mini|Aderlass. England, 14. Jahrhundert. Miniatur aus dem Luttrell-Psalter.Luttrell-Psalter, London, Brit. Mus., Add. Ms. 42130, fol. 61r (Digitalisat). mini|Aderlass. Frühe Fotografie 1860.
Der Aderlass, das (Zur-Ader-)Lassen oder Aderlassen (althochdeutsch (bluot) lāz(z)an;Rudolf Schützeichel: Althochdeutsches Wörterbuch. 5. Auflage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1995, ISBN 3-484-10636-0, S. 191. mittelhochdeutsch lāze, lāzen bzw. bluot lāzen, aderlæzeMatthias Lexer Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Auflage. Salomon Hirzel Verlag, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1992, ISBN 978-3-7776-0493-0, S. 2. und āderlāzen; mittellateinisch venaesectio;Gundolf Keil: Phlebotomie (Aderlaß). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1155. englisch bloodletting, bleeding, phlebotomy), auch die Phlebotomie (aus altgriechisch phléps ‚Ader‘ und témnō ‚schneiden‘), ist ein seit der Antike bekanntes und bis ins 19. Jahrhundert häufig bei Menschen und TierenKurt Engert: Geschichte des Aderlasses bei den Haustieren bis zur Gründung wissenschaftlicher Pflegstätten der Tierheilkunde. Dresden 1912. Siehe auch Blut (Lebensmittel). angewandtes Heilverfahren. Beim Aderlass zu therapeutischen Zwecken werden dem (erwachsenen) Menschen etwa zwischen 50 und 1000 ml, heute meist maximal 500 ml Blut entnommen. Nur bei wenigen Krankheitsbildern konnte ein Heilungseffekt durch Aderlass nachgewiesen werden. Infolgedessen ist er weitgehend aus dem medizinischen Alltag verschwunden.
Der Aderlass ist, wie auch das Schröpfen, eine der ältesten medizinischen Behandlungsformen. Er war schon vor der Zeit des Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) bekannt und galt neben der Anwendung von Brechmitteln und Abführmitteln bis ins 19. Jahrhundert als eine der wichtigsten, wenn auch umstrittenen, medizinischen Therapieformen. Auf der Grundlage der antiken Säftelehre sollte der Aderlass schädliche oder im Übermaß vorhandene Säfte aus dem Körper entfernen.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40495-2, S. 12, 21, 28 und 108.
Einsatz in der heutigen Medizin mini|Verlauf der beiden Venenstämme des Armes mini|Blutabnahme zur Blutspende 2014
Wie die Blutentnahme zur Blutspende wird der Aderlass heute an den großen Venen der Arme ausgeführt.
Nur bei wenigen Erkrankungen spielt der Aderlass heute eine wichtige Rolle: Bei der Polycythaemia vera, einer Erkrankung, die insbesondere zu einer krankhaft vermehrten Bildung von Erythrozyten (rote Blutkörperchen) und damit zu einer Erhöhung der Blutviskosität führt, ist der Aderlass die Akuttherapie der Wahl. Zur Behandlung der Erkrankung werden anfänglich bei Hämatokritwerten von deutlich über dem Normwert (größer als 55 %) sechs bis acht Aderlässe im wöchentlichen Abstand (jeweils bis zu 500 ml) durchgeführt, um den lebensbedrohlich hohen Hämatokritwert (teilweise über 60 %) auf einen Normalwert (ca. 45 %) abzusenken. Danach erfolgt diese Maßnahme in sechs- bis zwölfwöchigen Abständen, wenn nicht andere medizinische Schritte eingeleitet werden.Polycythaemia Vera (PV). Leitlinie. (PDF) Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, S. 10. Bei der Hämochromatose, einer Erkrankung des Eisenstoffwechsels, werden lebenslang Aderlässe zur Senkung des Eisengehaltes im Körper durchgeführt. Universitätsklinikum Ulm. Bei einer Polyglobulie Kliniken Essen-Mitte. kann eine Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes durch Aderlass erforderlich werden, wenn beispielsweise eine Zentralvenenthrombose im Auge droht oder bereits aufgetreten ist. Bei reaktiven Formen der Polyglobulie ist die Aderlass-Therapie jedoch kontraindiziert, da die Patienten die vermehrten Sauerstoffträger benötigen.D. Köhler, D. Dellweg: Polyglobulie. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 135(46), 2010, S. 2300–2303. doi:10.1055/s-0030-1267515. Bei Porphyria cutanea tarda, einer Störung der Synthese des roten Blutfarbstoffs Häm, kann durch Aderlässe Eisen entfernt werden, das ansonsten in der Leber Schäden anrichtet. Europäische Porphyrie-Initiative (EPI). Klinische Studien deuten darauf hin, dass häufige Blutspenden eine nicht nur vorübergehende, deutlich blutdrucksenkende Wirkung bei Bluthochdruck zeigen. Diese Beobachtung wurde jedoch nicht durch ausreichend große, randomisierte kontrollierte Studien überprüft.Michalsen u. a.: Effects of phlebotomy-induced reduction of body iron stores on metabolic syndrome: results from a randomized clinical trial. In: BMC Medicine. 10.1186/1741-7015-10-54.Manco, Fernandez-Real: Back to past leeches: repeated phlebotomies and cardiovascular risk. In: BMC Medicine. doi:10.1186/1741-7015-10-53.Sundrela Kamhieh-Milz u. a.: Regular blood donation may help in the management of hypertension: an observational study on 292 blood donors. In: Transfusion, Band 56, Heft 3, März 2016, S. 637–644.
Einsatz in der Alternativmedizin In der Alternativmedizin zählt der Aderlass (wie auch das Schröpfen) zu den ausleitenden Verfahren. So auch in dem von Gottfried Hertzka entwickelten „Aderlass nach Hildegard von Bingen“.Naturheilverfahren: Richtig glücklich und entspannt nach dem Aderlass. Welt Online, 14. Juli 2012.
Geschichte Theorie und Praxis in der Geschichte Theorie Der Aderlass als magisch-kultisches Hilfsmittel zur Gewinnung von Blut (mittels scharfrandiger Muschelschalen, Messer oder kleiner Pfeile) war weltweit verbreitet; so bei den Ureinwohnern Australiens, die Blut als Nahrung für Geister gaben, oder den Indianern Altmexikos und Perus sowie im frühen Japan und in Babylonien.Tankred Koch: Medizingeschichtliche Aspekte des »Scheintods«. In Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 48–68, hier: S. 48–53.
Die medizinische Anwendung des Aderlasses beruhte in Europa seit der Antike auf dem System der Säftelehre, welches Krankheit als Ungleichgewicht in der Vermischung (Dyskrasie) der Säfte (Blut – Cholera/gelbe Galle – Melancholia/schwarze Galle – Phlegma/Schleim) oder als Degeneration einzelner dieser Säfte deutete.Lorenz Fries: Spiegel der Artzny. Straßburg 1518, Blatt 21v–22r (Digitalisat).
Zwei Aderlass-Verfahren wurden unterschieden: Die Derivation (lateinisch derivatio „Ableitung“), die von der Vorstellung ausging, die „verdorbenen Säfte“ oder die „fehlerhafte Säftemischung“ müssten aus dem Körper auf direktem Wege entfernt werden. Dazu wurde der Aderlass in der Nähe der erkrankten Region mit der Ausleitung von großen Blutmengen ausgeführt. Die Revulsion (lateinisch revulsio „Umwälzung“), die von der Befürchtung ausging, bei der „Derivation“ würden mit den „schlechten Säften“ auch die „guten Säfte“ entfernt. Bei der „Revulsion“ wurde der Aderlass weit entfernt von der erkrankten Region mit der Ausleitung von geringen Blutmengen ausgeführt. Das Ziel war, die in der erkrankten Region angesammelten „schlechten Säfte“ von dort abzuleiten und durch „bessere Säfte“ oder durch „besser durchmischte Säfte“ zu ersetzen.
