mini|hochkant=1.2|Die Basilika St. Ulrich und Afra am Abend, davor, in der Bildmitte, die Evangelische St.-Ulrichs-Kirche mini|hochkant=1.2|St. Ulrich und Afra aus der Luft St. Ulrich und Afra ist eine römisch-katholische StadtpfarrkircheBistum Augsburg und seit 1937 Päpstliche Basilika in Augsburg. Sie zählt zu den letzten großen spätgotischen Kirchenbauten in Schwaben. Die Kirche erfüllte und erfüllt verschiedene Funktionen: Wallfahrtskirche für die Augsburger Bistumsheiligen Ulrich, Afra und Simpert, Abteikirche für ein Benediktinerkloster, Münster eines bedeutenden Reichsstiftes, Garnisonkirche für das 4. Bayerische Chevaulegers-Regiment, Glaubensdenkmal für das Augsburger Großbürgertum. Der zwiebelförmige Turmhelm wurde zum Vorbild für barocke Kirchen in Bayern. Es handelt sich um ein Denkmal von nationaler Bedeutung, in dem im 17. Jahrhundert zweimal die Wahl des römisch-deutschen Königs stattfand.
Geschichte Vorgeschichte Die heutige Kirche steht auf einem Gelände, das mehrere Vorgängerbauten aufweist. Diese entstanden aus Wallfahrten zur Verehrung der heiligen Afra. In der Spätantike diente das Areal außerhalb der Kernstadt, im Süden von Augsburg, als christliche Nekropole, auf der die heilige Afra angeblich nach ihrem Märtyrertod im Jahr 304 ihre letzte Ruhestätte fand. Dabei ist das um 320/330 angelegte Gräberfeld jünger als das bereits vorhandene Märtyrergrab. Der merowingische Afrakult dürfte sich im 4. Jahrhundert entwickelt haben, was ein starkes Indiz für die historische Existenz der Märtyrerin ist. Auf dem ausgedehnten Gelände begannen die Bestattungen in der konstantinischen Ära, wie Münzfunde belegen. Bisher sind etwa 700 überwiegend geostete Gräber aus der späten Römerzeit bis zum Frühmittelalter nachgewiesen. Seit Mitte des 6. Jahrhunderts ist am Grab der heiligen Afra eine christliche Kult- und Verehrungsstätte bezeugt, die Existenz einer Memorialkirche jedoch rein hypothetisch. 1961 wurden bei Bauarbeiten an der Krypta von St. Ulrich und Afra 24 spätrömische und merowingische Gräber entdeckt. Teilweise weisen die Grabbeigaben der verstorbenen Laien und Kleriker auf eine Verbindung in das südliche Frankreich oder Burgund. Vermutlich lagen die Gräber unter einer spätantiken Kirche, die archäologisch nicht nachgewiesen ist. Südlich der heutigen Basilika entwickelte sich ab dem 6. Jahrhundert eine klösterliche Siedlung der Gemeinschaft "cenobium beate Afre". Eine erste Afrakirche ist auf die Zeit des 7. Jahrhunderts datiert.
Die anfangs außerhalb der Stadt gelegenen Bauten wurden bei den Ungarn-Einfällen zerstört oder fielen Bränden zum Opfer. Die Augsburger Bischöfe Simpert († 807) und Ulrich († 973) erhielten später dort ebenfalls eine Grabstätte. Um 800 folgte ein karolingisches Gotteshaus, das 1064/71 einer frühromanischen Kirche Platz machte. Seit 1012 stand die heilige Stätte unter der Obhut des Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra. Die hochmittelalterliche Klosterkirche war eine zweischiffige Halle mit Ostapsiden, die etwa ein Drittel kürzer als die heutige Kirche war. Das Südschiff war etwas breiter als das Nordschiff und die Gesamtbreite entsprach dem Nachfolgebau.
Baubeginn und Reformationszeit mini|St. Ulrich und Afra, 1521Die baufällige Vorgängerkirche musste unter Abt Melchior von Stannheim 1466 abgetragen werden. 1467 begann der Neubau in spätgotischen Formen. Baumeister war der Straßburger Baumeister Valentin Kindlin, der wohl Entwürfe des gleichberechtigten Werkmeisters Hans von Hildesheim ausführte. Der Rohbau fiel jedoch teilweise 1474 einem Sturm zum Opfer.
Im Jahr 1474 wurde der Bau des bestehenden Gotteshauses von Valentin Kindlin als Backsteinbau begonnen und im Jahr 1500 durch den Stadtbaumeister Burkhart Engelberg abgeschlossen. Die Gewölbe des nördlichen Seitenschiffes waren 1489 vollendet, 1499 war auch das Langhaus eingewölbt. Der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. hat im Jahr 1500 den Grundstein für den Chorbau seines „Reichsgotteshauses“ gelegt. Engelberg arbeitete bis zu seinem Tod im Jahre 1512 am Gotteshaus. Sein Nachfolger war Hans König. In den darauffolgenden Jahren geriet der Ausbau zunehmend ins Stocken, und 1537 kamen die Bauarbeiten vollständig zum Erliegen.
