mini|Teilnehmer von Ende Gelände 2016 im Tagebau Welzow-Süd Ende Gelände 2016 war eine Großaktion zivilen Ungehorsams im Lausitzer Braunkohlerevier für den Klimaschutz. Von Freitag, dem 13. Mai bis Sonntag, den 15. Mai blockierten 3500 bis 4000 Menschen den Betrieb des Tagebaus und des Kraftwerks Schwarze Pumpe,Presse-AG des Ende Gelände-Bündnisses (Stand 7. Juni 2016): das Kraftwerk musste auf 20 % seiner Leistung gedrosselt werden.

Ende Gelände 2016 war eine Fortsetzung von Ende Gelände 2015 und Teil der weltweiten Aktionswoche „Break Free!“ der Bewegung für Klimagerechtigkeit in der ersten Maihälfte, mit dem gemeinsamen Ziel „fossile Brennstoffe im Boden zu lassen und eine neuartige gerechte Wirtschaft mit 100 % erneuerbaren Energien aufzubauen“.

Hintergrund mini|Blick auf den Tagebau Welzow Süd mit Ende Gelände Transparent Ende Gelände gründete sich in Deutschland im Jahr 2015 als Zusammenschluss von Umweltgruppen und „Menschen aus den Anti-Atom- und Anti-Kohle-Bewegungen“. Die erste Aktion des Bündnisses war mit Ende Gelände 2015 die Blockade des Tagebau Garzweiler von RWE. Auf einer Konferenz in Leipzig im November 2015 wurde entschieden, den Protest im Jahr 2016 in die Lausitz zu verlegen, um den Verkauf des Braunkohlereviers von Vattenfall an EPH/EP Energy und seinen weiteren langfristigen Betrieb zu verhindern. Stattdessen sollte erreicht werden, dass Vattenfall die Kraftwerke und Tagebaue schnell und sozialverträglich schließt.https://interventionistische-linke.org/termin/ende-gelaende-und-wie-weiter

Zudem sieht sich Ende Gelände als Teil eines „globalen Kampfes“ gegen fossile Infrastrukturen: „Pipelines in den USA, Kohlehäfen in Australien, Fracking in Brasilien, Ölbohrungen in Nigeria“. Schließlich wird eine Abkehr von „Profitlogik und Wachstumswahn“, „Großprojekte(n) und (der) fortgesetzte(n) Ausbeutung des globalen Südens“ gefordert. Ein Sprecher des Bündnisses erklärte, dass der „Ausstieg aus der Kohlekraft in Paris von der Weltgemeinschaft festgeschrieben (wurde), aber es hält sich jetzt niemand daran.“ Deshalb seien Protest und auch ziviler Ungehorsam notwendig und legitim.

Das Ziel war, den Tagebau Welzow-Süd vorübergehend stillzulegen. Dieser wurde vom schwedischen Energiekonzern Vattenfall betrieben, der dort jährlich rund 20 Millionen Tonnen Braunkohle förderte. So sollte die Kohleversorgung des Kraftwerks Schwarze Pumpe bei Spremberg unterbrochen und Vattenfall zum Herunterfahren desselben gezwungen werden. mini|Poster für Ende Gelände Anfang des Jahres 2016 hatte Vattenfall angekündigt, seine gesamte deutsche Braunkohlesparte inklusive der Tagebaue und Kraftwerke zu verkaufen. Käufer sollten der tschechische Energiekonzern EPH und der Finanzinvestor PPF werden. Nach Schätzungen lagern noch rund eine Milliarde Tonnen Braunkohle im Lausitzer Revier mit einem Geldwert von zwei bis vier Milliarden Euro. Einen großen Teil davon will der neue Betreiber EPH fördern und in Schwarze Pumpe sowie Jänschwalde und Boxberg verbrennen. Durch den Wechsel vom staatlichen Konzern Vattenfall zu EPH/PPF befürchten Kritiker wie Greenpeace eine Verschlechterung der sozialen und ökologischen Standards für die Region, mangelhafte finanzielle Rückstellungen für die spätere Rekultivierung der Tagebaue und eine Verzögerung des Kohleausstiegs.https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/fossile-energien/schmelzende-reserven Braunkohle: Vattenfall-Käufer reduziert Rückstellungen, Wer ist der tschechische Käufer von Vattenfalls Braunkohlegeschäft? Etwas Recherche zeigt: Ein Unternehmen ohne Verantwortung. Greenpeace, 20. Mai 2016.

Von den Kohlebefürwortern in der Region wurde der Verkauf an EPH/PPF als alternativlos angesehen. Die Kohle soll so noch möglichst lange abgebaut und verbrannt werden, laut EU Energiekommissar Oettinger und Gewerkschaft IGBCE bis mindestens zur Mitte des Jahrhunderts., Pressemeldung von Pro-Lausitzer Braunkohle, 27. August 2014. Der von Menschen verursachte Klimawandel wird dabei geleugnet oder marginalisiert, oder das mögliche Ende der Lausitzer Kohle als klimatisch und politisch unwichtig dargestellt. Die Kraftwerke seien so modern, dass sie dem „Weltklima sogar helfen“ könnten. Die Forderung nach einem Kohleausstieg wird abgelehnt.

