La Coûme ist der Name einer ab dem Spätherbst 1933 in den Pyrenäen aufgebauten Exil-Schule für junge deutsche Flüchtlinge. Sie ist benannt nach dem Anwesen, auf dem sie entstanden ist, Mas de la Coûme. Ihre Gründer waren – mit Unterstützung der englischen Quäker – das Ehepaar Pitt und Yvès Krüger, nachdem Pitt Krüger 1933 aus dem deutschen Schuldienst entlassen und zur Emigration gezwungen worden war. Zunächst als Einrichtung geplant, die jungen deutschen Flüchtlingen zu einer landwirtschaftlichen Ausbildung verhelfen sollte, wurde La Coûme später in eine internationale Jugendherberge umgewandelt und danach in eine Schule, die stark geprägt war von den reformpädagogischen Landerziehungsheimen in Deutschland. 1975 übergab das Ehepaar Krüger La Coûme an eine gemeinnützige Stiftung, die Fondation Krüger, die auch weiterhin Trägerin der Schule ist.Homepage von Mas de la Coume (in französischer Sprache).

Yvès Krüger Es wird in dem nachfolgenden Artikel meist von Pitt Krüger die Rede sein, weil die vorliegenden Dokumente überwiegend ihn in den Mittelpunkt stellen. Die wichtige Rolle, die Yvès Krüger nicht nur „als Frau an seiner Seite“ gespielt hat, wird in der Regel nur angedeutet. Selbst auf der Webseite des „exil-archivs“, das ausführlich die Lebensdaten von Pitt Krüger referiert, kommt Yvès nur als „eine aus Genf gebürtige Französin“ vor. Gerade, weil die pädagogischen Vorstellungen des Ehepaars Krüger denen der Bondy-Schulen so ähnlich sind, fällt auf, wie sehr reformpädagogische Konzepte oft als „Werke großer Männer“ dargestellt und die Beiträge der Ehefrauen oder Partnerinnen, hier Yvès Krüger und Gertrud Bondy, vernachlässigt werden. Deshalb vorab einige Lebensdaten zu Yvès Krüger.

Henriette Fustier (genannt Yvès) wurde am 9. November 1903 in Yvoire im französischen Département Haute-Savoie geboren. Als sie noch ein kleines Kind war, starben ihre Eltern bei einem Autounfall. Yvès und ihr Bruder kamen danach in ein Waisenhaus in Genf.

Nach dem Studium arbeitete Yvès Fustier zunächst als Sekretärin, bevor sie dann als Französischlehrerin an die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen ging. 1928/1929 lernte sie Pitt Krüger kennen, den sie am 17. Mai 1929 heiratete.Der Hinweis auf die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen stammt aus dem schon zitierten Aufsatz von Jamine und Pierre Noack. Während Jamine und Pierre Noack behaupten, Yvès und Pitt Krüger hätten sich in Letzlingen kennengelernt, legt Pitt Krüger nahe, dass dies bei der Arbeit in der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer und Lehrerinnen (AsL)“ geschehen sei.

Mit dem Hinweis auf ihren Todestag, den 13. Januar 1988, und Prades als Ort ihres Todes erschöpfen sich die direkten Hinweise auf Yvès Krüger. In der Darstellung der Geschichte von La Coûme spielt sie fortan eher eine Nebenrolle. Doch spätestens ihre Rolle nach der Verhaftung Pitt Krügers durch die französische Miliz und dessen Auslieferung an die Gestapo im Jahre 1944 zeigt, dass die Fokussierung auf Pitt Krüger ein recht einseitiges Bild ergibt.Welche Forschungslücken hier noch klaffen und welche Bewusstseinsveränderungen hier noch nötig sind, belegt eine Tagung Ende Mai 2016 in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin, die den Titel trägt: „Aus dem Schatten treten. Frauen an der Seite gelehrter Männer aus Wissenschaft und Kunst.“ Nach Angaben der Veranstalter stehen im Fokus der Tagung „Frauen vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts, die ungeachtet des für Frauen gesellschaftlich Akzeptierten an der Seite eines bekannten Forschers oder Künstlers eigenständig wissenschaftlichen oder künstlerischen Fragen und Aufgaben nachgingen oder die wissenschaftlichen/künstlerischen Arbeiten ihrer gelehrten Männer, männlichen Bezugspersonen oder Mentoren um einen eigenen Anteil ergänzten.Das Interesse richtet sich demzufolge auf Frauen, die das historisch vorherrschende Geschlechtermodell mit Eigenem_Sinn interpretierten, sich mithin nicht in üblicher Weise auf die Rolle als Ehefrau, Mutter oder Repräsentantin der Familie beschränkten.“