Während des Bildersturms in Augsburg 1532 erlitt die Kirchenausstattung schwere Schäden. Nach den Glaubensauseinandersetzungen wurde die Bautätigkeit fortgeführt und die Ausstattung wieder erneuert. 1594 erhielt der nördliche Turm seine Kuppel, und wenig später konnten die Sakristei und die Muttergotteskapelle fertig gestellt werden. 1526 wurde die Vorhalle, die früher den Pilgern als Markthalle und den Augsburger Bürgern als Grablege diente, den Protestanten übertragen. Im Westfälischen Frieden wurde sie den Protestanten endgültig als Pfarrkirche zugesprochen.
Weihe und Säkularisation mini|St. Ulrich und Afra, 1627 Erst im Jahr 1603/04 zum 1300-jährigen Afra-Jubiläum kam es zur Vollendung des Chorbaus. Von 1604 bis 1607 wurden der Chor um drei Altäre ergänzt. 1607 vollzog Bischof Heinrich V. von Knöringen die Schlussweihe. Zum 600-jährigen Benediktiner-Jubiläum im Jahre 1612 wurde eine vollständige Ausstattung beschrieben. 1643/44 wurde St. Ulrich und Afra zur Abteikirche erhoben und 1698 die Allerheiligenkapelle an der Sakristei angebaut.
Am 31. Mai 1653 wurden in der Sakristei Ferdinand IV. und am 24. Januar 1690 Joseph I. zum römisch-deutschen König proklamiert. 1712 folgte anlässlich des Benediktiner-Jubiläums eine Restaurierung und Vermehrung der Kirchenausstattung. 1762 erfolgte die Einrichtung der Ulrichsgruft. 1714 wurde die Simpertkapelle neu gestaltet. Am 4. Mai 1782 feierte Papst Pius VI. in der Basilika eine Messe, besuchte die Ulrichsgruft und verehrte die Reliquien.
Kloster und Reichsstift wurden schließlich 1802 im Zuge der Säkularisation aufgehoben und der Besitz dem bayerischen Staat zugeschlagen. Mit dem Verzicht des Kurfürstentums Bayern auf das Areal ging die Landeshoheit auf die Reichsstadt Augsburg über. 1810 widmete man das Gotteshaus zur Stadtpfarrkirche um. Anlässlich des Ulrich-Jubiläums erfolgte 1873 dann eine Innenraumrenovierung.
Jüngere Geschichte Am 4. Juli 1937 erhielt die Kirche den Titel einer Päpstlichen Basilika. Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Luftangriffe 1944/45 besonders die Turmkuppel und die Fenster. Der zur Kaserne umfunktionierte Klostertrakt wurde völlig zerstört. Wiederaufbau- und Renovierungsmaßnahmen folgten von 1946 bis 1950. Die Unterkirche mit den Grufträumen der Heiligen Ulrich und Afra wurde 1962 gestaltet. Im Jahre 1985 konnte die Volksaltaranlage fertiggestellt werden und zwischen 1987 und 1989 erfolgte eine umfängliche Bausicherung und Renovierung mit Wiederherstellung der originalen Farbigkeit des Innenraumes. Am 4. Mai 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. das Gotteshaus. Eine weitere Instandsetzung folgt ab 2022, sie wird aus dem Entschädigungsfonds unterstützt.Bayern gibt halbe Million Euro für Augsburger Ulrichsbasilika. Domradio, 13. Oktober 2021. Zum Entschädigungsfonds siehe Art. 21 des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes und das Verwaltungsverfahren bei der Inanspruchnahme des Entschädigungsfonds nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler, abgerufen am 13. Januar 2023.
Architektur mini|St. Ulrich und Afra, Südseite mini|St. Ulrich und Afra vom Hotelturm Außenbau St. Ulrich und Afra ist eine steile dreischiffige Backsteinbasilika mit Querschiff und lang gestrecktem Ostchor. An den älteren Bauteilen wurde für die Portale, Strebepfeiler und Maßwerke Haustein verwendet.
Der Außenbau ist weiß verputzt und wegen der umliegenden Bebauung nur teilweise auf Sicht berechnet. Die schlichte Monumentalität der ehemaligen Klosterkirche wird durch den Verzicht auf ein offenes Strebesystem gesteigert. Die Giebel wurden als Schaufronten mit Kielbogen und Fialen reicher verziert. Im Norden ist dem Chor die Marienkapelle (unten Sakristei) in der Art eines Nebenchores vorgelagert.
