mini|Rabbinerinnen bei der Toravorlesung

Der jüdische Feminismus ist eine Bewegung mit dem Ziel, Frauen in ihrem religiösen, rechtlichen und gesellschaftlichen Status den Männern gleichzustellen. In allen wichtigen Strömungen des Judentums, von der Orthodoxie bis zum Reformjudentum, sind feministische Bestrebungen mit unterschiedlichen Auffassungen und mit unterschiedlichem Erfolg hervorgetreten und halten unvermindert an.

Entstehungsgeschichte In seiner modernen Form kann der jüdische Feminismus auf die frühen 1970er Jahre in den Vereinigten Staaten zurückgeführt werden, als im Rahmen der zweiten Frauenbewegung erste jüdisch-feministische Frauengruppen entstanden.

1935 war die später im KZ Auschwitz-Birkenau ermordete Regina Jonas als weltweit erste Rabbinerin in Deutschland ordiniert worden.

Mit Sally Priesand, einer Vertreterin des Reformjudentums, wurde 1972 erstmals wieder eine Rabbinerin ordiniert.

1973 fand die erste US-amerikanische Nationalkonferenz jüdischer Frauen in New York statt. Die im Anschluss daran erschienene Sonderausgabe des Magazins Response. A Contemporary Jewish Review veröffentlichte unter dem Titel The Jewish Women. An AnthologyCover “The Jewish Woman: An Anthology” Summer 1973, Issue of “Response: A Contemporary Jewish Review”. Inhaltsverzeichnis. In: Jewish Women’s Archive in 30 Artikeln die Ideen der jüdischen feministischen Bewegung und bewirkte, dass sich Frauengruppen in den USA, Europa und Israel die Frage nach der Rolle der Frau im Judentum stellten.

1974 wurde auf einer zweiten Konferenz die internationale Jewish Feminist Organization in den USA gegründet.Marianne Wallach-Faller: Zwanzig Jahre jüdische feministische Theologie, in: Neue Wege, Band 90/1996, Heft 1, S. 3

Nach Darstellung der amerikanischen Religionswissenschaftlerin Judith Plaskow betrafen die wichtigsten Anliegen und Proteste der jüdischen Feministinnen der 1970er Jahre die Nachrangigkeit und Marginalisierung von Frauen in der jüdischen Tradition. Dazu gehörte u. a. der Ausschluss von Frauen aus Gebetsgruppen (Minjan), die Verweigerung des Rechts zur Zeugenaussage oder einen Scheidungsantrag vor religiösen Gerichten zu stellen.Judith Plaskow: Jewish Feminist Thought. In: Daniel H. Frank, Oliver Leaman: History of Jewish Philosophy. Routledge, 2003, ISBN 978-0-415-32469-4, S. 885f. Judith Plaskow betont, dass jüdischer Feminismus mehr als ausschließlich eine religiöse Bewegung sei, ייִדישקײט (yidishkayt) Jüdischkeit umfasst mehr als die religiöse Identität. Die Transformation des Status und der Rollen von Frauen im religiösen Leben sei daher nur eines der Themen der jüdisch-feministischen Agenda.Judith Plaskow: Jewish Feminism, in: Rosemary Skinner Keller et al. (Hrsg.): Encyclopedia of Women and Religion in North America, Volume 3, Indiana University Press 2006, ISBN 978-0-253-34685-8, S. 1220

Einflussreiche Autorinnen und Schriften Der Historikerin Paula Hyman zufolge waren zwei Anfang der 1970er Jahre in den USA veröffentlichte Artikel zur Rolle der Frau im Judentum besonders einflussreich: In The Unfreedom of Jewish Women (Die Unfreiheit der jüdischen Frauen) kritisierte die deutsch-amerikanische Philosophin und jüdische Feministin Trude Weiss-Rosmarin die Stellung und Ungleichbehandlung der Frau nach jüdischem Recht. Sie nahm besonders die Folgen der jüdischen Ehegesetze für geschiedene und verlassene Frauen in den Fokus.

In The Jew Who Wasn’t There: Halakha and the Jewish Woman (Der Jude, der nicht da war: Halacha und die jüdische Frau) stellt Rachel Adler – damals orthodoxe Jüdin, heute Professorin für Judentum und Geschlecht am Hebrew Union College – männliche und weibliche Rollenbilder im traditionellen jüdischen Glauben einander gegenüber.

