mini|Die nach Norden ausgerichtete Eingangsseite der Villa mini|Von der Terrasse an der Hauptfassade bietet sich ein Blick nach Osten über Park, den angrenzenden Bismarckturm und das Rheintal bei Königswinter
Die Villa von der Heydt (auch Schloss auf dem Wacholder und Stella Rheni) im Bonner Ortsteil Alt-Godesberg liegt auf der Wacholderhöhe an der Elisabethstraße 18. Die Ende des 19. Jahrhunderts als Sommersitz errichtete Residenz der Familie von der Heydt wurde 1927 an den Jesuitenorden verkauft, der in der großzügigen Parkanlage eine Privatschule mit Internat – das Aloisiuskolleg – errichtete. Die Villa steht einschließlich historischer Nebengebäude und Park seit dem Jahr 2006 unter Denkmalschutz. Die Stella Rheni wird seit 2016 als Veranstaltungsort genutzt.
Geschichte Sommerfrische für die Familie von der Heydt Der in Berlin ansässige Bankier Karl von der Heydt erwarb 1890 ein 14,3 Hektar großes Grundstück, genannt „Auf dem Wacholder“,Walter Voigt: Bad Godesberg zu Fuß entdecken: Rundgang Teil 4: von der Rheinaue über Friesdorf, Schweinheim, Marienforst, Heiderhof. Bei: godesberger-markt.de. – eine Anhöhe im Westen Bad Godesbergs. Als Junge hatte Heydt oft die Sommerferien bei seinem Großvater Carl von der Heydt in dessen Villa, dem 1861 gekauften, ehemaligen kurfürstlichen Theater und Bürgermeisterhaus an der Godesberger Redoute verbracht. Karl von der Heydt wollte auf dem neuerworbenen Grundstück, das einen weiten Blick auf die Rheinlandschaft um den Drachenfels ermöglichte, einen repräsentativen SommersitzDie Villa von der Heydt. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz. Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Grote, 1980, S. 366 f. für sich und seine Familie errichten.Axel Kirchhoff: Der Architekt Heinrich Plange (1857–1942): Ein Baumeister des Unternehmertums in der bergischen Region. Inaugural-Dissertation an der Bergischen Universität/GHS Wuppertal, Wuppertal 2004, S. 144–168 Er beauftragte die Elberfelder Architektensozietät Heinrich Plange und Friedrich Hagenberg mit dem Bau eines schlossähnlichen Anwesens.Annette Wagner-Wilke: Ludwig von Hofmann und das Wandbild. Inaugural-Dissertation, Philosophische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau, 2011, S. 49, siehe auch Fußnote 173. Die ausgedehnte Parkanlage wurde von dem Hofgartendirektor Hermann Walter (damals in Kronberg im Taunus tätig) geplant und unter dem Gartenarchitekten Fritz Gude ausgeführt.Nachruf auf Fritz Gude, in: Die Gartenwelt, Illustriertes Wochenblatt für den gesamten Gartenbau. Jahrgang 4, Nr. 28 (14. April 1900), S. 335.Nach anderer Quelle wurde der Landschaftsgarten vom Gartendirektor Walter Wolters aus Remscheid entworfen und vom Godesberger Gartenarchitekten Eduard Toepler ausgeführt. Nach: Horst Heidermann: Der Wuppertaler Villen und Wohnungen – Spurensuche am Rhein, 2011, online PDF, S. 19, Bergischer Geschichtsverein, Abteilung Wuppertal.
Am 17. Juni 1891 reichte Heydt beim damaligen Godesberger Bürgermeister, Anton Dengler, seinen Bauantrag ein. Die Genehmigung erfolgte am 21. Juli des Jahres. Der Rohbau wurde Mitte Februar 1892 abgenommen. Etwa im Sommer 1893 war die Villa, die am höchsten Punkt des Hügels errichtet worden war,Claudia Keller: Missbrauch am Bonner Aloisiuskolleg: System des Mitwissens. In: Der Tagesspiegel, 8. August 2013. bezugsbereit; diese Jahreszahl findet sich im Emblem über dem Eingangsportal. Zur Übernahme des neuen Besitzes soll Heydt mit seiner Frau Elisabeth (geb. Wülfing, 1864–1961) nach Godesberg gefahren sein, um der Überraschten dort die Schlüssel als Geschenk zu übergeben. Die Straße, von der die Zufahrt zur neuerbauten Villa abging, wurde nach der Hausherrin als Elisabethstraße benannt, den Namen, den sie noch heute trägt. Von nun an verbrachte die Familie die Sommermonate von Mai bis September fast ausnahmslos in der Sommerresidenz.
