Frauen in der Physik behandelt bedeutende Physikerinnen sowie die Situation von Frauen innerhalb der Physik in Vergangenheit und Gegenwart.
Geschichte mini|410px|Frauenanteil der Studierenden in Deutschland von 1911 bis 2023 mit den Daten von de.statista.com. Die Physik in ihrer heutigen experimentellen Form bildete sich ab dem 17. Jahrhundert vor allem durch Galileo Galilei und Isaac Newton heraus. Zu dieser Zeit wurden Frauen in den meisten Ländern ihre Menschenrechte in großem Umfang vorenthalten. Sie hatten kein Wahlrecht, keinen Zugang zu öffentlichen Ämtern, keine Berufsfreiheit und keine Eigentumsrechte. Auch ihr Recht auf Bildung wurde Frauen weitgehend vorenthalten. In Deutschland durften Jungen ab dem 18. Jahrhundert Gymnasien besuchen, wodurch sie die Hochschulreife erlangen konnten. Mädchen durften nur Höhere Töchterschulen besuchen, die die Erziehung „gefälliger Gattinnen“ und „geschickter und züchtiger Hausfrauen“ zum Ziel hatten. Die Hochschulreife war dagegen kein Bestandteil dieser Ausbildung. Im 19. und 20. Jahrhundert errangen Frauen in Deutschland und in vielen anderen Ländern im Zuge der Ersten Welle der Frauenbewegung das Wahlrecht, das Recht auf Erwerbstätigkeit, das Recht auf Bildung und das Recht, zu studieren. Seitdem ist der Frauenanteil bei den Studierenden in Deutschland nahezu stetig gestiegen und erreichte im Jahr 2020 erstmals die 50 %. Im Fach Physik stieg der Frauenanteil in Deutschland bisher auf ungefähr 30 %. Nach dem Metzler Lexikon Physik könne man aus einer größeren Frauenbeteiligung an der Physik in anderen Ländern im Vergleich zu Deutschland schließen, dass ein geringer Frauenanteil keine prinzipielle Ursache habe, sondern von den gesellschaftlichen Bedingungen herrühre.
Auswahl bedeutender Physikerinnen 18. Jahrhundert ohne|136px|ohne|115px|ohne|131px|Physikerinnen des 18. Jahrhunderts Émilie du Châtelet – Laura Bassi – Mary SomervilleLaura Bassi war Europas erste Physikprofessorin Émilie du Châtelet
Émilie du Châtelet (1706 geboren) übersetzte Newtons Principia vom Lateinischen ins Französische sowie in die Notation der Infinitesimalrechnung und erläuterte den Text in zahlreichen Kommentaren, wodurch die Schrift erst für viele Menschen verständlich wurde. Sie führte außerdem das fundamentale Konzept der kinetischen Energie ein und vertrat konträr zu Newton korrekterweise die Ansicht, dass diese proportional zur Geschwindigkeit im Quadrat ist. Sie kritisierte die Stellung der Frauen in der Gesellschaft und schrieb in einem Kommentar in einer Übersetzung: „Wenn ich König wäre, ich würde einen Missbrauch abschaffen, der die Hälfte der Menschheit zurücksetzt. Ich würde Frauen an allen Menschenrechten teilhaben lassen, insbesondere den geistigen.“ 1746 wurde sie in die Akademie der Wissenschaften zu Bologna gewählt. In die Pariser Akademie wurden Frauen grundsätzlich nicht aufgenommen.
Laura Bassi Laura Bassi (1711 geboren) wird wegen ihrer frühen großen Begabung heute oft als Wunderkind bezeichnet.Katja Betz: Laura Maria Catarina Bassi – Bewunderte Doktorin und verspottete Ehefrau. In: Kleine Genies. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, ISBN 978-3-534-19671-5, S. 88–97. Mit 21 Jahren legte sie eine öffentliche Doktorprüfung ab, woraufhin die Bologneser Akademie sie als Ehrenmitglied aufnahm. (Die Akademie verfügte allerdings, keine weiteren Frauen mehr aufnehmen zu werden.) Laura Bassi wurde daraufhin als erste Frau in Europa Professorin für Philosophie, worunter auch theoretische Teile der Physik fielen. Sie forschte und veröffentlichte unter anderem zum Boyle-Mariotte-Gesetz, zur Elektrizität und zur Hydromechanik und errichtete ein Observatorium. 1776 wurde sie Physikprofessorin.