Mit Standing Again at Sinai. Judaism from a Feminist Perspective (Und wieder stehen wir am Sinai. Eine jüdisch-feministische Theologie) legte Judith Plaskow 1991 eine Synthese der bisherigen jüdisch-feministischen Theologie vor. Sie geht der Frage nach, „was mit den zentralen Kategorien jüdischen Denkens – Tora, Israel und Gott – geschieht, wenn diese von Frauen mitdefiniert werden“.Marianne Wallach-Faller (1996), ebd. S. 10

1998 folgte Rachel Adlers Werk Engendering Judaism. An inclusive Theology and Ethics, ein feministischer Ansatz zu Fragen des Rechts, der Liturgie und der heterosexuellen Sexualität. Adler kombiniert und interpretiert Halacha und Aggada (rabbinische Geschichte) neu im Hinblick auf eine theologische und ethische Rekonstruktion des Judentums.Review Dawn Robinson Rose, The Feminist Sexual Ethics Project, Brandeis University

Im deutschsprachigen Raum gilt die Schweizer Mediävistin Marianne Wallach-Faller (1942–1997) als zentrale Persönlichkeit des jüdisch-feministischen Aufbruchs. 2000 wurde posthum die Anthologie Die Frau im Tallit in Zürich herausgegeben mit 34 aus ihrem Nachlass zusammengestellten Texten über die Stellung der Frauen im Judentum, biblische Frauengestalten, den jüdisch-christlichen Dialog und den Antijudaismus in der christlichen Theologie.Felice-Judith Ansohn über: Die Frau im Tallit: Judentum feministisch gelesen, Hagalil online 27. April 2001

2003 erschien The Female Face of God in Auschwitz (Das weibliche Gesicht Gottes in Auschwitz). Dieses Werk der englischen Theologin Melissa Raphaels ist die erste umfassende Schrift einer jüdisch-feministischen Theologie des Holocaust.Melissa Raphael: The Female Face of God in Auschwitz. A Jewish Feminist Theology of the Holocaust. (=Religion and Gender), Routledge 2003, ISBN 978-0-415-23665-2. Raphael setzt sich darin aus jüdischer und feministischer Perspektive anhand autobiografischer Texte von überlebenden Frauen des Holocaust mit der Frage nach Gott in Auschwitz auseinander. Sie interpretiert die Formen der Schwesterlichkeit, hier besonders das praktische füreinander Sorgen unter menschenunwürdigen Verhältnissen, als Bilder der Anwesenheit Gottes.Book Review: The Female Face of God in Auschwitz: A Jewish Feminist Theology of the Holocaust, in: Feminist Theory, April 2005 vol. 6 no. 1, S. 104–105. doi:10.1177/146470010500600109

Jüdisch-feministische Theologie Ein Konzept der jüdisch-feministischen Theologie ist die Betonung der weiblichen Seite Gottes, die im Siddur (Gebetbuch) und im Gottesdienst sichtbar werden soll.

1976 veröffentlichte Rita Gross den Artikel „Weibliches Sprechen von Gott in einem jüdischen Kontext“ (Davka Magazin 17), den Judith Plaskow für den wahrscheinlich ersten Artikel hält, der sich theoretisch mit dem im Titel genannten Thema befasst. Gross gehörte zur Zeit der Veröffentlichung selbst dem Judentum an.Frederick E. Greenspahn: Jewish Mysticism and Kabbalah: New Insights and Scholarship. NYU Press, 2011, ISBN 978-0-8147-3336-3, S. 200, (books.google.com).

Die Religionswissenschaftlerin Naomi Janowitz und die Rabbinerin Margaret Wenig brachten 1976 im Selbstverlag Siddur Nashim heraus, das erste Sabbatgebetbuch, das Gott mit weiblichen Pronomen und Bildern beschreibt. Die rekonstruktionistische Rabbinerin Rebecca Alpert kommentierte: „Die Erfahrung des Gebets mit dem Siddur Nashim […] hat meine Beziehung zu Gott verwandelt. Zum ersten Mal verstand ich, was es bedeutet, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen zu sein, mir Gott als eine Frau wie ich selbst bin vorzustellen, Sie als mächtig und zugleich fürsorglich, Sie mit einem weiblichen Körper, mit Schoß und Brüsten versinnbildlicht zu sehen – dies war eine Erfahrung von höchster Bedeutsamkeit. War dies die Beziehung der Menschen zu Gott durch die Jahrtausende? Wie wundervoll war es, Zugang zu diesen Gefühlen und Einsichten zu finden.“Rebecca Alpert: “What Gender is God?” In: Reform Judaism (Magazine), Winter 1991, S. 28–291990 schrieb Margaret Wenig eine Predigt mit dem Titel Gott ist eine Frau und sie wird immer älterbooks.google.com, die bis 2011 zehn Mal wieder aufgelegt (drei Mal auf Deutsch) wurde und Predigten von Rabbinern von Australien bis Kalifornien zugrunde lag.