Noch im Jahr 1893 trat Heydt ein Stück seines Grundstückes an die Stadt Godesberg ab und ermöglichte so die Erschließung der Muffendorfer Höhenlagen.Pia Heckes: . Website: muffendorf.net, 7. Januar 2016. Anlässlich des Meisterturniers beim Kongress des Deutschen Schachbunds im Jahr 1898 veranstaltete Heydt auf seinem Anwesen eine Gartenparty für die Teilnehmer, unter denen auch Adolf Albin, Wilhelm Steinitz und Michail Tschigorin waren.Abriss der Vereinsgeschichte. In: Chronik. Website des Kölner Schachklubs Dr. Lasker 1861 e. V. Zur Jahrhundertwende stiftete Heydt einen kleinen, im Osten gelegenen Teil seines Grundstückes als Bauplatz für einen zu errichtenden Bismarckturm, der heute gegenüber dem Zufahrtstor zur Villa an der Elisabethstraße steht.
Aufenthalt Rilkes Im August und September 1906 wohnten der Dichter Rainer Maria Rilke und seine Familie als Gäste in der Heydt’schen Villa. Heydt hatte Rilke 1905 in Berlin kennengelernt und wurde einer seiner Mäzene.Barbara Glauert-Hesse (Hrsg.): „Paris tut not“, Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller: Briefwechsel. Wallstein, 2001, Rilke hatte die Einladung nach Bad Godesberg angenommen, da er sich auf einer Fahrt nach Meudon befand, wo er beim französischen Bildhauer Auguste Rodin eine Sekretariatsstelle für die Wintermonate antreten sollte. Rilke ermunterte Heydt zu eigenen literarischen Arbeiten.Familie von der Heydt. In: Portal Rheinische Geschichte, Landschaftsverband Rheinland, 8. März 2013. Zum Abschluss seines Aufenthaltes in der Villa von der Heydt hinterließ Rilke am 11. September 1906 im Gästebuch der Heydts ein Gedicht:
Den ersten Band seiner zweiteiligen Gedichtsammlung Neue Gedichte widmete Rilke 1907 dem Ehepaar von der Heydt.
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit Während des Ersten Weltkriegs stellte Heydt Teile seines Anwesens zur Nutzung als Feldlazarett zur Verfügung; als Chefarzt war hier Carl Brockhaus tätig. In seinen späteren Lebensjahren gab Heydt seine Bankaktivitäten auf. Die Berliner Bank wurde an das Privatbankhaus Delbrück, Schickler und Co. übertragen, in dem sein Schwiegersohn Imre Karl Michael Julius Freiherr von Palm (1884–1949) als Partner tätig wurde. Die Berliner Villa der Heydts am Landwehrkanal wurde im Jahr 1919 veräußert; Heydt zog nun ganz nach Bad Godesberg. Am 9. August 1922 starb er in seiner Villa auf der Wacholderhöhe. Seine Witwe wollte als aktiv am gesellschaftlichen Leben Godesbergs Teilnehmende nicht mehr auf dem etwas abgelegenen und ihr zu großen Besitz lebenBeiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertals. Bände 5–7, 1960, S. 83. und bezog das Familienanwesen an der knapp 1000 Meter entfernt liegenden Redoute, in das später auch ihre Tochter, Gerda de Weerth (1894–1995), einziehen sollte. auf der Website bad-godesberg.info. Die Villa auf der Wacholderhöhe stand mehrere Jahre lang leer, im Jahr 1926 verkaufte Elisabeth von der Heydt sieAnnette Wagner-Wilke: Ludwig von Hofmann und das Wandbild. Inaugural-Dissertation, Philosophische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau, 2011, S. 56, Fußnote 194. an den Jesuitenorden. Vermutlich wurde sie dabei im Auftrag ihres Schwiegersohnes Imre von Palm tätig, der im damaligen städtischen Lageplan bereits als Besitzer ausgewiesen war.
Aloisiuskolleg Im Park des 1926 erworbenen Anwesens ließ der Jesuitenorden ab 1927 ein großes, modernes Schulhaus mit Internats- und Wirtschaftsräumen sowie eine Mehrzweck-Turnhalle und Sportplätze bauen – das Aloisiuskolleg (AKO).Heimatbuch des Landkreises Bonn. Band 2, Der Landkreis (Verlag), Bonn 1959, S. 35. Die Villa von der Heydt wurde fortan als Stella Rheni bezeichnet und nach Anpassung als Internatsgebäude für männliche Schüler der Unter- und Mittelstufe verwendet. Der Charakter der Innenarchitektur der herrschaftlichen Villa wurde dabei einer möglichst effizienten Nutzung mit Schlafsälen etc. untergeordnet. Ein Teil der Internatsschüler der Oberstufe wurde im historischen Jägerhaus untergebracht.Eine Hochschule des Vertrauens und der Treue Bonner General-Anzeiger, 1. Juli 2001
1968 versuchte der sowjetische Botschafter in Bonn, Semjon Zarapkin, die vormalige Heydt-Immobilie als Botschaftsgebäude zu erwerben. Das bis dahin von den sowjetischen Diplomaten in Bonn genutzte ehemalige Hotel Rolandseck wurde von Zarapkin als ungeeignet angesehen. Nach Absage des Jesuitenordens wurde der Nuntius von Papst Paul bei der deutschen Regierung, Corrado Bafile, um Vermittlungshilfe gebeten. Auch er konnte nichts bewirken.Sowjetbotschaft: Nur mit Gott Der Spiegel Ausgabe 32/1968, 5. August 1968
Ab 1968 hat der neue Leiter des Internats, Pater Ludger Stüper SJ, mit Unterstützung von Stiftern und Spendern versucht, einerseits den herrschaftlichen Charakter des Hauses im Untergeschoss wiedererstehen zu lassen, andererseits die Schlaf- und Wohnräume für die Kinder und Jugendlichen in den oberen Geschossen abwechslungsreich und jugendgerecht zu gestalten. Bewusst wurde von ihm die Neo-Renaissance zum Anknüpfungspunkt für eine Ästhetik benutzt,Ludger Stüper: Jesuitische Erziehung als Aufgabe und Chance. Erfahrungen am Aloisiuskolleg Bad Godesberg. In: Ignatianisch. Hrsg. von Michael Sievernich und Günter Switek, Herder Verlag, 1990, S. 543–556, hier 550. die auch die Darstellung des halb nackten Körpers in der Antike umfasste. Während zur Ausstattung des Hauses manche Bilder von nur leicht bekleideten Jungen verwendet wurden, die Stüper angefertigt hatte, wurde nach 2010 bekannt, dass er über Jahrzehnte auch Kinder unter Verweis auf diese ästhetische Tradition dazu brachte, sich von ihm nackt fotografieren zu lassen.Ex-Schüler berichtet im EXPRESS Die Knabengalerie des Ako-Paters Kölner Express 9. November 2010 Auch darüber hinaus diente die ästhetische Referenz zu der von ihm ausgestalteten Villa für Stüper als Anknüpfungspunkt für von ihm verübten Missbrauch. Die Bewunderung für die aufwendige Gestaltung des Hauses und die über den Bezug zur Nacktheit in der Antike von ihm geschaffenen fließenden Übergänge von fragwürdigen zu kriminellen Verhaltensweisen schützten ihn offensichtlich lange Zeit vor Aufdeckung und offenem Widerspruch.Julia Zinsmeister, Petra Ladenburger und Inge Mitlacher: Schwere Grenzverletzungen zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen im Aloisiuskolleg Bonn – Bad Godesberg: Abschlussbericht zur Untersuchung im Auftrag der Deutschen Provinz der Jesuiten. Untersuchungsgruppe Aloisiuskolleg, Abschlussbericht 2/2011.
Im Jahr 2014 bot die Schulleitung der Stadt Bonn die Unterbringung von Kriegsflüchtlingen im Jägerhaus an. Die Stadt lehnte ab.Jesuitenkolleg in Bonn Flüchtlinge sollen nicht ins Ako Bonner General-Anzeiger, 22. August 2014
Veranstaltungsort Seit 2016 wird die Villa nicht mehr zur Unterbringung von Internatsschülern genutzt, sondern für herausgehobene Feste und Veranstaltungen der Schule und des Kollegs, sie wird zu solchem Zweck auch an Außenstehende (z. B. für Tagungen oder Hochzeiten) vermietet.
mini|Der moderne Schulkomplex des Aloisiuskollegs mini|Das Jägerhaus
Lage und Architektur Die Villa liegt etwa mittig zwischen der Petersbergstraße im Westen und der Elisabethstraße im Osten. Der Park der Anlage reicht an diese beiden Straßen und beinhaltet an der Westseite Tennisplätze und Freisportanlagen. Im Nordteil des Parkes liegt der Campus der ab 1927 errichteten Schulanlage (Schul- und angrenzendes Internatsgebäude, heute erweitert um eine Kollegskirche, die Rotunde und ein aus der Gründerzeit an die Turnhallen angrenzendes Fachwerkhaus).
Außenbereich