Organisation mini|Busanreise der internationalen Teilnehmer; insgesamt wurden 25 Busse aus 12 europäischen Ländern erwartet Ende Gelände war eingebettet in die weltweite Woche gegen fossile Energien namens „Break Free from fossil fuels“ des gleichnamigen Bündnisses. Dazu kamen verschiedene weitere Veranstaltungen für die Energiewende und gegen die klimaschädliche Kohlenutzung. Am 14. Mai führte eine Demonstration „gegen Kohleverstromung“ mit 1500 Teilnehmern durch Welzow,, Pressemeldung Lausitzcamp, 18. Mai 2016 zu der neben Oxfam Deutschland, dem INKOTA-netzwerk, campact, attac Deutschland, Robin Wood und 350.org auch der BUND seine Mitglieder zur Teilnahme aufrief. Ende Gelände wurde von verschiedenen, trotz der internationalen Teilnehmer überwiegend in Deutschland ansässigen Gruppen organisiert, unter anderem von der Anti-Kohle Gruppe ausgeCO2hlt, die Ende Gelände 2015 ausrichtete. Zum Kreis der Organisatoren gehörten Einzelpersonen, lokale, überregionale und internationale Umweltgruppen, Zusammenhänge aus der Antiatombewegung und aus dem antikapitalistischen Spektrum. Für Ende Gelände 2016 wurde europaweit mobilisiert und die Zahl der internationalen Teilnehmer wurde auf über 1000 geschätzt. Die Internationalen Teilnehmer reisten mit Bussen und in mehreren längeren Fahrradtouren aus Kopenhagen, Wien, Bern, Paris und Ost-England an. Cycle Ende Gelände 2016 homepage (englisch) mini|Der „Fahrradfinger“ auf dem Weg zur BlockadeDer Aufruf zum zivilen Ungehorsam wurde von 52 Organisationen unterzeichnet, die die Aktionsform und das Anliegen unterstützen, unter anderem: 350.org, ATTAC Deutschland, Grüne Jugend Bundesverband, Linksjugend Solid Bundesverband, Interventionistische Linke Bundesverband, YASunidos (Ecuador) und Fuel Poverty Action (UK).

Eine „Solidaritätserklärung mit dem friedlichen Protest gegen die Kohle“ wurde von 16 Gruppen unterzeichnet, unter anderen vom BUND-Bundesverband, BUNDjugend, Campact, Oxfam, Naturfreunde Deutschlands, Umweltinstitut München und Urgewald.

Ende Gelände gliedert sich in 17 Arbeitsgruppen, die verschiedene Aufgaben von der Anreise über die politischen Aktionen bis zur Pressearbeit unter sich aufgeteilt hatten, was eine reibungslose Organisation ermöglichte.

Kampagne gegen Ende Gelände Schon lange vor Ende Gelände wurde der angekündigte zivile Ungehorsam, von Kohlebefürwortern wiederholt als „Gewalt“ bezeichnet und mit juristischen Repressalien bedroht.Wolfgang Rupieper, Vorstandsvorsitzender von „Pro Lausitzer Braunkohle“ im Interview mit der TAZ, NR. 11010 | 18. Woche | 38. Jahrgang Mittwoch/Donnerstag, 4./5. Mai 2016 Seite 2. In der Region wurden tausende Schilder aufgehängt, im Aussehen ähnlich den Wahlkampfschildern, mit der Aufschrift „Pfingsten 2016 Gewalt stoppen“. Dahinter stand der Verein „pro Lausitzer Braunkohle“.http://www.pro-lausitz.de/ Pro Lausitzer Braunkohle e. V. Pro Lausitzer Braunkohle e. V. sowie weitere „pro-Kohle“-Initiativen wurden wiederholt gerügt, da sie von Vattenfall finanziert werden, sich jedoch fälschlich als unabhängig und bürgernah darstellen.https://www.freie-radios.net/77324https://www.lobbycontrol.de/2014/04/vattenfall-meinungsmache-fuer-braunkohle-in-der-lausitz/ Ende Gelände nannte die Diskreditierung des zivilen Ungehorsams als Gewalt eine „Unterstellung“, die den Menschen in der Region „offenbar gezielt Angst machen sollte“.

