Saghatherium ist eine ausgestorbene Gattung der Schliefer, die im ausgehenden Oberen Eozän und im Unteren Oligozän vor 34 bis 30 Millionen Jahren im nördlichen Afrika und auf der Arabischen Halbinsel gelebt hatte. Die forschungsgeschichtlich ältesten Funde sind aus der bedeutenden Fossillagerstätte des Fayyum in Ägypten bekannt geworden, wo die Gattung relativ häufig vertreten ist. Herausragende Reste in Form von vollständigen Skeletten stammen aus Libyen. Die Tiere ähnelten den heutigen Schliefern, waren im Durchschnitt aber etwas größer. Bemerkenswert ist, dass an den Vorder- und Hinterfüßen Krallen anstatt Hufe ausgebildet waren. Der gesamte Bewegungsapparat lässt eine Anpassung an eine schnellläufige Fortbewegung im Zehengang annehmen, was deutlich von den heutigen Schliefern abweicht. Durch die Entdeckung vollständiger Skelette paläogener Vertreter der Schliefer konnten einige Merkmale im Körperskelett, die zuvor als relativ modern betrachtet wurden, auf einen eher ursprünglichen Bauplan zurückgeführt werden. Die Gattung erhielt im Jahr 1902 ihre Erstbeschreibung anhand von Fossilien aus dem Fayyum.

Merkmale Habitus Saghatherium war eine kleine Form der Schliefer, etwa vergleichbar zu einem heutigen Vertreter. Anhand eines nicht ganz vollständigen Skeletts eines ausgewachsenen Tieres aus Jebel al Hasawnah in Libyen wird eine Kopf-Rumpf-Länge von 45 bis 50 cm rekonstruiert, für ein Jungtier liegt der entsprechende Wert bei rund 46 cm. Das Körpergewicht betrug schätzungsweise 6,5 bis 12 kg, was etwas über dem Durchschnitt der heutigen Schliefer liegt. Im gesamten Körperbau entspricht Saghatherium weitgehend den rezenten Schliefern.

Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel besaß Längen von 9,6 bis 11,5 cm. Allgemein war der Schädel langgestreckt und schmal. Er verfügte über ein herausgezogenes Rostrum, dementsprechend war das Nasenbein relativ lang, teilweise ragte es über die vorderen Zähne hinaus. Zwischen dem Oberkiefer und dem Stirnbein bestand ein breiter Kontakt, was als ursprüngliches Merkmal bei den Schliefern anzusehen ist und möglicherweise aus der weit nach hinten versetzten Position der Orbita resultierte. Diese befand sich bei Saghatherium oberhalb des zweiten Molaren, bei den heutigen Schliefern liegt das Augenfenster oberhalb der Prämolaren. Die Orbita hatte einen Durchmesser von rund 20 mm, der an ihrem hinteren Rand gelegene Processus postorbitalis wurde abweichend von den rezenten Schliefern nur aus dem Stirnbein gebildet. Im Vergleich zu letzteren war auch das Foramen infraorbitale bei Saghatherium relativ groß. Der Jochbogen besaß einen kräftigen Bau und wurde zu einem größeren Teil vom Jochbein geformt. Die Ohröffnung zeigte nach unten, ein knöcherner äußerer Gehörgang bestand nicht. Das darüber gelegene Schuppenteil des Schläfenbeins war deutlich aufgeschwollen. Auf dem hinteren Teil des Schädeldaches erhob sich ein Scheitelkamm.

mini|Unterkieferfragment von Saghatherium Der Unterkiefer war relativ robust und 7,7 bis 9,7 cm lang. Der horizontale Knochenkörper besaß im Bereich des ersten Molaren eine Höhe von 1,6 bis 1,8 cm. Die Symphyse war geschlossen und relativ kurz, sie reichte etwa bis zum Eckzahn. Der aufsteigende Ast neigte leicht nach hinten, der Kronenfortsatz war relativ klein und lag etwas über dem Gelenkfortsatz, deutlich höher als bei den heutigen Klippschliefern. Der Winkelfortsatz hatte eine abgerundete Form. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen paläogenen Schliefern fehlte bei Saghatherium weitgehend eine luftgefüllte Kammer im Unterkiefer, deren Öffnung meist auf der Zungenseite des horizontalen Knochenkörpers lag. Das Gebiss wies die ursprüngliche Zahnanzahl der Höheren Säugetiere auf und bestand somit aus 44 Zähnen, die Zahnformel lautete: . Im oberen Gebiss waren die Schneidezähne und der Eckzahn jeweils durch kurze Diastemata voneinander getrennt. Der innere Schneidezahn der oberen Zahnreihe erinnerte an einen Hauer, bei großen Individuen erreichte er eine Länge von 12,7 mm. Im Unterkiefer war der zweite Schneidezahn vergrößert, bei einigen Formen zusätzlich der erste. Der kleine Eckzahn entsprach in seinem Aussehen den nachfolgenden, vorderen Prämolaren und war somit praemolariform. Die Prämolaren nahmen von vorn nach hinten an Komplexität zu, die hinteren glichen weitgehend den Molaren. Die Mahlzähne besaßen niedrige (brachyodonte) Zahnkronen und verfügten über ein bunoselenodontes Kauflächenmuster, das heißt, es bestanden kleine, flache Buckel, zwischen denen mondsichelförmige Leisten entlang der Wangenseite des Zahnes ausgebildet waren. Zungenseitig traten teilweise kleine Falten auf, das Merkmal ist aber nicht ganz so deutlich ausgeprägt wie beim verwandten Selenohyrax. Die Länge der oberen und unteren Zahnreihe vom ersten Schneidezahn bis zum letzten Mahlzahn betrug jeweils 6,9 cm, davon nahmen die Molaren jeweils rund ein Drittel ein. Der größte Zahn im hinteren Gebiss war mit 1,4 (oben) beziehungsweise 1,6 cm (unten) Länge der letzte Molar.

Skelettmerkmale Der postcraniale Skelettbau von Saghatherium ist nahezu vollständig bekannt. Die Wirbelsäule zeichnete sich durch die für Afrotheria typische höhere Anzahl an Brust- und Lendenwirbeln aus. Allerdings war diese geringer als bei den heutigen Schliefern, da Saghatherium nur 17 Brust- und 8 Lendenwirbel besaß, die rezenten Arten haben 19 bis 22 beziehungsweise 7 bis 9. Die Anzahl der Schwanzwirbel ist unbekannt, heutige Schliefer sind mit 5 bis 7 Schwanzwirbel kurzschwänzig. Den Bewegungsapparat charakterisierten im Verhältnis zu heutigen Schliefern längere Gliedmaßen. Der Oberarmknochen wurde bis zu 9,2 cm lang, auffallend waren die gegenüber dem Gelenkkopf höhere Lage des Großen Rollhügels, eine in ihrer Ausprägung reduzierte deltopectorale Leiste als Muskelansatzstelle am Schaft, die sich aber weiter nach unten (distal) ausgedehnte, und ein vergleichsweise schmal entwickeltes Ellenbogengelenk. Allerdings zeigte sich hier die äußere (laterale) Gelenkrolle als relativ kräftig entwickelt. Elle und Speiche waren wie bei den heutigen Schliefern nicht verwachsen, bei letzteren liegen sie aber sehr eng beieinander. Diese verfügen auch im Vergleich zu Saghatherium über eine deutlich längeres Olecranon, dem oberen Gelenkfortsatz der Elle. Die gesamte Elle erreichte beim fossilen Schliefer eine Länge von 9 cm, der Anteil des funktionalen Abschnitts betrug um die 80 %, bei den heutigen Arten beträgt er durchschnittlich 75 %. Der Oberschenkelknochen ist bei Saghatherium bisher nur fragmentarisch überliefert. Schien- und Wadenbein liegen dagegen vollständig vor. Sie waren nicht miteinander verwachsen, ersteres wurde bei einem Jungtier 8,3 cm lang. Beide Knochen wiesen kaum Unterschiede zu denen der heutigen Schliefer auf. Ebenso ähnelte das Fußgelenk dem der rezenten Arten, die Furchen auf der Unterseite des Schienbeins hin zur Gelenkung mit dem Sprungbein waren flach. Es hatten sich aber auch einzelne Unterschiede herausgebildet, wie etwa die Lage des Innenknöchels am unteren Ende des Schienbeins, der bei Saghatherium nach unten zeigte, bei den heutigen Schliefern aber nach vorn gerichtet ist. Die Hand wies bei Saghatherium fünf Strahlen auf, der innere Finger (Daumen) war abweichend von den heutigen Formen noch nicht reduziert. Dem gegenüber hatte der Fuß drei Zehen, der innere und äußere Strahl waren zurückgebildet, was mit den gegenwärtigen Arten übereinstimmt. Ein auffälliges Kennzeichen der Schliefer ist die serielle (taxeopode) Anordnung der Hand- und Fußwurzelknochen, das heißt, die einzelnen Knöchelchen lagen in Reihen und gelenkten nur minimal mit benachbarten Wurzelknochen. Die körperfernen (distalen) Wurzelknochen waren dadurch nur mit einem oder zwei der anschließenden Metapodien verbunden. Der gleiche Aufbau bestand auch bei Saghatherium. Ebenfalls in Übereinstimmung mit den rezenten Schliefern verlief die Hauptachse von Hand und Fuß jeweils durch den mittleren Strahl (III), so dass beide einen mesaxonischen Aufbau hatten, ein Merkmal, das die Schliefer mit den Unpaarhufern teilen. Die Mittelhand- und Mittelfußknochen waren säulenartig lang gestreckt, am kräftigen Mittelstrahl wiesen sie Längen von 3,3 beziehungsweise 3,8 cm auf. Die seitlich angeordneten Metapodien wurden dementsprechend kürzer. Auch die einzelnen Hand- und Fingerglieder hatten eine langgestreckte Form. Auffallend war die jeweils letzte Phalanx, die bei Saghatherium einerseits deutlich größer in Bezug auf die vorletzte wurde, andererseits abweichend von den heutigen Schliefern am Ende eine tiefe, V-förmige Kerbe besaß. Die Kerbe deutet darauf hin, dass an den Händen und Füßen jeweils Krallen ausgebildet waren. Im Gegensatz dazu sind die Terminalphalangen bei den rezenten Arten deutlich kürzer sowie breiter und zu Hufen umgebildet, eine Ausnahme stellt nur die zweite Hinterfußzehe dar, die mit einer Kralle ausgestattet ist.

