mini|David Ammann (1855–1923) mini|Frieda Ammann, geb. Brugger (1862–1955) David Ammann (* 12. Oktober 1855 in Honore (heute: Honnavar) im südindischen Bundesstaat Karnataka, Distrikt Uttara Kannada; † 20. Februar 1923 in Frankfurt am Main) war ein schweizerisch-amerikanischer Autor, Übersetzer und Verleger. Er war der Begründer der Mazdaznan-Bewegung in Europa.

Leben Herkunft und Ausbildung David Ammann entstammte einer alteingesessenen Schaffhauser Familie. Sein Vater, Johann Jakob Ammann (* 6. Juli 1816 in Schaffhausen; † 2. Januar 1864 in Udupi), war Missionar und Reiseprediger der Basler Mission. Seit 1841 war er in Kadike und Mangaluru stationiert, wo er sich insbesondere der Mission des Tuluvolks verschrieb. Er übersetzte das Neue Testament und das Buch der Psalmen in deren Sprache. 1845 heiratete er Elisabeth Susanna Schalch (* 11. Oktober 1823 in Schaffhausen; † 29. Januar 1904 in Los Angeles). Von 1852 bis 1856 hielt sich das Ehepaar in Honore auf, wo David, als jüngster Sohn von sechs Kindern, geboren wurde.

Aufgrund gesundheitlicher Probleme des Vaters verließ die Familie 1861 Indien und hielt sich zwei Jahre in Europa auf. Unter Zurücklassung der Kinder reiste das Ehepaar am 14. August 1863 erneut von Basel aus nach Indien. Wenige Monate später starb der Vater an Dysenterie.Brief der Mutter an die Kinder mit Schilderung seiner letzten Stunden. Abgedruckt in: Heidenbote. 3/1864, S. 29 f.

David Ammann wurde ab 1861 am Basler Missionsinstitut erzogen, besuchte die Gymnasien in Schaffhausen und in Bern und legte seine Matura im Frühjahr 1875 in Basel ab. Er verweigerte sich dem Wunsch der Mutter, Theologie zu studieren, zog stattdessen zu seinem älteren Bruder nach Berlin und begann an der dortigen Universität mit dem Studium der Philosophie und Literatur.Ammann war für das Sommersemester 1875 immatrikuliert. (Vgl. Graul, S. 64, Anm. 77.) Nach eigenem BekundenDavid Ammann: Wie ich ein Mazdaznan wurde. In: Mazdaznan. Jg. 3, 1910/1911, Nr. 11, S. 219–224. wechselte er 1876 an die Sorbonne und an das Collège de France nach Paris. Nach kurzer Zeit musste er aus finanziellen Gründen seine Studien abbrechen und sich in Cannes und in Málaga u. a. als Lehrer für Deutsch und Latein den Lebensunterhalt verdienen.

Religiöse Sinnsuche Um 1880 kehrte er nach Schaffhausen zurück. Dort nahm er das Angebot wahr, in die florierende Strohhutfabrik seines Bruders einzutreten. In dieser Zeit lernte er die Pfarrerstochter Frieda Brugger (* 5. Mai 1862; † 26. Juli 1955 in Los Angeles) kennen, die er 1882 heiratete. Gemeinsam mit ihr lebte er kurzzeitig in Paris, wo er eine Zweigstelle der Firma seines Bruders leitete. Nachdem die Filiale hatte geschlossen werden müssen, gründete er in Wohlen eine eigene Strohhutfabrik.

Aufgrund starker gesundheitlicher Probleme wurde er ein überzeugter Anhänger des Vegetarismus. Sein Wunsch, sich mit der Familie einer vegetarischen Kolonie anzuschließen, scheiterte an der Unbeständigkeit dieser reformorientierten Lebensgemeinschaften. Ammann setzte sich deshalb zum Ziel, dieser Bewegung mittels religiösen Überbaus eine stärkere soziale Bindungskraft zu verleihen. Da er hoffte, diese Reformidee in Amerika besser verwirklichen zu können, verkaufte er seine Firma und übersiedelte mit seiner Familie 1896 nach Kalifornien.Zwei Jahre später immigrierte seine Mutter, Susanna Ammann, zu ihrem Sohn in die USA. Siehe: . In Cahuenga Township ließ er sich als Obstfarmer nieder.Vgl.: . Über seine landwirtschaftlichen Erfahrungen veröffentlichte er verschiedene Artikel.So beispielsweise in den Beiträgen „Über die Bewässerung in Californien“. In: Vegetarische Warte, 35. Jg., 1902, Nr. 3, S. 57–60; „Kokosbrot“. In: Vegetarische Warte, 35. Jg., 1902, Nr. 34, S. 573–575.

