Die Taschendiebin (Originaltitel koreanisch Agassi; internationaler Titel The Handmaiden) ist ein Film des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook aus dem Jahr 2016, inspiriert durch den Roman Fingersmith („Solange du lügst“) von Sarah Waters. Die Hauptrollen spielen Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo und Cho Jin-woong. Der Film spielt im Korea und Japan der 1930er Jahre und folgt einer wohlhabenden Erbin, die sich in ihr Dienstmädchen verliebt.

Der Film feierte seine Premiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2016 und erschien am 1. Juni 2016 in den südkoreanischen Kinos. Die Taschendiebin ist der erste südkoreanische Film, der für den BAFTA Award in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert und schließlich auch ausgezeichnet wurde. Der koreanische Originaltitel Agassi bedeutet „unverheiratete Frau“ oder auch „Fräulein“.

Einordnung Nach seinem Hollywood-Film Stoker (2013) wandte sich Regisseur Park Chan-wook wieder dem südkoreanischen Kino zu und arbeitete mit dem Filmstab seiner vorherigen Filme zusammen. Die Taschendiebin unterscheidet sich stark von Parks vorherigen Filmen. Nach Pierce Conran kommt Durst (2009) dem Film von der Stimmung her am nächsten. Mit dem Film schaffte es Park Chan-wook zum dritten Mal in den Wettbewerb von Cannes, womit er nach Hong Sang-soo der zweite koreanische Regisseur ist, dem dies in dieser Anzahl gelang. Die Hauptdarstellerin Kim Min-hee war vor allem durch die Filme Helpless (2012) und Very Ordinary Couple (2013) bereits eine gestandene Schauspielerin in Südkorea. 2015 spielte sie die Hauptrolle in Hong Sang-soos Film Right Now, Wrong Then, der auf dem Locarno Festival mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde. Während der Dreharbeiten begannen Kim Min-hee und der verheiratete Regisseur und Vater Hong Sang-soo eine Affäre, die im Juni 2016 an die Öffentlichkeit kam, kurz nach dem Start von Die Taschendiebin. Kim tauchte daraufhin ab und blieb auch den Preisverleihungen am Jahresende fern.

Für Kim Tae-ri war ihre Rolle als Dienstmädchen die erste große Rolle. Beim Casting setzte sie sich gegen etwa 1.500 andere Kandidatinnen durch. Regisseur Park Chan-wook sagte, sein erster Eindruck von Kim Tae-ri erinnere ihn an Kang Hye-jeong, die durch Parks Film Oldboy Bekanntheit erlangte. Ha Jung-woo ist eine Größe des südkoreanischen Kinos und weist eine große Bandbreite an unterschiedlichen Genres auf. Cho Jin-woong war anfangs seiner Karriere als Theaterschauspieler tätig, bevor er zum Film kam. Er spielte vor allem Nebenrollen, seine bis dahin größte 2014 in A Hard Day. Für seine Rolle in Die Taschendiebin nahm er 15 bis 18 Kilogramm Gewicht ab, da Park seine Figur als unterernährt interpretierte.

Handlung 1. Teil In den 1930er Jahren lebt die Taschendiebin Sook-hee im japanisch besetzten Korea mit einer Gruppe anderer Ganoven zusammen. Eines Tages sucht sie der Hochstapler Fujiwara auf und berichtet ihnen von der reichen japanischen Erbin Hideko. Deren Onkel Kouzuki plant, sie zu heiraten, um an ihr Vermögen zu gelangen. Deshalb überwacht er sie auf Schritt und Tritt. Sie selbst hat dadurch kaum Kontakt außerhalb ihres großen Anwesens. Fujiwara, der sich als Graf ausgibt, hat einen Plan, wie er selbst an Hidekos Geld gelangen kann. Die Taschendiebin Sook-hee soll ihn dabei unterstützen. Als Hidekos neues Dienstmädchen soll sie ihm dabei helfen, dass Hideko sich in ihn verliebt. Dabei werden Sook-hee Geld und Hidekos Schmuck versprochen. Nach der Hochzeit möchte der „Graf“ Hideko für verrückt erklären lassen, wobei Sook-hee ihm ebenfalls helfen soll.