Klima-Camp Das Laustizcamp findet seit 2011 in der Lausitz statt unter dem Motto „Kein Land mehr für Kohle!“. Im Jahr 2016 fiel es wesentlich größer aus, da die meisten Aktivisten von Ende Gelände dort übernachteten. Einigen Medien (Rundfunk Berlin-Brandenburg u. a.) verbreiteten die Falschmeldung von einem „Catering“ auf dem Lausitzcamp, und meinten damit das Küchen-Kollektiv, welches auf dem Klimacamp kochte. Alle Teilnehmer waren angehalten, dafür einen Unkostenbeitrag von 10 bis 15 Euro je Tag beizusteuern und in verschiedenen Arbeitsgruppen das Küchen-Kollektiv zu unterstützen.. Eines von vielen Aktionstrainings im Vorfeld von Ende Gelände

Finger-Taktik mini|Eine Bezugsgruppe beim Plenum in der Grube Die 3500–4000 Aktivisten wandten die „Fünf-Finger-Taktik“ an, die im Wendland während der Castortransporte erfolgreich war; das heißt, sie teilten sich in „Fingerstrukturen“ auf. Eine Gruppe von mehreren hundert Personen ist dabei einem „Finger“ zugeordnet, 5–15 Personen bilden ein „Bezugsgruppe“ und je zwei Personen bilden ein „Tandem“. Tandems, Einzelpersonen und Bezugsgruppen geben sich Phantasienamen, um sich in der Menge jederzeit finden zu können, jedoch gegenüber der Polizei und Werkschutz anonym bleiben zu können. Deshalb trugen viele Aktivisten, insbesondere auf den offiziellen Photos, Sonnenbrillen und Staubmasken. In der Gewahrsamnahme in Cottbus verweigerten die meisten die Angabe ihrer Personalien.https://www.jetzt.de/politik/besetzung-eines-kohlekraftwerks-in-der-lausitz Die Bezugsgruppen handeln in der Aktion autonom, das heißt, sie berufen bei Bedarf ein Plenum ein und beraten, ob sie die Aktion weitertragen, eine Eskalation in Kauf nehmen, oder abbrechen. Ein Rat aus Delegierten aus jeder Bezugsgruppe, das „Delegiertenplenum“ tritt seltener zusammen und repräsentiert einen gesamten „Finger“ mit mehreren hundert Personen. Die Entscheidungen der Finger sind daher nicht vollständig vorhersehbar und planbar, da teils am Ort neu entschieden wird. Wie die Medien berichteten, haben die Fingerstrukturen vor dem Wochenende bereits das gewaltlose „Durchfließen“ von Polizeiketten in „Aktionstrainings“ geübt. Zu jedem Finger gehört eine Fahnengruppe, die Richtungswechsel angibt. Eine Gruppe mit Funkgeräten kommuniziert mit den anderen Fingern. Eine Gruppe mit Megaphonen ist für Ansagen, Gesang und Sprechchöre verantwortlich. Dazu kommen jeweils noch einzelne Sanitäter, Photographen, Journalisten und Parlamentarier.https://www.bulling-schroeter.de/ende-gelaende-legt-finger-in-wunde-der-energiewende/

Aktion Die Besetzung begann größtenteils am Freitag, dem 13. Mai, erreichte einen Höhepunkt am Samstag Abend und endete größtenteils am Sonntag 15:00 Uhr.

Freitag, 13. Mai mini|Auszug des „grünen Fingers“ aus dem Lausitzcamp

Am Freitag verließen drei große Gruppen, der rote, orange und grüne Finger gegen 13:00 das Klimacamp. Der „grüne Finger“, auch als „internationaler Finger“ bezeichnet, besetzte eine Verladestation und einen Schienenknotenpunkt der Braunkohle, zunächst nur die Schienen, später auch die zwei Kohle-Verladetürme. Der „orange Finger“ besetzte den Schienenstrang direkt vor dem Kraftwerk, der „rote Finger“ ging in den Tagebau und besetzte mehrere Abraumbagger und Förderbänder. Viele der Aktivisten setzten die Blockade auf den Baggern und Förderbändern über Nacht fort.https://junepa.noblogs.org/post/2016/06/01/ende-gelaende-bericht-2/ Polizei und Werkschutz schritten nicht ein. Zudem gab es zwei Blockaden unabhängig von Ende Gelände, Aktivisten von Robin Wood blockierten einen Schienenstrang am Kraftwerk durch abseilen und eine zweite mittels einer Betonpyramide. Die Polizei sprach zu diesem Zeitpunkt von 1000, Ende Gelände von 2000 Aktivisten.

Während Vattenfall am Morgen noch das Betreten des Tagebaus Aktivisten und Journalisten untersagte, erklärte der Sprecher Thoralf Schirmer am Nachmittag einen „Tag der offenen Tür“. Man könne das Kraftwerk für 24 Stunden auch ohne Tagebau versorgen. Die Polizei erklärte, die Bagger seien schon am Donnerstag abgestellt worden, und es bestünde keine Gefahr und kein Anlass einzugreifen.

Samstag, 14. Mai mini|Eine Sitzblockade auf einer Schiene am 2. Tag