Die frühesten exakten Angaben über vermutete Beziehungen zwischen dem Aderlass und der Stellung der Planeten finden sich im Regimen sanitatis Salernitanum. Es enthält die Anweisung, den Aderlass vornehmlich im April, Mai und September auszuführen, sowie die Feststellung, dass Jupiter und Venus dem Eingriff günstig, Saturn und Mars ihm hingegen ungünstig sind. Überdies müsse auch den verschiedenen Mondphasen Rechnung getragen werden. Ausdrücklich wird jedoch gesagt, dass in dringlichen Fällen diese Regeln außeracht gelassen werden dürfen.Arnoldus ‹de Villa Nova›: Regimen sanitatis Salernitanum. Mit Kommentar des Pseudo-Arnaldus de Villanova und der Doctores Montispessulani regentes, 1480(?), [Lyon], [ca. 1486/87], Kapitel 92 (Digitalisat).
Zodiak-Mann mit Tierkreiszeichen in Analogie zu den Körperteilen
Jedes der 12 Tierkreiszeichen beherrscht eine Region des menschlichen Leibes: Widder – Haupt und Antlitz Stier – Hals und Kehle Zwillinge – Arme und Hände Krebs – Brust Löwe – Magen und Niere Jungfrau – die übrigen Eingeweide Waage – Rückgrat und Gesäß Skorpion – Weichen und Schamglieder Schütze – Hüften und Schenkel Steinbock – Knie Wassermann – Schienbein Fische – Knöchel und Fußsohle In dieser Hinsicht galt vor allem als Grundsatz, den Aderlass zu vermeiden, wenn der Mond in jenem Zeichen des Tierkreises steht, welches den betreffenden Körperteil regiert. So hielt man es zum Beispiel für kontraindiziert, an Armen und Händen zur Ader zu lassen, wenn der Mond sich im Zeichen der Zwillinge bewegt.Karl Sudhoff: Beiträge zur Geschichte der Chirurgie im Mittelalter, graphische und textliche Untersuchungen in mittelalterlichen Handschriften. J. A. Barth, Leipzig 1914–1918. Band 1 (1914) (Digitalisat). Darin S. 198–219: Lehr- und Merkfiguren zur Veranschaulichung des Einflusses der Tierkreisgestirne auf den Menschenkörper (Digitalisat).
Es finden sich jedoch auch andere, mehr oder weniger davon abweichende Anweisungen, so etwa bei dem Salernitaner Arzt Archimatheus, der um 1165 schrieb: „Ferner achte beim Aderlaß auf die Zeit der Krankheit, die Jahreszeit, die Kräfte und das Alter des Kranken. Vom Beginn des Herbstes an bis zum Frühling entnimm das Blut aus dem linken Arm, vom Frühlingsanfang an aus dem rechten Arm. Wegen einer Erkrankung des Gehirn schneide in die Vena cephalica, bei einer Erkrankung der Atmungsorgane in die Vena mediana, bei einem Leiden der ernährenden Organe in die Vena hepatica; wenn du den Kranken zur Ader läßt, halte alle Sorgen von ihm fern.“Die Schrift ‚De adventu medici ad aegrotum‘ nach dem Salernitaner Arzt Archimatheus. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Hermann Grensemann. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 233–251; hier zitiert, S. 245.
mini|Aderlasswerkzeuge. Encyclopédie méthodique 1798/99Recueil des planches du dictionnaire de Chirurgie [der „Encyclopédie méthodique“]. Panckoucke, Paris an VII (1798/99). (Digitalisat) Fig. 1–3: Aderlasslanzette (Italien und Frankreich); Fig. 4–8: Aderlassschnepper (Deutschland); Fig. 9–10: Aderlassschnepper mit mehreren Klingen zum blutigen Schröpfen; Fig. 11: Halsvenen-Kompresse (nach Chabert) zum Abdrücken der Drosselvene beim Aderlass; Fig. 12: Gerät zum Anbringen des Haarseils (nach Jean-Louis Petit).Explication des planches. Im Anschluss an Band 2 Chirurgie der „Encyclopédie méthodique“ (Digitalisat).
Praxis Beim Aderlass wurde das Blut meist durch die Eröffnung von Venen entfernt (Phlebotomie). Der einen Aderlass praktizierende Therapeut wurde Phlebotomus genannt. Genauso hieß auch das Aderlasswerkzeug, der sogenannte Aderlassschnäpper.Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie, Band 147, S. 146–152. Die „zu große Vorliebe für das Aderöffnen als Heilmittel hat Christian Friedrich Harleß 1828 in den Heidelberger klinischen Annalen als Phlebotomomania (Aderlasswuth) bezeichnet.“Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 782.