Als Sook-hee auf das Anwesen kommt, ist sie von Hidekos Schönheit überwältigt. Außerdem wirkt sie auf Sook-hee sehr nett, aber auch verrückt und naiv. Nach kurzer Zeit kommen sich beide immer näher. Fujiwara wird derweil als Mallehrer für Hideko engagiert. Sook-hee reagiert fortan stets verärgert, wenn der „Graf“ in Hidekos Nähe ist. Dennoch hält sie an dem Plan fest, Hideko zu bestehlen. Sie konzentriert ihre Gedanken auf die versprochene Belohnung, womit sie ins Ausland will und alles hinter sich lassen möchte. Eines Tages stellt Hideko Sook-hee auf die Probe und fragt sie, ob sie trotz ihrer Zweifel den „Grafen“ heiraten solle. Denn es gebe eine andere Person, in die sie sich verliebt habe. Sook-hee antwortet jedoch, dass Hideko den „Grafen“ heiraten solle. Es ist nicht die Antwort, die Hideko hören wollte. Sie ist enttäuscht und reagiert wütend auf Sook-hee.

Als Kouzuki für eine Woche verreist, findet die Hochzeit zwischen dem „Grafen“ und Hideko wie geplant statt. Als das frisch vermählte Paar mit Sook-hee in Japan ist, wird unerwarteterweise Sook-hee für verrückt erklärt und unter Hidekos Namen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

2. Teil Daraufhin wird die Handlung aus Hidekos Sicht bis dahin erneut erzählt. Sie muss häufig für die aristokratischen Besucher des Onkels aus pornografischen Werken japanischer Autoren lesen. Diese Aufgabe hat schwerwiegende Auswirkungen auf Hidekos Psyche. Ihre Tante litt unter der gleichen Aufgabe und wählte letztlich angeblich den Freitod (später stellt sich heraus, dass sie zu fliehen versucht hat und vom Onkel deshalb umgebracht worden ist). Bei einer Lesung ist auch „Graf“ Fujiwara anwesend. Da dieser weiß, dass Onkel Kouzuki Hideko heiraten will, um an deren Erbe zu gelangen, macht er Hideko einen Vorschlag. Er möchte ihr helfen, ihr Vermögen vor ihrem Onkel zu schützen, allerdings im Austausch gegen die Hälfte des Vermögens. Sie planen zu heiraten, und ein Dienstmädchen soll an Hidekos Stelle in die psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Dadurch könnte sie abtauchen und unter anderem Namen ein neues Leben beginnen. Allerdings verlieben sich Hideko und Sook-hee ineinander. Nachdem Sook-hee Hideko gesagt hat, sie solle den „Grafen“ heiraten, ist diese gekränkt. Hideko hat nur noch Interesse an Sook-hee und ist dem „Grafen“ nun abgeneigt. Doch Sook-hee hält an ihrem Plan fest und erwidert Hidekos Liebe an dieser Stelle nicht. Hideko will sich daraufhin erhängen. Sook-hee kommt gerade noch im rechten Moment, um es zu verhindern. Dabei gesteht sie auch Hideko ihre Liebe. Hideko erzählt Sook-hee dann von ihrer Abmachung mit dem „Grafen“. Schließlich planen sie gemeinsam, wie sie dem „Grafen“ und ihrem Onkel entkommen können. Zusätzlich zerstören sie Kouzukis erotischen Buchbestand.

3. Teil Nachdem Sook-hee in die psychiatrische Klinik eingewiesen worden ist, verabreicht Hideko dem „Grafen“ Opium, um zu fliehen. Gleichzeitig entkommt Sook-hee während eines Feuers aus der Anstalt, das ihre Ganovenkumpanen gelegt haben, um sie aus der Klinik befreien zu können. Hidekos Onkel haben sie eine Nachricht hinterlassen und ihm verraten, dass Fujiwara gar kein japanischer Graf ist, sondern ein einfacher Mann koreanischer Herkunft. Kouzukis lässt Fujiwara entführen und foltert ihn, doch sterben beide, weil sich der „Graf“ von Kouzuki einige letzte Zigaretten anzünden lässt, deren Rauch ohne Kouzukis Wissen das Folterverlies mit quecksilberhaltigem Rauch vergiftet. Sook-hee und Hideko fahren unterdessen auf einem Schiff nach Shanghai in ihre Freiheit.

Synchronisation mini|Von links nach rechts: Cho Jin-woong, Kim Tae-ri, Kim Min-hee, Ha Jung-woo und Regisseur Park Chan-wook (Mai 2016). Die deutsche Synchronisation entstand nach einem Dialogbuch von Daniel Johannes unter seiner Dialogregie im Auftrag der Think Global Media GmbH Berlin.

