Seit dem Jahr 2013 gab es verstärkt Angriffe auf Säkularisten und Angehörige religiöser Minderheiten in Bangladesch. Die brutale und ritualistische Vorgehensweise der Täter, die ihre Opfer häufig gruppenweise überfielen und gemeinschaftlich mit Macheten zu Tode hackten, fand weltweite Beachtung. Die Taten wurden in der Regel islamistischen Extremisten zugeordnet. Bei den Opfern handelte es sich meist um Personen, die eine säkulare oder atheistische Weltanschauung öffentlich vertraten. Die Spannungen verschärften sich vor allem nach der Verurteilung mehrerer Mitglieder der islamistischen Gruppe Jamaat-e-Islami, wegen Menschenrechtsverbrechen während des Bangladesch-Krieges 1971, durch das Internationale Verbrechens-Tribunal (International Crimes Tribunal) in Bangladesch. Opfer waren größtenteils Blogger in sozialen Netzwerken oder Studenten bzw. Professoren an Hochschulen oder Universitäten. Zusammen mit den zum Teil nach ähnlichem Muster abgelaufenen vereinzelten islamistischen Angriffen auf religiös-ethnische Minderheiten vor allem seit dem Jahr 2015 sind den Anschlägen seit 2013 insgesamt mindestens 30 bis 40 Personen zum Opfer gefallen. Bisher wurden die Täter nur in einer Minderheit der Fälle gefasst oder verurteilt.
Hintergrund: der Islam und die Politik in Bangladesch
Islam in Bangladesch Bangladesch ist ein überwiegend islamisches Land. Etwa 90 % der Bevölkerung gehören dem sunnitischen Islam an. Die restlichen 10 % sind überwiegend Hindus, sowie kleine Minderheiten von Buddhisten, Christen und Anhängern ethnischer Religionen. Der Islam in Bangladesch hat allerdings einen anderen Charakter als beispielsweise der orthodoxe Islam arabischer Prägung. Er ist stark vom Sufismus beeinflusst und hat aufgrund des jahrhundertelangen Zusammenlebens mit anderen Religionen (Hinduismus, ethnische Religionen) auch kulturelle Elemente von diesen aufgenommen. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit und Teilung Indiens 1947 waren im Gebiet des heutigen Bangladesch noch etwa 25 % der Bevölkerung Hindus. Ihr relativer Bevölkerungsanteil ist aufgrund von Flucht und Massenvertreibungen unmittelbar nach der Teilung und später folgender langjähriger Diskriminierung stark zurückgegangen.
Seit der Unabhängigkeit Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 wurde das heutige Bangladesch als Ostpakistan Teil des neu gegründeten Staates Pakistan. Die Staatsideologie Pakistans wurde ein doktrinärer Islam, der dazu dienen sollte, gewissermaßen als ideologische Klammer das heterogene Land zusammenzuhalten. Nach jahrzehntelanger Benachteiligung durch die pakistanische Zentralregierung kam es in Ostpakistan zum Aufstand und dieses wurde nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1971 unter dem Namen Bangladesch ein unabhängiger Staat. Während des verlustreichen Unabhängigkeitskrieges hatten vor allem islamistische Gruppierungen, insbesondere die Jamaat-e-Islami die pakistanische Regierung bei ihrer Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung unterstützt. Dabei wurden zahlreiche Menschenrechtsverbrechen verübt.
Der Islamismus als Ideologie war daher im neu gegründeten Staat Bangladesch zunächst diskreditiert. Islamistische Gruppierungen wie die Jamaat-e-Islami wurden verboten und Bangladesch definierte sich in seiner Verfassung von 1972 als strikt säkulares sozialistisches Staatswesen nach dem Vorbild des benachbarten Indien. 1975 kam es jedoch zu einer Art Gegenreaktion. Die Regierung wurde in einem Putsch gestürzt und die anschließend regierenden Militärregierungen betrieben eine teilweise Re-Islamisierung. Der Islam wurde zur Staatsreligion erklärt und es wurde eine Amnestie für die islamistischen Menschenrechtsverbrechen im Unabhängigkeitskrieg erteilt.
