kind Goshala zur Welt (aus go, „Kuh“ und shala, „Unterschlupf“). Goshala zog in frühen Jahren wie sein Vater als Bilderzähler umher. In der Jain-Prakrit-Literatur kommt das Wort mankha häufig vor, so etwa im Aupapatika Sutra (etwa 3. bis 5. Jahrhundert). Darin wird ein Schrein für den Yaksha Purnabhadra erwähnt, an dem sich viele Schauspieler, Geschichtenerzähler, Seiltänzer, Bilderzähler (mankha) und Barden (magaha) treffen.Manohar Laxman Varadpande: History of Indian Theatre. Loka Ranga. Panorama of Indian Folk Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1992, S. 115 Die Unterscheidung zwischen mankha und magaha zeigt, dass Bilderzähler neben den Geschichtenerzählern eine eigene Gruppe von Darstellern waren.

In Patanjalis Werk Mahabhashya (um 250–120 v. Chr.) werden shaubhika als professionelle Darsteller einer Theateraufführung genannt. Heinrich Lüders (1916) vertrat bei der Frage nach der Herkunft des Schattentheaters die viel zitierte These, dass das Wort shaubhika Darsteller meinte, die Schattenfiguren zeigten und dem Publikum erklärten.Shadow-Play. In: Mohan Lal (Hrsg.): Encyclopaedia of Indian Literature: Sasay to Zorgot. South Asia Books, Columbia (Missouri) 1993, S. 3936 Auch wenn der Theaterhistoriker M. L. Varadpande diese Einschätzung übernimmt,Manohar Laxman Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 74 bleibt umstritten, ob die hier genannten shaubhika Vorführer von Schattenspielen, Puppenspieler oder Bilderzähler waren. An einer Stelle schreibt Patanjali im Präsens, auf Bildern sei zu sehen, wie der dämonische König Kamsa bezwungen wird. Dies ist eine zentrale Episode aus der Legende Krishnas. Sie spricht dafür, dass es zu seiner Zeit Erzähler gab, die Bilder zeigten. Buddhistische Legenden sind erst seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. erhalten. In den Jahrhunderten zuvor könnten die Legenden in Gestalt gemalter Bilderzählungen überliefert worden sein. Mit den Steinreliefs an bedeutenden Stupas wie Sanchi und Bharhut, die ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurden, blieben vermutlich ähnliche Szenen wie auf den zeitgenössischen Bildern erhalten. Die Reliefs der Toranas von Sanchi sind quasi steinerne Bildrollen, auf denen Legenden aus dem Leben Buddhas (jataka) dargestellt sind.

Schauspieler, Tänzer, einfache Geschichtenerzähler und Bilderzähler wurden in der ersten Jahrhunderten n. Chr. in Jain-Texten begrifflich unterschieden. Der Dramatiker Banabhatta (Bana) erwähnt im 7. Jahrhundert eine Gruppe von Bilderzählern, die eine als yama pata (yamapataka) bekannte Stoffbildrolle an Stangen aufhängten und die darauf abgebildete, jenseitige Welt beschrieben, in der Belohnungen und Bestrafungen durch Yama, den Gott der Unterwelt, auf die Menschen warten. In der buddhistischen Textsammlung Samyutta Nikaya werden an einer Stelle Bilderzähler erwähnt. Buddha fragt seine Mönche, ob sie carana-citra gesehen haben und vergleicht auf deren bejahender Antwort die gemalten Bilder mit der Fähigkeit des menschlichen Geistes, eine Welt der Illusion hervorzubringen. Der im 5. Jahrhundert lebende buddhistische Gelehrte Buddhaghosa kommentiert, dass sich Buddha auf die Bilder (citra) eines umherziehenden (carana) Darstellers bezog.Vidya Dehejia: On Modes of Visual Narration in Early Buddhist Art. In: The Art Bulletin, Bd. 72, Nr. 3, September 1990, S. 374–392, hier S. 377 Der Ausdruck carana-citra (andere Umschrift charanam nama chittan) in buddhistischen Texten ist folglich mit „wanderndes Bild“ zu übersetzen und ist gleichbedeutend mit der besser bekannten Bezeichnung yama pata. Im Kuvalayamala, einem im 8. Jahrhundert von Uddyotana Suri zusammengestellten kulturgeschichtlichen Jain-Text,H. J. Manglani: Kuvalayamala – A source of Social and Cultural History of Rajasthan. In: International Journal of Recent Research and Review, Bd. 1, März 2012, S. 33–36 wird von einem wandernden Lehrer (upadhyaya) berichtet, der einem Jain-Mönch eine Bildfolge des Lebenskreislaufs (samsara, auch samsarachakra) zeigte. Darauf war die gesamte Lebenswelt abgebildet, mit Vergnügungen, Bestrafungen in der Hölle und der himmlischen Sphäre. Auf dieselbe Weise ging der in der klassischen Sanskrit-Literatur beschriebene Bildererzähler (yama pattika, wörtlich „Übermittler von Yama-Bildern“) zu den Häusern seiner Patrons, wo er yama-Bilder vorführte und religiöse Lieder sang.Jyotindra Jain, 2010, S. 15