Rolle Darsteller/in Synchronsprecher/in Fräulein Izumi Hideko Kim Min-hee Maria Hönig Sook-hee Kim Tae-ri Daniela Molina Graf Fujiwara Ha Jung-woo Peter Flechtner Onkel Kouzuki Cho Jin-woong Jürgen Kluckert Hausdame Sasaki Kim Hae-sook Viola Sauer Hidekos Tante Moon So-ri Eva Thärichen

Hintergrund Der Film basiert auf dem Roman Fingersmith („Solange du lügst“) von Sarah Waters. Nachdem Waters das Skript gelesen hatte, schlug sie vor, ihren Roman eher als Inspiration zu bezeichnen, da es zwar eine gute Adaption sei, der Schauplatz und Rahmen des Romans aber verändert worden waren. Dies ist nach Park auch der Grund, warum der Titel sich vom Roman unterscheidet. Waters war es sehr wichtig, dass der feministische Kern des Films erhalten blieb. Letzten Endes war sie angenehm überrascht und erstaunt über Parks Stil und Änderungen. Als Grund für die Änderung des Handlungsorts nannte Park die Fangemeinde der BBC-Serienadaption Fingersmith (2005). Er befürchtete, nicht aus dem Schatten der Miniserie treten zu können, und wollte auch nicht denselben Weg gehen.

Um den Stoff vom viktorianischen Zeitalter nach Korea zu verlagern, wählte Park die Zeit der japanischen Besetzung. Die Wahl dieser Periode schien ihm zur Adaption des Originalstoffs vernünftig, da immer noch eine Adelsschicht existierte und damit auch der Beruf des Dienstmädchens. Außerdem erachtete Park die Existenz der westlichen, psychiatrischen Klinik als notwendig. Es bestanden traditionelle Elemente, gleichzeitig begann aber auch die Moderne. Park verfolgte mit dem Film eine Mischung aus östlichem und westlichem Stil, in dem koreanische, japanische und europäische Einflüsse manchmal harmonisch koexistieren und manchmal im Konflikt zueinander stehen. Insbesondere das Anwesen sollte japanische und englische Stilelemente präsentieren. Die Dreharbeiten begannen im Juni 2015 in Kuwana (Japan) und wurden im November des Jahres abgeschlossen.

Das Titellied zum Film wurde von Ga-in und Min-seo gesungen und heißt Imi Oneun Sori („Die Stimme, wenn du kommst“). Es ist eine Coverversion des gleichnamigen Liedes von Lee Pil-won aus dem Jahr 1974.

Veröffentlichung Die Taschendiebin feierte seine Premiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2016. Etwa zwei Wochen später lief der Film am 1. Juni 2016 in den südkoreanischen Kinos an. In Südkorea hat der Film keine Jugendfreigabe. Die Vertriebsrechte des Films wurden für 176 Länder verkauft. Damit stellte Die Taschendiebin einen neuen Rekord für einen südkoreanischen Film auf und löste Snowpiercer als meist vertriebenen Film ab, für den die Rechte in 167 Länder verkauft wurden. Für den deutschsprachigen Raum sicherte sich Koch Media die Rechte.

In den deutschen Kinos startete der Film am 5. Januar 2017. Am 6. August 2017 erschien Die Taschendiebin im deutschsprachigen Raum schließlich auf DVD und Blu-ray. Dabei wurde auch eine auf 2.000 Stück limitierte Sammleredition veröffentlicht, die zusätzlich zur originalen Kinoversion eine 23 Minuten längere Fassung enthält.

Themen Seungyeon Lee arbeitete die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Originalwerks Fingersmith mit Die Taschendiebin heraus. Gemeinsam haben die Werke die patriarchalische, hierarchische und von Männern dominierte Gesellschaft. Die Zahl der Hauptcharaktere blieb ebenfalls erhalten und auch die Hintergründe der Rollen sind ähnlich, wurden aber an das Szenario angeglichen. Unterschiedlich sei die koloniale Umgebung. Diese komme vor allem bei Kouzuki zum Tragen. Dieser ist geborener Koreaner, verachtet aber die koreanische Kultur und hält die japanische Kultur für überlegen. Deshalb möchte er unbedingt Japaner werden. Dazu verlässt er seine koreanische Frau, die er dann als Dienerin im Anwesen arbeiten lässt, und heiratet Hidekos Tante, die Japanerin ist. Er bringt diese jedoch um, als sie zu fliehen versucht, und täuscht ihren Suizid vor. Nun plant Kouzuki, Hideko zu heiraten, um an das Erbe und Anwesen zu gelangen. So spiegelt die Figur Kouzuki die koloniale Unterdrückung wider, indem er die Macht im Haus habe.