mini|Esslinger Marktplatz, ehemaliger Standort des Katharinenhospitals mini|Kielmeyerhaus – letzter baulicher Rest des Hospitals mini|Links: Brotkästen im Innenhof des Katharinenhospitals, gezeichnet von Tobias Mayer im Jahr 1737. Man sieht die Verteilung von Brot an Ladenpfründner und andere Bewohner des Hospitals. Das Katharinenhospital in Esslingen am Neckar ist ein der heiligen Katharina geweihtes Hospital, das erstmals 1232 erwähnt wurde. Sowohl Männer als auch Frauen bildeten eine Laienbruderschaft, die als Ordensgemeinschaft ab 1247 nach den Augustinusregeln lebte.
Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Hospital auf den heutigen Marktplatz Esslingens verlegt. Ab 1815 wurden die Aufgaben des Katharinenhospitals vom heutigen Altenpflegeheim Obertor, damals noch St.-Klarissen-Kloster, übernommen und das Hospitalgebäude abgerissen. Bisher wurde der ehemalige Standort noch nicht archäologisch untersucht.
Geschichte Mittelalter Die älteste erhaltene Erwähnung des Katharinenhospitals stammt von 1232 und befindet sich in einer von Papst Gregor IX. ausgestellten Bestätigungsurkunde, die Meister und Bruderschaft Schutz und den bereits bestehenden und zukünftigen Besitz der Einrichtung bestätigt. Zweck des Spitals war, Pilger, Gebärende, Findelkinder, Schwache, Lahme und andere Bedürftige unentgeltlich aufzunehmen und zu pflegen.WUB 3, Nr. 814. Die zunehmende Verbürgerlichung des Hospitals war bereits 1335 abgeschlossen, was bedeutete, dass fast ausschließlich Einheimische aufgenommen wurden. Die heutige Forschung beurteilt diesen Prozess unter anderem als Vorgang der „allmählichen Ausdifferenzierung und Erweiterung des Fürsorgewesens“.Zitiert nach Iris Holzwart-Schäfer: Die Gebäude des Katharinenhospitals der ehemaligen Reichsstadt Esslingen am Neckar. In: Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung. -8, S. 31–40, Stuttgart 2005. Ergänzt wurde das Hospital 1268 mit einem Siechenhaus – es befand sich in der heutigen Ritterstraße –, das für Aussätzige am östlichen Stadtrand platziertWUB 6, Nr. 1987. und noch im 13. Jahrhundert um zwei Gebäude erweitert wurde.Haug: Katharinenhospital. S. 141 f. In den 40er Jahren des 14. Jahrhunderts wurde ein Waisenhaus gegründet. 1411 wurde ein Seelhaus angegliedert, das für die Versorgung von Reisenden zuständig war.EUB 2, Nr. 1919, 28. September 1411 Ende des 15. Jahrhunderts wurden ein „Blatternhaus“ für an Syphilis Erkrankte sowie eine Einrichtung, die sich um die Verwahrung von aggressiven Geisteskranken kümmerte und als „Narrenhäusle“ bezeichnet wurde, errichtet.Haug: Katharinenhospital. S. 145 f. Vermutlich fand aber keine strikte Trennung von Einheimischen und Fremden statt. Die Einrichtungen hatten rechtlich nicht alle den gleichen Status, wurden jedoch durch die Verwobenheit von Finanzierung und Personal als zusammenhängend wahrgenommen. War das Katharinenhospital zunächst noch eine unentgeltliche Einrichtung gewesen, so erkauften sich Pfründner im Laufe der Zeit die Aufnahme. Dazu gehörten sowohl junge als auch alte Menschen, die zum Beispiel wegen körperlicher oder geistiger Behinderung oder Geisteskrankheit Pflege benötigten, aber auch Witwen und unverheiratete Frauen außerhalb eines Familienverbandes. Über Seuchen, die in Esslingen grassierten, ist vor dem frühen 15. Jahrhundert kein sicherer Beleg vorhanden. Vermutlich brach jedoch im 14. Jahrhundert die Pest aus, was die Inschrift über dem Türsturz des mittleren Langhaus-Südportals von St. Dionysius belegen könnte, auf dem das Wort „pestis“ geschrieben steht.Patrick Sturm: Leben mit dem Tod in den Reichsstädten Esslingen, Nördlingen und Schwäbisch Hall – Epidemien und deren Auswirkungen vom frühen 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert, in: Esslinger Studien Band 23, 2014, S. 34. Im 15. Jahrhundert (evtl. 1419) entstand die Pestschrift des Nikolaus vom Schwert, die auf eine Seuche in Esslingen hinweist und von prophylaktischen Maßnahmen gegen die Pest berichtet.Patrick Sturm: Leben mit dem Tod in den Reichsstädten Esslingen, Nördlingen und Schwäbisch Hall – Epidemien und deren Auswirkungen vom frühen 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert, in: Esslinger Studien Band 23, 2014, S. 34. Dennoch ist die genaue Datierung dieser Seuchen nicht möglich. Des Weiteren sind Seuchenflüchtlinge aus dem Jahr 1438 und Epidemien im Umland aus dem Jahr 1450 bekannt, die Esslingen und somit die Einrichtungen des Katharinenhospitals beeinflusst haben können. Erst von 1472 gibt es den ersten gesicherten Beleg einer Seuche in Esslingen.
Frühe Neuzeit Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert kaufte die Spitalverwaltung sowohl Gebäude als auch Land zum Vermögen des Hospitals hinzu, um mehr Wohnraum für Pfründner sowie Platz für Kapellen und wirtschaftliche Außenstellen zu schaffen. Im 17. Jahrhundert übernahm das Klarissenkloster, das ein weiteres Armenhaus mit Lazarettfunktion unterhielt, zusammen mit dem Predigerkloster, das die Funktion einer Arbeitsanstalt für Arme, Waisen und Häftlinge hatte, die Aufgaben des Katharinenhospitals. Letzteres hatte im Laufe der Zeit ein gewaltiges finanzielles Defizit und hielt seine Bausubstanz nur noch notdürftig instand. Es hatte zusehends an Bedeutung verloren und wurde schließlich Anfang des 19. Jahrhunderts als „unschön und völlig unzweckmäßig beurteilt“.Iris Holzwart-Schäfer: Die Gebäude des Katharinenhospitals der ehemaligen Reichsstadt Esslingen am Neckar.
Versorgung Arten Pfründverträge konnten weitgehend individualisiert werden, sowohl was Preis als auch Leistungen anging, die das Spital für den Pfründner zu erbringen hatte. Zu beachten ist dabei, dass aus den Verträgen nicht immer alle Leistungen zu entnehmen sind, da offenbar einige Leistungen als selbstverständlich erachtet und nicht aufgeführt wurden. Im Katharinenhospital existierten vier Formen der Pfründe: Die Armenpfründe bzw. Siechenpfründe war die günstigste Form des Vertrages mit ca. 23–25 Gulden (fl.) im 15. Jahrhundert.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 15. Die Pfründner lebten zusammen mit den Bedürftigen in den Armenstuben, mussten die Hausordnung befolgen und erhielten die gleiche Kost. Diese Art der Pfründe konnte sich dennoch nur ein geringer Teil der Bevölkerung leisten, im 15. Jahrhundert waren es aber immerhin 20–30 % der Steuern zahlenden Bevölkerung.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 16. Pfründen waren jedoch die einzige Versorgungsalternative für diejenigen, die keine Familie hatten. Die Herrenpfründe und Mittelpfründe wurden zusammengefasst, die Pfründner wurden als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet. Sie erhielten gemäß ihrem jeweiligen Pfründvertrag bessere Kost und lebten entweder in der Brüderstube, in eigenen Stuben, die entweder allein oder mit einem Ehepartner bewohnt wurden, oder mit wenigen anderen Brüdern oder Schwestern zusammen.Iris Holzwart-Schäfer: Die Gebäude des Katharinenhospitals der ehemaligen Reichsstadt Esslingen am Neckar. In: Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung. 8. Stuttgart 2009, S. 33. Der Mindestpreis einer solchen Pfründe betrug im 15. Jahrhundert ca. 100 Gulden, was sich etwa ein Drittel der Steuern zahlenden Bevölkerung leisten konnte. Angesichts des Einkommens im 15. Jahrhundert und horrender Lebensmittelpreise konnten sich eine solche Pfründe fast ausschließlich Menschen leisten, die das Einkommen eines Meisters im Bauhandwerk hatten oder aus einer solchen Familie stammten.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 15 f, S. 19. Die Gehorsamenpfründe war für Arbeitsfähige gedacht, die sich verpflichteten, dem Spital Dienste z. B. als Mägde oder Knechte zu leisten, solange sie arbeitsfähig waren oder auf einige Jahre. Sie erhielten Kost, Unterkunft, Kleidung und Geld. Sie konnten, wenn sie arbeitsunfähig geworden waren, eine Brüder- (Herren- bzw. Mittelpfründe) oder eine Siechenpfründe für sich erwerben. Eine Gehorsamenpfründe für ein Ehepaar kostete im 15. Jahrhundert pro Ehepartner 46 Gulden.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 15. Zu bedenken ist jedoch, dass Ehepaare zwar einzelne Pfründen erwarben, jedoch durch den Umstand der Ehe Vergünstigungen erhielten. Die Ladenpfründe bildete die wichtigste Einnahmequelle des Hospitals. Menschen, die Ladenpfründner waren, holten täglich Nahrungsmittel vom Küchenladen des Spitals ab. Sie wohnten nicht in zugehörigen Gebäuden des Spitals und waren auch nicht an Spitalordnungen gebunden.
Preise Die Preise für Pfründen waren nicht absolut festgesetzt. Zwar scheint ein „Grundpreis“ existiert zu haben, der jedoch nach folgenden Umständen verändert wurde: vereinbarter Leistungsumfang, Gesundheit des Pfründners, dessen zu erwartende Lebensdauer, Art der Bezahlung (bar oder auf Raten, in Gulden oder Hellern, Übereignung von Sachbesitz oder Geldforderungen oder auch durch unterschiedliche Kombinationen dieser Möglichkeiten), Angebot und Nachfrage von und nach Pfründen und teilweise auch nach den aktuellen Kosten für Lebensmittel.
Im 16. Jahrhundert kam es zu einer Verteuerung der Pfründen:
BezeichnungAngaben nach Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 15. 15. Jahrhundert (in Gulden) 16. Jahrhundert (in Gulden) Anmerkung Brüder- bzw. Schwesternpfründe 100–150 200 Ende 16. Jahrhundert: 600–700 Gulden Gehorsamenpfründe 46 100 Armenpfründe 25 80–90
Bewohner Allgemeine Angaben Insgesamt waren mehr Frauen als Männer im Katharinenhospital untergebracht. Von den 5000–6000 Einwohnern, die Esslingen im 15. Jahrhundert in etwa hatte, wurden rund 5–6 % vom Spital versorgt, da das Hospital täglich mindestens 300 Menschen speiste. Ein Visitationsbericht aus dem Jahr 1532 enthält Angaben zu Brotmengen, die zu unterschiedlichen Stellen gelangten. So erhielt der Küchenladen des Spitals pro Tag 135 Brote, die Brüderstube 15. Daraus ergeben sich 135 Ladenpfründner, was die Beliebtheit dieser Pfründenart noch einmal zeigt, und 15 Brüder- bzw. Schwesternpfründe. Des Weiteren wird von 45 Hausarmen und 28 Armenpfründnern oder Kranken ausgegangen. Von weiteren 70 Personen ist zu vermuten, dass sie nicht im Spital, sondern in weiteren Armenstuben, im Seelhaus oder im „Warzenhaus“ untergebracht waren.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige. S. 20.
Aus den Verträgen geht oft nicht die soziale Herkunft der Pfründner hervor. Bekannt sind aus Esslingen aber einige ehemalige Zunftmeister, Mesner, die Schwester eines reichen Geistlichen, ein Unterbaumeister, die Frau eines Totengräbers und ein Bordellwirt, was insgesamt eine soziale Heterogenität der Pfründner zeigt.
Frauen stellten die Mehrheit der Spitalbewohner. Dies war keinesfalls ungewöhnlich, da das Armutsrisiko für Frauen in der Regel höher war als das von Männern. Begründet war dies in den geringeren und eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten, die Frauen offen standen.Iris Holzwart-Schäfer: Pfründner und Bedürftige im Esslinger Katharinenhospital. Soziale Schichtung, Versorgung und Alltag im 15. und 16. Jahrhundert. S. 11.
Die Armen Das Katharinenhospital pflegte neben dem Pfründewesen auch die Bedürftigen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Versorgung der Armen zum Teil aus Zahlungen von Pfründnern bestritten wurde, die sich in die Pflege eingekauft hatten.Iris Holzwart-Schäfer: Die Gebäude des Katharinenhospitals der ehemaligen Reichsstadt Esslingen am Neckar. In: Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung. 8. Stuttgart 2009, S. 33.