Entwicklung nach 1990 Ab 1990 übernahmen wieder zivile Regierungen die Regierungsgeschäfte. De facto besteht seitdem eine Art Zweiparteiensystem. Auf der einen Seite steht dabei die konservativ-gemäßigt islamische Bangladesh Nationalist Party (BNP), die von Khaleda Zia geführt wird. Khaleda Zia ist die Witwe des Generals Ziaur Rahman, der Bangladesch an der Spitze einer Militärregierung 1977 bis 1981 regierte und damals mit dafür sorgte, dass die Verfassung wieder moderat islamisiert wurde. Khaleda Zias BNP steht die gemäßigt sozialistische säkulare Awami-Liga unter Hasina Wajed gegenüber. Hasina Wajed ist die Tochter des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Bangladesch Mujibur Rahman, der im Militärputsch von 1975 gestürzt und ermordet wurde. Die Parteipolitik ist daher auch stark von persönlichen Animositäten, die aus dieser Vergangenheit herrühren, geprägt. Awami-Liga und BNP haben sich seit 1990 in unregelmäßigen Abständen an der Macht abgelöst. Die Parlamentswahl 2001 wurde von der BNP gewonnen. Besonders kontrovers war damals der Umstand, dass die BNP ein Wahlbündnis mit Jamaat-e-Islami eingegangen war.
Nach der Wahl 2008: die Prozesse gegen die Islamisten Die Wahl 2008 gewann die Awami-Liga und Hasina Wajid wurde Premierministerin. Im Wahlkampf hatte die Awami-Liga die juristische Aufarbeitung der schweren Menschenrechtsverbrechen aus der Zeit während des Unabhängigkeitskriegs versprochen. Dies geschah auch und die Regierung richtete ein Sondergericht, das Internationale Verbrechenstribunal (International Crimes Tribunal – entgegen seiner Benennung ein rein mit bangladeschischen Richtern besetztes Gericht) ein. Das Tribunal klagte nach und nach praktisch die gesamte alte Führungsriege der Bangladesh Jamaat-e-Islami an und verhängte etliche Todesurteile, von denen auch einige vollstreckt wurden. Die Weltöffentlichkeit begrüßte zwar prinzipiell die Prozesse, da es sich um horrende Verbrechen handelte, die bisher ungesühnt geblieben waren, bemängelte jedoch, dass die Verfahren zum Teil nicht streng rechtsstaatlichen Kriterien genügten. Die öffentliche Meinung in Bangladesch war gespalten. Zum einen gab es Massendemonstrationen für die Todesstrafe bei den Hauptangeklagten (z. B. die Shahbag-Proteste vom Februar 2013 in Dhaka und weltweit). Andere sahen in den Prozessen einen politischen Rachefeldzug der Awami-Liga gegen ihre politischen Gegner (Jamaat und indirekt auch die BNP).
Angriffe auf Säkularisten Die Überfälle auf Säkularisten sind vor dem geschilderten Hintergrund zu sehen. Letztlich sind diese Überfälle ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Staats- und Gesellschaftsordnung, die sich seit längerem in Bangladesch abspielen. Hierbei geht es um die Frage, ob das Land eine säkulare oder eine islamistisch geprägte Gesellschaftsordnung haben sollte. Da die Täter bisher nur zum Teil ermittelt werden konnten, lässt sich keine sichere Aussage treffen, ob hier überregional organisierte oder gesteuerte Gruppen am Werk sind und ob es „höhere Auftraggeber“ gibt, oder ob es sich um Aktionen einzelner quasi unabhängiger Zellen handelt. Immer wieder gab es die Vermutung, dass Zellen des sogenannten Islamischen Staats auch in Bangladesch aktiv sind, was von der Regierung konstant bestritten wird. Die Unfähigkeit der staatlichen Organe Bangladeschs, die Täter dingfest zu machen bzw. gefährdete Personen wirksam zu schützen, ist national und international auf starke Kritik gestoßen.
Asif Mohiuddin Asif Mohiuddin ist ein bangladeschischer Blogger, der sich seit etwa dem Jahr 2008 einen Namen als Internet-Aktivist gemacht hatte. In seinen Beiträgen auf dem ersten Blog in bengalischer Sprache in Bangladesch, somewhereinblog.net hatte er sich kritisch-ironisch mit dem Koran und den islamischen heiligen Schriften auseinandergesetzt und die dort beschriebenen Wunder als wissenschaftlich unmöglich bezeichnet. Er bezeichnete sich offen als Atheisten und sprach sich für Frauenrechte sowie die Rechte von religiösen und ethnischen Minderheiten und von Homosexuellen aus. Der Blog fand in der rasch wachsenden Internet- und Bloggergemeinde viele Leser und erregte das Missfallen islamistischer Kreise. Am 15. Januar 2013 wurde Mohiuddin nahe seinem Arbeitsplatz in Motijheel, einem Stadtteil von Dhaka, überfallen. Die Angreifer stachen mit einem Messer viele Male auf ihn ein und verletzten ihn dabei schwer. Mohiuddin überlebte das Attentat. Nach einer Anklage und einem Gefängnisaufenthalt wegen vermeintlicher Blasphemie floh er schließlich im April 2014 nach Deutschland, von wo aus er weiter seine Ansichten verbreitet.