Die Choransicht vom Fuß des Milchberges wird zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Architekturbildern Deutschlands gezählt. Hohe Spitzbogenfenster sitzen zwischen vierkantigen Strebepfeilern. Die Maßwerke sind in der Mitte unterteilt und lassen teilweise bereits Renaissanceformen erahnen. Im nördlichen Chorwinkel steigt der hohe Turm empor, dessen achteckige Obergeschosse von der bekannten Kupferkuppel abgeschlossen werden. Die Gliederung aus Okuli und Ovalfenstern wirkt in den Details bereits eher barock und steht in deutlichem Kontrast zur nüchternen Strenge der Basilika.
Auch die „kahle“ Erscheinung der mächtigen Westfassade weist auf die frühere Funktion als Klosterkirche hin. Das romanisch wirkende Westportal ist vermauert und wohl unvollendet. Das darüber liegende Rundbogenfenster wurde erst 1873 eingebrochen. Reicher gestaltet sind nur das Maßwerk des großen spätgotischen Mittelfensters und der Schmuckgiebel, die von kräftigen Strebepfeilern eingefasst werden.
Ein ungewöhnliches Motiv sind die dreikantigen, stabwerkbesetzten Strebepfeiler am Obergaden des Langhauses, zwischen denen die kurzen, breiten Maßwerkfenster sitzen. Das heutige Erscheinungsbild geht allerdings auf die Restaurierung um 1970 zurück, als die Hausteinteile der Kirche vollständig erneuert wurden.
Seit 1594 zeigt der 93 m hohe „Zwiebelturm“ der katholischen Basilika ins schwäbische Land. Nur dieser – auch Afraturm genannte – Bau auf der Nordseite des Langhauses wurde Realität. Ein auf der Südseite geplanter Turm wurde wegen Geldmangels nie ausgeführt.
Innenraum mini|Grundriss Das Innere wird vollständig von reichen Netz- und Sterngewölben überspannt. In den Seitenschiffen finden sich komplizierte Figurationen. Besonders malerisch wirkt das Südschiff mit der angefügten Kapellenreihe und dem vorspringenden Baldachin der Simpertkapelle.
Das Mittelschiff umfasst sieben rechteckige Joche mit Sternnetzgewölben. Wegen der hochgeführten Dächer über den Seitenschiffen setzen die Fenster des Obergadens erst weit oben an, sind aber nischenartig nach unten weitergeführt und mit Maßwerk verblendet. Die drei Gewölbejoche des Chores werden von fünf Seiten des Achtecks abgeschlossen und von zentralisierenden Sternnetzgewölben überdeckt.
Die Sterngewölbe der Vierung und der Querarme sind nachgotisch. Das Gewölbe der Vierung wird von einem rechtwinkeligen Rippenmuster durchdrungen. Die unter dem Fußboden liegende Unterkirche ist modern und beherbergt die Grabkapellen der Kirchenpatrone Ulrich und Afra. Die Ulrichskapelle entstand bereits 1762/65, wurde aber 1962 rechtwinklig versetzt. Das Langhaus ist 93,50 m lang, 27,50 m breit und 30 m hoch.
Ausstattung Die Kirche wurde von den Bilderstürmen im 16. Jahrhundert nicht verschont. Der Großteil der Einrichtung wurde danach neu in den hohen und lichten Raum eingebracht. Im Mittelschiff fällt der Blick unwillkürlich auf die von Hans Reichle modellierte und von Wolfgang Neidhardt gegossene Kreuzigungsgruppe. Die bronzene Szene mit Christus am Kreuz, Maria Magdalena, Maria und dem Apostel Johannes am Fuß des Kreuzes wurde 1605 aufgestellt. An den Wänden der etwa 15 m hohen Seitenschiffe befinden sich beeindruckende Kreuzwegstationen, von Januarius Zick 1788 angefertigte Ölgemälde. Die reich verzierten Beichtstühle sind ebenso wie ein prächtiges Eichenholzgitter unter der Orgelempore, dessen geschmiedete Eisenteile optisch Laubengänge vortäuschen, 1712 aus den Händen von Ehrgott Bernhard Bendel entstanden.
An der nördlichen Querhauswand befinden sich zwei um 1455 entstandene Gemälde eines namentlich nicht bekannten Meisters mit Szenen aus der Ulrichslegende, dazwischen ein spätgotisches Madonnenbild. Die Muttergottesstatue am nordwestlichen Vierungspfeiler wird auf das Jahr 1495 geschätzt und Gregor Erhart zugerechnet. In der Unterkirche hat der spätantike Steinsarkophag mit den Gebeinen der hl. Afra in der Grabkapelle Platz gefunden. Gegenüber liegt die Grabkapelle des hl. Ulrich, welche 1762 im Rokokostil gestaltet wurde.
Altäre und Kanzel