Pitt Krügers Leben vor seiner Emigration Pitt Krüger, geboren am 9. Juni 1904Alle nachfolgenden biografischen Angaben stammen, soweit keine anderen Quellen zitiert werden, aus: Pitt Krüger: Brief an eine Quäker-Freundin. Das genaue Geburtsdatum entstammt dem schon zitierten Artikel in der französischen WIKIPEDIA. in Köln-Ehrenfeld, gestorben am 26. August 1989 in Prades, war ein Arbeiterkind, „was bedeutete, daß er in der Schule hinten sitzen mußte: Die vorderen Reihen blieben den Bürgersöhnen vorbehalten. Doch Pitt Krüger robbte sich nach vorne. Er bestand die Prüfung fürs Gymnasium und fand besonderen Gefallen an der französischen Sprache. Mit vierzehn Jahren sprach er sie bereits so gut, daß er nach dem Kriegsende 1919 für französische Lastwagenfahrer, die sich vor dem Kölner Dom trafen, dolmetschte und sich so sein Taschengeld verdiente.“

Von 1920 bis 1924 besuchte er das Lehrerseminar in Brühl bei Köln. Während dieser Zeit war er in der Jugendbewegung aktiv. 1925 wurde er Lehrer an einer Privatschule, dem Landschulheim in Ruppichteroth, Ende 1926 an einer Privatschule in Potsdam. In diesen Jahren intensivierten sich seine Beziehungen zur Reformpädagogik und zur Landerziehungsheimbewegung. „Insbesondere Paul Geheeb, Minna Specht, Utz (Breitenbrunn am Ammersee) und Uffrecht zählt Krüger zu seinen Vorbildern.“Hildegard Feidel-Mertz: Pitt Krüger, La Coûme und das Prinzip der „Ausgeglichenheit“, S. 169 In seinem Brief an eine Quäker-Freundin schreibt Krüger, dass diese Pädagogen – hinzu kommt noch Maria Montessori – nicht nur für ihn von Bedeutung waren, sondern ebenso für seine Frau, die dank ihrer Tätigkeit an der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen auch über die größere reformpädagogische Praxis verfügt habe.

Mit dem Wechsel nach Potsdam (Krüger spricht von Berlin) begann auch sein Engagement in der ArbeiterjugendKrüger spricht von der „Soz.dem. Arbeiterjugend“, womit die Sozialistische Arbeiter-Jugend gemeint war.. Feidel-Mertz verweist auf seine dort geleistete Kulturarbeit:

Krüger selbst umreißt die Hauptgebiete seines Engagements mit „Kulturarbeit – Pazifismus – Völkerverständigung usw.“ und erwähnt im gleichen Atemzug: „Habe dort meine Frau kennengelernt (eine Französin).“ Er wurde zu der Zeit auch Schriftführer der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer und Lehrerinnen (AsL)“ im Bezirk Brandenburg und erhielt 1928 eine Anstellung im öffentlichen Schuldienst. Begünstigt durch die Ehe mit einer Französin, entstehen in der Folgezeit sowohl private als auch offizielle Verbindungen zu Frankreich, denn im Auftrag der AsL hatte Krüger in den Folgejahren häufig in Paris zu tun. Für die Nazis wird er dadurch kurze Zeit später zum „Franzosen-Krüger“, der durch seine Sympathien für Frankreich das Wohl der deutschen Nation negiere.Hildegard Feidel-Mertz: Pitt Krüger, La Coûme und das Prinzip der „Ausgeglichenheit“, S. 169

1930 schloss sich Krüger den Quäkern an, und 1931 wandte er sich mit dem Artikel Turnspiel oder Kasernenhofdrill in der „Potsdamer Volkszeitung“ gegen den militärischen Drill im Unterricht eines nationalsozialistischen Kollegen.Hildegard Feidel-Mertz: Pitt Krüger, La Coûme und das Prinzip der „Ausgeglichenheit“, S. 168–169 Diese Ereignisse und ihre Folgen beschreibt Krüger wie folgt:

An jenem 10. März 1933 wird Pitt Krüger von der Gestapo direkt aus dem Unterricht herausgeholt und mit Berufsverbot belegt. Die Krügers verlieren ihre Dienstwohnung und müssen, da sie über keinerlei Ausreisepapiere verfügen, in den Wäldern um Potsdam kampieren. Pitt, Yvès und ihre zweijährige Tochter JamineSehr einfühlsam beschreibt Barbara Thalheim, deren Vater Werner zwischen 1935 und 1939 auch einige Zeit auf La Coûme lebte, ihre Begegnung mit Jamine (bei ihr: Janine) im Herbst 2010. Sie zitiert zunächst aus dem Tagebuch ihres Vaters, „…Schon 1934 fuhren Pitt und Yvès Krüger als erste Vorposten auf die „Mas de la Côume“ in die Pyrenäen und begannen die schwere, entsagungsvolle Arbeit auf der seit einem Menschenalter verlassenen Farm. Ihr Töchterchen Janine, gerade drei Jahre alt, ist ein Wildfang, das mich an ein Raubtier erinnert. Antiautoritär erzogen, streift sie Tag für Tag völlig frei mit ihrem Hund Maroûf, einer greulichen Dorfpromenadenmischung durch das riesige Gelände und stellt dabei tausend Dummheiten an….“, um dann fortzufahren: „Das steht in einem unveröffentlichten Manuskript meines Vaters, in dem seine Emigration in Frankreich, die ihn in den Jahren 1935–1939 auch in die Pyrenäen führte, viel Raum einnimmt. Der ‚drei Jahre alte Wildfang Janine‘, das Kind, das 1936, als das Foto entstand, von einem deutschen Emigranten am Arm gehalten wird, der dreizehn Jahre später mein Vater wurde, stand nun als achtzigjährige Frau vor mir. Man schämt sich nicht, für einen solchen Augenblick den Begriff vom ‚Mantel der Geschichte, der wehte‘, zu bemühen.“ Barbara Thalheims Erinnerungen an „Mas de la Coûme“. Das in dem Zitat erwähnte unveröffentlichte Manuskript von Werner Thalheim wurde 2014 in französischer Sprache veröffentlicht (s. Literatur). leben 13 Wochen in einem Zelt, mussten aus Sicherheitsgründen auch oft ihren Standort wechseln. Von einem Polizisten, dessen Sohn Krüger früher unterrichtet hatte, erfuhr er, dass er polizeilich gesucht wurde. „Dieser Polizist verhalf ihm außerdem noch zu einem gültigen Paß.“Hildegard Feidel-Mertz: Pitt Krüger, La Coûme und das Prinzip der „Ausgeglichenheit“, S. 170

Die Zuspitzung der politischen Situation und die Verschlechterung des Wetters ließen nur noch die Emigration als Ausweg zu. Die Überlegungen dazu reiften in der Zusammenarbeit mit den befreundeten Quäkern und führten dazu, dass im Oktober 1933 zuerst Pitt Krüger über die Schweiz nach Perpignan emigrierte. Die Familie folgte einen Monat später.

Zwischen Flüchtlingshilfe und Resistance

Die Anfänge von La Coûme Während des Campierens in den brandenburgischen Wäldern im Herbst 1933 hatte der schon erwähnte Quäker Corder CatchpoolQuakers in the World: Corder Catchpool Krüger mit zwei weiteren englischen Quäkerinnen, Edit Pye und Hilda ClarkThe papers of Hildo Clark. In diesen Papers befinden sich auch „Letters to her close lifelong friend, Edith M. Pye (1875–1965)“, bekannt gemacht, die ein Hilfswerk für deutsche Flüchtlinge organisieren wollten:

Noch bevor die Familie nachgereist kam, hatte Pitt Krüger für dieses Projekt La Coûme gefunden:

Was Krüger gefunden hatte, war jedoch eine unbewohnbare und seit 18 Jahren verlassene Ruine, weshalb die Familie zunächst in Mosset wohnen blieb.Die erworbenen Grundstücke waren deshalb so günstig zu erwerben, weil sie – was Krüger damals nicht wusste – von den Vorbesitzern wegen Wassermangels aufgegeben worden waren. Pitt Krüger: Brief an eine Quäker-Freundin. S. 178 Fünf bis sechs Monate habe es gedauert, so Krüger, bis das winzige Wohnhaus und die Ställe bewohnbar gewesen seien. „Die grosszügige Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner stärkte die beiden Grossstädter dann, in ihrer unvermeidlichen Verwandlung vom Lehrer zum Bauern durchzuhalten.“Jamine und Pierre Noack: Yvès und Pitt Krüger. Exil und Gründung aus Überzeugung. Hilfe kam zudem aus England. Schon im Sommer 1934 reisten Jugendliche an, die bei der Feldarbeit und dem Wegebau halfen. Daraus entwickelte sich die nur durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochene Tradition der sommerlichen Work-Camps.

Was jedoch nicht gelang, war, das eigentliche Projektziel zu verwirklichen, nämlich über die Farm jungen deutschen Flüchtlingen eine Perspektive in der Landwirtschaft zu bieten. An dem Punkt zeigten sich schnell die Grenzen des von den Quäkern initiierten Projekts, denn dessen Adressaten waren weder willens noch geeignet für die Landarbeit: