mini|400px|Kirchenfenster im Chorbereich.

Die Glasfenster der römisch-katholischen St.-Maria-Magdalena-Kirche in Münnerstadt im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Geschichte

In der Epoche des 14. und 15. Jahrhunderts, in die die Entstehungszeit der Glasfenster fällt, entwickelte sich in Münnerstadt durch steigenden Wohlstand ein starkes städtisches Selbstbewusstsein. Dies wurde durch Faktoren wie zum Beispiel die Verleihung des Stadtrechts im Jahr 1385 (nach einem niedergeschlagenen Aufstand gegen die Stadtherren, den Bischof von Würzburg und den Grafen von Henneberg), was den Stadtbewohnern ein gewisses Mitspracherecht einräumte, sowie durch die Lage an der wichtigen Verkehrsverbindung zwischen Nürnberg und Erfurt begünstigt.

Nach dem Aufstand von 1385 gewannen die Münnerstädter Handwerker gegenüber dem Patriziat an Bedeutung. Dagegen verlor der Deutsche Orden, der im 13. Jahrhundert den Bau der St.-Maria-Magdalena-Kirche veranlasst hatte, sein Vertrauen bei der Münnerstädter Bevölkerung und musste in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Verwaltung der Stiftungen für die Pflege der Kirche an den Rat der Stadt abgeben. Die Finanzen der Stiftung wurden nun stattdessen von durch den Rat eingesetzten Heiligenmeister beziehungsweise Heiligenpfleger verwaltet.

In dieser Zeit initiierte die Bürgerschaft – wohl auch als Ausdruck des Wohlstandes der Stadt – den Bau eines neuen Kirchenchores. Für die Entstehung des Chores finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben. Eva Ulrich und Hartmut Krohm nennen einen Zeitraum von 1428 bis 1446,Eva Ulrich, Hartmut Krohm: Die Magdalenenkirche in Münnerstadt, Karl Robert Langewiesche Nachfolger, Hans Köster Verlagsbuchhandlung KG, Königstein im Taunus, 2004 (5. Auflage), S. 3 womit der Chor allerdings erst nach Entstehung der Fenster (etwa 1415/20 bis 1440) gebaut worden wäre. Julia und Christian Hecht hingegen vertreten die Auffassung, dass der 1400 begonnene Chorbau um 1420 vollendet gewesen sein muss.Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 15 Demzufolge bezieht sich die am Südturm angebrachte Jahreszahl 1446 auf einen Zeitpunkt, an dem der Turm lange Zeit nach dem Chorbau seine heutige Höhe erreichte.

Die Herstellung der Glasfenster erstreckt sich über den relativ langen Zeitraum von etwa 1415 bis etwa 1440, weil im Mittelalter die Entstehung von Kirchenglasfenstern nicht auf Aufträge der betreffenden Pfarreien und Bistümer, sondern auf Stiftungen durch Privatpersonen zurückging. Die Fenster entstanden in zweiJulia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 19 beziehungsweise dreiGeorg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern I: Franken: Die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken: BD I, Deutscher Kunstverlag München Berlin, 2., durchgesehene und ergänzte Auflage, 1999, S, 645 Gruppen.

Nach der Reformation waren die Glasfenster so sehr dem Verfall ausgesetzt, dass der Münnerstädter Pfarrer wegen eindringenden Windes, Regens und Schnees keinen Gottesdienst mehr abhalten konnte.Nikolaus Reininger: Münnerstadt und seine nächste Umgebung nach den ältesten archivalischen Nachrichten dargestellt, besonders in seinen kirchlichen, Religions- und Schulverhältnissen. Mit 40 Urkunden und einem lithographirten Grundrisse der Pfarrkirche nebst den 3 ältesten Stadtwappen, Würzburg, 1852, S. 91 Hintergrund war, dass durch den Angriff der Reformation auf das Ablasswesen die Spenden für den Erhalt der Glasfenster zurückgingen. Einen noch größeren Eingriff bedeutete der von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn initiierte Umbau der Kirche von 1605 bis 1612. Im Zuge des Konzils von Trient sollte den Gläubigen eine gute Sicht auf das Geschehen am Altar ermöglicht werden. Die Maßnahmen führten beinahe zur Vernichtung der Fenster. Vom Ende des 16. bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden die mittelalterlichen Glasfenster einerseits als veraltet und andererseits der durch die bunt bemalten Glasfenster eingeschränkte Lichteinlass als störend empfunden.

Durch die Rückbesinnung auf mittelalterliche Kunst, die vor allem durch die als nationale Aufgabe empfundene Vollendung des Kölner Doms zustande kam, fanden ab dem 19. Jahrhundert mehrere Reparaturarbeiten an den Fenstern statt. Erste Restaurierungsarbeiten fanden von 1818 bis 1820 sowie 1833/34Josef Gut(t)enäcker: Die Glasmalereien in der Pfarrkirche zu Münnerstadt, in: Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken VII, Band 2, S. 186 und 1851 statt. Der Umfang dieser Restaurierungen scheint begrenzt gewesen zu sein, da Autoren wie Josef Gutenäcker und Nikolaus Reininger in ihren Berichten über die Restaurierungen den Wunsch nach weiteren Instandsetzungen äußerten.Josef Gut(t)enäcker: Die Glasmalereien in der Pfarrkirche zu Münnerstadt, in: Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken VII, Band 2, S. 187

Umfangreichere Erneuerungen sowie Ergänzungen fehlender Scheiben fanden von 1898 bis 1899 unter der Leitung des in München ansässigen Königlichen Generalkonservatoriums statt. Die Arbeiten wurden von zahlreichen bedeutenden Münchner Glasmalereifirmen wie Carl de Bouché (der das Apostelfenster sowie das damals noch selbständige Katharinenfenster restaurierteHeinrich Ragaller: Die Glasgemälde des 15. und 16. Jahrhunderts in Mainfranken, Phil Diss., Würzburg, 1955, S. 2), die Franz Mayer’sche Hofkunstanstalt (Elisabethfenster, Passionsfenster) und die Königlich-Bayerische Hofglasmalerei Franz Xaver Zettler (Magdalenenfenster, das damals noch auf zwei Fenster verteilte Pfingstfenster). Im Zuge dieser Restaurierung wurden die Bildzusammenhänge wiederhergestellt sowie die erhaltenen Scheiben in fast allen Fenstern – bis auf das vom Hochaltar verdeckte Fenster im Chorhaupt – von oben nach unten versetzt.

Durch Ausbau konnten die Fenster im Zweiten Weltkrieg vor der Zerstörung bewahrt werden. Das originale Maßwerk ist jedoch nicht mehr erhalten.Eric Englert (Red.): 300 Jahre Augustiner in der Pfarrei Maria Magdalena in Münnerstadt, Festschrift zum Jubiläum, Münnerstadt, 1985, S. 49

Bei den nächsten Restaurierungsarbeiten 1952/53 wurde versucht, die im 19. Jahrhundert vorgenommenen Versetzungen der Fenster wieder zurückzunehmen. Von der Versetzung betroffen waren das Passionsfenster, die Kiliansfragmente, das Katharinenfenster und das Magdalenenfenster.Heinrich Ragaller: Die Glasgemälde des 15. und 16. Jahrhunderts in Mainfranken, Phil Diss., Würzburg, 1955, S. 1

Anfang der 1970er Jahre fanden weitere Restaurierungsarbeiten statt. Sie wurden von der Linnicher Firma Dr. H. Oidtmann, Werkstätten für Glasmalerei nach Vorgaben des Spezialisten Dr. Gottfried Frenzel ausgeführt. Auf diese Arbeiten geht die heutige Anordnung der Glasfenster zurück. Im Jahr 1974 erfolgte unter Leitung von Dr. Gottfried Frenzel eine weitere Restaurierung des Elisabethfensters.Rainer Kahsnitz (wiss. Aust.-Leitung): Mainfränkische Glasmalerei um 1420. Fenster aus den Kirchen in Münnerstadt und Iphofen, Kat. Ausst. Germanisches Nationalmuseum 1974/1975 (= Farbige Fenster aus deutschen Kirchen des Mittelalters 1), Nürnberg, 1974, S. 24 1979/80 wurden die Glasfenster sorgfältig gereinigt.