Mary Somerville
Mary Somerville (1780 geboren) wurde als einzige formale Schulbildung ein Jahr im Internat ermöglicht. Sie brachte sich selbst heimlich Algebra und Euklidische Geometrie bei und beschäftigte sich mit Newtons Principia und Laplaces Mécanique céleste. Mit ihrem Wissen in Mathematik und Astronomie gewann sie die Anerkennung führender Forschender in Europa. 1831 publizierte Somerville als Auftragsarbeit eine Übersetzung von Mécanique céleste unter dem Titel The Mechanism of the Heavens in allgemeinverständlicher Sprache und Form, was ihr sofortige Berühmtheit einbrachte.
19. Jahrhundert
Marie Curie Marie Curie (1867 geboren) erhielt 1903 einen Physik-Nobelpreis, „als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, den sie [Marie und Pierre Curie] sich durch ihre gemeinsamen Arbeiten über die von H. Becquerel entdeckten Strahlungsphänomene erworben haben.“ Da man Curie im Jahr 1890 in Warschau als Frau nicht erlaubte, zu studieren, studierte sie Physik und Mathematik in Frankreich. Zusammen mit ihrem Ehemann Pierre Curie entdeckte sie die Elemente Polonium und Radium. Sie engagierte sich für bessere Arbeitsbedingungen für Forschende und setzte sich für die Förderung weiblicher und ausländischer Studierender ein. Die Nobelpreisträgerin wurde als Frau für ihre Arbeit zunächst nicht bezahlt und noch 1911 wurde ihr die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert.
Henrietta Swan Leavitt ohne|130px|ohne|130px|ohne|121px|Physikerinnen des 19. JahrhundertsHenrietta Swan Leavitt – Lise Meitner – Emmy Noether Lise Meitner war Deutschlands erste Physikprofessorin Henrietta Swan Leavitt (1868 geboren) beobachtete und katalogisierte vier Novae und tausende von Veränderlichen Sternen. Sie entdeckte die Perioden-Leuchtkraft-Beziehung bei Cepheiden, die es ermöglichte, die bestimmbare Entfernung von Sternen von 100 Lichtjahren auf 10 Millionen Lichtjahre zu erhöhen und entwickelte eine neue photographische Messtechnik, die internationale Anerkennung fand und unter dem Namen Harvard-Standard bekannt ist. Leawitt arbeitete am Harvard College Observatory mithilfe von Fotografien, weil sie als Frau das Teleskop nicht bedienen durfte und wurde die ersten sieben Jahre ihrer Arbeit nicht bezahlt.
Lise Meitner Lise Meitner (1878 geboren) durfte als Mädchen in Österreich nur die Bürgerschule und nicht das Gymnasium besuchen und lernte im Selbststudium für die Matura, um im Hauptfach Physik zu promovieren. In ihrer folgenden Forschungsarbeit musste sie als Frau zunächst das Forschungsgebäude durch den Hintereingang betreten und wurde 6 Jahre lang für ihre Arbeit nicht bezahlt. Unter anderem in dieser Zeit entdeckten Lise Meitner und ihr Kollege Otto Hahn diverse Nuklide und das Element Protactinium. 1922 entdeckte Meitner ein Jahr vor Pierre Auger einen Elektronenübergang, der etwa die ersten 100 Jahre „Auger-Effekt“ und heute „Auger-Meitner-Effekt“ genannt wird. 1926 wurde sie die erste Physikprofessorin Deutschlands an der Berliner Universität.
Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung floh Meitner 1938 nach Schweden, wo Hahn sie um eine Erklärung für seine experimentelle Entdeckung bat, die sie 1939 zusammen mit ihrem Neffen Otto Frisch veröffentlichte: Ein Uran-atomkern spaltet sich in zwei neue Atomkerne, die aber zusammen eine geringere Masse haben als der ursprüngliche Kern. Die restliche Masse wird als Energie frei, die Kernspaltung. 1945 erhielt Otto Hahn den Chemie-Nobelpreis für die experimentelle Entdeckung der Kernspaltung, obwohl Meitner Hahn hatte überreden müssen, überhaupt mit Uran zu experimentieren.Die Entdeckung der Kernspaltung welt.de, 17. Dezember 2013. Heute wird weitgehend eingeschätzt, dass Lise Meitner den Nobelpreis mindestens so sehr verdient gehabt hätte wie Hahn. (Z.B. von Ernst Peter Fischer, Physiker und Wissenschaftshistoriker: „Sie hat das Wissen gehabt, Hahn hat nur die Versuche durchgeführt.“Norbert Lossau: Kernspaltung vor 70 Jahren in Berlin entdeckt Berliner Morgenpost, 19. Dezember 2008.) Meitner blieb mit Hahn lebenslang freundschaftlich verbunden. Ihr persönliches, vorsichtiges Engagement galt dem Einsatz für den Frieden, der bedachten Nutzung der Kernenergie und der Gleichberechtigung der Frauen in den Wissenschaften.