Fossilfunde Saghatherium ist aus paläogenen Ablagerungen des nördlichen Afrikas und der Arabischen Halbinsel bekannt. Das umfangreichste Fossilmaterial wurde bisher im Fayyum im nördlichen Ägypten entdeckt, einer der bedeutendsten Fossillagerstätten Afrikas. In dem etwa 12.000 km² großen Gebiet westlich des Niltals rund 80 km südlich von Kairo sind mehrere fossilführende Gesteinseinheiten aufgeschlossen, die von unten nach oben die Birket-Qarun-Formation, die Qasr-el-Sagha-Formation und die Gebel-Qatrani-Formation umfassen. Die drei Formationen bilden eine mehrere hundert Meter mächtigen Abfolge von alluvial gebildeten Sand- und Ton-/Schluffsteinen, die hauptsächlich im unteren Bereich noch einen gewissen marinen Einfluss zeigen. Überlagert wird die Serie vom Widan-el-Faras-Basalt. Mithilfe radiometrischer Datierungsverfahren konnte der Basaltstrom auf ein Alter von 23,6 bis 31,0 Millionen Jahre bestimmt werden, was dem Oligozän entspricht. Die untere Grenze bildet die Gehannam-Formation, welche rein marinen Ursprungs ist und biostratigraphisch dem Mittleren Eozän vor rund 38 bis 39,5 Millionen Jahren angehört. Demnach entstand die gesamte Sedimentfolge des Fayyum im Übergang vom Oberen Eozän zum Unteren Oligozän. Die mehr als 100 bekannten Aufschlüsse und Fundstellen im Fayyum produzieren eine immens umfangreiche Fossilgemeinschaft bestehend aus terrestrischen und marinen Lebewesen, zu denen neben Pflanzen auch Reste von Fischen, Reptilien, Vögeln und Säugetieren gehören und die ein tropisches bis subtropisches Biotop am Rand des ehemaligen Tethys-Ozeans rekonstruieren lassen. Die ältesten Funde von Saghatherium kamen in einem Aufschluss nahe der Basis der Gebel-Qatrani-Formation zu Tage (Lokalität L-41) und datieren bei einem magnetostratigraphisch gewonnenen Alter von circa 34 Millionen Jahren in den Ausgang des Oberen Eozäns. In dem darauffolgenden Abschnitten des unteren Teils der Formation ist die Schliefergattung relativ häufig vertreten. Sie gehört hier zu den forschungsgeschichtlich ersten, bekannt gewordenen Funden von Schliefern, die in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geborgen wurden. Im oberen Teil der Gebel-Qatrani-Formation konnte sie erst in den 1990er Jahren nachgewiesen werden. Hier stammen Funde von der Lokalität V, welche etwas jünger als 32 Millionen Jahre datiert. Das Gesamtfundmaterial von Saghatherium im Fayyum setzt sich aus zahlreichen Schädel- und Unterkieferfragmenten sowie Einzelzähnen zusammen und gehört drei verschiedenen Arten an.