1904 kam er erstmals mit der Mazdaznan-Lehre in Berührung, die Otoman Zar-Adusht Hanish seit 1890 von Chicago aus verbreitete. Mit diesem Gedankensystem, das sich auf Zarathustra beruft, konnte er sich vollständig identifizieren:

Tätigkeit für Mazdaznan Die Anfänge in Leipzig mini|Ehemaliges Logenhaus Minerva zu den drei Palmen Leipzig, Sitz der Mazdaznan-Zentrale von 1910 bis 1916 mini|Walter Robert Ammann als junger Cellist der Eva Bartlett Macey Company, 1909 Nachdem David Ammann seine Farm verkauft hatte, um als autorisierter Botschafter Hanishs Mazdaznan in Europa zu verbreiten, übersiedelte er im Sommer 1907 nach Leipzig. Dort hielt sich seit September 1905 seine Frau auf, um den vier Kindern Walter Robert (1883–1958)Walter Robert Ammann (* 17. August 1883 in Feuerthalen; † 2. Juli 1958, Los Angeles) studierte Cello bei Julius Klengel am Königlichen Konservatorium in Leipzig. Am 11. Februar 1908 gab er sein Debüt beim öffentlichen Examens-Konzert in Leipzig. 1909 war Walter Ammann Mitglied der Eva Bartlett Macey Company. (Vgl.: ) 1910 traten die Geschwister Walter, Hedwig und Lucie Ammann als The Ammann Concert Trio in Chicago auf. (Vgl.: Lyceumite & Talent, Vol. 4, Lyceum Magazin, Chicago 1910, S. 75). 1920 lebte er in Pasadena und war verheiratet mit der aus Deutschland stammenden und 1910 in die USA immigrierten Else G. Ammann (* 1889). Die Ehe wurde 1940 geschieden (Vgl.: ). 1919 wurde dem Ehepaar die Tochter Margaret F. Ammann geboren (Vgl.: und ). Die am 27. April 1942 durchgeführte vierte US-amerikanische Einzugsregistrierung für den Zweiten Weltkrieg erfasste ihn als wohnhaft in Chicago (Vgl.: Registierungs-Karte Walter R. Ammann). Lucie Dora Elisabeth (1884–1926)Lucia Ammann (* 6. September 1884 in Paris; † 26. Mai 1926 ebd.) studierte Klavier am Königlichen Konservatorium in Leipzig. Sie war verheiratet mit Carl Georg (Carlos) Bunge (* 15. Juni 1889; † 1944 in Buenos Aires); Kalantar der Mazdaznan-Bewegung für Frankreich. Über die Gründe ihres frühen Todes schrieb ihr Schwager Otto Rauth: „Die Wunde, die der Tod ihres geliebten und verehrten Vaters ihr gerissen hatte, wollte nicht mehr vernarben.“; Quelle: Otto Rauth: Nachruf. In: Mazdaznan. Heft 6, 1926, S. 78. Hedwig Charlotte (1885–1986)Hedwig Charlotte Ammann (* 5. November 1885 in Zürich; † 10. Mai 1986 in Norco) wurde mit 16 Jahren von einer Lähmung befallen, von der sie durch Otoman Zar-Adusht Hanish geheilt worden sein soll. Dies war für die Eltern der Anlass, sich ganz der Ausbreitung der Bewegung zu verschreiben. Sie studierte Violine bei Hans Sitt am Königlichen Konservatorium in Leipzig. Ab 1923 leitete Hedwig mit ihrem Mann die Mazdaznan-Zentrale in Leipzig. Nach dem Verbot der Bewegung durch die Nationalsozialisten wurde sie verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht. 1944 erfolgte ihre Entlassung. Durch die Haft gesundheitlich angegriffen, zog sie 1949 zur Pflege ihrer Mutter nach Kalifornien. Nach deren Tod 1955 lebte sie zurückgezogen in der Mazdaznan-Siedlung in Norco. Dort starb sie im 101. Lebensjahr. Ihre Asche wurde am 2. Juli 1986 im Grab ihres Vaters auf dem Friedhof in Herrliberg bestattet. Fritz Emil (* 23. Dezember 1886 in Zürich) eine musikalische Ausbildung am Konservatorium der Stadt zu ermöglichen. Frieda Ammann hatte in dieser Zeit die Mazdaznan-Lehre in Privat- und Künstlerkreisen bekannt gemacht.