Emmy Noether Emmy Noether (1882 geboren) durfte als Mädchen in Bayern nicht das Gymnasium besuchenKnut Radbruch: Emmy Noether: Mathematikerin mit hellem Blick in dunkler Zeit. In: Erlanger Universitätsreden. Nr. 71/2008, 3. Folge, S. 6. und besuchte daher eine Höhere Töchterschule, in der weder Latein, noch Naturwissenschaften, noch höhere Mathematik unterrichtet und auch nicht auf das Abitur vorbereitet wurde. Dennoch erwarb sie unter großer Eigenanstrengung 1903 das Abitur und beendete 1907 ihr Mathematikstudium mit einer Promotion der Note summa cum laude in der Invariantentheorie.David E. Rowe, Mechthild Koreuber: Proving It Her Way. Emmy Noether, a Life in Mathematics. Springer, Cham 2020, ISBN 978-3-030-62810-9, S. 15. Ungeachtet dessen durfte sie als Frau nicht offiziell Postdoktorandin werden und arbeitete deshalb zunächst ohne Bezahlung und inoffiziell. 1915 luden Felix Klein und David Hilbert Emmy Noether als Kollegin nach Göttingen ein und unterstützten sie, einen Antrag auf Habilitation zu stellen. Dieser wurde jedoch aufgrund ihres Geschlechts abgelehnt. 1918 veröffentlichte Noether ihren Artikel Invariante Variationsprobleme, in dem sie einen der fundamentalsten Zusammenhänge der theoretischen Physik herleitete, den zwischen Symmetrien und Erhaltungsgrößen (Noether-Theorem). Damit gelang ihr auch, der Relativitätstheorie die Energieerhaltung hinzuzufügen, was Albert Einstein oder David Hilbert nicht gelungen war. Die Folgen ihres Theorems gehen aber noch darüber hinaus. Sie zeigte damit, dass in einem Universum, das über größte Zeitskalen nicht zeitinvariant ist, Energieerhaltung gar nicht mehr gilt. Im selben Jahr konnten sich Frauen wie Noether in der Weimarer Republik erstmals habilitieren, sodass sie 1923 ihren ersten (sehr gering) bezahlten Lehrauftrag bekam. Eine ordentliche Professur erhielt sie nie, im Gegensatz zu ihrem mathematisch weniger bedeutenden jüngeren Bruder Fritz Noether. Emmy Noether lebte sehr sparsam von einer Erbschaft. 1920 begann sie ihre Arbeiten in Abstrakter Algebra, mit der sie die Moderne Algebra begründete.Israel Kleiner: A History of Abstract Algebra. Birkhäuser, Boston 2007, S. 91–92. Noether revolutionierte die Theorie der Ringe, Körper und Algebren.
Marietta Blau
Marietta Blau (1894 geboren) arbeitete nach ihrer Promotion als unbezahlte wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Forschungsaufenthalte im Ausland wurden ihr durch ein Stipendium des Verbandes der Akademikerinnen Österreichs ermöglicht. Sie und ihre Mitarbeiterin Hertha Wambacher identifizierten mithilfe der photographischen Methode die Bahnspuren von Alphateilchen und Protonen und bestimmten deren Energie. 1937 gelang ihnen die Aufnahme von Spuren kosmischer Strahlung. 1938 emigrierte Blau aufgrund ihrer jüdischen Abstammung aus Österreich, wo ihre Kollegen ihre zurückgelassenen Arbeiten weiterführten und zum Teil publizierten, ohne ihren Namen zu erwähnen.Ruth Lewin Sime: Marietta Blau in the history of cosmic rays. Physics Today Okt. 2012, doi:10.1063/PT.3.1728 Erwin Schrödinger schlug Blau zusammen mit Wambacher für den Physik-Nobelpreis vor. Diesen erhielt jedoch Cecil Powell, dessen Arbeit wesentlich durch die von Blau und Wambacher inspiriert worden waren, was er in seiner Nobelpreisansprache nicht erwähnte.
Irène Joliot-Curie