Fenster Da entsprechende Urkunden oder Rechnungen aus der Entstehungszeit der Fenster nicht mehr erhalten sind, lassen sich die Werkstätten, aus denen die Fenster stammen, nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Trotz des Wohlstandes und der Bedeutung im Mittelalter war Münnerstadt jedoch zu klein, um eine eigene Glasmalereiwerkstatt zu beherbergen.Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 19.

Die Fenster gehen in ihrer heutigen Anordnung auf die Restaurierungsarbeiten Anfang der 1970er Jahre zurück. Diese kommen der ursprünglichen Anordnung der Fenster von allen Restaurierungen zwar am nächsten, können den ursprünglichen Eindruck der Fenster jedoch nicht vollständig rekonstruieren.Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 26

Die Fenster stellen die Apostel, Szenen der Passion Christi und des Pfingstwunders sowie Szenen aus dem Leben der hl. Maria Magdalena, der hl. Katharina von Alexandrien und des hl. Kilian dar. Die Fenster bestehen aus Einzelelementen mit den Maßen 85 cm mal 45 cm.Heinrich Ragaller: Die Glasgemälde des 15. und 16. Jahrhunderts in Mainfranken, Phil Diss., Würzburg, 1955, S. 8, Anm. 1 Zu beachten ist, dass die Szenen im jeweiligen Fenster von links nach rechts sowie von unten nach oben angeordnet sind. Teilweise sind zwischen den szenischen Darstellungen Architekturelemente und Fragmente angeordnet.

Mit Blick vom Kirchenschiff aus sind die Fenster von links nach rechts in folgender Reihenfolge angeordnet:

Depotfenster mini|225px|Das Depotfenster

Im Depotfenster wurden Anfang der 1970er Jahre jene Glaselemente untergebracht, die sich bei den verschiedenen Restaurierungsarbeiten keinem Fenster zuordnen ließen.

An der heutigen Position des Depotfensters befand sich von vor 1914 bis um 1970 das Apostelfenster, das nun in das direkt gegenüber liegende Fenster versetzt wurde.Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 18

In der untersten Zeile befinden sich ein Fragment, die Darstellung einer Figur, bei der es sich wahrscheinlich um einen Stifter handelt (wobei unbekannt ist, welches Fenster er stiftete), eine Darstellung der Kreuzigung Christi sowie die Darstellung zweier junger Männer.Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 70–73

Die Darstellung der Kreuzigung mit den gedrungenen Figuren und dem mit Ranken verziertem Hintergrund lässt eine Entstehung im Stil der Familie Parler um 1400 vermuten. Da diese Scheibe somit vor dem Chorbau in der Münnerstädter Pfarrkirche entstand, könnte sie ursprünglich aus einer anderen Kirche stammen.

In der zweiten Zeile sind Petrus im Garten Gethsemane, ein Fragment, ein thronender Christus (oder Gottvater, mit dem Fragment einer Marienkrönung) sowie der Judaskuss dargestellt.

Die dritte Zeile besteht aus Fragmenten.

Pfingstfenster

Das Pfingstfenster entstand um 1425/30Julia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 28–29 beziehungsweise um 1440. Das Pfingstfenster ist wie das Apostelfenster im weichen Stil gestaltet, was sich in der Integration schön gezeichneter Figuren – siehe beispielsweise die weit fließenden Gewänder der Figuren des ApostelfenstersJulia Hecht, Christian Hecht: Meisterwerke mittelalterlicher Glasmalerei in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena zu Münnerstadt (= Henneberg-Museum Münnerstadt. Band 4). Schnell und Steiner, Regensburg 2001, S. 20 – in einen großen architektonischen Aufbau äußert. Dieser Effekt kommt beim Apostelfenster viel besser zur Geltung als beim Pfingstfenster, dessen Figuren sich wegen ihrer Vielzahl gegenseitig bedrängen.