Unverzüglich begann Ammann, Mazdaznan mittels Vorträgen, Heil-, Atmungs- und Diätkursen öffentlich zu verbreiten. Überraschend schnell konnte sich die neue Bewegung etablieren. Im Dezember 1907 gründete Ammann in Leipzig die Zarathustra-Gesellschaft. Diese wurde von ihm 1908 aufgelöst und in die Mazdaznan-Tempel-Vereinigung überführt. Ab Mai 1908 gab er die deutschsprachige Monatszeitschrift Mazdaznan heraus, die mit wechselnden Untertiteln bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1935 erschien. Am 1. Juli 1909 erfolgte die Gründung des Mazdaznan-Verlags, der im April 1913 in eine GmbH umgewandelt wurde.

Ab April 1909 verfügte die Bewegung über eigene Versammlungsräume in Leipzig.Zunächst in der Leplaystraße 10a/II. Etg. Am 25. September 1910 hatte die Einweihung des Mazdaznan-Hauses in der Schulstraße 1, dem ehemaligen, von Max Bösenberg erbauten Sitz der Freimaurerloge Minerva zu den drei Palmen, stattgefunden. Vgl. Mazdaznan-Zeitschrift Nr. 7, S. 130 f. Von 1916 bis 1919 lauteten die Adressen der Mazdaznan-Zentrale Sophienplatz 4 und später Weststraße 6 (Graul, S. 72). Ab 1919 befand sich die Leipziger Bundeszentrale in der Hospitalstraße (heute Prager Straße) 12.

1909 gab Ammann unter dem Titel Atem- und Gesundheitslehre die deutschsprachige Übersetzung des von Hanish 1902 in Chicago veröffentlichten Mazdaznan-Grundlagenwerkes Health- and Breath-Culture heraus.

Anfang des Jahres 1910 hatte Mazdaznan bereits in zahlreichen Großstädten Fuß gefasst.Laut einem Mazdaznan-Werbeprospekt wurden in dieser Zeit Vorträge und Kurse in den Städten Berlin, Bremen, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Gera, Görlitz, Halle, Hamburg, Hannover, Magdeburg, Weimar, Weißenfels und Zwickau angeboten. Zirkel sympathisierender Gruppen sind 1910 für Arnstadt, Berlin, Bremen, Bruchsal, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Görlitz, Halle, Hamburg, Hannover, Magdeburg, Pirmasens, Spandau und Stuttgart belegt. 1911 kamen Breslau, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt am Main, Graz, München, Plauen, Wien und Zürich hinzu. Vgl. Graul, S. 66, Anm. 93.

Ein Höhepunkt dieser Aufbaujahre war der Europa-Besuch Otoman Zar-Adusht Hanishs, des Gründers der Bewegung, im Jahr 1911. Dabei hielt er öffentliche Vorträge in 12 großen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in London. Die bedeutendste spirituelle Zusammenkunft war die Weihe der Friedensfahne in Leipzig am 3. Juli 1911.

Am 29. Dezember 1912 wurde auf der Mazdaznan-Wintersonnenwendfeier die Auflösung der Mazdaznan-Tempelvereinigung und die Gründung eines Mazdaznan-Bundes als öffentlich-rechtlicher Verein mit einem fünf Mitglieder starken Bundesvorstand beschlossen. Im Januar 1913 wurde der Mazdaznan-Bund in das Vereinsregister beim Königlichen Amtsgericht Leipzig eingetragen. David Ammann wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt.

Ausweisung aus Sachsen Der kometenhafte Aufstieg der Bewegung blieb nicht unbemerkt und wurde von verschiedenen Seiten kritisch beobachtet. Immer wieder kam es zu Vorwürfen und gerichtlichen Klagen gegen die Bewegung, insbesondere gegen ihren prominentesten Vertreter in Deutschland, David Ammann.Vgl. Graul, Mazdaznankritik, S. 88 ff. Seit 1909 stand die Bewegung unter polizeilicher Beobachtung.Graul, S. 68.

Im November 1911 hatte der Schweizer mit amerikanischer StaatsbürgerschaftDiese wurde 1902 in Los Angeles verliehen. Vgl. Graul, S. 67. für sich und seine Familie einen Einbürgerungsantrag gestellt, der jedoch abschlägig beschieden wurde.Graul, S. 68.

Besondere Kritik rief ein weiteres von Ammann ins Deutsche übersetzte und 1913 in Leipzig herausgegebene Werk Otoman Zar-Adusht Hanishs mit dem Titel Wiedergeburtslehre hervor, das die Behörden als „eine in den Deckmantel einer Sitten- und Gesundheitslehre eingehüllte unzüchtige Schrift“Otto Rauth (Hrsg.): Masdasnan-Weißbuch. Leipzig 1916, S. 12. indizierten.