Die Existenz von Bilderzählungen in altindischer Zeit geht nicht nur aus buddhistischen, jainistischen und brahmanischen Texten, sondern auch aus dem klassischen Sanskrit-Schauspiel hervor. Im Stück Dutavakya des Dramatikers Bhasa, der vor dem 6. Jahrhundert gelebt haben muss, hält Duryodhana, der älteste der fünf Kauravas, eine Bildrolle in der Hand, auf der das Entkleiden der schönen Prinzessin Draupadi zu sehen ist. Im Schauspiel Uttararamacharita des Bhavabhuti (8. Jahrhundert) zeigt Lakshmana seinem Bruder Rama und dessen Gemahlin Sita eine Bildergalerie und erklärt ihnen darauf abgebildete Episoden aus ihrem eigenen Leben. Die Vielzahl an literarischen Erwähnungen macht deutlich, dass die Tradition der Bildervorführer und Sänger mit belehrenden Erzählungen in altindischer Zeit beliebt und weit verbreitet war.

Verbreitung mini|hochkant|Ausschnitt aus der Bildrolle Pabuji ki phad der Bhopas in Rajasthan, enthält Geschichten über den als heilig verehrten Rajputenprinzen Pabuji des 14. Jahrhunderts. Nationalmuseum Neu-Delhi. Nach Ansicht von Victor H. Mair (1988) beeinflussten die altindischen Bilderzähler vergleichbare Traditionen in China.Victor H. Mair: Painting and Performance. Chinese Picture Recitation and Its Indian Genesis. University of Hawaii Press, Honolulu 1988 In der Tang-Dynastie (618–907) gab es in China die erzählenden Gesänge Bianwen und in Höhlentempeln die Wandbilder Bianxiang, die von Mair und anderen Forschern in Verbindung gebracht werden, weil sie Episoden aus denselben buddhistischen Legenden abbilden, die den Gesängen zugrunde lagen, und damit vermutlich eine Form bildhafter Erzählung waren.Wu Hung: What is Bianxiang? On The Relationship Between Dunhuang Art and Dunhuang Literature. In: Harvard Journal of Asiatic Studies, Bd. 52, Nr. 1, Juni 1992, S. 111–192, hier S. 115 In Japan entstand im 10. Jahrhundert das Emakimono, eine Bilderzählung, die szenenweise aufgerollt wird.

In der von König Somesvara der zentralindischen Chalukya-Dynastie im 12. Jahrhundert verfassten Enzyklopädie Manasollasa werden die Bilderzähler chitra kathak genannt, zusammengesetzt aus Sanskrit citra, chitra, unter anderem „Bild“, und katha, kathi, „Geschichte“. Neben den Patua in Ostindien hat sich auch in einigen westindischen Regionen die Tradition der Bildervorführer erhalten. Hierzu gehört die Paithan-Malerei des 19. Jahrhunderts aus der gleichnamigen Stadt im Distrikt Aurangabad im Bundesstaat Maharashtra.Suchwort Paithan Style British Museum (Abbildungen Paithan-Malerei, 19. und 20. Jahrhundert) Die Bilderzähler (chitrakathi) aus Paithan bemalten keine Bildrollen, sondern verwendeten auf Papier gemalte Bilder, die zu einer Serie (poti) gebündelt wurden. Ähnliche Bildstapel verwenden bis heute die citrakathi in einigen Dörfern um die Stadt Sawantwadi im Süden von Maharashtra, die mit Bildern auftreten, die beidseitig auf ein 30 × 40 Zentimeter großes, braunes Papier gemalt sind. Der Vorführer spricht die Dialoge im Wechsel mit einem neben ihm sitzenden Akteur, begleitet von einem Musikensemble, welches eine Sanduhrtrommel (huduk, verwandt mit der hurka), eine dreisaitige Langhalslaute (tambura, entspricht einer ektara) oder ein Harmonium und Zimbeln (jhanjh) spielt. Fünf bis sechs Personen werden für eine Bildervorführung benötigt. Diese wenig bekannten Gruppen führen daneben ein Marionettenspiel und das Schattenspiel Chamadyache bahulya auf.Valentina Stache-Rosen: Story-Telling in Pingulī Paintings. In: Artibus Asiae, Bd. 45, Nr. 4, 1984, S. 253–286, hier S. 254f