Rabbinerin Paula Reimers erläuterte ihre Auffassung wie folgt: „Wer die ‚Gott/Sie-Sprache‘ benutzt, möchte die Weiblichkeit der Gottheit und ihre weiblichen Aspekte bejahen, indem man das hervorhebt, was die weibliche am deutlichsten von der männlichen Erfahrung unterscheidet. Eine männliche oder weibliche Gottheit kann etwas durch Sprache oder Handlung erschaffen, aber die genuine weibliche Metapher für Schöpfung ist die Geburt. Wenn Gott als weiblich bezeichnet wird, dann ist diese Geburts-Metapher und die Identifikation der Gottheit mit der Natur und ihren Vorgängen unvermeidlich.“Paula Reimers: Feminism, Judaism and God the Mother. In: Conservative Judaism (Journal), 46/1993, S. 24–29. Die reformjüdische Theologin Ahuva Zache bestätigt, dass männliche wie weibliche Sprache etwas Gutes sein können, wenn von Gott gesprochen werde. In der „Thora der Union for Reform Judaism“ erinnert sie daran, dass Gott jenseits der Geschlechter (gender) ist: „Ist Gott männlich, weiblich, beides oder keines von beidem? Wie sollten wir unsere Gebete hinsichtlich des Genders Gottes formulieren?“ […] „Feminine Bildlichkeit bedroht das Judentum in keiner Weise. Im Gegenteil verstärkt es das jüdische Verständnis von Gott, das nicht auf maskuline Metaphorik beschränkt sein sollte. Menschliche Sprache zur Beschreibung Gottes ist immer metaphorisch. Männliche und weibliche Bilder zu benutzen, ist ein Weg, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass alle Gender-Beschreibungen nur metaphorisch sind. Gott ist jenseits des Geschlechts.“Diese Sichtweisen werden auch innerhalb der liberalen Strömungen des Judentums kontrovers diskutiert. Orthodoxe und viele konservative Juden betrachten es als falsch, weibliche Pronomen für Gott zu verwenden. Sie sehen darin einen Einbruch der modernen feministischen Ideologie in die jüdische Tradition. Liberale Gebetbücher vermeiden zunehmend spezifisch männliche Ausdrücke und versuchen sich gender-neutral auszudrücken. So das Gebetbuch Siddur Lev Chadash (1995) der liberalen Bewegung des Vereinigten Königreichs, wie auch das Gebetbuch Forms of Prayer (2008) der dortigen Reformbewegung.

Im Mishkan T'filah, dem reformjüdischen Gebetbuch, das 2007 veröffentlicht wurde, wurde der Bezug auf Gott durch das bisher übliche Personalpronomen „er“ beseitigt. Wenn die jüdischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob erwähnt werden, dann werden auch Sarah, Rebecca, Rachel und Leah genannt.

2015 wurde das reformjüdische Gebetbuch „Hohe Feiertage“" (High Holy Days) veröffentlicht. Es ist als Begleitbuch zum Mishkan T'filah gedacht und enthält eine Version des Gebetes Awinu Malkenu, die auf Gott als „liebenden Vater“ ebenso wie als „barmherzige Mutter“ Bezug nimmt. Andere bemerkenswerte Veränderungen betreffen eine Zeile aus dem früheren Gebetbuch der Reformbewegung, „Tore der Umkehr“ (“Gates of Repentance”), die die Freuden von Braut und Bräutigam jeweils besonders erwähnte. Diese Zeile wurde durch den Ausdruck „glückliche Paare unter dem Hochzeitsbaldachin“ (Chuppa) ersetzt. Für den Ruf der Gläubigen zur Tora wurde zusätzlich zu den geschlechtsspezifischen Wendungen „Sohn von“ oder „Tochter von“ die neutrale Formulierung „aus dem Hause von“ angeboten.

Orthodoxes Judentum und jüdischer Feminismus Orthodoxer jüdischer Feminismus

Orthodoxer jüdischer Feminismus versucht, anders als etwa das Reformjudentum oder die Rekonstruktionisten, die Rolle der Frau von der Halacha ausgehend zu verändern.