Ahmed Rajib Haider Ahmed Rajib Haider war ein bangladeschischer Architekt und Blogger. In seinen Blog hatte er kritisch über die Aktivitäten von Islamisten und islamischen Fundamentalismus geschrieben und sich selbst zum Atheismus bekannt. Außerdem hatte er ausführlich über die sogenannten Shahbag-Proteste im Frühjahr 2013 berichtet und diese mit organisiert. Bei diesen Protesten, die ursprünglich auf dem Shahbag-Platz, einem zentralen Platz in der Hauptstadt Dhaka begannen, sich aber dann auf weitere Städte in Bangladesch ausdehnten und auch von der weltweiten bangladeschischen Diaspora aufmerksam verfolgt wurden, hatten Zehntausende Demonstranten gegen die wegen Menschenrechtsverbrechen vor Gericht stehenden Führer der islamistischen Jamaat-e-Islami demonstriert und die Verhängung von Todesstrafen gefordert. Am 15. Februar 2015 wurde Haider nahe seiner Wohnung in Mirpur, einem Stadtteil von Dhaka, von fünf Personen überfallen, die mit Macheten auf ihn einhieben und ihm anschließend die Kehle durchschnitten. Er starb bei dem Angriff. Wenig später wurden durch die Polizei fünf Studenten als mutmaßliche Täter verhaftet. Am 31. Dezember 2015 verurteilte ein bangladeschisches Gericht zwei der Festgenommenen, beides Angehörige der radikal-islamistischen Ansarullah Bangla-Gruppierung, einer mutmaßlich mit al-Qaida assoziierten Splittergruppe, wegen des Mordes zum Tode.
Shammi Haque Shammi Haque erstellte Texte und Blogs zu Themen der Meinungsfreiheit, der Frauenrechte und des Islamismus. Ab 2013 führte sie Proteste der Shabag-Bewegung an. Laut taz vernetzte sie die Bewegung mit Menschenrechtsorganisationen und brachte die Forderung nach mehr Säkularismus ein. Nachdem sie von Islamisten mit Vergewaltigung und Mord bedroht worden war, erhielt sie durch den Staat umfangreichen Polizeischutz. Gleichwohl wurde ihre Unterkunft und ihre Arbeitsstelle gekündigt, und sie wurde von Veranstaltungen an der Universität ausgeschlossen. 2015 erhielt sie Asyl in Deutschland. Von 2018 bis 2020 absolvierte sie eine journalistische Ausbildung an der Axel Springer Akademie und ist für verschiedene überregionale Medien in Deutschland tätig.
Sunnyur Rahman Am 6. März 2013 wurde Sunnyur Rahman in Dhaka überfallen und durch mehrere Messerstiche schwer verletzt. Rahman war ein Shahbag-Aktivist und Blogger, der in seinen Blogs die Aktivitäten islamistischer Parteien kritisiert hatte. Die Täter seien zwei „bärtige junge Männer“ gewesen. Der verletzte Rahman wurde von Nachbarn ins Dhaka Medical Hospital gebracht und überlebte den Angriff. Von seinen Freunden wurden die Jamaat-e-Islami und deren Studentenorganisation Islami Chattra Shibir verantwortlich gemacht. Beide Organisationen bestritten dies.
Mahmudul Haque Munshi Der Blogger Mahmudul Haque Munshi und Betreiber des „Blogger online activist network“ überlebte mehrere Mordversuche und Attacken, darunter ein Angriff auf seine Person am 4. April 2014, der von verschiedenen Fernsehsendern übertragen wurde. Er kam mit einem Stipendium im Herbst 2015 nach Deutschland, wo er seitdem mit seiner Familie lebt. Im Mai 2020 wurde er in den Vorstand der Säkularen Flüchtlingshilfe gewählt.
Shafiul Islam